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Christoph Bornschein

Gastkommentar – Expertenrat Eine nationale Bildungsplattform braucht grundsätzliche strukturelle Veränderungen

Berufliche Weiterbildung war nie wichtiger als heute. Vor allem in fünf Bereichen besteht aber Veränderungsbedarf, sagt Christoph Bornschein.
25.05.2021 - 12:27 Uhr Kommentieren
Im globalen Wettbewerb um Köpfe und Talente wird Bildung zum Standortfaktor schlechthin. Quelle: obs
Berufliche Weiterbildung 2021

Im globalen Wettbewerb um Köpfe und Talente wird Bildung zum Standortfaktor schlechthin.

(Foto: obs)

Oh, glückliches Timing. Es ist unbezahlbar, wenn dir eine internationale Gemeinschaft Handlungsbedarf bescheinigt und du kurz darauf schon einen Lösungsansatz präsentieren kannst.

Am 23. April stellte die OECD im Beisein der Bundesbildungsministerin und anderer entsprechend Verantwortlicher ihre Studie „Getting Skills Right – Weiterbildung in Deutschland“ vor. Nach lobenden Worten für die Erstausbildung in Deutschland mahnte die OECD vor allem Handlungsbedarfe bei der Steuerung, Standardisierung und Finanzierung von Weiterbildung in Deutschland sowie bei Inklusion und Teilhabe an.

Was sich hier so leicht zusammenfassen lässt, ist tatsächlich eine Mammutaufgabe. Doch Bildungsministerin Anja Karliczek gibt sich optimistisch, dankt für „Rückenwind und Motivation“ für die „nationale Weiterbildungsstrategie“ und gibt fünf Tage später den Startschuss für das Projekt „Nationale Bildungsplattform“, für die bis 2025 insgesamt rund 630 Millionen Euro vorgesehen sind. Prototypen der Plattform sollen nach der bereits laufenden Ausschreibungsphase und einem „Wettbewerb der Ideen“ Ende 2023 starten.

Die Idee einer Metaplattform, die Weiterbildungswilligen einen vereinheitlichten Zugang zu einem standardisierten Angebot ermöglicht, ist ganz ausgezeichnet. Doch Karliczeks Rückenwindfreude vergisst, wie groß die Aufgabe ist, die in dieser Kurzbeschreibung steckt.

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    Da schmeckt ein Wettbewerb der Ideen am Ende der Legislaturperiode durchaus ein wenig nach Vertröstung: Es möge sich doch jemand anders kümmern.

    Problem für die deutsche Volkswirtschaft

    Dabei ist der Mangel an Fachkräften schon heute ein Problem für die deutsche Volkswirtschaft. Traditionelle Bildungswege sind im Umbruch, die Halbwertszeit des Wissens nimmt stetig ab, der Bedarf an grundlegend neuen Fähigkeiten ebenso stetig zu.

    Im globalen Wettbewerb um Köpfe und Talente wird Bildung zum Standortfaktor schlechthin. Deshalb muss Bildung – insbesondere berufliche Weiterbildung – als strategisches Gut und als Hebel in Zeiten der Disruption verstanden werden.

    Das deutsche Weiterbildungssystem ist jedoch, so sieht’s auch die OECD, hochkomplex. Die Zuständigkeiten für seine verschiedenen Elemente sind entlang föderaler Strukturen auf verschiedenste Akteure verteilt, die mühsame Konsensfindung steht systemischen Sprüngen oft im Weg.

    Fünf Lösungsvorschläge

    Wer den Wandel der Arbeit und der Arbeitsinhalte aber nicht als Ende der Arbeitsgesellschaft, sondern als den Aufbruch in eine neue Form gestalten will, muss vor allem im Unterbau der nationalen Bildungsplattform Strukturarbeit leisten. Hier einmal nur die dringendsten Veränderungsbedarfe:

    1. Informell erworbene Kompetenzen sollten stärker bewertet und zertifiziert werden. Wir brauchen in diesem unterschätzten Bereich mehr Systematik, um Potenziale zu heben und durch passgenaue Angebote die Qualität der Weiterbildung insgesamt zu fördern.
    2. Hochschulen müssen Orte lebenslangen Lernens werden. Statt eines Abschlusses im Wortsinne können sie durch Subskriptions-Modelle zu lebenslangen Anlaufpunkten werden, zu Anbietern für berufliche Entwicklung im Austausch der Generationen.
    3. Das Reskilling, also die Umschulung der Belegschaften, muss zeitnah, betriebsnah und in Kooperation zwischen Wirtschaft und Staat erfolgen: Die Hauptlast tragen die Unternehmen, der Staat flankiert dort durch Förderung, wo es um echten Strukturwandel geht.
    4. Unternehmertum muss Teil akademischer Ausbildung sein. Die Entrepreneurship Center deutscher Universitäten sind oft eher administrativer Bonus als integraler Bestandteil des Studiums. Hier muss staatliche Förderung stärker an Entwicklung und Umsetzung tragfähiger didaktischer Konzepte und reale Ausgründungen gekoppelt sein.
    5. Eine nationale Bildungsplattform darf nicht ignorieren, dass Weiterbildung und Zertifizierung meist ein B2B-Thema sind. Kleine und mittlere Unternehmen brauchen Unterstützung dabei, den Qualifizierungsbedarf zu identifizieren und entsprechende Angebote zu finden und zu nutzen. Hier könnten öffentlich-private und geförderte Kooperationen ein Ansatz sein.

    Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnte sich das deutsche Wirtschaftssystem größtenteils linear entwickeln. Mittelstand und Konzerne haben Schritt für Schritt Innovationen entwickelt, Prozesse optimiert und Kompetenzen perfektioniert.

    Wenn wir auf diesen Erfolgen aufbauen wollen, können wir dies nur in einem integrierten Modell der ständigen Weiterentwicklung. Nationale Bildungsplattform: unbedingt! Wettbewerb der Ideen: bitte gern!

    Doch Unternehmensstrukturen, Bildungsmodelle, Weiterbildungsförderung und die Rolle staatlicher Institutionen müssen ganzheitlich verstanden und verändert werden. Nur so sichern wir Wertschöpfung, Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit und jederzeit das Wohlwollen der OECD.

    Mehr: Der Staat muss den völlig unübersichtlichen Markt für Weiterbildung klarer strukturieren, zeigt eine HRI-Studie.

    Christoph Bornschein ist Mitgründer der Agentur Torben, Lucie und die gelbe Gefahr (TLGG), die sich auf Digitale Business spezialisiert hat und mehrere Dax-Konzerne berät.

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