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Anders Indset

Expertenrat – Anders Indset Werden wir Handlungshelden – oder faul wie die Waschbären?

Selbstoptimierungswahn und Technologieglaube sind in der Coronakrise sinnlos – auf der Couch abwarten aber auch. Wir brauchen jetzt geistige Aktivierung.
24.11.2020 - 10:45 Uhr Kommentieren
Die „besonderen Helden“ im Spot zeichnen sich durch Nichtstun aus. Doch das ist nicht die Antwort auf die aktuellen Probleme. Quelle: Screenshot
Kampagne der Bundesregierung

Die „besonderen Helden“ im Spot zeichnen sich durch Nichtstun aus. Doch das ist nicht die Antwort auf die aktuellen Probleme.

(Foto: Screenshot)

Helden haben Hochkonjunktur, Corona macht’s möglich! In einem Imagespot lässt die Bundesregierung einen Protagonisten aus der Zukunft auftreten, der sich Jahre später an den Corona-Winter 20/21 erinnert. Damals sei er jung gewesen, sagt er, eingerahmt von der bedrückenden Atmosphäre einer ZDF-History-Weltkriegsdoku.

Student sei er gewesen, und er hätte damals Spaß haben, Leuten kennenlernen wollen. Doch das Schicksal habe andere Pläne gehabt. Heroische – für ihn und seine ganze Generation. Aussage des Protagonisten: „Wir wurden zu Helden, weil wir zu Hause blieben, unsere Front gegen den unsichtbaren Feind war die Couch, unsere schärfste Waffe gegen Corona war das Nichtstun.“

Und Corona scheint das tatsächlich notwendig zu machen. Drei Wochen haben wir den zweiten Lockdown, doch so wirklich ist keine Entspannung der Pandemie zu spüren. Die Zahl der Neuinfektionen ist unverändert hoch, wenn auch vielleicht nicht mehr exponentiell steigend, auch dieses Mal hatte Angie recht. Und das einzige Mittel, das wirkt, ist physischer Abstand – spending most of life living in a Couch potatoe’s paradise. Was ist verlockender, wenn sogar die Kanzlerin das sagt?

Tatsächlich wird gerade extrem viel getan, dieses Szenario attraktiv zu machen. Diskutiert wird der Rechtsanspruch auf Homeoffice. Doch der Rechner am heimischen Küchentisch oder der Laptop auf den Knien beim Spielplatzbesuch verlieren nach einem Dreivierteljahr Ausnahmezustand den Reiz des Außergewöhnlichen.

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    Warum vermissen viele Menschen das Büro, wenn Arbeiten auf Distanz genauso effektiv sein kann? Wir alle müssen uns plötzlich wieder mit uns selbst auseinandersetzen. Wer sind wir, und wie wollen wir leben? Die Pandemie verstärkt die Brisanz der Sinnfrage.

    Anders Indset

    Es wird sichtbar, dass viele Menschen heute keine richtigen Freunde mehr haben. In ihrer Welt kommen tiefgründige Gespräche kaum noch vor. Der unmittelbare Kontakt zu Kollegen, zu Mitarbeitern, zu Teams im gleichen Raum vermittelt Zugehörigkeit durch Nähe. Nähe, die sie über Videochat nicht spüren. Vielen Menschen nimmt Corona sogar gerade komplett die Lebensgrundlage: den Job und die Anerkennung dafür. Mit dem Wegfall von immer mehr Stellen weicht der Schock einer allgemeinen Ermüdung. Doch um Hilfe zu bitten empfinden viele Betroffene selbst als Schwäche.

    Wenn das Kartenhaus aber erst einmal zusammengebrochen ist, rutschen viele Menschen in die Depression, versuchen mit Antidepressiva, dagegen anzukommen, und scheitern dabei erneut. Corona führt in vielen Bereichen leider zur Reaktionismus. Alkohol, Drogenmissbrauch, die frühe Suche selbst von jungen Menschen nach imposanten (geschönten) Lebensgeschichten – all das sind Symptome unserer Superheldengesellschaft, die sich in der Coronakrise noch einmal deutlicher abzeichnen.

    Die Konsequenzen aus der Bildschirm-Manie an der Corona-Front beschleunigt ein weiteres gravierendes gesellschaftliches Problem: Smartphones und soziale Medien machen unglücklich. Angstzustände und Depressionen sind die Konsequenzen aus Kontrollverlust und dem Gefühl, Einfluss zu verlieren. Wir streben nach sozialer Akzeptanz und Inklusion, haben aber keine Kontrolle über den Algorithmus und das virtuelle Feedback durch Likes und Co.

    Gesundheit als Volkskrankheit

    Durch soziale Medien verlieren wir Autonomie und Erfahrungen aus dem wirklichen Leben, die uns helfen, Resilienz – die Widerstandskraft im Denken – zu entwickeln, um mit der Komplexität der Welt umzugehen. Die digitale Konsumgesellschaft, in der wir Menschen das ausgebeutete Produkt selbst sind, befindet sich in einer sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale. Wo wir uns vor der Krise über die Außenwelt definieren konnten, über unseren Kontostand oder zumindest darüber, was andere von uns halten, ist eine Leerstelle entstanden. Gleichzeitig haben die wenigsten wirklich tiefgreifende Krisen durchlebt, am Ende fehlt uns die Resilienz.

