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Prof. Curt Diehm

Expertenrat – Prof. Dr. Curt Diehm Zu spirituell für Schulmedizin? Manager trauen Ärzten oft nicht

Viele Führungskräfte haben kaum Vertrauen in die Schulmedizin und setzen auf Homöopathie. Die Einstellung geht mit Spiritualität einher. Das ist beängstigend.
18.12.2019 - 10:29 Uhr Kommentieren
36 Prozent der deutschen Führungskräfte betrachten Homöopathie als wirksam. Quelle: IMAGO
Kräuter und Globuli

36 Prozent der deutschen Führungskräfte betrachten Homöopathie als wirksam.

(Foto: IMAGO)

In Deutschland besitzen 18 Prozent der Führungskräfte ein nur „geringes Vertrauen in die Schulmedizin“, vier Prozent haben „kein Vertrauen in die Schulmedizin“. Damit hält mehr als jeder fünfte Manager wenig von den Methoden, mit denen ausgebildete Ärzte in Deutschland behandeln. 36 Prozent der deutschen Führungskräfte betrachten zudem Homöopathie als wirksam, 46 Prozent haben selbst sogar schon einmal Globuli ausprobiert.

Dies sind Ergebnisse, die wir kürzlich in einer repräsentativen Umfrage unter 1000 Führungskräften ermittelt haben. Ich empfinde das als beängstigend. Wir erleben, dass sich immer häufiger Menschen in unserer Gesellschaft von der klassischen Schulmedizin abwenden oder zumindest ergänzend nach alternativen Heilungsansätzen suchen. So glauben 69 Prozent der von uns Befragten, es gäbe Heilungsmethoden jenseits der evidenzbasierten Medizin, die „grundsätzlich und nachhaltig erfolgreich sind“.

Ich verstehe, dass Menschen mit chronischen Beschwerden nach dem Strohhalm greifen. So lässt sich auch erklären, dass mehr befragte Führungskräfte schon Globuli genommen haben als die Anzahl jener, die an deren Wirksamkeit glaubt. Auch die Neugierde auf alternative Behandlungen ist natürlich nachvollziehbar.

Gleichzeitig stimmt mich der weitverbreitete feste Glaube an medizinische Methoden, für die es keine wissenschaftlichen Erklärungen gibt, nachdenklich.

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    Und das selbst unter Führungskräften, die beruflich in vielen Situationen rational handeln müssen. Auch sie sind offensichtlich offen für die Hokuspokus-Medizin.

    Zweifel an Schulmedizin gehen mit Spiritualität einher

    In diesem Zusammenhang möchte ich auf eine aktuelle Diskussion in den USA hinweisen. Vor dem Hintergrund der „Entwissenschaftlichung“ der Medizin hat sich die Food and Drug Administration (FDA) eingeschaltet. Die höchste medizinische Instanz in den USA berichtet von einer neuen Studie, wonach von 98.000 Erwachsenen rund 5000 homöopathische Medikamente regelmäßig zu sich nehmen.

    Die FDA warnt nun die US-Bevölkerung vor Inhaltsstoffen, die nicht ausreichend untersucht sind. Die Behörde zeigt sich zudem tief besorgt, dass in den USA auch für medizinisch umstrittene Behandlung erstaunlich viel Unterstützung über Crowdfunding-Plattformen gewonnen werden kann. Skepsis gegenüber der Schulmedizin ist also keineswegs auf Deutschland beschränkt.

    Bei deutschen Führungskräften ist der Zweifel an der klassischen Medizin auch gepaart mit einer gewissen Spiritualität. Elf Prozent der Führungskräfte sagen, sie seien „ein spiritueller Mensch“. 41 weitere Prozent geben an, „Spiritualität ist mir nicht fremd“.

    Die Distanz zur evidenzbasierten Medizin ist dabei unter jüngeren und weiblichen Führungskräften ausgeprägter als unter älteren und männlichen Führungskräften. Auch bei der Frage nach der Spiritualität liegen die Werte bei den weiblichen Befragten leicht höher, jedoch nicht bei den jüngeren Führungskräften.

    Ein weiterer Beleg für den kritischen Abstand zur Schulmedizin ist die Bewertung von Nahrungsergänzungsmitteln. Deren Konsum halten 25 Prozent für „sinnvoll“ und weitere 30 Prozent „von Fall zu Fall für sinnvoll“. Diese hohe Akzeptanz entspricht nicht meiner Vorstellung von Gesundheit.

    Kein Mensch, der sich vielfältig und gesund ernährt, braucht im Normalfall Nahrungsergänzungsmittel, deren Wirksamkeit wissenschaftlich so gut wie nicht nachgewiesen ist. Trotzdem schmeißen sich inzwischen viele Manager vermeintliche Wunderpräparate ein, die allenfalls einen Placeboeffekt erzielen.

    Das hohe Maß an Distanz gegenüber der klassischen Medizin, kombiniert mit dem ausgeprägten Glauben an die Wirksamkeit alternativer Heilmethoden und von Nahrungsergänzungsmitteln, ist eine Bedrohung unseres bisherigen Verständnisses von Gesundheit. Einen Teil der Verantwortung sehe ich aber auch bei der Ärzteschaft selbst.

    Viele Patienten fühlen sich vom Arzt übersehen. Durch die ökonomisierte Medizin werden die Patienten geradezu weg von der wissensbasierten Medizin getrieben. Apparate und Eingriffe werden vom Gesundheitssystem überbezahlt, Zuhören und Zuwendung kommen in den Fallpauschalen nicht vor. Die Ärzte schauen zu viel auf den Monitor und verlieren dabei den Patienten aus den Augen.

    Die deutsche Ärzteschaft muss schleunigst verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen. Das wird nur über mehr erklärende Gespräche zu Diagnosen und Behandlungen gegenüber Patienten gelingen, auch wenn das nur ein Baustein sein kann.

    Mehr: Das eigene Verhalten zu ändern ist sehr schwer. Mit diesen Tipps schaffen Sie es, sich zu disziplinieren und Diäten und Sport durchzuhalten.

    Curt Diehm ist ärztlicher Direktor der auf Führungskräfte spezialisierten Max-Grundig-Klinik. Der Internist lehrt zudem als außerplanmäßiger Professor an der Universität Heidelberg und ist Autor von über 200 wissenschaftlichen Originalpublikationen sowie vielen Sachbüchern.

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