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Anders Indset

Expertenrat – Anders Indset Trump wird wiedergewählt – Wie können wir positiv damit umgehen?

Der US-Präsident hat reelle Chancen, im Amt zu bleiben. Deutschland und Europa müssen das als Ansporn und Chance auf neue, gemeinsame Wege sehen.
25.09.2020 - 07:39 Uhr 2 Kommentare
Der US-Präsident könnte durchaus wiedergewählt werden. Die Antwort Deutschlands und Europas kann nur gemeinsames gesellschaftliches, politisches und wirtschaftliches Handeln sein. Quelle: dpa
Donald Trump im Wahlkampf

Der US-Präsident könnte durchaus wiedergewählt werden. Die Antwort Deutschlands und Europas kann nur gemeinsames gesellschaftliches, politisches und wirtschaftliches Handeln sein.

(Foto: dpa)

Was gefühlt mehr als 50 Prozent der ganzen Welt nicht glauben, wird eintreten: Donald Trump wird erneut einen spektakulären (Immobilien-)Coup landen und das Weiße Haus erobern. Für Europa und Deutschland bedeutet das: Wir müssen uns auf einen Widerspruch einstellen. Einerseits werden wir uns auf das Schlimmste vorbereiten müssen, die bevorstehenden Monate und Jahre werden turbulent. Gleichzeitig haben wir eine einmalige Chance, eine positive Vision für unsere Wirtschaft und die Zukunft der Deutschland AG zu gestalten. Aber wird das eine eigenständige? 

Während Ursula von der Leyen in der vergangenen Woche ihre Europa-Agenda vorgestellt hat, legte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder eine eigene vor, für Bayern, für Europa. Eins haben sie gemeinsam: Sie basieren auf dem Prinzip Hoffnung, auf einem neuen und alternativen Weg, der noch zu definieren ist. 

Und genau darum muss es gehen, eine gemeinsame Definition. Es kann keine unterschiedlichen Wege geben. Ein Weg für Europa und Deutschland, ein Stück weit losgelöst vom Reaktionismus des politischen Machtkampfs zwischen Ost und West, Trump und China. Söder offenbarte in seiner Rede zur Vorstellung des neuen Maßnahmenplans in Bayern vergangene Woche, dass die Politiker vernachlässigt haben, offensichtliche Veränderungen wahrzunehmen und sich darauf vorzubereiten – es fehlt also an Weltverständlichkeit

So ist seit zehn Jahren bekannt, dass Teslas Elektromotor nur ein Zehntel der Teile eines herkömmlichen Verbrennungsmotors benötigt. Müssen wir uns dann wundern, dass 2020 die Autozulieferer ‚plötzlich‘ in ihrer Existenz bedroht sind? Gleichzeitig baut die Finanzwirtschaft massiv Stellen im mittleren Management und in der Verwaltung ab, streichen Luftfahrtbranche und produzierendes Gewerbe Massen von Jobs. Wenn Großkonzerne heute ihre Büroflächen um 30 bis 40 Prozent reduzieren, liegt das nicht am Andrang auf die Arbeit im Homeoffice oder der 20-Stunden-Woche, sondern schlicht daran, dass ein digitaler Tsunami auf vernachlässigte Symptombekämpfung in Prä-Corona-Zeiten trifft. 

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    Weg von den Phrasen

    Das Jobwunder durch Künstliche Intelligenz ist eine falsche Prophezeiung, eine Traumvorstellung von Zukunftsforschern und stimmenhungrigen Politikern. „Der Mensch kann sich endlich auf das Wesentliche konzentrieren“, so das Headline-taugliche Destillat der Vorteile von KI und Robotik. Dabei verkennen wir, dass die Welt heute eine andere ist als vor der Industrie 4.0. Es geht nicht um schweres Heben, darum, dass ein Kran den Menschen ersetzen soll, weil er schwerer heben kann. KI ersetzt Menschen nicht nur in einfachen körperlichen Tätigkeiten. Gleichzeitig steht noch die – gemeinsame – Definition aus, wie genau diese Systeme Stellen schaffen, statt zu verschlingen.

