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Harald Christ

Expertenrat – Harald Christ Warum Italiens Rettung vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch alternativlos ist

Deutschland hat die historische Chance, in der Krise auf der richtigen Seite, der der Retter zu stehen. Nicht nur moralisch, auch aus Eigeninteresse.
04.04.2020 - 13:05 Uhr Kommentieren
Italiens Regierungschef führt das Land durch die Krise – Hilfe benötigt er dennoch von außen. Quelle: dpa
Giuseppe Conte

Italiens Regierungschef führt das Land durch die Krise – Hilfe benötigt er dennoch von außen.

(Foto: dpa)

„Wir schreiben gerade Geschichte, kein Lehrbuch für Ökonomie.“ Diesen Satz wiederholt Italiens Regierungschef Giuseppe Conte derzeit in ziemlich allen Interviews mit ausländischen Medien. Die Botschaft, die er damit an jene sendet, die in Zeiten von Corona immer noch ihre Rechnungsbücher prüfen, während sich vor den Krematorien der Lombardei die Särge stapeln, sollte uns zurecht beschämen. Kein ernsthafter Staatenlenker, nicht einmal Donald Trump, bestreitet, dass uns die Covid-19-Pandemie vor die tiefgreifendste Herausforderung seit Ende des Zweiten Weltkriegs stellt.

Mit gigantischen Milliardenbeträgen wollen die großen Industrienationen den wirtschaftlichen Totalabsturz verhindern. Richtig so. Doch hinter dem Gebot der Stunde regen sich überkommene Reflexe und Retrodenken. Über Nacht scheint eine ökonomische Binsenweisheit politischer Amnesie zum Opfer gefallen zu sein: Innerhalb der Europäischen Union gibt es schon seit langer Zeit keine „nationalen Volkswirtschaften“ mehr, sondern einen großen, gemeinsamen, interagierenden Wirtschaftsraum.

So viel als Gedächtnisstütze, wenn wir über Nothilfen für den EU-Gründerstaat Italien reden. Kein Land in Europa wurde so früh und so dramatisch von der Corona-Seuche heimgesucht. Nirgendwo sonst sind bisher so viele Todesopfer zu beklagen.

Dass das Virus ausgerechnet in der industriellen Herzkammer zwischen Alpen und Apennin mit biblischer Wucht zugeschlagen hat, macht die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen für das Land umso verheerender. Zudem ist Mailand, die Finanzkapitale Italiens und einer der wichtigsten Börsenplätze Europas, gelähmt.

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    Italien ist nicht Griechenland

    Den peniblen Kommafetischisten müssen wir gleich ein paar hartnäckig gepflegte Klischees wegnehmen. Zunächst: Ja, die G7-Nation Italien hat einen exorbitanten Schuldenstand. Ja, Italien hat sein überbordendes Haushaltsdefizit in den Jahren seit Ende der Finanzkrise nicht nachhaltig in den Griff bekommen. Ja, die Wachstumsraten der vergangenen Jahre lassen zu wünschen übrig.

    Dafür ist in erheblichem Maß der politische Aufstieg der antieuropäischen Populisten verantwortlich, die von der Globalisierungsangst profitieren. Die Albtraumkoalition aus rechtsextremer Lega und den irrlichternden 5 Sternen hat dem Land viel internationales Vertrauen gekostet, nicht zuletzt an den Märkten.

    Trotzdem: Italien ist nicht Griechenland. Italien ist kein Fass ohne Boden. Italien lebt nicht auf Kosten anderer. Fakt ist: Dem italienischen Schuldenberg steht eines der höchsten Volksvermögen aller EU-Staaten gegenüber. Rom hat seine Kredite und Verpflichtungen bisher stets zuverlässig bedient und ist EU-Nettozahler.

    Den schwierigen Strukturwandel von veralteter Museumsindustrie zu modernen und innovativen Unternehmen hat man vielerorts erstaunlich gut geschafft. Gerade im wohlhabenden Norden sind aus Industrieruinen internationale Firmen von Weltruf für Forschung, Medizin, High-Tech und Engineering entstanden. Die Dichte erfolgreicher mittelständischer Familienbetriebe ist beeindruckend. Die Infektionswelle reißt alles fort.

    Zur Erinnerung: Unter den beiden Regierungschefs Matteo Renzi und Paolo Gentiloni wurden seit 2014 wichtige Reformen durchgesetzt, von der Flexibilisierung des Arbeitsmarkts über Investitionsanreize und Bürokratieabbau bis hin zu Bildung und Justiz. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit wurde auf die Hälfte gesenkt. Doch die Geduld der Bürger war nach den harten Sanierungsjahren infolge der Finanzkrise erschöpft; die Demagogen Salvini, Grillo und Co. hatten leichtes Spiel und triumphierten bei der Parlamentswahl 2018.

    Italien braucht europäischen Beistand

    Dann geschah ein kleines Wunder: Als sein präpotenter Kontrahent Matteo Salvini nach der gesamten Macht greifen wollte, verbannte ihn Politneuling Giuseppe Conte mit einem politischen Geniestreich auf die Oppositionsbänke. Seither hat sich der einst von den Medien als Sprechpuppe verspottete Rechtsprofessor zum respektierten Chef eines linksliberalen Reformbündnisses gewandelt.

    Ruhig, entschlossen und mit viel Empathie steuert er seine Nation durch ihre schwärzesten Tage. Die drastischen Maßnahmen, die Rom zur Eindämmung der Pandemie verhängte, sind inzwischen Maßstab zum Umgang mit der Krise und werden weltweit kopiert. Die Italiener selbst legen eine bemerkenswerte Disziplin an den Tag. Das gesellschaftlich oft zerrissene Land findet emotional zusammen.

    Doch ohne massiven Beistand seiner europäischen Nachbarn ist der freie Fall finanziell und sozial nicht aufzuhalten. Die Geier kreisen schon, um sich die besten Stücke aus der Konkursmasse zu picken; die Gespenster der Vergangenheit lauern politisch auf ihre Chance. Auf dem Spiel steht der innere Frieden Europas. Wir müssen tief, sehr tief in unsere Taschen greifen. In Brüssel hat man es endlich erkannt - Berlin muss rasch folgen.

    Wenn das Haus des Nachbarn brennt, analysiert man nicht die Brandursache, sondern greift zum Wasserschlauch. Das ist ein Gebot der moralischen Solidarität. Aber auch des Eigeninteresses, um einen Flächenbrand zu verhindern.

    Ein Zahlungsausfall Italiens würde einen Dominoeffekt in Gang setzen, an dessen Ende nicht nur das Euro-Aus stünde, sondern der Zusammenbruch der gesamten Europäischen Union. Conte hat recht. Wir schreiben derzeit Geschichte. Gerade für Deutschland bietet diese „Stunde null 2020“ die einmalige Chance, historisch auf der richtigen Seite zu stehen.

    Mehr: Der Plan für den Tag nach dem Corona-Stresstest.

    Harald Christ ist Chairman der Christ & Company Consulting und übt verschiedene Aufsichtsrats- und Beiratsmandate aus. Der Finanz- und Wirtschaftsexperte ist Mitglied der FDP.

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