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Prof. Curt Diehm

Expertenrat – Prof. Dr. Curt Diehm So krank macht uns der Klimawandel

Mehr Infarkte, mehr Klinikaufenthalte, mehr Tote – der Klimawandel ist schlecht für unsere Gesundheit. Klimaschutz ist deshalb auch Gesundheitsvorsorge.
16.01.2020 - 13:21 Uhr 1 Kommentar
Wenn es heißer wird, steigt die Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Quelle: dpa
Hitze

Wenn es heißer wird, steigt die Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

(Foto: dpa)

Die dramatischen Buschbrände in Australien führen uns ein weiteres Mal vor Augen, dass die Auswirkungen des Klimawandels für Menschen tödlich sein können. In Deutschland und Mitteleuropa glauben wir, vor derart unmittelbaren Folgen sicher zu sein.

Die Ausbreitung der Wüsten in Afrika, Eisbären, deren Lebensbereich in der Arktis kleiner wird – diese Folgen des Klimawandels sind weit weg. In Deutschland müssen wir allenfalls zum Skifahren tiefer in die Alpen fahren und können im Sommer sogar mehr Sonnentage genießen.

Leider ist das nur die halbe Wahrheit. Mit der Erwärmung des Klimas drohen auch uns neue Krankheiten. Epidemiologischen Studien zufolge steigen bei hohen Außentemperaturen die Raten der Sterblichkeit, Klinikaufenthalte, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Leiden an Atemwegsbeschwerden. Auch Geburtskomplikationen häufen sich. Statistiken in Notfallambulanzen in ganz Europa bestätigen das eindeutig.

Analysen des Helmholtz-Zentrums in München zeigen, dass es bereits jetzt deutlich mehr Herzinfarkte und Todesfälle an besonders heißen Tagen gibt. 52.000 Menschen starben beispielsweise im Rekordsommer 2003 in Europa einer Schätzung zufolge an den Folgen hoher Temperaturen.

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    Das Umweltbundesamt berichtet, dass in den Jahren 2000 bis 2010 während der Hitzeperioden zwischen fünf und zehn Prozent mehr Herzkranke starben. Von Hitze besonders betroffen sind Säuglinge, Kleinkinder sowie alte, pflegebedürftige Menschen.

    Ein Notfall für die Gesundheit

    Der Klimawandel gilt als der „größte Notfall für die Gesundheit“. Klimaschutz ist deshalb auch Gesundheitsvorsorge. Gerade eben hat die medizinische Fachzeitschrift „The Lancet“ einen globalen Bericht über den Zusammenhang von Klimawandel und Gesundheit vorgelegt.

    Demnach wird – wenn der Ausstoß von CO2 sich weiterhin so entwickelt wie bisher – ein heute geborenes Kind an seinem 71. Geburtstag im Schnitt in einer um vier Grad wärmeren Welt leben. Der Lancet-Bericht warnt: Wenn sich nichts am Ausstoß von Treibhausgasen ändert, müssen wir bis zum Ende dieses Jahrhunderts mit jährlich fünf zusätzlichen Hitzewellen in Norddeutschland und mit bis zu 30 Hitzewellen in Süddeutschland rechnen. Dass dies nicht spurlos an unserer Gesundheit vorbeigeht, versteht sich von selbst.

    Direkt mit höheren Außentemperaturen korrelieren ein zunehmender Krankenstand und eine verringerte Produktivität. Ernteausfälle durch Trockenperioden in Norddeutschland sind da nur Vorboten.

    Auch neuere Nierenerkrankungen werden akut ansteigen. Zunächst wurden sie in Mittelamerika beobachtet, haben sich aber inzwischen weltweit verbreitet. Die Entstehungsmechanismen sind noch unklar. Fakt ist: Bei höheren Außentemperaturen kommt es zu einem Flüssigkeitsmangel und die Nierendurchblutung verschlechtert sich. Nierenexperten schätzen, dass es rund 70.000 Todesfälle in Europa durch diese rätselhafte Nierenerkrankung gibt. Hitzestress könnte die primäre Ursache dieser Krankheit sein.

