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Gastbeitrag Armee-Mutter mit Sinn für die Realität

Der bundeswehr-kritische Arbeitskreis „Darmstädter Signal“ setzt große Hoffnungen auf Ursula von der Leyen. Eine familienfreundliche Truppe ist dabei nur einer von vielen Wünschen, wie Vorstandsmitglied Rose schreibt.
  • Jürgen Rose
4 Kommentare
Von der Leyens Parole sollte sein: „Wir. Dienen. Dem Frieden!“ Quelle: AFP

Von der Leyens Parole sollte sein: „Wir. Dienen. Dem Frieden!“

(Foto: AFP)

Von Anbeginn dieser Republik war der Stuhl des Verteidigungsministers stets ein Schleudersitz und die Liste derer, die skandalträchtig aus dem Amt hatten scheiden müssen, ist lang. Nun amtiert erstmals eine Frau im Berliner Bendlerblock. Sollte es ihr gelingen, den dort und auf der Bonner Hardthöhe real existierenden Augiasstall erfolgreich auszumisten – erste drakonische Personalmaßnahmen vermögen durchaus diesen Eindruck zu erwecken – dann hätte Ursula von der Leyen sicherlich den Nachweis erbracht, dass sie über das Handwerkzeug für noch höhere Aufgaben verfügt. Sollte ihr dagegen das Schicksal ihrer Vorgänger im Amte beschieden sein, wäre Kanzlerin Merkel eine lästige Konkurrentin los. Soweit die parteistrategische Dimension der Personalie von der Leyen.

Wer nun erwartet hatte, dass die frischgebackene Ministerin, deren bisherige politische Karriere bekanntlich im eher konservativ und national orientierten Spektrum unserer Republik zu verorten ist, als erste Amtshandlung den Gefechtshelm überstülpen, in eine fleckgetarnte Splitterschutzweste schlüpfen und als Kampf-Amazone in Stahlgewittern chargieren würde, sollte sich schwer getäuscht sehen. Zuallererst nämlich entfleuchte sie nach Afghanistan, um der Kampftruppe vor Ort ihre uneingeschränkte Wertschätzung zu versichern und zu bekräftigen, welch unendlich wertvollen Dienst diese dem Vaterlande bei dessen Verteidigung am Hindukusch, wie ein genialer Amtsvorgänger dereinst doziert hatte, erweist.

Jürgen Rose war Oberstleutnant der Bundeswehr und ist Mitglied im Vorstand des „Darmstädter Signals“, dem Forum für kritische Staatsbürger in Uniform. Quelle: PR

Jürgen Rose war Oberstleutnant der Bundeswehr und ist Mitglied im Vorstand des „Darmstädter Signals“, dem Forum für kritische Staatsbürger in Uniform.

(Foto: PR)

Zurück in der Heimat entpuppte sich die neue Chefin im Bendlerblock sodann als in der Tat fürsorgliche Mutter der Armee, indem sie mit einem wahren Feuerwerk sozialpolitischer Wohltaten für Furore sorgte. Und was sie nicht alles ankündigte: Attraktivitätssteigerung des militärischen Dienstes in der Bundeswehr, bessere Vereinbarkeit von Dienst und Familie, weniger Versetzungen von Garnison zu Garnison, Teilzeitarbeit, Kinderbetreuung in den Kasernen, kurzum viele sozialpolitische Errungenschaften, die in der zivilen Wirtschaft und Verwaltung oft schon längst gang und gäbe sind – aber eben nicht in den Streitkräften.

Bei Lichte besehen sind diese Vorschläge durchaus nicht unbedingt neu, sondern vielmehr ein ziemlich alter Hut, denn schon zu Zeiten der mittlerweile verblichenen Wehrpflichtarmee – Gott hab‘ sie selig! – hatte der Deutsche Bundeswehrverband (DBwV) derartige Forderungen von der Leyens Amtsvorgängern auf den Tisch gelegt. Dass die ehemalige Arbeitsministerin deren essentielle Bedeutung für die Zukunft der Streitkräfte erkennt, spricht für ihren Realitätssinn.

