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Marcus Schreiber

Expertenrat – Marcus Schreiber Was der America’s Cup und der US-Wahlkampf gemeinsam haben

Wer in Führung liegt, sollte den Gegner nicht überraschen. Das lässt sich aus der Spieltheorie herleiten – und gilt auch für Joe Biden.
31.10.2020 - 09:10 Uhr Kommentieren
Will der demokratische Kandidat seinen Vorsprung zur Präsidentschaftswahl verteidigen, muss er vor allem machen, was Trump macht. Quelle: dpa
Joe Biden

Will der demokratische Kandidat seinen Vorsprung zur Präsidentschaftswahl verteidigen, muss er vor allem machen, was Trump macht.

(Foto: dpa)

Je näher die Wahlen in den USA kommen, desto öfter gerate ich in Diskussionen mit Freunden und Bekannten, die verzweifelt ihr altes Amerika wiederhaben und deshalb Trump um alles in der Welt loswerden wollen. Und dann kommt immer wieder der Ruf: „Haben die Demokraten denn wirklich keinen charismatischeren Kandidaten?“

Nun, mehr Charisma wäre sicher gut, aber als Spieltheoretiker schaue ich jenseits politischer Inhalte und Sympathien etwas anders auf den US-Wahlkampf, und aus meiner Sicht macht Joe Biden ziemlich viel richtig.

Tun wir vereinfachend so, als hätte der „Spieler“ Biden nur zwei strategische Optionen: entweder sehr profiliert aufzutreten und eine detaillierte Vision seiner möglichen Präsidentschaft zu entwerfen oder eben als der nette Onkel von nebenan, vor dem sich niemand fürchten muss. Einmal davon abgesehen, dass ein gespaltenes Amerika einen netten Präsidenten gut gebrauchen könnte, ist es auch exakt die richtige Strategie für einen Wahlkämpfer, der auf der Zielgeraden in Führung liegt.

Dass es sich hierbei um keine Trivialität handelt, zeigt ein Blick auf den deutschen Wahlkampf 2005, als Angela Merkel dieses Prinzip nicht beherzigte und ihren großen Vorsprung auf Gerhard Schröder fast komplett verspielte.

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    Merkel hatte einen profilierten Wahlkampf geführt und lag klar in Führung. Anstatt die Welle, die sie trug, einfach nur zu Ende zu reiten, versuchte Merkel, zusätzlich Fahrt aufzunehmen, indem sie den politisch völlig unerfahrenen Steuerfachmann und Professor Paul Kirchhof in ihr Kompetenzteam aufnahm. Der Rest der Geschichte ist bekannt. Schröder verspottete ihn als „Professor aus Heidelberg“, gab dem Wahlkampf eine völlig neue Wendung und schaffte am Ende fast noch ein Patt.

    Ich traue mich zu behaupten, dass Merkel dies nicht passiert wäre, wenn sie einen spieltheoretisch denkenden Berater an ihrer Seite gehabt oder aber sich für den America’s Cup interessiert hätte.
    Diese internationale Segelregatta ist ein sogenanntes Match Race. Dabei treten jeweils zwei Jachten so lange zu Wettfahrten an, bis eine Seite genügend Siege auf dem Konto hat. Eine der strategischen Herausforderungen dieses Sports ist es, eine Führung auch sicher ins Ziel zu bringen, und da lautet die Grundregel: Das in Führung liegende Boot macht, wenn der Verfolger etwa gleich schnell ist und im gleichen Wind segelt, von sich aus am Ende des Rennens keine Manöver mehr, sondern reagiert nur noch auf die Manöver des Verfolgers.

    Übersetzt heißt das: „Selbst wenn ich überzeugt bin, dass eine Wende das Richtige wäre, mache ich keine – denn wenn ich mich irre, verspiele ich den Vorsprung.“ Dagegen gehe ich alle Manöver meines Gegners mit, auch wenn ich sie für falsch halte.

    Beispiel iPhone: Disruptive Änderungen bleiben unberechenbar

    Auf die Politik übertragen bedeutet diese Strategie des „Manöverkopierens“, seinem Gegner den Wind aus den Segeln zu nehmen. Merkel hat aus ihrem Fehler von 2005 gelernt. Wann immer die SPD meinte, ein neues Thema gefunden zu haben, nahm es Frau Merkel auf, betonte, das sei ein wichtiger Punkt, den die CDU nur etwas anders ausgestalten wolle. Die SPD hatte strategisch keine Chance, diese Lücke zu schließen.

    Für Unternehmen sind solche Überlegungen bei Markteintritten, Produkteinführungen oder beim Verteidigen der eigenen Marktführerschaft besonders wichtig. Nokia beispielsweise war in den Jahren der eigenen Marktführerschaft nie der große technische Innovator. Die Herausforderer hatten viel höheren Innovationsdruck, sofern sie zu Nokia aufschließen wollten, und trugen somit auch das Risiko des Scheiterns. Nokia dagegen konnte die Markteinführungen beobachten und auf jedes gelungene technische Wendemanöver mit der Wucht der eigenen Marke sehr schnell reagieren.

    Aber das funktioniert eben nur bei evolutionären Schritten und nicht bei disruptiven Ereignissen. Als Apple mit dem iPhone samt Touchscreen auf den Markt kam, veränderte sich das Spiel fundamental. Die Kunden wollten ab da ein anderes Produkt als zuvor.

    Zurück zu Biden, der Trump nicht kopieren kann und soll, aber dessen Attacken er ins Leere laufen lassen muss. Bidens Vorsprung ist seit Monaten stabil. Seine einzige Aufgabe war es, darauf zu achten, dass keines von Trumps Manövern dem Wahlkampf einen neuen Charakter gibt.

    Und Trump selbst? Für ihn war das Spiel am Ende genau andersherum. Trump hat auf der Zielgeraden fast nichts mehr zu verlieren, und wenn er das Blatt noch wenden will, sieht er sich zu immer riskanteren Manövern gezwungen. Man könnte daher in Trumps immer erratischeren Auftritten sogar so etwas wie Strategie erkennen.

    Außerdem besagt eine Grundregel der Spieltheoretiker: „Wenn ich ein Spiel nicht gewinnen kann, muss ich versuchen, die Regeln des Spiels zu ändern.“ Vielleicht hat Trump die Wahl schon abgeschrieben, und er legt jetzt die Grundlage, um nach anderen Regeln, nämlich über Wahlanfechtung, im Amt zu bleiben. Hoffen wir für die amerikanische Demokratie, dass ich sein Spiel nicht verstanden habe.

    Mehr: Diese Branchen würden von einem US-Präsidenten Joe Biden profitieren – auch in Europa.

    Marcus Schreiber ist Gründungspartner und Chief Executive Officer bei TWS Partners. Er verfügt über langjährige Erfahrung im strategischen Einkauf und breites Branchen-Know-how. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich strategischer Einkauf, angewandte Industrieökonomik und Market Design. Außerdem unterstützt er Unternehmen dabei, spieltheoretisches Wissen in komplexen Vergabeentscheidungen anzuwenden.


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