    Söder will das komplexe Problem simpel lösen: Wir investieren jetzt Milliarden in KI-Professuren, Forschung und Entwicklung in Pharma und Raumfahrt und ein Quantum-Valley in Bayern – in der Hoffnung, dass es neue Jobs bringt.

    Nach dem entbehrungsreichen Krisensommer wacht die arbeitende Klasse auf und merkt, die versprochene Arbeit bleibt aus. Gleichzeitig ergibt es keinen Sinn, dagegen zu revoltieren, da sich in einer technologischen Welt Herr und Knecht bereits voneinander entkoppelt haben. Bei konkret wem soll sie die unkonkreten Versprechungen einfordern? 

    Lange hat Kampf um endliche Ressourcen wie Bäume, Pflanzen und Tiere den Turbo-Kapitalismus vorangetrieben. Jetzt ist es fundamentaler, es geht um den Menschen an sich. Und der Mensch ist ein Produkt geworden, das von einem Dritten bezahlt wird (Empfehlungsalgorithmen und Werbung). Gerade jetzt brauchen wir Mut, verdammt viel Mut. Alte Selbstverständlichkeiten stehen endgültig, spätestens nach dem Beschleuniger Covid-19, vor dem Fall. 

    Selbst ernannte Experten füllen Talkshows in Deutschland mit Headline- und Tweet-fähigen Nachrichten: Batterien seien nicht umweltfreundlich, die Energiewende dauere zu lange. Viral gehen zudem Artikel über einen rosigen Herbst nach Corona, wenn alle Bürger wieder in Arbeit sind und die Märkte eine neue Blüte erleben. Doch was wir jetzt brauchen, sind keine Spinnereien und zu Schlagzeilen kondensierte Talkshow-Plattitüden. Wie wir in Norwegen sagen: „Wir müssen eine Schaufel auch Schaufel nennen.“ Kein Rollengetue und „ich zuerst“, es muss um die Sache gehen, es muss um die Menschen gehen, es muss um uns gehen. 

    Erwachen aus dem Traum von Utopie – Utopie gestalten

    Dabei brauchen wir, in Deutschland, in Europa, eine positive konkrete und gemeinsame Richtung, wie den Glauben an eine rasche Energiewende – inzwischen wird 60 Prozent der Energie in Deutschland aus erneuerbaren Quellen hergestellt. Das einzige wertvolle Öl der Zukunft ist Cannabisöl. Batterien als Energiespeicher sind tatsächlich kein Hemmschuh der Wende, die zweite und dritte Akku-Generation wurde inzwischen nicht nur technisch verbessert, auch ethische Problemfälle wie Kinderarbeit in Afrika bekommen wir hier viel schneller in den Griff als vor einiger Zeit bei der Klamottenindustrie in Bangladesch.

    Auch die ‚bösen‘ Technologieunternehmen mit ihren riesigen Serverparks für unser Onlineverhalten sind wirklich nicht das Problem der Energiewende. Schlagzeilen aus der jüngeren Vergangenheit legen das nahe, Realität ist aber, dass diese Unternehmen allesamt schon 2025 klimaneutral sein werden. 

    Der norwegische Ölmilliardär Kjell Inge Rokke zitiert gern treffend Hemingway: Der eine fragt:Wie geht man bankrott? Der andere antwortet:Zuerst allmählich, dann plötzlich.“ Wir stehen vor einem solch plötzlichen Moment. Und zwar jetzt. Während wir gefangen waren in feuchten Träumen über irrsinnige Digital-Wunder, mit Wirecard und einem unendlichen Wachstum durch die Globalisierung in der Hauptrolle, hat sich die Welt verändert. 

    Es ist der Moment des Wachrüttelns aus einem rund 50 Jahre dauernden Nickerchen, mitsamt der Träume, der Hoffnung auf diffuse Technologien, die uns helfen, alle akuten Probleme dauerhaft zu lösen. Entsprechend folgt aus der Coronakrise keine neue Normalität. 