Denn nach der „Transformation“ der Bundeswehr zu einer professionellen Freiwilligentruppe kommt der Gewinnung einer hinreichenden Anzahl junger Frauen und Männer, die für den Waffendienst nicht nur in der Heimat, sondern auch auf den Kriegsschauplätzen der ganzen Welt ebenso tauglich wie willig sind, überragende Bedeutung zu. Was passiert, wenn dieser Aspekt vernachlässigt wird, ließ oder lässt sich an den Zuständen in den Streitkräften des einen oder anderen Bündnispartners sehen.

Gehirngewaschene Transatlantiker und Bellizisten

Da die Armee ihren Nachwuchs nicht mehr wie in den goldenen Zeiten des Kalten Krieges aus den Reihen der Zwangsdienstverpflichteten generieren kann, ist sie gezwungen, mit der zivilen Wirtschaft um ihr Personal zu konkurrieren. Dabei sieht sie sich mit zwei Nachteilen konfrontiert: einem demographischem und einem strukturellen. Aus ersterem resultiert eine sich aufgrund des Geburtenrückgangs schon jetzt stetig verschärfende Knappheit an jungen Arbeitskräften. Der strukturelle Nachteil besteht darin, dass sich ein ziviler Job in aller Regel als weit weniger gesundheits- und lebensgefährdend anlässt, als der beim Militär.

Nun lässt sich ein derartiger Attraktivitätsmalus im Grunde nur dadurch kompensieren, dass die übrigen Arbeits- und Lebensbedingungen für die tapferen Vaterlandsverteidiger erheblich besser ausgestaltet werden, als dies auf dem zivilen Arbeitsmarkt der Fall ist. Nicht zuletzt dieses Kalkül dürfte Frau Ministerin zu ihrem nun angekündigten Attraktivitätssteigerungsprogramm für die Streitkräfte bewogen haben.

Wertvollen Flankenschutz gegen das umgehend massiv einsetzende Feuer der Kritik leisten in engem Schulterschluss der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus und der schon erwähnte Deutsche Bundeswehrverband als organisierte Interessenvertretung der Bundeswehrangehörigen. Die Kritiker der Linken folgten prompt dem fundamentalpazifistischem Beißreflex derer, die ohnehin die Armee am liebsten ganz abschaffen wollen – da wirkt sich eine Attraktivitätssteigerung des militärischen Dienstes erheblich kontraproduktiv aus – und monierten, dass sich keine „Teilzeit-Kriege“ führen ließen.

Auch die gehirngewaschenen Transatlantiker und Bellizisten vom rechten und nationalkonservativen Spektrum entblödeten sich nicht dieses billig-polemischen Arguments, um Ursula von der Leyen darüber hinaus vorzuhalten, dass sie zum einen in sozialpopulistischer Manier der notwendigen Debatte um den Sinn von Streitkräften in heutiger Zeit auswiche und zum anderen die Frage nach der Finanzierung der geplanten Wohltaten völlig ungeklärt ließe.

Letzteres Problem ließe sich freilich in zweierlei Hinsicht entschärfen. Zum einen, indem die Bundesregierung aufhörte, die deutschen Streitkräfte in teure und zudem völlig sinnlose Kriegsabenteuer zu entsenden – allein hierdurch entstünde alljährlich ein finanzieller Spielraum von mindestens einer Milliarde Euro, die zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen von Mitarbeitern der Bundeswehr hierzulande investiert werden könnten.

Geifern gegen die „Merkel-Doktrin“

Dass alternativ hierzu Finanzminister Schäuble seiner Ministerkollegin auch nur einen müden Euro zusätzlich für die Umsetzung ihres Attraktivitätssteigerungsprogramms spendieren wird, lässt sich wohl getrost vergessen. Darüber hinaus ließen sich weitere Finanzmittel freisetzen, indem die in den letzten Jahren zwar schrittweise reduzierte, indes immer noch überdimensionierte Truppe weiter reduziert würde – auf etwa 120.000 Soldaten, mit denen eine Bundeswehr, die auf ihre klassische Zweckbestimmung der Verteidigung ausgerichtet und beschränkt wäre, ihren Auftrag professionell erfüllen könnte.

