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Eike Wenzel

Expertenrat – Eike Wenzel Warum die Befreiung vom Auto die Freiheit der Zukunft ist

An die Stelle unserer Autokultur treten in den 2020er-Jahren Mobilitätsplattformen, die „Unterwegsqualität“ versprechen und die Erderwärmung bekämpfen.
12.12.2019 - 08:52 Uhr 1 Kommentar
Digitale Mobilitätsplattformen könnten im Kampf gegen den Klimawandel helfen. Quelle: dpa
Carsharing

Digitale Mobilitätsplattformen könnten im Kampf gegen den Klimawandel helfen.

(Foto: dpa)

Mit dem Autofahren verbinden viele nach wie vor Sehnsuchtsvokabeln wie Freiheit, Individualität, Unabhängigkeit. Dabei stehen unsere Autos 95 Prozent der Zeit unbenutzt herum. Um im Verkehr endlich CO2 reduzieren zu können, brauchen wir jedoch digitale Mobilitätsplattformen, die möglichst emissionsfreie Verkehrsmittel (Carsharing, Autovermietung, Robotaxis, Ridehailing, Bikesharing, E-Scooter) intelligent verknüpfen – und Pkw-Mobilität überflüssig machen.

Mobilitätsplattformen diktieren nicht unseren Weg in eine ökoautokratische Verbotskultur, sondern können ganz im Gegenteil das Tor in eine den individuellen Bedürfnissen angepasste, nachhaltige Mobilitätswelt aufstoßen. Denn die Nutzer der Plattformen werden in ihren Alltagswünschen (entspannte Tür-zu-Tür-Mobilität) ernst genommen. Und die Städte und Kommunen können über die Plattformen den Fundamentalumbau ihrer Infrastrukturen starten.

Klimagerechte Veränderung ohne Verzicht ist auf allen relevanten Sektoren (Ernährung, Wohnen, Mobilität, Konsum) schlicht nicht möglich. Wir brauchen für die Infrastrukturen unserer alltäglichen Verrichtungen (Daseinsvorsorge) neue Lösungen, bei denen Energie, Wärme und Mobilität zu niedrigen Preisen konsumiert werden können.

Deutschlands CO2-Emissionen im Verkehr sind heute noch genauso hoch wie 1990. Und das trotz jahrzehntelanger Klimadiskussion und der (verspäteten) Einführung von Elektroautos. Im Verkehr produzieren wir ein Viertel des gesamten weltweiten CO2-Ausstoßes. Mit dem Propagieren von Elektroautos alleine werden wir die CO2-Belastung durch Mobilität nicht in den Griff bekommen.

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    Vernetzungsplattformen können solche Lösungen liefern. Dafür müssen sie in globalem Maßstab Netzwerkeffekte und niedrige Grenzkosten erzielen. Es ist möglich und würde die Wertschöpfung der Zukunft obendrein weiter demokratisieren. Klar ist aber auch, dass die Skalierungseffekte der fossil-industriellen Ära damit nicht erreicht werden. Jeremy Rifkin hat das ausführlich in „Der globale Green New Deal“ beschrieben.

    Und so könnten die postfossilen Mobilitätsplattformen der kommenden Jahre aussehen:

    Um die nachhaltige Mobilitätswelt von morgen zu organisieren, brauchen wir eine intelligente Schnittstelle zwischen Privatunternehmen und der öffentlichen Hand. Und noch wichtiger ist es, dabei die Nutzer mit ihren individuellen Bedürfnissen einzubinden. Die Smartphone-Apps von gut organisierten Mobilitätsplattformen (endlich einmal ein taugliches Feature, das uns das Silicon Valley beschert hat) werden in den 2020er-Jahren genau das liefern.

    Für Helsinki ist das dem Unternehmen MaaS Global mit der App Whim bereits ansatzweise gelungen. Das Angebot der Plattform ist breit: Vom „Pay-as-you-go“ (also der klassischen Planungs- und Buchungsfunktion inklusive Bezahlung) reicht es bis zu personalisierbaren Mobilitätspaketen. Unter anderem „Whim Unlimited“, was die unbegrenzte Nutzung aller öffentlichen Verkehrsmittel in Helsinki einschließt, plus zeitlich und nach Entfernung eingeschränkter Nutzung von Taxen, „Whim-Carsharing“ und Stadtfahrrädern. Das System ist so überzeugend, dass es mittlerweile auch in Amsterdam und Birmingham zum Einsatz kommt.