    Jetzt müssen wir was tun, nicht von besseren Zeiten träumen. Gesellschaftlich, wirtschaftlich. Andere können auch Qualität ‚made in Germany‘ produzieren und mit Sprache und Kultur, niedrigen Transaktionskosten und interner Kommunikation trumpfen. Qualität ist nicht mehr King, sie ist eine Grundvoraussetzung. Doch deutsche Patentanmeldungen gingen zuletzt zurück, junge Unternehmer feiern frühe Exits, während das Rückgrat der Wirtschaft Osteoporose-geplagt mit digitalen Therapien hadert. 

    Reinhold Würth und seine Kollegen hätten (und haben) sich ihrerseits als Jungunternehmer nicht auf Pitches und schnellen Unternehmensverkauf fokussiert. Kapital ist wichtig, aber jetzt muss wieder Unternehmergeist geweckt werden: Problem beschreiben, Problem lösen, Rechnungen stellen. Andere Nebenschauplätze wird es nicht geben, die natürliche Selektion hat begonnen. 

    Trump stellt die Weltordnung auf den Kopf

    Warum müssen wir uns in Europa gerade jetzt wirklich einig sein? In den USA dominieren andere Signale als die eines gemeinsamen Weges. Auch wenn der angesichts 200.000 Corona-Toter, einer zunehmenden Spaltung in der Gesellschaft und des ausbleibenden Wirtschaftswunders dringend nötig wäre. Gewalt explodiert, die Promis verlassen das glamouröse Los Angeles, Polizeigewalt, Rassismus, Spaltung, Arbeitslosigkeit. Der US-Präsident sieht sich mit einem historischen Tiefpunkt in der Akzeptanzquote konfrontiert. Genau jetzt aber feiert Trump sein Comeback. Seine Werte steigen, die Fans feuern ihn an. 

    Kaum war Richterin Ruth Bader Ginsburg gestorben, rief Trump seinen Anhängern „Fill that seat!“ zu. In perverser Art und Weise bietet die Merchandising-Abteilung zwei Tage nach Ginsburgs Tod Kappen und T-Shirts an. Alles wird politisch. „Me first“, ich zuerst, egal was es kostet: Mit „RBG“ stirbt die letzte Hoffnung auf einen minimalen sozialen Ausgleich in den USA. 

    Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden, auf dessen Schultern nun die ganze – das wiederkehrende Motiv – Hoffnung liegt, wird unter dieser Last zerbrechen. Denn er kann keine Hoffnung verkörpern. Schon vor Jahren war Biden ein Wackel- und Risikokandidat bei Live-Auftritten, und das ist nicht besser geworden. 

    Jegliche Form der Diskussion und Kommunikation, seien es TV-Debatten oder Podcast-Formate etwa mit Starmoderator Joe Rogan, wird Trump dienen: Vakzine, Börse, alles, was jetzt vage Hoffnung verspricht, wird Trump in die Karten spielen. Mehr Probleme kann es schlicht nicht geben. 

    Aus diesem Grund müssen wir also befürchten, dass Biden alles zu verlieren und nichts zu gewinnen hat. Gelingt es den Demokraten nicht, jegliche Form der Debatte zwischen den beiden zu unterbinden und eher auf einen direkten Schlagabtausch zwischen den Vizes Harris und Pence hinzuwirken, so kann sich Globalia darauf einstellen: Trump wird weitermachen. Womöglich mit noch schlimmeren Folgen. 

    Mut als Antwort – Deutschland und Europa mit einem anderen Weg

    Es ist wenige Sekunden vor zwölf und Europa braucht einen neuen und eigenen Weg. Nicht den von Heldengesellschaft und ‚me first‘ à la USA. Sondern den des Wir: Auf dem Weg von der Wirr- zur Wir-Wirtschaft brauchen wir einen kollektiven Ansatz als Brücke zwischen Ost und West. 

    Ich bin davon überzeugt: Es kann keinen anderen Weg geben. In der Entwicklung einer neuen positiven Vision ist es allerdings essenziell, dass wir uns mit den echten Herausforderungen tief greifend auseinandersetzen. Oberflächliche Begriffe und Absolutheiten müssen ausgetauscht werden mit Weltverständlichkeit. Jetzt brauchen intellektuelle Rebellen und Freaks die Bühne, um tiefgründig aufzuklären und alternative Sichtweisen darzustellen.  

