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Bernd Thomsen

Expertenrat – Prof. Bernd Thomsen Mobilitätswende? Deutschlands Autohersteller haben (k)eine Chance!

Mobilität der Zukunft wird die Gesellschaft epochal verändern, aber anders als erwartet. Verstehen, was Menschen bewegt, ist die Überlebenschance der Industrie.
24.01.2020 - 10:04 Uhr 1 Kommentar
Elektrisch, aber nicht autonom: Der Daimler-Konzern – und mit ihm viele andere – müssen sich von Herausforderern außerhalb der Autoindustrie inspirieren lassen, was die Zukunft der Mobilität betrifft. Quelle: dpa
Mercedes-Konzept AVTR

Elektrisch, aber nicht autonom: Der Daimler-Konzern – und mit ihm viele andere – müssen sich von Herausforderern außerhalb der Autoindustrie inspirieren lassen, was die Zukunft der Mobilität betrifft.

(Foto: dpa)

Hamburg, Miami „Warum können mir nicht einfach die Sticks im Auto serviert werden?“, empörte sich meine kleine Tochter lautstark, während wir vor einigen Tagen in Miami mit dem Auto zu einer Verabredung fuhren. Sie war hungrig und hatte sich ihre geliebten Mozzarella-Sticks einer Fast-Food-Kette gewünscht. Nur leider war kein „Drive Thru“ in Sicht.

Was man als infantile Fantasie abtun könnte, wird für die Kinder meiner Tochter tatsächlich Alltag sein. Und sie beschreibt treffend die Zukunft von Mobilität: Statt computergestütztem Auto wird uns ein Computer bewegen. Steuer-freie Autos werden autonom fahren und fliegen. Ob diese faszinierenden Auto-Mobile, die viel mehr verändern als unsere Art der Fortbewegung, allerdings aus Deutschland kommen, ist nicht ausgemacht.

Autonome Fast-Food-Cars, wie meine Tochter sie sich wünscht, sind kein Kinderkram. Und schon gar nicht, wenn man die Zukunft der Automobilindustrie unter die Lupe nimmt:

Für Deutschland geht es um wirtschaftliche Stärke. Bis zu 3,8 Millionen Beschäftigte in Deutschland hängen unmittelbar oder mittelbar an dieser Schlüsselindustrie. Ihr nationaler Branchenverband VDA kündigte gerade bis 2030 den Wegfall von 70.000 Arbeitsplätzen an, neue Beschäftigungsverhältnisse durch Elektroantriebe schon eingerechnet. Es werden jedoch erheblich mehr sein! Die Nationale Experten-Plattform „Zukunft der Mobilität“ (NPM), die die Bundesregierung berät, sieht bis zum Ende des Jahrzehnts 410.000 Arbeitsplätze gefährdet. Daran ändern auch die aktuellen positiven Zahlen der deutschen Autoindustrie, bedingt durch ausländische Produktion, nichts. 2019 schrumpfte der Auto-Weltmarkt, die inländische Herstellung ging laut Ifo-Institut letztes Jahr um 8,9 Prozent zurück, nachdem sie bereits 2018 um 9,3 Prozent verloren hatte. In diesem Jahr kommen noch erschwerend die neuen CO2-Strafsteuern hinzu.

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    Die deutsche Automobilindustrie ist also gerade maximal verwundbar. Sie hat nicht nur mit konjunkturellen Herausforderungen zu kämpfen, sondern auch mit sinkenden Margen, während sie parallel in Elektromobilität investieren muss, bei der sich 2019 laut Deutscher Umwelthilfe unter den ersten 20 der weltweit zugelassenen Elektroauto-Marken keine einzige deutsche fand. Doch das Thema autonome Mobilität wird noch ganz andere Umbrüche erfordern.

    Die Chancen stehen nur 50:50, dass die deutsche Automobilindustrie in zehn Jahren noch zur Weltspitze gehört.

    Das sagt VW-Chef Diess über seine Branche, die 100 Jahre ein Geschäftsmodell verfolgte, dessen Ende offensichtlich vor der Tür steht. Dabei waren die Deutschen schon vor über einem Vierteljahrhundert auf der richtigen Fährte, etwa mit dem Mercedes-Projekt „Prometheus“, bei dem es um Vorstufen für das autonome Fahren und Fliegen ging. Doch Daimler-Benz Chef Jürgen Schrempp strich die Pläne seines Vorgängers Edzard Reuter. Aus dem anfänglichen Geheimprojekt „Denver Cleveland“, für das die selbstfahrenden und -fliegenden Autos aufgegeben wurden, entstand das Milliardengrab Daimler-Chrysler AG.

