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Anders Indset

Expertenrat – Anders Indset Handlungshelden gesucht: Europa kann, von der Leyen will

Die Welt braucht Vernunft, keine Ego-Shooter. Davos hat gezeigt: Die Kommissionschefin vereint Strenge gegenüber Trump mit diplomatischem Weitblick.
27.01.2020 - 20:25 Uhr Kommentieren
Die Präsidentin der Europäischen Kommission hat in Davos bleibenden Eindruck hinterlassen. Quelle: dpa
Ursula von der Leyen

Die Präsidentin der Europäischen Kommission hat in Davos bleibenden Eindruck hinterlassen.

(Foto: dpa)

Das 50. WEF in Davos hat geliefert: Donald Trump hielt in den Schweizer Bergen seine Wahlkampfrede - und die Medien waren dabei. Greta Thunberg - gesundheitlich angeschlagen - versuchte das Momentum der Öko-Hysterie weiter zu befeuern. Und der als Kanzlerkandidat gehandelte Grünen-Chef Robert Habeck bewies, dass es für die internationale Bühne noch nicht reicht.

Nach dem chaotischen ersten Tag in Davos mit viel „Rumge-Trump-el’“ von Menschen wie Habeck, Thunberg oder eben Trump, war klar: Europa hat das Zeug dazu, mit echten Handlungshelden den Öko-Kollaps zu bekämpfen, ohne dabei die Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden.

Davos 2020 war wie immer ein teurer Gipfel: Medien berichteten von Hotelzimmerpreisen von bis zu 6.000 Schweizer Franken pro Nacht, ein kleines Pils gab es am Abend für mich für schlappe 14,60 Franken. Doch neben diesen absurden Preisen gibt es auch Hoffnung.

Hinter Klick-Bate-Headlines und bunten Banner-geprägten Gassen in der Alpenstadt, wo jeder noch so kleine Tante-Emma-Laden für eine Woche für internationale Tech-Player und Beratungsunternehmen geräumt wurde, gab es sie in Davos tatsächlich: die ersehnten Handlungshelden. Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht „dringenden Handlungsbedarf“ und hält Hysterie und Spaltung nicht für den richtigen Weg. Recht hat sie!

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    Realistischer Optimismus: Ein Weg für Europa

    Es ist vielleicht symbolisch, doch zum Ende des 50. WEF wurde die Weltuntergangsuhr von zwei Minuten vor zwölf weiter in Richtung zwölf gedreht, jetzt sind es nur noch 100 Sekunden. Dabei fühlt sich die Zählungen in Sekundenschritten eher nach mehr Zeit an, da wir jetzt 100 Mal nachkorrigieren können, statt nur zweimal.

    Wie auch immer, trotz drohendem Ökokollaps und der existenziellen Bedrohung durch die letzte narzisstische Kränkung der Menschheit, die Schöpfung von digitaler Superintelligenz und die Verschmelzung von Bio-Tech, Nano-Tech und künstlicher Intelligenz, es gibt auch positive Anzeichen, und Europa seinen den Weg.

    Auch wenn Deutschland laut Bloombergs Innovationsindex weltweit Platz eins belegt und überraschend gut dasteht, müssen wir (und Europa) in vielen Bereichen Radikalität im technologischen Wandel beweisen: Investitionen, Geschwindigkeit, Risikobereitschaft. Wir brauchen aber dafür auch die politischen Rahmenbedingungen, um in Sachen Biotechnologie, Nanotechnologie, Sensoren-Technologie sowie Plattform-Ökonomien der Zukunft auf Blockchain und Co., Mobilität und Quantentechnologie mitzugestalten.

    Großbritannien wird seinen Weg gehen und somit direkt vor der Haustür der EU zum Wettbewerber. Unterm Strich ist das ein Ansporn. Die Briten waren schon immer ein eher halbherziges EU-Mitglied mit Einschränkungen und Sondervereinbarungen. Merkels Rede konnte man entnehmen: Portugal und Irland sind wettbewerbsfähig, Griechenland ist auf einem guten Weg.

    Was wir brauchen sind Gemeinsinn statt Spaltung und Abgrenzung, Stabilität, und das trotz des erwarteten Chaos. Denn die Rezessionsrisiken steigen - und damit populistische Bewegungen, Dogmatismus, und die Verbreitung von Unsicherheiten.

