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Anders Indset

Expertenrat – Anders Indset Das Leben ist sinnlos: Wir brauchen jetzt den Lock-up!

Die Gesellschaft wird lernen, mit Covid-19 zu leben. Doch lernt sie auch, nach dynamischer Balance von Kapitalismus und Mitgefühl zu streben.
11.01.2021 - 09:20 Uhr 1 Kommentar
Die Pandemie kann der Menschheit zeigen, dass es nicht zählt, dass ein Augenblick nur auf Instagram stattfindet. Quelle: dpa
Leben mit Corona

Die Pandemie kann der Menschheit zeigen, dass es nicht zählt, dass ein Augenblick nur auf Instagram stattfindet.

(Foto: dpa)

Wusstest Du, wann und wie die Spanische Grippe von 1918/1919 endete? Sicherlich hast auch Du in den vergangenen Monaten schon einmal davon gehört, wie vor etwa 100 Jahren jene Influenza-Pandemie durch die Welt fegte und 20 bis 50 Millionen Menschenleben kostete. Also bis zu zweieinhalbmal so viel wie der Erste Weltkrieg,

Wie unsere Vorfahren damals stellen wir heute die Frage: Wann endet endlich diese Pandemie? Virologisch vielleicht nie; sozial dann, wenn wir uns daran gewöhnen und die Zahlen stark nachgeben. 

Die Spanische Grippe kam nicht einmal aus Spanien. Womöglich stammte sie aus Frankreich oder auch den USA. Und – viel wichtiger – sie endete bis dato nicht. Virusinfektionen dieser Art enden nicht, so auch nicht Sars-CoV-2. Die H1N1-Influenzaviren (die Auslöser der verheerenden Pandemie vom Anfang des 20. Jahrhunderts) lassen sich als Virustyp bis mindestens 1845 zurückverfolgen und wurden in Abwandlungen unter anderem 2009/2010 in Form der Schweinegrippe in Nordamerika erneut als Pandemie eingestuft. 

Ob die Impfungen nur lindern oder das Virus in vier bis sechs Monaten oder womöglich einem Jahr beseitigen, das kann keiner wirklich sagen. 

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    Wir lernen aber, irgendwann mit dem Virus zu leben. Neben (stark) rückläufigen Zahlen, sei es wegen Impfungen (womöglich mehrmals im Jahr), Mutationen, die das Virus eher harmlos machen, oder einer gewissen Herdenimmunität – vielleicht einer Kombination von allen –, zeigt sich das Ende der Pandemie in einer sozialen Überwindung.

    Und diese können wir bereits jetzt initiieren. Was wir also beeinflussen können, ist das Organisieren menschlichen (Zusammen-)Lebens in Zukunft. Mit anderen Worten: Wir sollten uns vorrangig darüber Gedanken machen, wie wir unseren Lock-up organisieren und wie wir mit uns selbst klarkommen und das Jahr 2021 gestalten. 

    Ein Leben ohne Maske – alles ist marktwürdig 

    Die technologische Reise der vergangenen Jahrzehnte verspricht nichts Geringeres als Gottseligkeit, Unsterblichkeit und Glückseligkeit. Und es gibt keinen Grund, warum diese Träume – die dank Technologie inzwischen Ziele sind – wegen eines Virus platzen sollten. 

    Konfrontiert werden wir aber mit der harten Realität, dass weder Ludwig Erhard als Begründer der Sozialen Marktwirtschaft noch Adam Smith, der Vater des (westlichen) Kapitalismus, ihre „volkswirtschaftliche Gesamtrechnung“ mit Mutter Natur gemacht haben. Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit waren damals nicht Teil des Vokabulars. Smith, Erhard oder andere ökonomisch-soziologische Vordenker wie Karl Marx, Friedrich Engels oder Max Weber hätten sich in ihren wildesten Fantasien nicht erträumen können, mit welcher Welt(gesellschaft) wir es Anfang 2021 zu tun haben werden.

    Artikel 3 Et rheinisch Jrundjesetz; Et hätt noch emmer joot jejange symbolisiert den Glauben an ewiges Wachstum für die Glücklichen, legt aber genauso das Fundament jeglicher Herleitung von Marktwirtschaft und Kapitalismus. Eben: Es funktioniert so lange, bis es nicht mehr funktioniert, und wir stehen – Virus hin oder her – vor vielen der gleichen Herausforderungen wie vor einem Jahr. 

    Wie wollen wir mit exponentiellen Technologien umgehen, den drohenden ökologischen Kollaps bekämpfen und uns mit einem wirtschaftlichen „System“ auseinandersetzen, in dem das stabilisierende „magische Dreieck“ aus Staat, Kirche und Kapitalismus auseinanderbricht?