    In den Tagen vor Gottlieb Daimler und Karl Benz, den Männern, die vor 134 Jahren das Auto erfanden, dachte man die Zukunft der Mobilität in unbeherrschbaren Massen an Kot der Kutschpferde, in dem Städte wie New York untergehen würden. Damals fiel es den Menschen schwer, sich Transport ohne Pferde vorzustellen. Heute fällt es den Menschen schwer, sich motorisierte Fortbewegung ohne Hand am Steuer vorzustellen.

    Auf der weltweit führenden Hightech-Messe in Las Vegas, der „Consumer Electronics Show“, kurz CES, die immer mehr Automobilmessen zu ersetzen scheint, zeigte sich deutlich, dass die Konkurrenz aus allen Ecken kommt: von Zulieferern wie Bosch, Conti, ZF, über neue Autofirmen wie Tesla aus den USA (die bald auch in Deutschland produzieren) und Byton aus China (deren Screen von der Fahrer- bis zur Beifahrertür reicht). Tech-Firmen wie Google und Apple gehören ebenso zu den Wettbewerbern wie branchenfremde Unternehmen. 

    Ein gutes Beispiel ist der Playstation-Erfinder Sony, der auf der CES ein eigenes Konzeptauto präsentierte. Genau wie Mercedes. Beide mit Lenkrad-Funktion. Mercedes betont, dass ihre Autostudie „erheblich weiter in die ferne Zukunft als üblich gedacht sei“, dennoch gibt es nach wie vor „ein multifunktionales Bedienelement“ zur Lenkung des Fahrzeugs. 

    Die Marke mit dem Stern irrt diesmal!

    Anno dazumal brauchte man fast gar keine Pferde mehr – und so wird es auch den Autos mit Lenkrad ergehen. Das „fast“ machen zwei branchenfremde Vergleiche deutlich: Obwohl einerseits Vinyl-Schallplatten und andererseits das Jagen heutzutage wieder in Mode sind, finden es 95,6 Prozent der Deutschen einfacher, Musik ohne Plattenspieler zu hören. Und 99,5 Prozent ziehen es vor, sich ihre Nahrung nicht selbst zu schießen.

    Fakt ist: Auch in ferner Zukunft wird es noch von Menschenhand gelenkte Autos geben. Aber sie werden im Rahmen eines zukunftsfähigen Mobilitätskonzepts einen verschwindend geringen Teil ausmachen. Die absolute Mehrzahl der Menschen wird es bevorzugen, sich nicht selbst ums Fahren kümmern zu müssen. Um den Slogan einer Premiummarke aus München aufzugreifen: Die Zukunft der Mobilität ist geprägt von Freude beim Fahren nicht von Freude am Fahren.

    Wenn das Steuern der Autos die Aufmerksamkeit der Menschen nicht mehr erfordert, können sie dabei ihre Zeit für unzählige Dinge nutzen, die ihnen lieb sind. Das ist das Entscheidende! Deshalb braucht es statt Mobilität einen neuen Begriff, der die mobile Zukunft treffender beschreibt: Moved Life.

    Moved Life wird das 21. Jahrhundert epochal verändern. Und ungeahnte Möglichkeiten bieten

    Die Erfindung des Autos transformierte das Leben im 20. Jahrhundert, Moved Life beschreibt, wie wir künftig – in Bewegung – leben werden. Es geht darum, was innerhalb der Fahrzeuge stattfindet.

    Wir werden ein Leben in Bewegung als ganz selbstverständlich ansehen. Es geht also um viel mehr als nur volatile Mobilität.

    Moved Life erschließt völlig neue Märkte, weil es das menschliche Bedürfnis nach Vereinfachung in einer bewegten Welt weiterdenkt als der tradierte Mobilitätsbegriff, der sich noch immer in Streckenüberwindung von A nach B definiert. In einem von A bis Z mobilen Leben wird die alte Transportidee zur Nebensache. Dieser Gedanke erschließt völlig neue Geschäftsfelder (wo verdient ein Unternehmen Geld) und Geschäftsmodelle (wie verdient ein Unternehmen Geld).

    Moved Life ist die Chance der deutschen Autohersteller!

    Heute treffen sich zwei Menschen, sagen wir Marie und Paul, in einem Café, zu dem sie von unterschiedlichen Orten kommen. Ein Coffeecar würde ihren Alltag erleichtern, weil die beiden ihre komplette Zeit mit dem verbringen könnten, was sie sich eigentlich wünschen: das Gespräch. Marie sitzt dann zum Beispiel schon im Coffecar, weil sie von einem Geschäftstermin kommt und am Laptop arbeitet, und Paul steigt von zu Hause aus zu. Sie könnten ihre gesamte Zeit nutzen, um sich prächtig zu unterhalten und – dank digitaler Technologie – am gemeinsamen Zielort ankommen, wo Marie mit einem Kunden verabredet ist und Paul mit einem Freund. Diese Vereinfachung führt zu einer positiven Emotionalisierung neuer Mobilitätsangebote und damit zu einer zunehmenden Normalisierung.