    Merkel hat, was Trump fehlt. Ursula von der Leyen als EU-Kommissionspräsidentin hätte auch das Zeug dazu, vor allem dank ihrer Kommunikationsskills. Gerade jetzt braucht Europa eine gemeinsame und einheitliche Sprache und einen einheitlichen Umgang mit den USA und China in Sachen Industriepolitik.

    Verbinden und vereinen, Dialog, Vertrauen und globale Zusammenarbeit - dafür muss Europa in Zukunft stehen: als bindendes Glied zwischen Ost und West, Treiber der Klimasteuer und KI- oder Werte-Steuer in der Politik, sowie als Antreiber in Handelsstreitigkeiten und als Anführer der emissionsfreien Region und in Climate-Take-Back-Initiativen.

    Auch Ursula von der Leyen hat in Davos bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie war aktiv auf den Bühnen, sprachlich gebildet und eloquent, und sie glaubt an einen europäischen Ansatz. Merkels Agenda ist, wenn es um Technologien und Zahlen geht, etwas holprig, Doch mit ihrer Weltanschauung hat sie ein hohes Verständnis für die anstehenden komplexen Zeiten. Mit Vernunft und Verstand und mit erhöhter Umsetzungskompetenz und Handlung: So muss Europa weitermachen. Weitsicht ist gefragt.

    Lokal und Global statt National

    Indische Stiftungen, Pavillons aus Südafrika, vermögende Familien aus allen Ecken der Welt, die Projekte realisieren möchten: Abseits der großen Bühne trifft man in Davos eine neue Realität. Selbstverständlich geht es dort um wirtschaftliche Interessen. Doch in Davos ging es nicht um Nationalstaaten. Nur Trump hatte das auf der Einladung vermutlich übersehen. Auf der Agenda in Davos stand die Welt und damit auch eine Rückkehr zu den Kernwerten von WEF-Gründer Klaus Schwab: die Welt besser zu machen.

    Natürlich wird die nächste Welle des Handelsstreits auch in diesem Jahr folgen, doch die Umverteilung und Verlagerung von Steuern - so muss man Trumps Agenda verstehen - ist kein wirtschaftliches Instrument, sondern eine Umschichtung, um kurzfristig Wähler zu überzeugen.

    Unternehmen haben längst verstanden, dass wir in einer interdependenten Welt leben und dass die Mauern nationaler Gedanken künstliche Korsetts sind, die Zugehörigkeit und Patriotismus erzeugen, im globalen Wirtschaftskosmos jedoch keine entscheidende Rolle spielen. Lokal und Global statt National ist die Zukunft.

    Bereits heute werden neue unternehmerische Konstrukte gebildet, um unabhängiger von „Trumponomics“ und populistischem Wahlkampf zu werden. Nur mit Brückenbauern können die bevorstehende Probleme der sozialen Spaltung, des Öko-Kollaps und des digitalen Tsunami gelöst werden.

    Und das geht nur miteinander. Über Kooperenz, einen gesunden Wettkampf und Kollaboration, sollen alle Stakeholder berücksichtigt werden. Nicht Shareholder-Value und Profitmaximierung, sondern Profit-Optimierung zugunsten aller, so lauteten die Ziele für Davos 2020 zur Bekämpfung von Turbokapitalismus und Raubbau der Ressourcen.

    Wie bereits in meiner letzten Kolumne vor Davos geschrieben, wird Deutschland 2029 einen parteilosen Kanzler bekommen. Angela Merkel wird in die Geschichtsbücher als letzte Kanzlerin des alten Systems eingehen, die kommenden Amtszeiten dienen somit als Übergangszeiten.

    Die Generation der Erwachten

    Was das WEF 2020 auch gezeigt hat: Das Publikum in Davos wird jünger, und das nicht, weil wir älter werden, die Anzüge weniger und das Interesse an Dialog und Zusammenarbeit größer. Seit vielen Jahren beobachte ich diesen Trend bei der jungen Generation, die ich „Generation der Erwachten“ nenne. Für diese Generation muss nicht weiter provoziert werden, bis Frust entsteht. Diese Generation will echte Lösungen.

    Wir stehen vor zwei existenziellen Herausforderungen: der Öko-Kollaps, gegen den die junge Generation auf die Barrikaden geht. Und der Umgang mit exponentiellen Technologien, für den Leader und Handlungshelden ausgebildet werden müssen. Denn für einen Battle-of-the-generations haben wir keine Zeit. Luisa Neubauer, Gretas deutscher Counterpart bei „Fridays for Future“, sollte jetzt eingebunden werden in die Ausarbeitung von Lösungen. Die junge Generation hat ihre Stimme erhoben, völlig zu Recht, doch jetzt darf (und muss) sie auch mitgestalten.

