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Prof. Curt Diehm

Expertenrat – Prof. Dr. Curt Diehm Zurück zu Augenmaß und Fakten: Der Corona-Diskussion droht eine gefährliche Schieflage

Wir müssen Gefährdete schützen, aber gleichzeitig Ruhe bewahren und die Situation besonnen bewerten. Wer in Panik verfällt, verrückt die Maßstäbe.
24.09.2020 - 13:31 Uhr 2 Kommentare
Der gesundheitliche Schutz vor dem Virus hat höchste, aber nicht alleinige Priorität. Quelle: dpa
Covid-Patient in Behandlung

Der gesundheitliche Schutz vor dem Virus hat höchste, aber nicht alleinige Priorität.

(Foto: dpa)

Ich habe lange gezögert, diesen Beitrag zu schreiben. Als Arzt bin ich verpflichtet, Menschenleben zu retten. Das ist das oberste Gebot für Mediziner und Teil des hippokratischen Eides.

Ich fürchte aber derzeit, dass die Diskussion über die Corona-Situation in Deutschland in eine gefährliche Schieflage geraten könnte, die zwar den gesundheitlichen Schutz vor dem Virus in hohem Maße berücksichtigt, aber andere, ebenfalls essenzielle Dinge aus den Augen verliert und dabei auch gerne einmal Fakten übersieht.

Wer in diesen Tagen generell (nicht punktuell) nach „Zügel anziehen“ und „Verschärfungen“ ruft, missversteht aus meiner Sicht den notwendigen Schutz vor Covid-19. Wir können der Eindämmung der Pandemie nicht alles unterordnen. Überspitzt formuliert: Wir hätten dann in Deutschland möglicherweise die wenigsten Corona-Opfer, dafür aber Kollateralschäden in unerträglicher Dimension.

Ich meine damit nicht nur die wirtschaftlichen Kosten, Existenzgefährdungen, Staatsschulden und die Vernichtung von Teilen des Kunst- und Kulturbetriebs. Psychologen warnen vor Traumen bei Kindern und Jugendlichen, der Vereinsamung alter Menschen.

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    Wir dürfen nicht nochmals zulassen, dass Patienten wie zu Zeiten des Lockdowns nicht mehr zum Arzt gehen, es einen Rückstau von Operationen gibt oder Herzinfarkte nicht behandeln werden, weil Menschen fürchten, sich in Kliniken anzustecken. Solche Ängste vor einer Infektion sind schlicht überzogen.

    Gesundheitspolitik in Pandemiezeiten heißt auch, Augenmaß zu bewahren und zu Besonnenheit in der Bewertung aufzurufen. Wer die Maßstäbe verrückt, und sei es aus gut gemeintem Schutz der Bevölkerung, trägt zu einer Spaltung und Radikalisierung der Gesellschaft bei.

    Ich stimme dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm, zu. Der warnt, wir dürften Kritiker der aktuellen Corona-Maßnahmen nicht automatisch in eine Ecke mit Rechtsradikalen und Verschwörungstheoretikern stellen. Man darf skeptische Stimmen nicht mundtot machen. Auch der Deutsche Ärzteverband und einzelne namhafte Virologen raten wohlweislich, bei Corona den „Panikmodus auszuschalten“.

    Für mich birgt die Corona-Pandemie drei primäre Risiken, auf die es gilt, adäquate Antworten zu finden.

    Erstens: Mortalität

    In Deutschland sind bislang an und mit Corona knapp 9400 Menschen gestorben. Diese Zahl erhöhte sich glücklicherweise seit Juni nur langsam. Wir haben seither lediglich an ganz wenigen Tagen zehn oder mehr Todesopfer zu beklagen. Über Monate hinweg hält sich die Sterblichkeit also in sehr engen Grenzen.

    Vor diesem Hintergrund derzeit von einer zweiten Welle zu sprechen ist irreführend, obwohl die Neuinfektionen inzwischen wieder stärker steigen. Die erhöhte Zahl der Neuinfektionen speist sich zu einem gewissen Teil auch aus den inzwischen rund 200.000 Tests pro Tag.

    Die weit überwiegende Zahl dieser Neuinfizierten sind jüngere Menschen, die oft nicht einmal wissen, dass sie Corona haben. Ich habe die Stirn gerunzelt, als bei den Briefings des Robert Koch-Instituts zwar die steigende Zahl der Neuinfektionen zentral kommuniziert wurde, die weniger alarmierende Zahl der Toten jedoch kaum noch Erwähnung fand. Es kann sich rächen, die Bürger nur mit der halben Wahrheit zu informieren.

    Der Zahl von täglich einer Handvoll Corona-Toten steht eine durchschnittliche Sterbezahl in Deutschland von rund 2700 Personen gegenüber. Von Tag zu Tag abweichend ist durchschnittlich etwa jeder 500. Tote in Deutschland ein Corona-Opfer. Das ist nicht erschreckend.

    Von den rund 9400 Corona-Toten in Deutschland sind rund 6000 Personen 80 Jahre und älter. Die Zahl der an Covid-19 verstorbenen Menschen unter 50 Jahren beläuft sich auf rund 100. Corona ist demnach zweifellos eine Pandemie, die ganz überwiegend alte, oft vorerkrankte Menschen trifft. Diese müssen selbstverständlich besonders geschützt werden, sofern der Einzelne dies will.