    Erkenntnis und Ehrlichkeit darüber, dass wir nicht wissen, was das Neue ist, ist die Ausgangssituation. Jetzt müssen wir aus dem Bekannten ins Unbekannte gehen. Dafür braucht es Mut. Wenn die Krise uns dazu zwingt, könnte es zu spät sein. Haben wir alle Antworten? Wissen wir genau, wie? Natürlich nicht, wir kennen nicht einmal die Fragen. Wer kann verstehen, dass Aktien boomen und gleichzeitig sichere Häfen wie Gold ihre Höchstwerte erreichen? Wir müssen uns damit abfinden, die Welt ist nicht erklärbar, aber zu gestalten. 

    Womit können wir anfangen? Lass uns damit starten sicherzustellen, dass Kinder in einer Gesellschaft des Mitgefühls und der Verbundenheit groß werden – mit oder ohne Donald Trump. Lass uns damit starten, wieder zivilisiert miteinander zu sprechen. Lass uns für etwas sein und nicht nur gegen. Es muss erlaubt sein, Fehler zu machen und für etwas zu stehen. 

    Wollen wir mit exponentieller Technologie und Ökokollaps klarkommen, kann es nur gemeinsam funktionieren. Mit Mitgefühl (compassion) und Verständnis für die anderen kommt auch eine dringend benötigte Umverteilung. Natürlich brauchen wir Regulierung und regulierende Institutionen auf internationaler Ebene, die wieder funktionieren. 

    Mit dem Paradoxon der Moderne umgehen lernen

    Was wir jetzt aber vor allem brauchen, ist ein Europanimus als Gegenpol. Ein kollektiver Ansatz basierend auf Vertrauen, nicht Missgunst. Auf miteinander statt gegeneinander. Während China und die USA Mauern bauen, bauen wir Brücken. Gelingt das, werden wir die Jobs finden, die Hoffnung haben, die Söder und von der Leyen schon kommuniziert haben. 

    Natürlich spielt Technologie eine wichtige Rolle, aber die andere Seite – Menschen, die Menschen verstehen – wird essenziell. Deutschland und Europa bilden Kultur-Ingenieure aus. Psychologiestudiengänge platzen aus allen Nähten in Zeiten von Corona, Kunst ist die Entdeckung der Generation der Tiktok-Tänzer und Influencer, und der Philosophie steht eine neue Ära bevor.

    Wir müssen nachdenken und verstehen, wie wir mit unseren Paradoxien umgehen. Wie wir unsere Denkweise als Problemstellung erkennen und mit der Heilung beginnen. Gerade wir müssen doch aus der Historie lernen, dass Spaltung und Hass keine Antwort sind. Gerade wir müssen dafür kämpfen, dass wir wieder eine zivilisierte Debatte führen, bei der es okay ist, unterschiedliche Meinungen zu vertreten. 

    „Karuna“ nennen die Buddhisten, was im Christentum die Kardinaltugend Barmherzigkeit beschreibt: Egal, wie es in den USA ausgeht, wir brauchen die positive Vision für Europa. Statt globaler Trumponomics lassen wir Corona hinter uns – und Karuna zur gelebten Grundlage eines humanistischen Kapitalismus werden.

    Mehr: Beginn einer Technokratie – das Leben nach Covid-19

    Anders Indset, von Medien als „Digitaler Jesus“ oder „Rock’n’Roll Plato bezeichnet, zählt zu den führenden Wirtschaftsphilosophen und gilt als vertrauter Sparrings-Partner für internationale CEOs und führende Politiker.

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    2 Kommentare zu "Expertenrat – Anders Indset: Trump wird wiedergewählt – Wie können wir positiv damit umgehen?"

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    • Epochal

    • Vielen Dank, Anders Indset! Sie haben das klar formuliert, was ich bislang nur als undeutliches, aber aufmüpfiges und beunruhigendes Bauchgefühlsgeblubber wahrnahm. Es freut mich, dass CEOs und Politiker in Europa sich (hoffentlich immer mehr) mit Ihnen und unserer neuen Welt auseinandersetzen, sich für neue Lösungen öffnen, statt Altgewohntes um fast jeden Preis bewahren zu wollen.

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