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Eike Wenzel

Expertenrat – Eike Wenzel Mut zu Neuem: Sechs Trends für die 2020er-Jahre

Im neuen Jahrzehnt wird der Klimawandel die Trends bestimmen. Für die Bürger wird es zur Großanstrengung. Das alte Verständnis von Fortschritt wird nicht funktionieren.
14.01.2020 - 11:09 Uhr Kommentieren
Fortschritt ist künftig das, was die Umstellung der Industrie auf eine kohlenstofffreie Ökonomie beschleunigt. Quelle: dpa
Demo „Fridays for Future“ in München

Fortschritt ist künftig das, was die Umstellung der Industrie auf eine kohlenstofffreie Ökonomie beschleunigt.

(Foto: dpa)

Klimawandel ist nicht von sozialer Ungleichheit zu trennen, Ökologie funktioniert nicht ohne technologische Modernisierung. Wir brauchen offene Bildungssysteme und einen Neustart unserer Öffentlichkeit. Eine anspruchsvolle Zukunftsagenda für die 2020er-Jahre.

Diese Großanstrengung kann nur von Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam bewältigt werden. Für jeden Bürger des 21. Jahrhunderts muss erkennbar werden, dass er ein aktiver Teil dieses Prozesses ist, dass er seine eigenen Fähigkeiten einbringen kann und dass ihm dadurch Zukunftschancen zuwachsen, die vielen in der neoliberalen Ära der 1990er- und 2000er-Jahre, wie wir mittlerweile wissen, nicht eröffnet wurden.

Von vielen wird diese Transformation als „Green New Deal“, „Global Green New Deal“ oder einfach „Green Deal“ bezeichnet. Der Green Deal muss ein sozial-ökologisches Erneuerungsprogramm für die gesamte Gesellschaft sein. Er muss für einen sozialen, ökonomischen und ökologischen Umbau sorgen.

Deswegen müssen wir bei einem solchen Fahrplan auch über Identitäten und Zukunftstechnologien reden, über neue Bildung und alternative Wertschöpfung, über global vernetzte ebenso wie lokal geerdete Zukünfte und gemeinwohlorientierte Medienplattformen.

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    Was sind die wichtigsten Koordinaten auf dem Weg dorthin? Sechs Trends, die in den 20er-Jahren Wirtschaft und Gesellschaft entscheidend prägen werden:

    Trend 1: Richtungsloses Wachstum aufgeben

    Wir müssen die Systemgrenzen unseres Ökosystems akzeptieren, aber aus den Limitierungen kreative Funken schlagen – und nicht mehr das technologisch Mögliche aus Profitgier blind exekutieren.

    Fortschritt ist künftig das, was die Umstellung der Industrie auf eine kohlenstofffreie Ökonomie beschleunigt. Innovativ ist das, was dabei hilft, CO2 zu mindern. Wachstumsrelevant ist nur noch das, was innerhalb der ökologischen Grenzen des Planeten sinnvoll ist. (Technologische) Modernisierung wird damit nicht ausgebremst, sondern aufgefordert, eine neue Ebene der Kreativität zu betreten. Damit ändert sich, was wir bislang unter Fortschritt und Moderne verstanden haben, radikal.

    Sieht man gerade aufgekratzte FDPler auf Werbezetteln, die die „Erfindung der Wasserstoffgesellschaft“ verkünden, schwant einem, dass hier eine abgehängte Partei wieder in die Welt des 20. Jahrhunderts zurück möchte. Eine Schlüsselenergie, die man aus dem Hut zaubert und die ein neues Zeitalter (des richtungslosen Wachstums) begründen soll? Schief (und erschütternd unzeitgemäß) ist daran die Hoffnung auf einen Wunderstoff, der Öl und Kohle im Handumdrehen ersetzt.

    Populistisch ist die Suggestion, dass strukturell alles beim Alten bleiben kann und wir nur eine neue Technologie vor den alten (Auto-)Karren spannen müssen. Ernst zu nehmende Ansätze für die nachhaltig-alternative Bemessung von Wohlstand und nachhaltiger Wertschöpfung haben dagegen in Neuseeland, Schottland oder Island die Elfenbeintürme der Forschung verlassen. Tenor: Nichts bleibt in den 20er-Jahren so, wie es ist, das birgt jedoch auch große Chancen.

