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Gastkommentar – Expertenrat Das Kryptonit für die Finanzwelt

Es ist nicht alles Bitcoin, was glänzt. Dennoch disruptiert die Technologie um Krypto und Blockchain die Gesellschaft – nicht nur in der Wirtschaft.
16.03.2021 - 08:00 Uhr Kommentieren
Die Währung existiert nur digital, einen Wert hat sie dennoch. Vielleicht verändern Bitcoins nicht die Welt – das Prinzip dahinter tut es. Quelle: Reuters
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Die Währung existiert nur digital, einen Wert hat sie dennoch. Vielleicht verändern Bitcoins nicht die Welt – das Prinzip dahinter tut es.

(Foto: Reuters)

Mein Nachbar – ein Mitarbeiter der Europäischen Zentralbank – teilte mir mit, er sei Besitzer zweier Bitcoin. Für 200 Euro habe er sie vor Jahren erworben. Wenn wir heute auf den Kurs schauen, entspricht das mehr als 100.000 Euro Gewinn (oder 50.000 Prozent, für die Anleger) – steuerfrei versteht sich.

Wer nicht an Krypto glaubt, hat Pech. Und wie es mit Pech so ist, es trifft dich – ob du daran glaubst oder nicht. Zeit also für eine andere Sichtweise auf ‚Kryptonomics‘, Blockchain, das zweite ‚Quantenparadigma‘ und die bevorstehende Währungs- und Finanzrevolution.

Satoshi Nakamoto, der ungekannte Gründer oder die Institution hinter der Kryptowährung Bitcoin besitzt laut Medienberichten zwischen 700.000 und 1,2 Millionen Coins. Ob damit jemals was passieren wird, kann kein Mensch heute sagen.

Wäre Satoshi ein Deutscher, so wäre der Gegenwert – zwischen 45 Milliarden und 60 Milliarden Euro – hoch genug, um den ersten Platz unter den Reichsten der Nation zu belegen. Es findet aktuell eine Verlagerung von Autorität in eine komplett neue Währungs- und Finanzwelt statt.

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    Der klondykische Zustand der Kryptocoin-Märkte – der Kampf um Positionierung, Technologie und konkrete Projekte – sorgt für Spannung im düsteren Lockdown-Alltag. Spielen, zocken und daheim hocken, angeheizt von Chefökonomen und Dax-Vorständen, die zwar immer noch nicht verstanden haben, worum es hier geht, was egal ist, solange Geld reinkommt. 

    Wie sagte mein Kollege letztens so treffend: „Hast du Geld, kannst du zocken, hast du keins, musst du!“ Die neue Finanzwelt ist somit auch genauso ein Zockerparadies für die Kleinen. Wenn alle zu Hause sitzen, übernehmen diejenigen, die die Spielsucht beherrschen, die Neukonstruktion der Welt. Statt Casinokönige und Automatenpäpste heißen sie heute Finanzexperten. Statt Gambler und Kurzarbeiter: Chefökonomen.

    Ratschläge für Politiker und Großkonzerne von Wirtschaftsweißnichtsen haben ausgedient. Jetzt können und wollen alle mitreden. Der Weg nach vorne? „Spray and Pray“, Dabeisein ist alles. Oder soll man doch versuchen zu verstehen, was aktuell passiert?

    Grundlage für ein neues Währungssystem

    Was ist mit diesem Bitcoin? Er hat keinen Use-Case und ist somit das neue Gold. Bereits 2007/2008 in der „Finanzkrise“ tauchte das Opensource-Projekt auf. Wer hat entschieden, dass wir ein neues digitales Gold brauchen und dass Bitcoin das neue Gold werden soll? Niemand.