    „Die unsichtbare Hand des Marktes“, von der Adam Smith sprach, war eben keine ideologisch ausbalancierte, globale Kraft, sondern vielmehr eine durch Moral und Verhaltenskodizes der Kirche und die Grenzen des Nationalstaates eingegrenzte. Ein Staatskapitalismus eben, was die Entwicklung verlangsamte.

    Spätestens im Jahr 2021, nachdem Donald Trump mit einer falsch herum gehaltenen Bibel in der Hand symbolisch genau jene Weltanschauung repräsentierte, welche nicht mit einer technologischen und interdependenten Weltgesellschaft kompatibel ist, sollte uns allen klar werden: (Um-)Denken ist gefragt. 

    War aber die erste Phase des Lockdowns eine der Rückbesinnung, des Genusses der unzähligen schönen Sonnenuntergänge in 2020 (es gab noch nie so viele …) sowie des Auslebens der Medien- und Kaufgelüste in Perversion, so folgt mit dem zweiten Lockdown und dem Jahreswechsel ein viel düsteres Bild.

    Es wird aber nicht nur von der Ökonomie geprägt – auch wenn diese Zeit viele hart trifft –, denn Börsen erleben Rekordwerte und Krypto- und Technoträume (Stichwort: Bitcoin) leben wie nie zuvor.

    Dabei bewegen viele Menschen existenzielle Sorgen: Wer wird überhaupt noch Arbeit haben? Wer kann sich eine Wohnung leisten? Wie weit greift die Technologie, und vor allem wie finden wir eine Form des organisierten Lebens in einem überholten politischen System ohne Vertrauen der Bürger? 

    Natürlich hat die Entwicklung an der Börse wenig bis nichts (mehr) mit der Realwirtschaft zu tun, und 2020 wird sicherlich als das Jahr der ökonomischen Spaltung in die Geschichte der Menschheit eingehen. Alles ist heute ökonomisch, und die ganze Welt ist „marktwürdig“.

    Es geht aber um viel mehr. Es geht um die Frage nach dem Umgang mit unserer eigenen Zukunft als Mensch auf diesem Planeten: Der Jahresanfang 2021 reißt unserem bisherigen Leben die Maske ab. 

    Das Leben ist sinnlos

    Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten eine Brüll-, Prestige- und Optimierungsgesellschaft gebaut, die von Bildern in all ihren Tönungen und Filtern leben. Es ist eine Welt von Augenblicken geworden, welche wir krampfhaft teilen. Alles ist gefällig und vor allem ökonomisch.

    Wir sind Prosumenten und gestalten selbst das Produkt, das wir ununterbrochen konsumieren. Als Mensch sind wir selbst zum Produkt geworden, und somit beuten wir uns selbst aus. Der Ausbeuter und der Ausgebeutete sind wir selbst. Herr und Knecht sind eins geworden.

    Die weltlosen Erinnerungen vor beliebigen Kulissen nennen wir „Unsere Momente“ und „Unsere Storys“. Diese haben inzwischen sogar eine existentielle Dimension erreicht: „Ich instagramme, also bin ich.“ Nicht und nichts können wir mehr erinnern, nicht und nichts können wir genießen. Wir sind in der Gegenwart gefangen. Unser Leben besteht heute aus Erkennen ohne Erkenntnis und Erleben ohne Erlebnis.

    Mit narzisstischem Selbstbezug streben wir nach einer eigenen optimierten Marke und führen einen Kampf um Aufwand und Nutzen, während die Selbstoptimierung von Körper und Geist uns auf die Suche nach einem Sein mit Sinn schickt – den Unsinn. Wir leben heute, um zu überleben. Am Ende – und so starten wir das Jahr 2021 – bleibt nur noch die Müdigkeit ... eine paradoxale Welt. 

    Wir sind gefangen in unserer Freiheit. Aber was folgt darauf? Eine Revolution? Es fehlt das andere, die Aufhebung, die Synthese des Neuen. Es fehlt die Kraft der Verbundenheit, denn es gibt kein System, gegen das wir rebellieren können. Der Kapitalismus ist im 21. Jahrhundert ein elastisches und fluides Spiel, das sich an neue Rahmenbedingungen permanent anpasst.

    Ist die politische Bühne gefangen in starren Parteienstrukturen, so lebt der Kapitalismus in freiem Lauf. Das Geschehen an den Märkten symbolisiert technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt, Optimierung und – gewonnene Zeit für Rückbesinnung der Menschen. Doch Zeit, über das „Wesentliche“ nachzudenken, würde mit der traurigen Erkenntnis enden, dass das Leben eine wunderschöne Reise nach nirgends ist.