    Drei Merkmale zeichnen Mobilitätsplattformen der Zukunft aus:

    • Klimadividende: Diese Plattformen werden global über das Internet gesteuert. Doch die „klimagerechte Dividende“ wird sich auf drei Ebenen niederschlagen: Konsequente CO2-Reduktion, mehr Arbeitsplätze in den Nachhaltigkeitsindustrien, disruptiver Umbau unserer Städte.

    • Regionale Dividende: Vernetzungstechnologien und Künstliche Intelligenz werden für die Menschen vor Ort eingesetzt, sie sind kein Selbstzweck, sondern hochgradig klimarelevant. Die Stadt oder Kommune lädt eine Vielfalt an Mobilitätsanbietern auf den Plattformen ein, schafft damit lokale Wertschöpfung, hohes Verbesserungstempo durch Feedbacks in Realzeit und Arbeitsplätze vor Ort.

    • Freiheitsdividende: Statt klimaschädigendem Individualverkehr stehen auf den Mobilitätsplattformen individuelle Nutzerbedürfnisse im Vordergrund. Der Verbraucher profitiert, weil er unter anderem davon befreit wird, ein Auto anzuschaffen und hat mehr Geld in der Tasche (die zweitteuerste Anschaffung, die der Durchschnittsbürger in seinem Leben macht). Gesteigerte Lebensqualität beim Unterwegssein statt die teure Ego-Prothese Auto.

    Für den Zugewinn an Lebensqualität durch Mobilitätsplattformen müssen wir in der Gesellschaft werben. Wie sehen die Geschäftsmodelle in einzelnen Regionen aus?

    Natürlich fallen einem dabei sofort Uber und Lyft ein. Wie es sich abzeichnet, werden sie in den USA (mit etablierten Fahrzeugbauern im Schlepptau!) diese mobilen Ökosysteme dominieren. Für Asien ist angesichts des bereits einsetzenden Plattform-Booms von ähnlichen Geschäftsmodellen auszugehen. Didi, Alibaba, Grab und neuerdings auch Toyota haben hier die besten Startbedingungen.

    Auch die deutschen Autobauer beweisen seit Jahren, dass sie Komplexität (das Gewirr von mehr als 200 Zulieferern in der Autoproduktion) organisieren können. Allerdings sind BMW und Daimler gerade vor ein paar Tagen an einem ersten Pilotprojekt grandios gescheitert.

    In Europa können diese Plattformen eine neue Ära der Partnerschaft zwischen Staat und Wirtschaft, zwischen öffentlichem Sektor und Auto- beziehungsweise Mobilitätswirtschaft begründen. Städte und Kommunen werden diese neuen mobilen Ökosysteme unterstützen, wo sie nur können, ermöglichen sie es doch, endlich Feinstaub und CO2-Emissionen in den Griff zu bekommen und das Stressphänomen der Dauerstaus aus der Stadt zu vertreiben. Möglich wird das durch die neue Datensouveränität auf den digitalen Mobilitätsplattformen, die es erlaubt, Nutzer- und Fahrzeugdaten in Realzeit auszuwerten.

    Von den Softwareunternehmen wird ein nicht unwesentlicher Mentalitätswandel und ein Wandel im Geschäftsgebaren verlangt: Sie werden – zumindest in Europa – keinen Exklusivzugriff auf Daten erhalten. Ihre ungewohnte Aufgabe wird es sein, als neutraler Technologiedienstleister aufzutreten – aber die Daten den Städten zur Verfügung zu stellen. Naiv, eine Undenkbarkeit? Keinesfalls, Barcelona hat über seine weitestgehend selbst entwickelte Software Sentilo bereits ein solches Modell geschaffen.

