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Anders Indset

Expertenrat – Anders Indset Es ist die Zeit der Philosophie

Nicht Corona ist das Problem – unser Denken ist infiziert. Es braucht mehr denn je eine moderne Fassung der Gedanken Hegels, Kants, Nietzsches.
24.08.2020 - 07:00 Uhr 2 Kommentare
Die Denkweisen des Philosophen vor 250 Jahren waren richtungsweisend. Nun ist es an der Zeit, die Koordinaten des Denkens an die Moderne anzupassen. Quelle: dpa
Skulptur von Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Die Denkweisen des Philosophen vor 250 Jahren waren richtungsweisend. Nun ist es an der Zeit, die Koordinaten des Denkens an die Moderne anzupassen.

(Foto: dpa)

Corona hat uns schockbetäubt. Was folgt, wenn das Taubheitsgefühl nachlässt und die arbeitende Klasse womöglich keine Arbeit mehr hat? Bislang ist es nur ein vages Gefühl, dass sowohl die Krisenmaßnahmen der (staatlichen) Institutionen als auch die zunehmend polarisierenden Diskussionen darüber einem rückwärtsgewandten Reaktionismus entspringen. 

Was passiert, wenn wir erkennen, dass Herr und Knecht nicht mehr in Abhängigkeit zueinander stehen, sondern wir dabei sind, einen elitären technokratischen Kreis zu entkoppeln? 

Manfred Geiers „Die letzten Philosophen“ über Wittgenstein und Heidegger liegt auf meinem Schreibtisch. Das Buch beginnt mit Herkunft und Heimat – Heidegger fasst es gut zusammen: „Es bedarf der Besinnung, ob und wie im Zeitalter der technisierten gleichförmigen Weltzivilisation noch Heimat sein kann.“ Kommt uns dies nun, 100 Jahre später, in unserem technologischen desorientierten Leben bekannt vor? 

Nicht das Virus ist das Problem, es ist unser Denken, das infiziert ist. Wir werden langsam wie aus einem 50-jährigen Nickerchen wachgerüttelt, eins, was wir seit Ende der Liebes-, Friedens- und Pop-Revolution 1970 gemacht haben. Wir erkennen, dass gegenwärtige Herausforderungen keine disjunkten, endlichen thematischen Probleme sind. Es geht nicht um Politik, Wirtschaft oder unser Land. Es geht um das Ganze. 

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    Es geht um Lokal und Global. Niedergang des Alten und gleichzeitig Entstehung von Neuem, ohne dabei Alt und Neu definiert zu haben. Es geht um mehr Chaos und mehr Stabilität. Wir haben einen gordischen Knoten widersprüchlicher Selbstverständlichkeiten, die häufig alle in ihren eigenen Erzählungen plausibel erscheinen. 

    Wie lassen sich der gleichzeitig maximale Glauben an den Niedergang (Zerfall der Wirtschaft) sowie der Blüte (weiteres Wirtschaftswachstum) zusammenbringen? Wie kommt es, dass sowohl die Seite der Lockdown-Gegner als auch die der Befürworter jeweils eine wahre „Erzählung" zu haben glaubt? 

    Die Welt ist voller solcher Paradoxien. Wir beharren jedoch auf unseren Selbstverständlichkeiten, der eigenen Wahrheit. Die widersprüchlichen Erzählungen prallen so aufeinander und zerfallen in ihrer Absolutheit. Es ist heute nicht Entweder-oder, sondern Sowohl-als-auch. Wir leben in einer Parallel- und Gleichzeitigkeitsgesellschaft, die nicht mehr mit endlichen und absoluten Modellen kompatibel ist. 

    Die Gleichzeitigkeitsgesellschaft kennt keine „neue Normalität“

    „Das Volk" ist in Bewegung. Rechts- wie Linksradikale. Es ist aber nicht der historische Populismus in faschistischer und autoritärer Form, den wir derzeit erleben. Die Reaktionen sind Ausdrucksform eines unbewussten Aufstands gegen die Welt, in der wir leben (und lebten). Wir haben es mit einem Clusterfuck zu tun; Viele miteinander verbundene Symptome und Paradoxien, die sich mit herkömmlichem Denken nicht mehr auflösen lassen. 

    Durch ein externes Virus kommen diese innewohnenden Paradoxien der Gegenwart und die wirklichen Symptome unserer infizierten Gesellschaft zum Vorschein. Diese Krise trifft uns sicherlich hart, aber sie ist nicht mit historischen Ereignissen wie der Pest, der Spanischen Grippe oder, jenseits der Pandemien, dem Zweiten Weltkrieg zu vergleichen. 