    Wenn man nicht durch eine wie auch immer geartete Ablenkung auf die Reise gehen darf, folgen Frustration und Depression. Das Erkennen einer solchen Sinnlosigkeit ist die bitterste Niederlage, denn mit ihr verlieren wir alles, woran wir uns festklammern. Wie im metaphorischen Bild Ludwig Wittgensteins stoßen wir jene Leiter weg, welche wir soeben hochgeklettert sind. 

    Das Wort des Jahres: Balance – dynamische Balance

    Verstehe mich nicht falsch, es geht jetzt nicht darum, Ratschläge der Mediziner und Virologen über den Haufen zu werfen, aber wir müssen damit beginnen, zu visualisieren und uns darüber Gedanken zu machen, wie ein Lock-up aussehen kann. Wie sieht das „Andere“ aus? 

    Die Historie zeigt – auch wenn das für viele gewöhnungsbedürftig ist -, dass wir mit weniger klarkommen. Wir können unser Konsumverhalten ausbalancieren. Natürlich gibt es kein perfektes Äquilibrium, aber auch in Sachen Nachhaltigkeit verstehen wir, dass wir nur einen Planeten haben, und folglich überdenken Unternehmen ihre Geschäftsmodelle in Richtung einer perfekten Kreislaufwirtschaft.

    Viele trifft es hart, und zumindest in westlichen Wohlstandsregionen sollten wir irgendwann erkennen, dass wir uns von der Dekadenz-Gesellschaft lösen müssen, wenn es für zehn Milliarden Menschen funktionieren soll.

    Es geht jetzt um ein Zusammenleben mit Ökonomie und Technologie in einer komplett neuen Form. Es ist viel holistischer. Wettbewerb ist nicht die Antwort, Kooperation ist es. Der Dalai-Lama sagte selbst, der Kapitalismus sei ein funktionierendes Modell – bräuchte aber Compassion (Mitgefühl). Kapitalismus ist etwas Fluides und ist adaptionsfähig. Der neue Spirit der Ökonomie ist ein östlicher, geprägt von dynamischer Balance. Nicht im traditionellen buddhistischen Sinn. Vielmehr in einer Gläubig-Atheistischen-Pop-Westlichen Buddhistischen Richtung.  

    Es geht also darum, den Weg – die Reise – lieben und genießen zu lernen. Es ist Streben nach dynamischer Balance von Wirtschaft einerseits und Liebe, Empathie und Mitgefühl andererseits. Sie kann uns befreien. Nicht der Glaube an Glauben, sondern das ewige Streben nach Balance kann uns Sinn und Halt im Leben geben. 

    Die große Frage für 2021 lautet also: Wie kommen wir mit der Sinnlosigkeit klar?

    Die Antwort liegt darin, den Lock-up jetzt zu gestalten. Nicht nach harten Antworten zu suchen, sondern nach Offenheit – und somit die Öffnung unseres Geistes. Eine Weltgesellschaft, technologisch getrieben mit einem pseudospirituellen Antrieb, der der Menschheit genug mentalen Raum lässt, damit sie nicht müde wird, genug Sinn gibt, damit sie nicht sinnlos wird, genug Wohlstand gibt, damit wir konsumieren können.

    Ein Wohlstand, aber nicht mit alter eurozentrischer Brille der mechanischen und industriellen Revolution, sondern einer der menschlichen Evolution: Genügsamkeit für alle und das Streben nach dynamischer Balance. Das Wort des Jahres für 2021 muss Balance werden – dynamische Balance. Sinnvoll oder Sinnfreiheit, mit dynamischer Balance können wir als Mit-Menschen in unseren Tutus gemeinsam auf dem seidenen Faden des Leben balancieren und die wunderschöne Reise nach nirgends genießen.

    Mehr: Werden wir Handlungshelden – oder faul wie die Waschbären?

    Anders Indset, von Medien als „Digitaler Jesus“ oder „Rock’n’Roll Plato bezeichnet, zählt zu den führenden Wirtschaftsphilosophen und gilt als vertrauter Sparrings-Partner für internationale CEOs und führende Politiker.


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    1 Kommentar zu "Expertenrat – Anders Indset: Das Leben ist sinnlos: Wir brauchen jetzt den Lock-up!"

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    • Danke Hr. Indset für ihre Analyse zur fehlenden sinnstiftenden Lebensqualität, die mit Wohlstands- Prestigemaßstäben nicht zu kompensieren ist.
      Die beschleunigte wirtschaftliche und technologische Entwicklung entkoppelt sich deutlich von der Lebens- und Erlebensqualität. Jeder weitere Fortschritt entzieht der menschlichen Lebensqualität nur noch „Bodenfläche“.

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