    Und genau das wollen wir ja. Was Politik und Wirtschaft mittlerweile einstimmig fordern: Eigenständige europäische Digitalplattformen und Datensouveränität – bei einer solchen Revolution des Mobilitätssektors ist eine Neuorientierung in diese Richtung möglich.

    Früher oder später werden wir uns vom Auto verabschieden. Goldman Sachs prophezeit für das Jahr 2030 weltweite Umsätze im Carsharing von 58 Milliarden US-Dollar und beim Ridehailing (Mitfahrgelegenheiten, Robotaxis) von sage und schreibe 285 Milliarden US-Dollar. Kein Wunder, dass längst auch ein Autovermieter wie Sixt für seine Zukunft auf eine solche Mobilitätsplattform setzt. Wenn wir indes weiterhin Pkws durch Diesel und günstigen Parkraum subventionieren, wird uns der Wandel nicht gelingen. 

    Wir müssen unserer Mobilitätskultur das Autofahren abgewöhnen wie einem Alkoholiker das Trinken. Mit klug entwickelten Mobilitätsplattformen machen wir dem verwöhnten Wohlstandseuropäer - fern davon, ihn mit Verboten zu traktieren – die nächste Stufe multimobiler „Unterwegsqualität“ zugänglich. Der Mobilitätsnutzer der Zukunft kann es sich in seinem Netzwerk auf vielen Strecken aussuchen, welches Verkehrsmittel er bevorzugt (Freiheit). Er wird von der Einfachheit der Reiseorganisation via Smartphone (Personalisierung) begeistert sein. Und er wird die übergangslose Beförderungsqualität schätzen („Freie Fahrt für verantwortungsbewusste Bürger im 21. Jahrhundert“), egal an welchem Flecken der Erde er sich gerade befindet.   

    An alle Autofetischisten und Kreuzritter wider die mobile correctness, gebt auf! Ihr kämpft gegen Windmühlen (eure Angst, den schützenden Innenraum eures Autos zu verlassen). Wahre Individualität und Lebensqualität erlangen wir dann, wenn wir auf den Privatbesitz an Mobilität verzichten. Wirkliche Freiheit ist die Befreiung vom Auto.

    Mehr: Der Heimatmarkt für deutsche Autozulieferer erodiert. Ein „Weiter-so“ kann es nicht geben – Industrie und Politik müssen neue Leitplanken setzen, kommentiert Handelsblatt-Gastautor Martin Stuchtey.

    Dr. Eike Wenzel gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher. Er ist Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) und Mitgründer des MBA-Studiengangs „Zukunftstrends und Nachhaltiges Management“ https://zukunft.mba

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    1 Kommentar zu "Expertenrat – Eike Wenzel: Warum die Befreiung vom Auto die Freiheit der Zukunft ist"

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    • Der Diesel ist ein sauberes und umweltfreundliches Fahrzeug, und das noch viele Jahre lang! Wer will denn Elektroautos haben? Wenn die Batterie bei einem Unfall beschädigt wird, ist das Sondermüll! Und wie soll das ausserhalb der Städte funktionieren? Wir werden doch nicht die Industrie kaputtmachen, die für unseren Wohlstand gesorgt hat und weiter sorgen kann. Schon als Student war MEIN Auto für mich ein grosses Stück persönliche Freiheit. Es wartet auf mich, es fährt los, wenn ich es will, es ist nicht unpünktlich, es wird nicht bestreikt, es bringt mich am zuverlässigsten von A nach B. Wir sind von diesem Klimawahnsinn fast überhaupt nicht betroffen (das wollen uns nur die Grünen einreden). Selbst wenn wir es wollten, wir KÖNNTEN das Klima (als Mini-Mini-CO2 Verursacher) GAR NICHT RETTEN ! Das können nur die grossen Klima-Verschmutzer, auf DIE muss Druck ausgeübt werden. Wir brauchen UNSERE BILLION, um Deutschland und Europa auf die Zukunft vorzubereiten, das bestreitet niemand, es gibt da so viel zu tun. Von der Leyen schadet Deutschland, wenn sie das im wesentlichen deutsche Geld für Dinge ohne Nutzen aufwenden will und das Geld damit der Zukunft Deutschlands und Europas entzieht.

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