    Das Streben nach Widerstandskraft haben wir als Optimierung missverstanden. In Muckibuden, bei endlosen Wellness- und Gesundheitstrips haben wir unsere Körper fit gemacht, aber den Geist vergessen. Durch Empfehlungsalgorithmen digital getrieben wurden wir zu dopamingesteuerten Junkies, denen das Ziel ihres Handelns fehlt. Gesundheit ist die neue Volkskrankheit, wenn der Mensch nur noch lebt, um zu überleben.

    Was uns fesselt, sind vermeintliche Selbstverständlichkeiten. Selbstverständlich scheint, dass Technologie uns befreit: von lästigen Pflichten und nervenden und/oder anstrengenden Arbeiten.

    Doch was wird die Folge davon sein, dass die Einschränkungen der Pandemie zu einem ungekannten Auftrieb für digitale Technologien geführt haben? Wir erleben jetzt den digitalen Tsunami, den viele noch vor einem Jahr für ein Zukunftsszenario gehalten haben. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Automatisierung, technologischer Fortschritt sind unverzichtbar, um die Probleme der Menschheit zu bewältigen. Die Probleme der Menschen bewältigen sie im Wesentlichen nicht. Auch nicht die Frage nach dem Sinn meines Daseins.

    Die Bundesregierung lässt ihre Helden im Kampf gegen das Virus „faul wie die Waschbären“ auf der Couch liegen. Geld genug scheint da zu sein, wenn das Kurzarbeitergeld bis Ende nächsten Jahres gezahlt wird. Dass dahinter so etwas wie ein ausgeklügeltes Regierungskonzept stünde – etwa um die Menschen zu ermüden, damit sie nicht revoltieren oder sonstigen Widerstand leisten –, wäre erstens für die „Querdenker“ zu spitzfindig und anspruchsvoll und zweitens vermutlich auch für die politischen Bewahrer und Verwalter im Bundestag zu weit gedacht.

    Globalisierung wird anderswo gestaltet

    Wer aber mit 60 Prozent seines bisherigen Einkommens (ohne Gegenleistung) auszukommen lernt, fragt sich schnell, warum er für eine Handvoll Euro mehr arbeiten soll. So wird das Kurzarbeitergeld zum Probelauf für das bedingungslose Grundeinkommen, das Leben zum Überleben alimentiert, der Mensch aber seines Menschseins beraubt: des sinnhaften Tuns. Was einst über hierarchische Strukturen und Disziplin Leistung hervorgerufen hat, wurde in der „freien“ Welt, in liberalen Demokratien mit dem Wort „Motivation“ kompensiert, um die „Höher, schneller, mehr“-Gesellschaft voranzutreiben. Heute ist die Wohlstands- und Dekadenzgesellschaft auf einmal gefangen in der grenzenlosen Freiheit. Der marxistische Klassenkampf ist heute zum inneren Kampf mit uns selbst geworden. Die Konsequenz ist Müdigkeit durch Selbstausbeutung. Die Waschbärenwerbung kommt vor diesem Hintergrund wie ein Beruhigungsmittel daher, als Substitut für Antidepressiva.

    Derweil formieren sich neue Konstellationen: 15 asiatische Staaten mit zusammen 2,2 Milliarden Menschen bilden eine neue Freihandelszone, die größer ist als EU und Nafta zusammen. Treiber ist die Technologiemacht China: So sieht ein Tsunami aus, wenn die Welle rollt. Und Putin will auf dieser Welle surfen. Er lädt die potenziell stärksten Schwellenländer Tage später zum virtuellen BRICS-Gipfel ein, um über Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu sprechen – übrigens auch bei der Corona-Bekämpfung. Globalisierung ist nicht tot, sie wird nur von anderen gestaltet.

    Es sind merkwürdige Zeiten. Ethische Debatten und System- und Gesetzesänderungen, die sonst Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern, werden per Eilverfahren über Nacht beschlossen. Es sind Zeiten mit einem zunehmenden Bedarf an radikaler Veränderung, nicht nur wegen Corona, sondern auch wegen des ökologischen Kollapses und digitalen Tsunamis.

    Gleichzeitig sind es Zeiten der Opportunität. Den meisten Menschen ist nicht bewusst, welches Potenzial sie haben und dass sie selbst zu einem Gestalter des – zumindest eigenen – Wandels werden können. Es ist niemandem bewusst, welchen unfassbaren Einfluss man auf die eigene Realität haben kann, und genau dieses Potenzial gilt es zu erwecken. Heute werden überall Handlungshelden gesucht.

    Auch wenn das Video schön und rührend gemacht ist, Couch-Potatoes sind die falsche Antwort auf die drängenden Probleme zum Ausklang dieses Jahres. Ein untotes Leben braucht die Aktivierung, und sei es an der Front – gern auch auf der Couch – durch aktive Geistigkeit. Seit den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts haben wir in einem Dauernickerchen unsere Selbstverständlichkeiten gefeiert, statt unser Selbstverständnis zu hinterfragen. Jetzt merken wir, wie uns die Weltverständlichkeit fehlt. Die Aufforderung zum „Faulsein wie die Waschbären“ wie im Spot ist die Fortsetzung des 50-jährigen Nickerchens – jetzt auch im Bewegtbild!

    Mehr: Beginn einer Technokratie – das Leben nach Covid-19

    Anders Indset, von Medien als „Digitaler Jesus“ oder „Rock’n’Roll Plato bezeichnet, zählt zu den führenden Wirtschaftsphilosophen und gilt als vertrauter Sparrings-Partner für internationale CEOs und führende Politiker.

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