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Marcus Schreiber

Expertenrat – Marcus Schreiber Klima- und Coronakrise folgen ökonomisch unterschiedlichen Logiken

Zwei Herkulesaufgaben, unterschiedliche Antworten: Die Anstrengungen im Kampf gegen Covid-19 lassen sich nicht einfach beim Klimaschutz wiederholen.
28.09.2020 - 12:08 Uhr Kommentieren
Der Kampf gegen den Klimawandel bedarf nicht nur eines Maßnahmenpakets – es muss dafür gesorgt werden, dass alle Akteure gleichermaßen dagegen angehen. Quelle: AFP
Greta Thunberg, Luisa Neubauer, Angela Merkel

Der Kampf gegen den Klimawandel bedarf nicht nur eines Maßnahmenpakets – es muss dafür gesorgt werden, dass alle Akteure gleichermaßen dagegen angehen.

(Foto: AFP)

Nachdem Greta Thunberg und weitere Klimaaktivisten kürzlich Angela Merkel im Kanzleramt besucht hatten, verbreiteten sie das Statement, die Corona-Hilfspakete hätten doch gezeigt, dass die Welt in Zeiten großer Krisen zu gemeinsamen Kraftanstrengungen in der Lage sei. Dies müsse man nun zur Abwendung der Klimakrise wiederholen. Die mediale Echokammer wiederholte diesen Appell, ohne dass ernsthaft diskutiert wurde, dass es sich beim Klimawandel um eine fundamental andere Art der Herausforderung handelt.

Bei den Corona-Rettungspaketen handelt es sich um Keynesianismus in seiner reinsten Form: Schnell wirksame Maßnahmen, die den Nachfrageausfall kompensieren, verhindern eine Negativspirale von fallenden Einkommen und damit weiter fallender Nachfrage. Aber dies ist eine makroökonomische Diskussion. Als Spieltheoretiker interessiert mich vor allem die komplett unterschiedliche Anreizsituation der „Akteure“ (in der Spieltheorie „Spieler“ genannt), also der Regierungen.

Die Corona-Rettungspakete wirken im eigenen Land, unabhängig davon, was die anderen Länder machen. Daher waren, abstrakt gesprochen, die weltweiten Corona-Hilfspakete die Summe dominanter Einzelstrategien, die sich in Europa durch gemeinsames Handeln positiv verstärkten. Sie waren nicht das Ergebnis einer weltweiten Koordination für das große, gemeinsame Ganze. Und genau deshalb stimmt die Analogie zwischen den Corona-Maßnahmen und dem Kampf gegen den Klimawandel nicht, denn im Klimakampf sehen die Anreize völlig anders aus.

Zumindest für die kleinen und mittelgroßen Staaten besteht beim Kampf gegen den Klimawandel die sogenannte Trittbrettfahrerproblematik. Der Beitrag jedes dieser Länder bei der CO2-Einsparung ist weltweit gesehen marginal, der Effekt im eigenen Land kaum messbar, und dennoch hätte die jeweilige Bevölkerung die gesamten Kosten der Anstrengungen zu tragen. In der Konsequenz machen viele nichts und fast alle zu wenig.

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    Wie bekommt man alle zur Kooperation?

    Selbst Europa als Ganzes kann nur etwa 20 Prozent zur Reduktion der globalen Klimaerwärmung beitragen. Das ist erheblich, wenn alle oder die meisten anderen Länder auch mitmachen, verpufft aber, wenn Europa weitestgehend allein bleibt. Die strategische Herausforderung ist dem berühmten „Gefangenendilemma“ nicht unähnlich, aber glücklicherweise doch anders.

    Denn beim Gefangenendilemma handelt es sich um ein sogenanntes „Einmalspiel“, bei dem die Spieler nur einmal eine Entscheidung treffen und sich dabei weder koordinieren noch beobachten können. Dies ist bei der Bekämpfung des Klimawandels anders. Hierbei handelt es sich um ein „Mehrperiodenspiel“, in dem Koordination nicht nur möglich, sondern sogar der Schlüssel zum Erfolg ist.

    Stellen wir uns die Welt als leck geschlagene, schwimmende Insel vor, die dadurch im Laufe der nächsten 100 Jahre zu versinken droht. Wir diskutieren nun in Europa vor allem, wie wir auf unserem Gebiet ein Leck abdichten können und ob wir unter Aufbringung all unserer Ressourcen eine Pumpe bauen könnten, die ein paar Prozent des einlaufenden Wassers fortschafft. Das alles allein würde das Versinken der Insel nur um ein paar Jahre verschieben. Die alles dominierende Frage müsste also nicht lauten, wie wir unseren Teil der Insel ein bisschen besser abdichten, sondern wie wir alle anderen Länder dazu bringen können, ebenfalls die Lecks zu flicken.