    Aber inzwischen spricht man auch hier von „Too big too fail“. Traditionelle Investoren setzten eigene Entitäten auf und legen Geld an, bald werden die Staatsfonds und Pensionskassen folgen. Die stabilisierende Kraft – und so muss man Bitcoin heute interpretieren – bildet die Grundlage für eine vollkommene Umwälzung des derzeitigen Finanz- und Währungssystems. (Chef-)Ökonomen stürzen sich auf eine Erklärung, suchen verzweifelt nach Aufklärung in alten Textbüchern mit „zu starren, zu flachen Berechnungsmodellen oder in traditionellen Indikatoren wie Preis- und Wachstumsindizes oder eben Ereignissen, die Auswirkung auf das haben könnten, was sie heute noch als ultimative Messgröße ‚Bruttoinlandsprodukt‘ verteidigen“.

    Dabei ist das Problem, das die meisten der heutigen Wirtschaftsweisen und Finanzexperten nicht verstehen, dass genau jene Modelle und traditionellen Analysen mit einer modernen Welt nicht kompatibel sind. Die ‚moderne Welt‘ ist eine, welche bereits seit einhundert Jahren in der Theorie existiert. Nicht nur Dynamik, die Einbeziehung von Mensch und Natur als stabilisierende Gebilde übersteigen in ihrer Komplexität jeden Studiengang in der Finanzwelt, sondern ebenso das fehlende Verständnis für eine elastische, fluide und dynamische Welt, in der wir leben – eben die moderne Physik. 

    Die ersten greifbaren und konkreten (Krypto-)Projekte sind bereits in der Mache. Mark Cuban – Milliardär, Besitzer der Dallas Mavericks und Elon Musks Buddy – akzeptiert die als Spaßwährung initiierte Dogecoin, das Ironieprojekt der Kryptowelt, als Zahlung für Tickets und Merchandising. Eine „Witzwährung“ als Zahlungsmittel?

    Elon Musk beschrieb die Ausgangssituation letztens auf der neuen Hype- und Sozial-Radio-Plattform – Clubhouse – am besten: „Unsere Geschichte scheint Ironie zu mögen, ich habe Sympathie für solche Projekte.“ Und womöglich hat er selbst etwas vor, wenn er wöchentlich über den „E-GOD“ (Palindrom für DOGE) als „Kryptowährung des Volks“ Tweets postet.  

    Die fünfte Gewalt

    Kryptowährungen sind im Jahr 2021 so etwas wie das Kryptonit der Weltwirtschaft. Gekommen, um zu bleiben. Ist Superman also die Analogie zu Wohlstand, Wachstum und Dekadenzgesellschaft, so ist der derzeitige Wandel die bekannteste Schwachstelle der Gegenwart. Die Kryptonier sind von jungen Träumern, Zockern und Finanzakrobaten beflügelt worden – häufig Besucher der Berge, des Schweizer Finanzzentrums. Mit Homeoffice und bei geschlossenen Casinos, das Timing könnte kaum besser sein. Die Konsequenzen sind moderne Robin Hoods. Oder womöglich ein hässlicher Kampf – bei Stagflation und mangelnder Innovation – um die gleichen Ressourcen. Der wirkliche Wandel steht aber erst noch bevor. 

    „Digitale fünfte Gewalt im Staat – die sozialen Medien“ oder „die Macht der vernetzten vielen“. Die Anläufe für eine Beschreibung einer „weiteren Gewalt“ waren in den vergangenen Jahren zahlreich. Die fünfte Macht ist aber keine diskursiv öffentliche, sondern eine subtil kognitive. Es geht um ein grundlegendes Verständnis für die derzeitige Veränderung der ökonomisierten Grundstrukturen unserer Gesellschaft.

    Wir erleben derzeit eine durch die Technologie vorangetriebene fundamentale Umwälzung des gesamten Finanzmarkts. Die bekannteste Schwachstelle im Finanzsystem ist heute das geballte Wissen über fehlendes Technologieverständnis. Treffen Veränderungen aus einer Welt von Potenzialität und Unendlichkeit auf ein System der Endlichkeit, so entstehen nicht nur Spannungen, sondern fundamentale Verlagerungen von Machtverhältnissen: Finanzexperten, Chefökonomen und führende Köpfe der Wirtschaft kommen schlicht mit linearen und absoluten Modellen nicht mit. Die Verständnisvollen regieren zwar (noch) die Welt, sind aber gefangen in ihren Selbstverständlichkeiten der alten Welt.