    Für Marie und Paul wird es völlig normal sein, ihre Aktivitäten in Bewegung zu tun: Sie werden mobil trainieren, arbeiten oder entspannen, shoppen, fernsehen, schlafen oder essen.

    Moved Life kann auch die zunehmende Landflucht beziehungsweise Urbanisierung positiv beeinflussen. Ein Leben in einfacher und sinnvoll genutzter Bewegung könnte Stadt und Land verbinden und damit der Verkümmerung ländlicher Räume ein Ende setzen.

    Akio Toyoda, Enkelsohn des Firmengründers und CEO von Toyota, der mit 17 Milliarden Dollar gewinnträchtigste Autobauer der Welt (vor VW mit 14,3 Milliarden Dollar), lässt gerade in Japan eine Stadt der Zukunft, vielleicht des Jahres 2048, als „lebendes Labor" bauen, um auch mobile Geschäfte und mobile Büros in realen Umgebungen erlebbar zu machen. Ob die Größe der Toyota-Stadt von 70 ha (immerhin deutlich größer als Googles Planung in Toronto von 5 ha) alle Vorteile von Moved Life vollständig zu repräsentieren vermag, bleibt abzuwarten.

    Moved Life hat weitere Vorteile: weniger umweltschädliche Autos (voll recyclebare Batterien), weniger tote Lebenszeit (keine Staus) und weniger Verkehrstote, denn der Computer wird nicht müde oder reagiert gereizt, wenn vor ihm einer trödelt. Und ich hätte meine Tochter auf unserem Weg zur Verabredung sicher und entspannt zu ihrem Lieblingsessen einladen können, würde es ein Fast-Food-Car geben. Wenn das keine guten Aussichten des Wandels sind.

    Lesen Sie im zweiten Teil am kommenden Freitag, welche heute entscheidenden vier Aspekte die deutsche Autoindustrie beachten muss, um die Moved-Life-Chance nutzen zu können.

    Prof. Bernd Thomsen, ist CEO der Thomsen Group, die führende globale Managementberatung mit Zukunftsexpertise. Er blickt mit seiner Tochter für das Handelsblatt regelmäßig in die Zukunft.

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    1 Kommentar zu "Expertenrat – Prof. Bernd Thomsen: Mobilitätswende? Deutschlands Autohersteller haben (k)eine Chance!"

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    • Das hat das Management der Autohersteller immer noch nicht verstanden. Einzige Digitalisierung in diesem Bereich war der Softwarebetrug zum Zweck der Dieselabgaswertemanipulation. Dass die Autoindustrie nur noch zum Zulieferer der IT-Industrie mutiert und in Bedeutungslosigkeit versinkt ist den Verantwortlichen scheinbar egal oder sogar unfähig das Risiko richtig einzuschätzen.

      Chef der Porsche AG, Oliver Blume: „Wir dürfen die deutsche Automobilindustrie nicht verteufeln. Am Ende geht es um rund ein Siebtel aller Arbeitsplätze in Deutschland. Wir wollen ja auch weiterhin eine Zukunft als Wohlstandsnation haben. Das wird nicht gehen, wenn wir den Ast absägen, auf dem wir sitzen.“

      Die Automobilindustrie beweist aktuell nur das Gegenteil.
      All das geschieht dann unter der Duldung der scheinbar inkompetenten Bundesregierung und des zuständigen KBA. Inkompetentes Digitalisierungkabinett, mit immer den gleichen inkompetenten Beteiligten hilft hier nur wenig. Egal wo man sich umschaut. Mobilfunk, Klima, etc… Keine klare Regeln und fehlende Umsetzung helfen der Industrie nur wenig.

      Pferdekutsche war am 29. Januar 1886 (Carl Benz erhielt sein erstes Patent zum „Automobil“) auch kaum wegzudenken. Da hätte der Verband der "Pferdekutschenindustrie" genauso argumentieren können „Wir dürfen die deutsche Pferdekutschenindustrie nicht verteufeln. Am Ende geht es um rund …. aller Arbeitsplätze in Deutschland. ….Das wird nicht gehen, wenn wir den Ast absägen, auf dem wir sitzen.“
      Aus Erfahrung wissen wir, dass sich das Automobil durchgesetzt hat, egal was die Verantwortliche, Beteiligte und Kritiker damals behautet haben.

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