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Bernd Thomsen

Expertenrat – Prof. Bernd Thomsen Trump oder Nicht-Trump? Was zur US-Wahl wichtig ist – und was das Wichtigste

Gewaltige Dominosteine aus Demokratie-Demolierung und Despoten-Dominanz könnten bald die Freiheit unserer Kinder erschlagen. Aber es gibt Hoffnung.
30.10.2020 - 08:54 Uhr Kommentieren
Bei der US-Wahl geht es nicht nur um das Präsidentenamt, sondern die Demokratie an sich. Quelle: dpa
Donald Trump

Bei der US-Wahl geht es nicht nur um das Präsidentenamt, sondern die Demokratie an sich.

(Foto: dpa)

Hamburg, Miami „My flag, my flag!“, rief meine kleine in Miami geborene Tochter, als wir vor ein paar Tagen an einem Meer internationaler Flaggen vorbeifuhren. Dabei zeigte sie mit leuchtenden Augen auf das US-Banner. Sie trägt noch diese kindlich positive Sicht auf das Land der chancenreichen Freiheit in sich, die viele Erwachsene gerade dabei sind zu verlieren.
Ein Grund dafür ist der, wahlweise, „Rassist“, „Lügner“ oder „Clown“ im Weißen Haus, als den Präsidentschaftskandidat Joe Biden seinen Kontrahenten Donald Trump bei der ersten Fernsehdebatte bezeichnete.

Wie steht es um Trumps Chancen?

Vertraut man den Marktforschungsfirmen, ist die Chance, dass Trump die Wahl – mit der vielleicht höchsten Wahlbeteiligung seit mehr als hundert Jahren – gewinnt, genauso hoch, als würden Sie versuchen, auf Anhieb eine Eins zu würfeln. Man habe aus den Fehlern der letzten Wahl gelernt, vermelden Marktforscher, insbesondere in den einzelnen US-Staaten. Stolz loben sie ihre nun eingesetzten Telefoninterviews – trotz deren bekannter Schwächen.

Ungereimtheiten belasten die Vorhersage, dass Trump kaum gewinnen werde. So haben die Republikaner in wichtigen „Swing States“, in denen der Wahlausgang noch ungewiss ist, die Zahl der registrierten Wähler im Vergleich zu 2016 deutlich steigern können. Unklar ist auch, in welchem Umfang sich fremde Staaten wie der Iran, China und – wie schon 2016 mutmaßlich zum Vorteil Trumps – Russland in krimineller Weise in die Wahl einmischen.

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    Dennoch gibt es ein wichtiges Indiz, dass Trump selbst nicht mehr an seine Wiederwahl glaubt: Er hat, was nur wenige Male vorkam, auf seine Berater gehört und sich bei der letzten Fernsehdebatte disziplinierter gegeben als zuvor.

    Die breite Ablehnung von Trump durch aufgeklärte Medien und Bürger half ihm bisher. Damit punktete er als Feind der Feinde der amerikanischen Mittelschicht, die sich zu oft der Verachtung der „linksintellektuellen Oberklasse“ ausgesetzt fühlte. Trumps Spaltung der Gesellschaft rückt sogar sonst wahlentscheidende Fragen in den Hintergrund. Während seiner Amtszeit hat es keinen Krieg gegeben, und die Arbeitslosigkeit befand sich vor Corona mit 3,5 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit Dezember 1969. Am Ende aber wird wohl gerade die Spaltung der Nation dem versöhnenden Joe Biden eine Vereidigung zum US-Präsidenten bescheren können.

    Trump begreifen

    Der Republikaner Chris Christie bezeichnete Trump als „Entertainer in Chief“. Und tatsächlich treibt diesen Mann weder Politik noch Unternehmertum an, das Wohl anderer Menschen schon gar nicht. Auch Inhalte nicht wirklich. Sondern nur eines: seine eigene Geltungssucht, der er selbst während und nach seiner Covid-19-Erkrankung nicht abzuschwören vermochte. Obwohl in den USA nur rund vier Prozent (im Vergleich: Deutschland ein Prozent) der Weltbevölkerung leben, entfallen nahezu 20 Prozent (Deutschland 0,1 Prozent) der weltweiten Corona-Toten auf die USA. Ein trauriges Plus von 500 Prozent. Eine Zahl, die dem Leid der Erkrankten und Angehörigen der Verstorbenen nicht gerecht werden kann, aber das Handeln des US-Präsidenten in Krisenzeiten offenbart: leugnen und herunterspielen.