    Einst waren Nationalstaaten und andere „künstliche Korsetts“ limitierende oder stabilisierende (je nach Sichtweise) Faktoren, welche eine etwaige Interpretation von linearen und starren Systemen vorgeben sollten. Die Erzählung von Papier(-geld) mit Zahlen und Tinte wurde fundamental als Wert und Echtheit definiert in einer Welt, in der die Newton‘sche Physik als so etwas wie eine Bremse diente – oder eben als stabilisierender Faktor. Aber – wenn man der Erzählung so glauben soll – als im Sommer 1665 Isaac Newton sein legendäres Apfel-Erlebnis hatte, war das eben kein Newton‘scher Apfel. Es war ein Objekt, das genauso wie das physische Gold aus Neutronen und Protonen besteht, gebildet aus Quarks und zusammengehalten von Gluonen, eben ein Teil der Quantentheorie über eine (Teil-) Interpretation unserer Welt.   

    Der große Durchbruch kommt womöglich noch

    Und spätestens hier steigen die mathematischen Modelle des klassischen Finanzsystems aus. Aber hoffentlich nicht du? Denn wir leben nicht in „Newtonien“, sondern in einer Quantenrealität, und es ist genau hier, wo uns der eigentliche Paradigmenwechsel begegnet. Es ist genau hier, wo wir jetzt einsteigen und neugierig sein müssen. Was wir als „digitalen Tsunami“ bezeichnen können, ist ein zweites Quantenparadigma, wo jene theoretischen Ansätze zum Leben erweckt werden.

    Die Natur verschleiert (noch) etwas, das die Quantentheorie und Relativitätstheorie von Einstein verbindet. Wissenschaftler und führende Physiker suchen verzweifelt nach dieser Bindung. Womöglich stehen wir vor Durchbrüchen, welche die metaphysische Sichtweise über unsere wahrgenommene Realität für Kinder und Enkelkinder fundamental verändern werden. Fangen wir aber damit an. Der digitale Tsunami kommt, und Währungen und Finanzpolitik werden sich fundamental verändern. 

    Die fünfte Gewalt ist eine Fundamentalkraft, welche erst theoretisch verstanden werden und danach praktisch erlebbar gemacht werden muss. Oder wie der Physiker Richard Feynman auf seiner Tafel hinterließ: „Was ich nicht kreieren kann, kann ich nicht verstehen.“ Und das ist unsere Aufgabe.

    Auch wenn Feynman damals vermutlich nicht die physische Schöpfung meinte – sondern eher die Visualisierung seiner Gedanken auf Papier –, so stehen wir heute, 100 Jahre nachdem Max Born, Werner Heisenberg und Wolfgang Pauli die „Quantenmechanik“ beschrieben und entdeckten, genauso in der Finanzwelt vor einer neuen (praktischen) Begegnung, wo Quantentechnologie und die Suche nach neuen Modellen die Relativitätstheorie von Einstein mit der Quantentheorie vereinen werden. Und hier sei die Frage erlaubt: Wie viele Börsianer und Berater von Politik und Wirtschaft beschäftigen sich heute mit genau jener Gewalt? 

    Blockchain-Prophet? – Blockchain vergeht. 

    Ich bin Blockchain-Fan. Es findet eine Revolution statt. Inzwischen haben wir Fintechs, Krypto und eben Blockchain. Die Begrifflichkeiten sind zumindest auf den Tischen vermeintlicher Entscheider gelandet. Die Herausforderungen im Aufbau dieser neuen Währungs- und Finanzsysteme liegt im Ausbalancieren von Dezentralisierung, Skalierung und Sicherheit, wobei (noch) auf eines der drei Elemente verzichtet werden muss. Wollen wir Dezentralität und Sicherheit, ist es nicht skalierbar. Sicherheit und Skalierbarkeit = reguliert. Wenn wir aber Dezentralität und Skalierbarkeit wollen, ist es nicht sicher – das Blockchain-Trilemma.