    In Davos waren dieses Jahr zehn globale Changemaker eingeladen und einige sind bereits heute über die Öko-Hysterie hinaus gegangen und initiieren globale Projekte. Eine davon, Melati Wisjen, ist für mich das Musterbeispiel ihrer Generation. In zahlreichen Gesprächen mit WEF-Gründer und Organisator Klaus Schwab und in den internationalen Medien berichtete die 18-Jährige, wie sie bereits mit 15 Jahren gemeinsam mit ihrer (damals 13-jährigen) Schwester Isabell „ByeBye Plastic Bag“ gegründet hat. Ihre Agenda: aufräumen und plastikfrei leben.

    Dabei werden Strände geräumt, Bildung gefördert und Ideen entwickelt. Für „ByeBye Plastic Bag“ erhielten die auf Bali wohnenden Mädchen in Deutschland bereits 2017 den Bambi. Heute ist Melati 18 Jahre alt und sprach beim World Economic Forum zur Eröffnungs-Pressekonferenz und war als Repräsentant der Erwachten über die vier Tage verteilt auf zahlreichen Bühnen.

    Außerdem arbeitet sie mit Klaus Schwab an Lösungsansätzen, versammelt die globalen Changemaker und startet ihre nächste Initiative „Youthtopia“, zugleich globale Bildungseinrichtung und Ökosystem - ökologisch, bewusst und zirkulär, ganz im Sinne der neuen WEF-Agenda von 2020.

    Gesellschaft des Verstandes

    Wir leben mit tickenden Zeitbomben, denn unter der Oberfläche brodelt es in der Gesellschaft. Soziale Spaltung ist in den kommenden Jahren die große Herausforderung, wenn das organisatorische und menschliche Leben auf den Kopf gestellt wird. BMW, Daimler, VW, BASF und Siemens, alle werden herausgefordert. Wirtschaftliche Stabilität ist wichtig, um einen sozialen Zusammenbruch in den kommenden zehn Jahren zu vermeiden. Nur mit Unternehmergeist und Risikobereitschaft, gepaart mit hohen Investitionen in neue Technologien, kann eine Umstellung in der Gesellschaft gemeistert werden - vor allem über eine Form des sozialen und/oder bedingungslosen Grundeinkommens.

    Uns stehen herausfordernde Zeiten bevor. Wir sollten von einer algorithmischen Wissensgesellschaft mit menschlicher Vernunft zu einer Gesellschaft des Verstandes werden. Wir müssen alle mitnehmen und für etwas begeistern. Davos ist menschlicher, bewusster, bunter, jünger und offener geworden. Das ist wichtig, denn in Filter-Blasen und dogmatischen Zeiten müssen alle miteinander reden. Alle Antagonisten müssen mit an den Tisch. Das ist sehr zeitaufwendig, doch der einzige Weg.

    Genau aus diesem Grund muss der Traum von Klaus Schwab weiterleben: Quantenrealitäten und Spirituelle und Gläubige in allen Lebensformen müssen sich treffen und miteinander reden. Für meinen Anspruch geht das alles viel zu langsam.

    Doch das Treffen in den Schweizer Alpen hat immerhin gezeigt, dass etwas geschieht. „Emissionsfrei bis 2025“ verspricht Microsoft, bis 2030 ist von „Climate-Take-Back“ die Rede, also einer Kompensation und einer Rückholung der historischen CO2-Ausstöße. Auch Google und SAP ziehen mit.

    Der Wandel wird teuer, aber er kann uns gelingen. Es wird aber nie günstiger sein als heute, um die bevorstehenden Herausforderungen zu bekämpfen. In Davos wurde geredet. Jetzt muss gehandelt werden. Europa kann, von der Leyen will, wir alle müssen zu Handlungshelden werden.

    Mehr: Das sind die sieben wichtigsten Erkenntnisse des Weltwirtschaftsforums in Davos.

    Anders Indset, von Medien als „Digitaler Jesus“ oder „Rock’n’Roll Plato bezeichnet, zählt zu den führenden Wirtschaftsphilosophen und gilt als vertrauter Sparrings-Partner für internationale CEOs und führende Politiker.

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