     Trend 2: Den Populismus besiegen

    Identitätskonzepte für die 20er-Jahre dürfen sich nicht rückwärtsgewandt in einem idealisierten Gestern einrichten. Sie müssen mit neuen Jobs auf neuen Technologiefeldern verknüpft werden. Für die vom Neoliberalismus Enttäuschten muss deshalb die Botschaft für die 20er-Jahre lauten: Sei Teil eines epochalen Veränderungsprojekts, bei dem keine Ideologie, sondern der Mut zu Neuem dominiert.

    Die Erfolgsstrategie der Rechtspopulisten besteht darin, aus den Demütigungen und Enttäuschungen der neoliberalen Ära der 1990er- und 2000er-Jahre politisches und kulturelles Kapital geschlagen zu haben. Der global von Trump über Orbán und Erdogan bis zu Bolsonaro instrumentalisierte Zorn der von der Weltgesellschaft Abgehängten und Gedemütigten lässt sich durch die Ausrichtung auf einen Green New Deal wirksam bekämpfen.

    Teilhabe an einer ökonomisch-ökologischen Transformation, die ideologiefrei das tut, was zur Bekämpfung der Klimakrise notwendig ist, hat die Kraft, Zukunftshorizonte für die Verlierer des Zeitalters der Marktgläubigkeit zu eröffnen.

    Wind- und Sonnenenergie liefern solche Horizonte: Die Kosten für Sonnenenergie werden bis 2024 um weitere 15 bis 35 Prozent sinken, was in der zweiten Hälfte des neuen Jahrzehnts zu einem weiteren dynamischen Wachstum führen dürfte. Und bei einem stärkeren Ausbau der Stromerzeugung aus Photovoltaik werden bis 2040 aus Branchensicht in Deutschland rund 50.000 neue Jobs entstehen. Das geht aus einer Studie der Marktforschungsfirma EuPD Research Sustainable Management hervor.

    Dem letzten neoliberalen Marktgläubigen müsste die Notwendigkeit einer grünen Finanzwende einzuleuchten beginnen, wenn sich eine Bank wie Goldman Sachs auf die Seite der Investoren für Klimaschutz und erneuerbare Energien schlägt und 750 Milliarden US-Dollar in nachhaltige Projekte steckt. Denn Ende der 2020er-Jahre könnte es endgültig vorbei sein mit Öl und Kohle.

    Den mittlerweile krisenerprobten Banken dämmert: Wenn das zutrifft (bedingt durch die enorme Vergünstigung des regenerativen Stroms), werden Investoren in fossile Brennstoffe auf Billionen von Schrott-Assets sitzen bleiben. Eine Kohlenstoffblase, die der Kreditblase von 2008 in nichts nachsteht.

    Laut Michael Liebreich, Gründer von Bloomberg New Energy Finance (BNEF), erreichen die Erneuerbaren früh in den 20er-Jahren einen Tipping Point: Das erste Prozent am Weltmarkt dauert ewig, so Liebreich, fünf Prozent Marktanteil sind wie das Warten auf einen Nieser – unausweichlich, aber es dauert (in dieser Phase befanden sich die Erneuerbaren in den 2010er-Jahren). Die Phase zwischen fünf und fünfzig Prozent geht dann rasend schnell.

    39 Prozent aller Arbeitsplätze in den erneuerbaren Energien befinden sich in China (4,07 Millionen). Weltweit gibt es mittlerweile elf Millionen Jobs in den Erneuerbaren. Das ist großartig. Für den Green New Deal brauchen wir noch deutlich mehr. Mit der von Solar und Wind getragenen Energiewende verbinden wir auch einen grundlegenden Wandel im Management von Ressourcen und Wertbeständen.

    So entstehen durch die atemberaubende Erfolgsgeschichte von Wind und Solar auch neuindustrielle Arbeitswelten, in denen unter anderem deutlich mehr Frauen Beschäftigung in zeitgemäßen Technologie- und Wachstumsbranchen finden. 32 Prozent beträgt der weltweite Frauenanteil bei den Jobs in den erneuerbaren Energien.

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