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Klaus Hansen

Expertenrat – Klaus Hansen Warum in vielen von uns ein Kemmerich schlummert

Führungskräften fällt es bisweilen schwer, gute Entscheidungen schnell zu treffen, wie die Ministerpräsidenten-Wahl in Thüringen zeigt. Dabei sind manche Werte nicht verhandelbar.
20.02.2020 - 09:52 Uhr Kommentieren
Das Ablegen des Ministerpräsidenten-Amtseids zählt wohl zu den schlechten Entscheidungen in Kemmerichs Karriere. Quelle: dpa
Thomas Kemmerich

Das Ablegen des Ministerpräsidenten-Amtseids zählt wohl zu den schlechten Entscheidungen in Kemmerichs Karriere.

(Foto: dpa)

Das Wahldebakel in Thüringen mit vielen Verlierern und wenigen Gewinnern hat einmal wieder gezeigt, wie schwer es ist, spontan „richtig“ zu entscheiden. Im Falle des Kurzzeit-Ministerpräsidenten möchte man fast laut rufen: „Si tacuisses!“ („Hättest Du nur geschwiegen!“). Oder, um noch ein anderes lateinisches Sprichwort zu bemühen, „Respice finem!“ („Bedenke die Folgen Deines Handelns!“).

Mit ein bisschen Nachdenken hätte Herr Kemmerich sicherlich sehr schnell selbst erkannt, dass das Ablegen des Amtseides die schlechteste aller Lösungen war. Warum ist das trotzdem geschehen?

Es ist hinlänglich bewiesen, dass der Mensch bei allen seinen Entscheidungen zum überwiegenden Anteil intuitiv entscheidet, also „aus dem Bauch heraus“. Nur ein kleiner Teil der Entscheidung wird tatsächlich „im Kopf“, also auf Basis rationaler Fakten getroffen.

Und mehr noch: Mit zunehmendem Alter nimmt der Anteil der Intuition weiter zu, da jede Minute an Berufs- und Lebenserfahrung den Speicher des Unbewussten weiter anfüllt und damit Heuristiken schafft, die uns helfen, einfacher und sicherer durchs Leben zu kommen, die sogenannte „Altersweisheit“.

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    In Stresssituationen oder in Momenten, wo Entscheidungen in Bruchteilen einer Sekunde zu treffen sind, reagiert der Mensch ohnehin eher reflexhaft und intuitiv. Das Ergebnis sind Handlungen, Aussagen, Entscheidungen, die durch das Unterbewusstsein getroffen werden und damit aber auch das Innere eines Menschen „entlarven“.

    Bauchgefühl statt Ratio

    Und so ist es kein Zufall, dass die unverhoffte Chance auf ein eigentlich nie erreichbares Ministerpräsidentenamt, das damit verbundene Prestige, die Anerkennung, der „historische Moment“, Herrn Kemmerich intuitiv zum Zugreifen „zwang“, ohne sich der Folgen seines Handelns bewusst zu sein.

    Denn dazu benötigt man den Kopf, die Ratio, die in diesem Moment ausgeschaltet war. Die Chance, der zweite FDP-Ministerpräsident in einem deutschen Bundesland zu werden, konnte sich der „Bauch-Kemmerich“ nicht entgehen lassen. Seine Handlung beweist: Er wollte es, schon immer.

    Genauso aber ergeht es tagtäglich jeder Führungskraft, die an verantwortlicher Stelle aus der Situation heraus Entscheidungen zu treffen hat. Spätestens mit Einzug der Digitalisierung, den modernen Kommunikationsmitteln und der damit einhergehenden Informationsflut hat niemand mehr die Zeit, lange über jeder Entscheidung zu „brüten“.

    Und damit nimmt die Gefahr einer Fehlentscheidung zu, weil schlichtweg die Zeit fehlt, die eigenen Gedanken und Gefühle in politisch korrekte Gewänder zu kleiden.

    Das lässt sich immer wieder am Beispiel der „Diversität“ beobachten. Wer das Ziel vieler Unternehmen in Wahrheit für Unsinn hält, dem wird das anerzogene Gutmenschentum nicht helfen, dem „rutscht“ im falschen Moment dann plötzlich doch ein Witz über Frauen, Menschen mit Behinderung oder Ausländer heraus.

    So wie etwa Heiner Merz, AfD-Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg, der sich abfällig über eine Frauenquote äußerte. Oder wie AfD-Ex-Parteichef Alexander Gauland, der schon des Öfteren skandalöse Sätze von sich gab, wie etwa im April 2016, als er den Islam als Fremdkörper bezeichnete. Die Reihe mit weiteren Beispielen ließe sich nahezu beliebig fortsetzen.

    Manager müssen nicht unangreifbar sein

    Was folgt daraus? Sollte man stets seine Worte und Taten wohl überdenken oder nur sagen, was unangreifbar ist? Mitnichten! Das führt nur zu Gleichförmigkeit und Langeweile – sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft.

    Jede Führungskraft sollte sich aber darüber Gedanken machen, ob die eigenen Vorstellungen und Werte mit den Werten des Unternehmens und unserer Gesellschaft konform gehen oder nicht. Es gibt einen allgemein anerkannten Kodex, der nicht verhandelbar ist. Wer zum Beispiel immer noch glaubt, dass Frauen hinter den Herd gehören, gehört nicht ins 21. Jahrhundert.

    Wer nur mit Hilfe des politischen Gegners Ministerpräsident wird, sollte dieses Amt nicht anstreben oder gar annehmen. Wer also an diesen groben Kriterien schon scheitert, sollte besser nach Hause gehen, egal ob als Politiker oder als Manager.

    Fazit: Wer mit beiden Beinen auf dem Boden der demokratischen Grundordnung und der eigenen Unternehmenswerte steht, kann und darf ruhig intuitiv denken, sprechen und handeln. Wer damit trotzdem aneckt, zeigt „Ecken und Kanten“ und besitzt damit ein Profil. Und muss damit dennoch kein Karriereende befürchten, denn die Menschheit lechzt geradezu nach Orientierung und klaren Worten.

    Die Messlatte ist dabei gar nicht hoch, aber schon 2.000 Jahre alt: „Nicht alles, was das Recht erlaubt, erlaubt auch der Anstand“, schrieb einst Seneca, ein römischer „Top-Management-Coach“. Wer danach handelt, egal ob intuitiv oder nicht, handelt stets weise und bedenkt die Folgen.

    Mehr: Nur ein geringer Anteil der Manager hat laut einer Studie wegen Künstlicher Intelligenz Angst um seinen Job. Sind Führungskräfte zu gelassen?

    Klaus Hansen ist Partner der Personalberatung Odgers Berndtson und leitet die Practices „Board & Chair“ sowie „CEO“ in Deutschland. Für das Handelsblatt schreibt er über aktuelle Themen rund um Topmanager, Führung und Karriere.

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