    Symbolisch stehen hierfür „die Probleme" der Wohlstandsoasen, wo die Monate des Lockdowns zu „fatalen Konsequenzen" geführt haben: War es anfangs der Mangel an Klopapier, wurde „das wirkliche Problem" der Dekadenz-Gesellschaft westlicher Regionen, die mangelhafte Verfügbarkeit von Whirlpools sowie verzögerte Lieferungen Holz für die Sonnenterrasse, die während des unfreiwilligen Urlaubs schnell gebaut werden musste. 

    Die Pandemie ist ernst(er) zu nehmen, keine Frage, dennoch ist nicht genug realer Schrecken in den Köpfen hängen geblieben, um einen tiefgründigen Wandel aus radikalem Schock und Leid hervorzurufen. Wir hoffen, dass es auch nicht mehr dazu kommt – folglich muss ein anderer Weg gefunden werden. 

    Auf Corona folgt weder eine neue Normalität, noch werden wir die unbewusst hyperkapitalistische Dekadenz- und Konsumgesellschaft fortsetzen können. Das Prinzip  „The Winner Takes It All“ verhalf uns zum Fortschritt. Wir haben Abermillionen Menschen aus der Armut befreit und nie da gewesenen Wohlstand für eine Handvoll Technokraten geschaffen. Statt um (endliches) „Gewinnen“, geht es vielmehr um eine Auseinandersetzung mit der Unendlichkeit und darum, möglichst lange mitzuspielen. Es muss Optimierung für viele statt Maximierung für wenige heißen. 

    Träume von unendlichem Wachstum und materiellem Wohlstand lassen sich mit endlichen Modellen und Strukturen schlicht nicht vereinen. Wenn – zumindest noch in den USA – nach Helden gesucht wird, den „American Dream“ kann und wird es in Zukunft aufgrund der Geschwindigkeit und Macht der Technologie sowie des immer näher rückenden ökologischen Kollapses nur noch in einer perversen oder barbarischen Form geben können. 

    Hegel reloaded – ein Verständnis von Freiheit für das 21. Jahrhundert

     Das Problem ist heute die Vernachlässigung des schwachen – oder besser: des schwächsten –  Glieds. Wenn der FC Bayern München durch die Champions League fegt, sind sie nicht von Superstars wie Messi und Ronaldo oder dem Taktik-Fuchs Pep Guardiola getrieben.  Es ist eine revolutionierende Veränderung hin zum Kollektiv, das durch das Verbessern des schwächsten Glieds größer ist als die Summe seiner einzelnen Teile. Nicht nur im Fußball ist das so. Unsere Systeme, sei es Bildung, Politik oder Wirtschaft, alle sind sie miteinander verbunden und interdependent. Nichts davon ist stärker als das schwächste Glied.

    Während der Pandemie spüren wir zunehmend, wie fragil unsere Welt sein kann. Wir sind in Verbundenheit zur Weltgemeinschaft auf uns selbst gestellt. Zugleich verwirrt uns im Drang nach individueller Freiheit die Erkenntnis, dass diese nur erreicht werden kann, wenn sie im Einklang mit dem Allgemeinwohl steht. Ein Paradoxon. „Der Philosoph aller Philosophen“ – Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat uns bereits erklärt, dass Freiheit nicht bedeutet, dass wir tun können, was wir wollen. Individuelle Freiheit können wir nur dann genießen, wenn wir in Beziehung stehen zum anderen. Das setzt eine vernünftige und funktionierende Gesellschaft voraus, die am Allgemeinwohl interessiert ist. Doch was tun wir dafür? 

    Philosophische Zombies oder doch der Weg zur Weltverständlichkeit

    Deus Ex Machina – Gott aus (in) einer Maschine. Mit unglaublichen Durchbrüchen haben wir die Stärkeren in der Gesellschaft durch wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt gestärkt und die bereits Verwundbaren verwundbarer gemacht. „Ich lehre Euch den Übermenschen“, schrieb Friedrich Nietzsche in Also Sprach Zarathustra. Das Streben nach Nietzsches „Übermensch“ durch technologischen Fortschritt, die Neugierde auf Gottähnlichkeit, Glückseligkeit und Unsterblichkeit wird sich bis zu einem digitalen Super-Menschen fortsetzen. 

    Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel durch eine Verdrahtung unseres Gehirns – eine mögliche Verschmelzung der objektiven Welt mit subjektiven Erfahrungen. Ebenso steht uns der Einzug neuer Quantentechnologien bevor und stellt uns vor ebenso neue Herausforderungen. Wollen wir unser Gehirn irgendwo einbinden, müssen wir uns zwingend mit dem Begriff des „Menschseins" auseinandersetzen. Posthumanes kann es nur geben, wenn wir wissen, was das Humane ist. 