    Transaktionen in unserer wahrgenommenen physischen Realität unterliegen jedoch Quantenmechanik. Hier spielen Lokalität und Non-Lokalität eine Rolle, genauso wie in unserem „praktischen“ Leben. Es besteht somit kein Bedarf, eine globale Verbindung für eine lokale Transaktion zu haben. Ohne an dieser Stelle weiter auf die technischen Implikationen einzugehen, geht es also nicht um Blockchain, sondern um ein Grundverständnis der Ökonomie für die Zukunft, wenn wir nach Neuausrichtung und dynamischer Balance suchen.

    Würde jemand im Finanzministerium oder in den Topetagen der Frankfurter Glastürme im Kern verstehen, wie Transaktionen und Austausch in einer „modernen“ Welt funktionieren, so bestünde zumindest die Möglichkeit, dass Europa und Deutschland in der Gestaltung der neuen Strukturen eine Rolle spielen könnten. Wagen wir den Versuch, die Zusammenhänge zu verstehen, so erschließt es sich also nicht, warum es zwangsläufig eine Verbindung zwischen Kryptowährungen und Blockchain geben muss. Daraus können wir ableiten, dass es in Zukunft keine Bindung zwischen den beiden geben muss. „Das andere“ ist also noch zu haben ...

    Unendlichkeit an der falschen Stelle

    Als ich vor drei Jahren besserwisserisch den Kollaps von Bitcoin prophezeite und der Kurs kurz danach um 50 Prozent auf 5500 Euro einbrach, fühlte ich mich bestätigt. Geprägt von meinem Halbwissen, wäre das Unwissen die bessere Option. Die Quantenwirtschaft war das Ergebnis der damaligen Gedanken. Nicht viele haben es verstanden. Die Quantenwirtschaft ist jetzt Realität, und die Gestaltung beginnt.

    Wir sind angekommen, gefangen in der Gegenwart, gezukünftet wird jetzt. Heute gibt es nur noch einen Weg: nach oben (vorn) – die Gewinner und Verlierer in der Welt von morgen kann ich genauso wenig vorhersagen wie das Wetter nächste Woche. Aber genauso, wie sich aus den Wellenfunktionen der Weltmeere Prognosen ableiten lassen, so steckt die Potenzialität der Finanzwelt genau in jener Welle der möglichen Szenarien.

    Wir leben in einer Welt, wo die alte Finanzelite immer noch glaubt, Papier mit Tinte sei etwas „Wertvolles“ und etwas „Echtes“. Nach der Entscheidung der Notenbanken, dass es noch dieses Papier auch in faktisch unlimitierter Auflage geben wird, findet eine Annäherung der Unendlichkeit an der falschen Stelle statt. Es scheint so, als haben die Wegbegleiter und Gestalter endgültig das Verständnis für Ökonomie und Finanzpolitik verloren.

    Zukünftige Währungs- und Finanzpolitik ist nicht synonym mit Blockchain. Wir können dies alles ignorieren und uns in unseren Bequemlichkeiten und Selbstverständlichkeiten ausruhen und weitertanzen, als wäre es das Jahr 2000. 3-Doors-Down-Nostalgie trifft es am besten: If I go crazy, then will you still call me Superman? – Whoa, whoa, whoa – might. Kryptonite. Die Konsequenzen einer solchen Naivität und Unterschätzung der radikalen Umwälzung verbergen aber mindestens genauso viele Risiken, wie es Opportunitäten mit Kryptonomics, Bitcoin und Blockchain gibt. So lautet die Botschaft im heutigen anders gedacht: Kümmert euch! Jetzt!

     

    Anders

     Mehr: Werden wir Handlungshelden – oder faul wie die Waschbären?




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