    Das manipulative Repertoire hat in der Ära Trump zugenommen: Schikanen wie die Schließung von Wahllokalen an Orten, wo viele Wähler der Demokraten leben, erschweren den Wahlprozess. Weil viele Amerikaner keinen Ausweis besitzen, erkennt zum Beispiel Texas stattdessen einen Waffenschein an, was den öfter bewaffneten Republikanern einen Vorteil verschafft.

    Laut der Nachrichtenagentur Reuters hat nur noch rund ein Drittel der Amerikaner Zutrauen zu Trumps Krisenmanagement. Mehr noch: Viele haben das Vertrauen in die Demokratie verloren, welches das Fundament ihres Gelingens bildet.

    Dazu hat zum einen auch die US-Tradition (beider Parteien) verunglimpfender Berichte über Gegenkandidaten und die manipulative Festlegung von Wahlkreisen beigetragen. Die Demokraten haben dennoch das leichtere „Gut gegen Böse“-Spiel, weil, so die Monatszeitung „Le Monde Diplomatique“, „jeder ihrer Vorwürfe mehr oder weniger zutrifft“.

    Trump geht noch weiter. Er pulverisiert das Vertrauen. Fortwährend diskreditiert er die Wahl, spricht von Betrug, ohne Beweise vorzulegen. Vielleicht nur, um sich frühzeitig den Klageweg zu öffnen, sollte er nicht gewinnen. Selbst eine so wichtige Voraussetzung der Demokratie wie den friedlichen Übergang von einem zum nächsten Regierungschef will er nicht zusichern.

    Machtmissbrauch durch gewaltfreie Konfliktlösung ersetzen

    Sollte Biden mit einem Erdrutschsieg (wie es den Demokraten nach dem Watergate-Skandal gelang) gewinnen, wird das Wahlergebnis schnell feststehen. Fällt es dagegen knapp aus, kann die Ermittlung des neuen Präsidenten Wochen dauern. Wird Trump sich dann selbst vorher zum Sieger erklären? Oder die Wahl für ungültig? All jene, die einen Bürgerkrieg oder eine – die Existenz des US-Staatswesens gefährdende – Verfassungskrise kommen sehen, werden – hoffentlich - Lügen gestraft.

    In der Demokratie können ungeeignete Politiker ausgewechselt werden. Am 3. November zum Beispiel. Um Machtmissbrauch durch gewaltfreie Konfliktlösung zu ersetzen. Demokratie bedeutet Meinungs-, Wahl- und Entscheidungsfreiheit. Gesetze gelten für alle Menschen gleichermaßen. Der demokratische Grundgedanke ist darauf ausgerichtet, die Interessen und Bedürfnisse aller Bürger und Bürgerinnen eines Staates zu berücksichtigen. Nicht nur die des Staatschefs oder die der Partei. In einem unabhängigen und demokratischen Land mit einer freien Presse hat es übrigens noch nie eine Hungersnot gegeben.

    Zukunftsentwicklungen, die unsere Gruppe unter Auswertung von Trilliarden Daten der Veränderung fortwährend als Grundlage unserer Beratung nutzt, zeigen eines eindeutig:
    Kollaboratives Tun wird Gesellschaften prägen, ganz gleich, ob wir von Bürgergesellschaften oder Unternehmen sprechen. In gemeinschaftlicher diverser Zusammenarbeit schlägt die bessere Lösung die gute. Weil Konsens erreicht werden kann, auch wenn er oft auf Basis eines Kompromisses erzielt wird. Teilhabe ist morgen, Herrschaftswissen ist gestrig, auch wenn viele, darunter Staats- und Wirtschaftslenker, das noch nicht wahrhaben wollen.

    Dieser Wertekonsens ist der Herzschlag der Demokratie. Spaltung ist jedoch ihr Herzinfarkt!

    Demokratische Zukunftssicherung fokussiert auch nachfolgende Generationen. Für mich ist die Familie die kleinste Demokratie der Welt. Sie ist meist vorbildlich solidarisch, jedes Familienmitglied nimmt eine gemeinschaftliche Grundverantwortung wahr und ließe meist auch nicht zu, dass sich einer nur um sich selbst schert oder ein Graben unüberwindbar wird. Das gelingt, wenn Eltern sich von traditionellen, nicht mehr zeitgemäßen Erziehungsmethoden wie Zwang und Strafe verabschieden und eine demokratische Haltung vorleben.

    Es geht um unsere Kinder.