    Was ist ein Mensch, was bedeutet (für uns) Intelligenz, Bewusstsein und auch Unterbewusstsein? Der Mensch, insbesondere in entwickelten Wohlstandsregionen, wird jetzt mit (alten) philosophischen Fragen konfrontiert: Was darf ich hoffen? Was kann ich wissen? Was ist der Sinn des Lebens? Zusätzlich zum inzwischen wahrgenommenen ökologischen Kollaps werden wir nun auch mit einem digitalen Tsunami konfrontiert. 

    Technologie muss (und wird) die Menschheit retten. Die Frage ist aber, wovor? Und wenn Technologie die Menschheit retten soll, müssen wir die Menschheit zunächst verstehen und auch eine zunehmende Weltverständlichkeit entwickeln. Etwa darüber, was wir derzeit machen und was wir als Menschheit überhaupt wollen. Diesen Weg können wir allein mit Hilfe der Philosophie gehen.

    Schlimmer als jede Pandemie – unser Denken ist infiziert

    Die Beantwortung der (vier) Kantischen Fragen (Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?, vgl. oben), der Umgang mit der Phänomenologie und das Denken an sich von Hegel ist heute relevanter denn je. Am 27.08.2020 wäre Hegel 250 Jahre alt geworden, und noch nie erschien sein Wirken relevanter als jetzt. Die technologische Reise können wir nur an der Schnittstelle zwischen der „objektiven Realität“ und der „transzendentalen Subjektivität“ als denkende Wesen vollziehen. Weder Kant noch Hegel bietet eine Conclusio, die ist auch nicht das Ziel.

    Vor dem Hintergrund der Relativitätstheorie Einsteins und der heutigen praktischen Umsetzung der theoretischen Durchbrüche der modernen Physik der 1920er-Jahre liegt es an uns, der Philosophie zur Wiedergeburt zu verhelfen. Dabei besteht unsere Aufgabe nicht darin, philosophische Werke in ihrer Absolutheit zu verstehen, sondern Denken an sich auf die Zeit, in der wir heute leben, zu projizieren.

    Weder Kant in seinem Denkstübchen in Königsberg, Hegel im beschaulichen Jena noch der in seinen Abhandlungen zum „Übermenschen“ vertiefte Friedrich Nietzsche konnten sich eine solche Welt, wie wir sie derzeit erleben, vorstellen und die Kreation von allgemeiner Künstlicher Intelligenz, den Umgang mit Singularität und Posthumanismus als Ausgangssituation des Denkens nutzen. Es gibt jetzt ein Zeitfenster der Möglichkeiten. Es geht darum, das Denken großartiger Philosophen im Kontext des 21. Jahrhundert neu zu denken, oder wie es Hegel selbst so treffend formuliert: „So ist auch die Philosophie, ihre Zeit in Gedanken gefasst.“ 

    Unsere Aufgabe ist es, die Symptome, die durch Corona offenbart werden, im Kern anzugehen, nicht in Reaktionismus zu verfallen oder kurzfristig opportunistisch zu handeln, sondern ein höheres Verständnis für die Zusammenhänge zu erreichen - zur Weltverständlichkeit zu gelangen und uns von alten Selbstverständlichkeiten zu befreien - und uns daher mit dem Denken an sich auseinanderzusetzen. 

    Laut Hegel kommt die Philosophie dann zum Vorschein, wenn wir Verzweiflung erleben. Der Umgang mit den gegenwärtigen Paradoxien, eine fatale Informationsgesellschaft und die Unsicherheit darüber, wie wir uns als Menschen organisieren müssen, führt heute zu einer solchen Verzweiflung. Der Mensch muss jetzt vernünftig werden, um zum Handeln zu kommen und dabei ist das gefährlichste Virus unser Denken an sich.  Eine neue Ära der Philosophie ist angebrochen.

    Mehr: Beginn einer Technokratie – Das Leben nach Covid-19.

    Anders Indset, von Medien als „Digitaler Jesus“ oder „Rock’n’Roll Plato bezeichnet, zählt zu den führenden Wirtschaftsphilosophen und gilt als vertrauter Sparrings-Partner für internationale CEOs und führende Politiker.


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    2 Kommentare zu "Expertenrat – Anders Indset: Es ist die Zeit der Philosophie"

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    • Danke Hr, Anders Indset

      Endlich erste Warnungen seitens der Denker.
      Unsere Zivilisation zerstört sich selbst, gleichermaßen durch Dummheit und Überintelligenz.
      Die Menschen werden zunehmend überflüssig und unnütz. Der Wohlstand, ein Leben in dem man sich wohl fühlt, ist abnehmend.

    • Ein Artikel, der gefällt. Danke, bitte mehr davon.

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