    Kinder sind besonders von den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels betroffen. Wetterextreme haben negative körperliche und psychologische Folgen. US-Gesundheitsorganisationen befürchten, dass der Klimawandel nicht nur für Säuglinge, Kinder und Jugendliche problematisch ist, sondern insbesondere auch für Ungeborene. Weltweit wird ein Anstieg der Säuglingssterblichkeit an sehr heißen Tagen um 25 Prozent registriert. Kinder, die früh in ihrem Leben Schadstoffen in der Umwelt ausgesetzt sind, haben ein höheres Risiko für eine schlechte Lungenfunktion, sobald sie ins Teenageralter kommen. Wenn sich die Folgen des Klimawandels verschärfen, haben Kinder mit einer massiven früheren Verschlechterung ihrer Gesundheit mit zunehmendem Alter zu rechnen.

    Gefährliche Fieber-Mücken

    Beängstigend ist die Zunahme der asiatischen Tigermücke und der Cullex-Mücken in Deutschland. Die Cullex-Mücken übertragen das West-Nil-Fieber, die Tigermücken bekanntlich das Dengue- und das Zika-Virus. Der Klimawandel wird dazu führen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass derartige Tropenkrankheiten nach Europa kommen, deutlich steigt.

    Auch Malariamücken finden sich immer häufiger in höher gelegenen Gegenden und Regionen und in immer mehr Ländern. Die Klimaveränderungen haben darüber hinaus zu einer verstärkten Ausbreitung von Zecken geführt, die Krankheitserreger übertragen können.

    Ein weiteres Thema sind Allergien. In Deutschland gibt es bereits heute rund 18 Millionen Allergiker.

    Steigende Temperaturen führen zu einem verstärkten Wachstum von Pflanzen und verlängern die Pollenproduktion. Die verlängerte Blütezeit beeinflusst damit auch die Leidenszeit der Allergiker.

    Allergien nehmen gerade bei Kindern zu. Hauptmechanismen, die direkt mit dem Klimawandel korrelieren, sind zudem die Verbreitung der Ambrosia (Beifußblättriges Traubenkraut), die heute bis in den späten Oktober hinein blüht und Pollen produziert, und die Verbreitung des Eichenprozessionsspinners (Raupenart). Allergiker in Deutschland müssen den Klimawandel also fürchten.

    Natürlich werden wir erhöhte Temperaturen auch an unserer Haut spüren. Die Zunahme der UV-Strahlung kann das Risiko für Hautkrebs und andere Hauterkrankungen erhöhen.

    Notwendige Konsequenzen für die Zukunft

    Wir sind heute nur unzureichend auf die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels vorbereitet. Ein wichtiger Aspekt sind auch Lehre und Fortbildung. In dem Zusammenhang ist es interessant, dass soeben eine Medizinerin und Epidemiologin eine erste Professur für die Erforschung der Auswirkungen von Klimaveränderungen auf die Gesundheit in der Charité in Berlin und in Potsdam am Institut für Klimaforschung bekommen hat. 

    Die Gesundheitsbehörden sind sich einig, dass Aufklärung und Strategien notwendig sind, mit denen sich die Gesellschaft auf die veränderten Bedingungen vorbereiten kann. Wir brauchen Frühwarnsysteme für extreme Wetterlagen, Hitzeschutz in Kliniken und Pflegeheimen und Konzepte für die Bekämpfung von Krankheitserregern, die sich durch die Erhöhung von Temperatur und Feuchtigkeit ausbreiten.

    Mehr: Das eigene Verhalten zu ändern ist sehr schwer. Mit diesen Tipps schaffen Sie es, sich zu disziplinieren und Diäten und Sport durchzuhalten.

    Curt Diehm ist ärztlicher Direktor der auf Führungskräfte spezialisierten Max-Grundig-Klinik. Der Internist lehrt zudem als außerplanmäßiger Professor an der Universität Heidelberg und ist Autor von über 200 wissenschaftlichen Originalpublikationen sowie vielen Sachbüchern.

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    1 Kommentar zu "Expertenrat – Prof. Dr. Curt Diehm: So krank macht uns der Klimawandel"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Klimawandel ganz konkret...für meine pflegebedürftige Mutter ist der Sommer immer ein Überlebenskampf...

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