    Die US-Entwicklungen führen uns vor Augen, welche zurzeit wankenden demokratischen Werte wir unseren Kindern bewahren müssen. Eine Spaltung der Nation zertrümmert den Wertekonsens einer Gesellschaft, ohne den Demokratien scheitern müssen. Und damit würden wir unseren Kindern eine Zukunft nehmen, die wir uns doch so sehr für sie wünschen: chancenreich, freiheitlich und gerecht.

    Ex-SPD-Chef Gabriel empfahl, die US-Wahl nicht überzubewerten. Das ist völlig falsch!

    Es geht um zu viel. Demokratie-Demolierung und Despoten-Dominanz bedrohen nicht nur die amerikanische Gesellschaft, sondern die ganze Welt über den Dominoeffekt dieser beiden aufeinander folgenden verheerenden Entwicklungen. Die USA sind dabei, ihre globale Stellung als eine der bedeutendsten Demokratien zu verlieren. Im Demokratie-Index des „Economist“ befinden sich die USA nur noch auf Platz 25 und nicht in der Bestengruppe, zu der nur Länder mit einer hohen Bewertung, etwa für freie und gerechte Wahlen, zählen.

    Und das in einer Zeit, in der ohnehin eine weltweite Sinnkrise liberaler Demokratien festzustellen ist, die wiederum mit Kapitalismusdepression zusammenfällt. Eine Machtverschiebung zugunsten repressiver Regimes ist die Folge.

    Ein warnendes Beispiel ist China, ein Land, das unter den Augen der demokratischen Welt über wirtschaftliche Interessen seine totalitäre Macht ausbaut und die individuelle Freiheit immer mehr einschränkt: Der Ein-Parteien-Überwachungsstaat setzt auf ein Social-Credit-System. Dieses belohnt bereits heute über Sozialpunkte staatskonformes Verhalten und ahndet ein Zuwiderhandeln mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nachteilen.

    Werden also in absehbarer Zeit Despoten weltweit über das Leben unserer Kinder bestimmen? Auch darüber entscheidet die US-Wahl am 3. November.

    Die Zukunft: eine globale Verantwortungsgesellschaft!

    Nachfolgende Generationen, nicht nur in den USA, werden eine eindeutige (auch für Unternehmen wichtige) Richtung einschlagen: für den Erhalt und die Entwicklung einer zeitgemäß verbesserten und langfristig globalen Demokratie, für die Umwelt und das Klima, für eine nachhaltige Wirtschaft und für soziale Gerechtigkeit. Vier weitere, voraussichtlich noch ungehemmtere, destruktivere Jahre unter Trump werden den antidemokratischen Dominoeffekt begünstigen und Chinas Machtspiel sowie das anderer totalitärer Staaten vergrößern. Sie werden nicht nur den Amerikanern vor Augen führen, dass die Tür zum Gestern – anders, als Trump es ihnen weismachen will – unabänderlich verschlossen bleibt. Seine heiße Luft kann rückwärtsgewandte, sterbende Branchen nicht mehr befeuern. Durch eine Wiederwahl Trumps verlöre die Welt wertvolle Zeit! Aber: Die Zukunft lässt sich nicht dauerhaft stoppen. Die demokratischen Verantwortungsgesellschaften werden kommen!

    Müssen wir in Deutschland, fern von der US-Wahl, einfach nur abwarten?

    Nein! Denn jeder kann sofort etwas beitragen: Nicht schweigen, sondern das Wort erheben, wenn unsere demokratischen und damit solidarischen Werte in Gefahr geraten. Undemokratisches Verhalten, wie es etwa die zersetzenden Verschwörungsmystiker an den Tag legen, die derzeit vielerorts etwa die notwendige Maskenpflicht ignorieren, erfordert expliziten Widerspruch. Wie das geht, können wir auch von unseren Kindern lernen. Vor ein paar Tagen war ich mit meiner Tochter im Supermarkt. Als sie einen Maskenverweigerer bemerkte, zögerte sie keine Sekunde und brach das Schweigen aller anderen im Laden: „Du musst hier eine Maske tragen! Oder du musst sofort rausgehen!“

    Mehr: Mission Impossible 2.0 – Wie Donald Trump doch noch gewinnen kann

    Prof. Bernd Thomsen, ist CEO der Thomsen Group, die führende globale Managementberatung mit Zukunftsexpertise. Er blickt mit seiner Tochter für das Handelsblatt regelmäßig in die Zukunft.

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