    Auch wenn die Statistiken aufgrund der immer noch erheblichen Dunkelziffern nicht gänzlich belastbar sind, deutet sich an, dass die Sterblichkeit an Covid-19 bei 0,1 bis 0,2 Prozent liegt. Von 1000 Infizierten würden demnach ein bis zwei Personen sterben, vornehmlich Menschen über 80 Jahre.

    Zweitens: Spätschäden

    Dass Covid-19 dennoch gefährlicher ist als eine Influenza, deren Sterblichkeitsrate sich in dem gerade beschriebenen Bereich bewegt, liegt daran, dass das Sars-CoV-2-Virus gesundheitliche Schäden mit Spätfolgen auslösen kann. Corona ist deshalb keine Grippe und nicht zu unterschätzen!

    Wir wissen noch nicht genau, welche Spätfolgen konkret eintreten und in welchem Umfang dies geschieht. Allerdings leidet eine doch erhebliche Zahl derer, die sich infiziert hatten, etwa an Gedächtnisschwäche und anderen nervlichen Leiden. Sars-CoV-2 ist in diesem Sinn heimtückisch. Man muss es gewiss nicht haben.

    Drittens: Exponentielle Verbreitung

    Das dritte Risiko besteht in der aggressiven Verbreitung. Wir haben etwa in Teilen Norditaliens und Spaniens oder auch in New York gesehen, was passieren kann. Wenn wir im Herbst wieder vermehrt in geschlossenen Räumen leben und arbeiten, werden wie jedes Jahr Erkältungskrankheiten und Influenza verstärkt auftreten. Eine Impfung gegen die herkömmliche Grippe, in der Vergangenheit gerne vernachlässigt, ist demnach Pflicht, insbesondere für Corona-Risikogruppen.

    Mit der kalten Jahreszeit wird dann auch die Immunabwehr im Durchschnitt sinken, während mehr Covid-19-Erkrankungen schwere Verläufe nehmen werden. Wir werden dann in der Tendenz auch wieder mehr Corona-Opfer zu beklagen haben.

    Individuelle Vorsicht, die Einhaltung der AHA-Regeln und eine generelle Achtsamkeit bleiben deshalb selbstverständlich weiterhin oberste Pflicht. Superspreading muss erkannt und mit entsprechenden Maßnahmen eingedämmt werden.

    Mein Fazit lautet: Trotz der Gefahren sollten wir uns unseren Realitätssinn bewahren. Paranoia und panische Ängste sind in Bezug auf die Pandemie nicht nötig. Vernunft im Umgang mit Corona ist ausreichend, um das Virus in Schach zu halten.

    Wir brauchen auch deshalb einen rationalen Umgang mit Corona, weil wir mit dem Virus noch länger leben müssen. Selbst wenn der erste Impfstoff im Laufe des Winters zugelassen werden sollte, bedeutet das ja nicht sofortige Entwarnung. Wir müssen bei den beschleunigten Verfahren mit viele Rückschlägen rechnen, etwa bei der Wirksamkeit.

    Zudem werden zu Anfang gezielt Risikogruppen geimpft werden. Die ersten Impfstoffe müssen ja nicht nur entwickelt und zugelassen, sondern auch produziert, vertrieben und gespritzt werden. All das braucht Zeit. Schon jetzt hat der Kampf um den Zugang zu den vielversprechendsten Vakzinen begonnen.

    Viele Menschen in Deutschland werden sich über längere Zeit nicht impfen lassen. Sei es, weil sie sich anfänglich bei dem radikal verkürzten Zulassungsprozedere als „Versuchskaninchen“ fühlen, sei es, weil sie grundsätzlich zur wachsenden Zahl der Impfgegner gehören.

    Wir werden als Gemeinschaft also nur dann halbwegs gesund und ohne unübersehbare Folgekosten durch diese Pandemie kommen, wenn wir nicht in extreme Positionen verfallen. Panik gilt es also genauso zu vermeiden wie Corona-Leugnern und Verschwörungstheoretikern nachzulaufen.

    Der Staat mit all seinen involvierten Institutionen darf also – zumindest derzeit – mit den Schutzmaßnahmen nicht überziehen, um den Konsens nicht zu gefährden. In der Bekämpfung der Pandemie geht es nicht um Glaubenskriege, sondern um die nüchterne Analyse von Fakten.

    Mehr: Kühlung auf minus 80 Grad: Corona-Impfstoffe stellen Logistiker vor Probleme

    Curt Diehm ist ärztlicher Direktor der auf Führungskräfte spezialisierten Max-Grundig-Klinik. Der Internist lehrt zudem als außerplanmäßiger Professor an der Universität Heidelberg und ist Autor von über 200 wissenschaftlichen Originalpublikationen sowie vielen Sachbüchern.

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    2 Kommentare zu "Expertenrat – Prof. Dr. Curt Diehm: Zurück zu Augenmaß und Fakten: Der Corona-Diskussion droht eine gefährliche Schieflage"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Danke für diesen Kommentar! Tatsächlich haben wir in der Diskussion mittlerweile auf vielen Seiten -offizielle Stellen genauso wie Corona-Leugner- das vernünftige Maß verloren.

    • ein Wort:
      Danke

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