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Prof. Curt Diehm
Corona-Bekämpfung in Japan

Das Tragen des Mund- und Nasenschutzes für die meisten Japaner kein Problem.

(Foto: dpa)

Expertenrat – Prof. Dr. Curt Diehm Weniger Infizierte, sehr wenig Corona-Tote: Was Japan in der Coronakrise besser macht

Deutschland kommt gut durch die Coronakrise. Doch Japan hat noch deutlich bessere Coronazahlen. Das liegt in erster Linie an der sozialen Kultur – aber nicht nur.
28.08.2020 - 11:19 Uhr Kommentieren

Die gängige Erklärung lautet so: Im Ergebnis kann Deutschland stolz sein auf die bisherigen Erfolge in der Pandemiebekämpfung. Wir haben die Krise bislang besser gemeistert als alle anderen vergleichbaren Industrienationen. Besser als England, Frankreich, Spanien und die Niederlande, von den USA und Italien ganz zu schweigen. Unser Gesundheitswesen hat standgehalten, die Bevölkerung verhält sich weitgehend diszipliniert und ist ob der von der Politik beschlossenen Maßnahmen nicht gespalten.

Die wirtschaftlichen Einbußen sind bei der Exportabhängigkeit der deutschen Wirtschaft nicht zu vermeiden. Im Moment geht es in der Ökonomie trotz steigender Infektionszahlen an vielen Stellen wieder steil bergauf. Deutschland hat sich als Ganzes stabil und resilient gezeigt, viele Menschen außerhalb unserer Grenzen bewundern uns dafür.

Dieses Narrativ, an dem viel Wahres dran ist, hat nur einen Schönheitsfehler: Japan! Das ostasiatische Land ist in Größe, Bevölkerungsdichte, Industrialisierungsgrad und volkswirtschaftlicher Reife gut mit Deutschland vergleichbar. Und hat deutlich bessere Coronazahlen als wir.

Obwohl mit 125 Millionen Personen menschenreicher als Deutschland, verzeichnet Japan bislang nur wenig mehr als 1000 Covid-19-Tote. Deutschland liegt bekanntermaßen bei dieser zentralen Kennzahl mehr als eine Zehnerpotenz höher. Und auch die Zahl der registrierten Infizierten ist in Japan, trotz der auch dort wieder steigenden Fallzahlen, mit rund 60.000 deutlich niedriger als bei uns mit rund 230.000 Fällen.

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    Die unbewiesene These, das könnte genetisch bedingt sein, glaube ich nicht. Und auch nicht der Spekulation, Japan würde „kreativer“ zählen und weniger testen als der Rest der Welt, um die Olympischen Spiele 2021 nicht nochmals verschieben zu müssen. Dagegen sprechen auch weltweite Befragungen, die wiedergeben, wie die Bevölkerung, die Corona ja hautnah erlebt, mit der Pandemie umgeht.

    So sagen nur sechs Prozent der Japaner, das Coronavirus würde bei ihnen Angst auslösen (Deutschland: sieben Prozent), bei fünf Prozent der Japaner führt Corona zu Depressionen (Deutschland acht Prozent) beziehungsweise bei neun Prozent zu einer Zunahme des Alkoholkonsums (Deutschland acht Prozent). Und lediglich bei sechs Prozent der Japaner trägt Corona zu Schlaflosigkeit bei, während die Menschen in Deutschland hier wesentlich sensibler reagieren. 14 Prozent der Deutschen geben an, die Furcht vor dem Virus und seinen Folgen führe bei ihnen zu Schlaflosigkeit. Beide Bevölkerungen weisen im Übrigen im Vergleich zu anderen Ländern in den genannten Kategorien die deutlich besseren Werte auf.

    Der Staat vertraut seiner Bevölkerung

    Was also macht Japan in der Bekämpfung und im Umgang mit Sars-CoV-2 anders? Zunächst hat Japan die guten Zahlen erzielt, ohne einen so weitreichenden Lockdown zu verordnen, wie er in den meisten europäischen Ländern üblich war. Der Ausnahmezustand wurde bereits Ende Mai wieder aufgehoben. Ausnahmen harten behördlichen Durchgreifens waren und sind lediglich äußerst strikte Einreiseregelungen.

    In erster Linie vertraut der japanische Staat auf die Anpassungsfähigkeit der Menschen. Disziplin und Lernfähigkeit sind seit jeher Säulen der dortigen Gesellschaft. Soziale Anpassung reicht offensichtlich aus, um in erheblichem Maße Corona in die Schranken zu weisen. Japaner fügen sich den Empfehlungen der Virologen und anderer Corona-Experten.

    Hier kommt Charles Darwin ins Spiel. Das berühmte Zitat „survival of the fittest“ bedeutet ja nicht, dass der „Fitteste“ überlebt, sondern der, der sich am schnellsten an neue Rahmenbedingungen anpasst. Von daher scheint es in erster Linie eine kollektive Anstrengung zu sein, die das Virus in den Griff bekommt.

    Hilfreich ist dabei, dass Japan als eines der „saubersten“ Länder der Erde gilt. Müll werden Sie auf Tokios Straßen nicht sehen. Hygieneregeln muss sich die japanische Gesellschaft nicht erst jetzt antrainieren. „Aufräumen“ ist Teil der japanischen Philosophie. Auch Abstand zu halten ist eine Sache, die im sozialen Code in Japan nicht erfunden werden muss. Insofern kann der japanische Staat leiten und mit Verboten sparsam umgehen.

    Einen großen Schritt voraus

    Ein weiterer konkreter Vorteil Japans ist die Maske. Während wir uns lange mit der Frage gequält haben, ob eine Maskenpflicht überhaupt sinnvoll ist, und dann eine teils chaotische Beschaffung erleben mussten, ist das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes für die meisten Japaner kein Problem, selbst in den heißen Sommermonaten.

    Mehr als Corona macht den Japanern die Hitze zu schaffen. Allein zwischen dem 10. und 16. August mussten über 12.800 Personen wegen eines Hitzeschlags stationär behandelt werden. Japanische Behörden legten von Anfang an großen Wert auf Schutzmasken.

    Japan profitiert zudem von seiner geografischen Lage. Als Insel ist das Land im Wesentlichen nur mit dem Flugzeug erreichbar. Der europäische Sommertourismus über Grenzen hinweg beispielsweise, den sich viele nicht nehmen lassen und der uns seit einigen Wochen Probleme bereitet, passiert in Nippon so nicht.

    Die Schlussfolgerung, sich abzuschotten, ist bei der wirtschaftlichen Vernetzung Deutschlands mit seinen Nachbarländern indes leider nicht zu leisten. Hier helfen lediglich Appelle, unnötige Reisen in Hotspots und Risikogebiete nicht zu unternehmen, sofern diese nicht wirklich nötig sind.

    Mehr: Angst vor der zweiten Welle: Wie sich Deutschland wappnen kann.

    Curt Diehm ist ärztlicher Direktor der auf Führungskräfte spezialisierten Max-Grundig-Klinik. Der Internist lehrt zudem als außerplanmäßiger Professor an der Universität Heidelberg und ist Autor von über 200 wissenschaftlichen Originalpublikationen sowie vielen Sachbüchern.

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