    Angesichts von fünf Milliarden Menschen in prekären Lebensumständen, autokratischen Regimen und kurzfristig denkenden Demokratien dürften moralische Appelle zum Mitmachen weiterhin an sehr starre Grenzen stoßen. Was also tun?

    Eine Verhandlungslösung auf einer riesigen Klimakonferenz mit 200 Staaten ist eine Illusion. Ein Patentrezept gibt es nicht, aber grundsätzlich kann eine Lösung nur „von innen nach außen“ gefunden werden, also durch einen Nukleus an wesentlichen Staaten oder Handelsblöcken, die dann Schritt für Schritt mit einer Kombination aus Anreizen und Zwang, wie Handelssanktionen oder Zöllen, immer mehr Staaten einbinden. Wenn und sofern in die US-amerikanische Politik wieder Verstand einkehrt, könnte ein bilaterales Abkommen zwischen EU und Nafta der wesentliche erste Schritt sein, um dem Klimaproblem mit genügend Marktmacht und politischem Gewicht zu entgegnen und ein Momentum zu erzeugen.

    Allein vorangehen bringt nichts

    Vorbild für die Verhandlungen eines solchen Abkommens könnten die Abrüstungsgespräche zwischen den USA und der Sowjetunion aus den Neunzigern sein. Die USA wählten nicht den Weg der einseitigen Abrüstung, sondern sie rüsteten erst auf, um Verhandlungspfunde zu haben, um später gemeinsam mit der Sowjetunion abzurüsten.

    Jede Verhandlung mit den USA zur CO2-Reduzierung muss einen solchen konditionalen Charakter haben: „Wir sind bereit, wesentlich mehr für den Klimaschutz zu tun, wenn ihr auch mitmacht und wir dann gemeinsam unseren Einfluss und unsere Handelsmacht nutzen, um andere Staaten ebenfalls zum Mitmachen zu bewegen.“ Gewichtige Staaten oder Handelsblöcke bilden somit eine Art Gravitationszentrum, das andere Staaten auf einen gemeinsamen Kurs zwingt.

    Im Alleingang vorweg marschieren sollten Deutschland und die EU aber nicht. Ja, wir müssen die Pariser Klimaziele einhalten, schon um bei internationalen Verhandlungen Glaubwürdigkeit zu bewahren. Aber jeder einseitige Schritt darüber hinaus wäre eine Verschwendung von Verhandlungsmasse.

    Denn dies führt zu einem völlig kontraintuitiven Ergebnis: Wenn der Schlüssel zur Klimarettung in der schrittweisen Integration von mehr und mehr Ländern liegt, wären einseitige CO2-Einsparungen über die Pariser Ziele hinaus sogar de facto klimaschädlich. Sie verstärken nur das Trittbrettfahrerproblem und werden nicht eingesetzt, um andere Staaten zum Mitmachen zu bewegen. Die Wirkung als Katalysator würde verpuffen.

    Jeder in meinem Umfeld, mich eingeschlossen, ist bereit, Opfer zu erbringen, solange es dem Klima wirklich hilft. Aber so komplex und frustrierend langsam die Lösung des Problems auch ist: Es kann nicht sinnvoll sein, sich selbst in den Fuß zu schießen, nur um das Gefühl zu haben, etwas getan zu haben.

    Um beim Bild der sinkenden Insel zu bleiben: Solange nicht hinreichend viele „Spieler“ mitmachen, müsste die deutsche Regierung ein Rettungsboot für die eigene Bevölkerung bauen, statt vergeblich allein zu versuchen, die Insel zu retten.

    Die wirtschaftlichen Berater der Regierung drängen schon jetzt darauf, dass alle über Paris hinausgehenden Maßnahmen sich auf die Abfederung der Folgen des Klimawandels im eigenen Land konzentrieren müssen. In diesem Fall würde der Vergleich zwischen Corona-Rettungspaketen und Klimamaßnahmen wieder passen.

    Mehr: Warum Diskriminierung nicht nur verwerflich, sondern auch ökonomisch unsinnig ist

    Marcus Schreiber ist Gründungspartner und Chief Executive Officer bei TWS Partners. Er verfügt über langjährige Erfahrung im strategischen Einkauf und breites Branchen-Know-how. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich strategischer Einkauf, angewandte Industrieökonomik und Market Design. Außerdem unterstützt er Unternehmen dabei, spieltheoretisches Wissen in komplexen Vergabeentscheidungen anzuwenden.


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