Beide Optionen treffen freilich auf den geballten Zorn der Schreibstubenbellizisten in den Redaktionen dieser Republik. Denn denen geht es um mehr, nämlich um nationale Interessen und das militärpolitische Gewicht der Berliner Republik – man will wieder Großmacht spielen, Seit‘ an Seit‘ mit der US-amerikanischen Hegemonialmacht. Und darum monieren sie den im Volke vorherrschenden Konsens der Friedfertigkeit, der kein „Militär will, das der Politik als Instrument dient“ und geifern gegen die sogenannte „Merkel-Doktrin“, das heißt gegen die Wiederentdeckung der während des Kalten Krieges so erfolgreich praktizierten „Kultur der Zurückhaltung in militärischen Angelegenheiten“ (obgleich letztere durch die in Kombination erfolgende Expansion deutscher Rüstungsexporte ein Stück weit konterkariert wird).

Doch ist bei den Propagandisten des „Global War on Terror“ und der „Responsibility to Protect“ die raison d’être der nach dem Desaster zweier Weltkriege in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts neu gegründeten deutschen Streitkräfte in totale Vergessenheit geraten. Der General, Friedensforscher und Militärphilosoph Wolf Graf von Baudissin hatte jene in Gestalt seiner Konzeption der „Inneren Führung“ mit dem „Staatsbürger in Uniform“ geliefert. Dabei ging es ihm im Wesentlichen darum, die neue Armee menschenrechtskompatibel (für die Soldaten), demokratiekompatibel (für die Gesellschaft) und friedenskompatibel (für die Weltordnung) zu strukturieren.

Auf den Punkt gebracht hatte der Generalleutnant von Baudissin die zentrale Zielbestimmung der „Inneren Führung“ mit der 1955 formulierten Devise, es ginge dabei um die „Entmilitarisierung des soldatischen Selbstverständnisses.“ Positiv gewendet bedeutet das: die Zivilisierung der Streitkräfte. In diesem Lichte besehen scheinen die Ambitionen der neuen Verteidigungsministerin mit der ursprünglichen Traditionslinie der Bundeswehr und den Vorgaben Baudissins fast kongenial zu korrespondieren.

Neue Maxime muss lauten: „Wir. Dienen. Dem Frieden!“

Etwas pointierter formuliert muss es demnach weitaus sinnvoller anmuten, wenn das Geld der Steuerzahler in Deutschland dafür verwendet wird, in den bundesdeutschen Kasernen Mutter-und-Kind-Betreuungsmöglichkeiten einzurichten, als unsere „Helden“ dafür zu alimentieren, dass sie – wie 2008 geschehen – an Checkpoints in Afghanistan Frauen und Kinder über den Haufen knallen oder sich gar wie im Herbst 2009 in Kundus als „archaische Kämpfer“, von denen ein vormaliger Heeresinspekteur schwadronierte, gerieren.

Sollte die programmatische Initiative der Ursula von der Leyen auch von solchen Überlegungen geleitet sein, läge sie damit auch militärpolitisch durchaus auf der Linie der schon erwähnten „Merkel-Doktrin“. Dergestalt mit der Kanzlerin zu harmonieren, kann strategisch kaum ein Fehler sein, auch wenn das transatlantische Frontblatt vom Hamburger Speersort giftig leitartikelt: „Oder ist etwa dies der heimliche Sinn hinter all den widersprüchlichen Signalen: Eine Armee, die ohnehin nicht eingesetzt werden soll, kann sich auch ganz auf ihre innerbetrieblichen Sorgen konzentrieren?“

Bleibt abschließend noch die selbigenorts gestellte Frage zu beantworten: „Wo kann die neue Bundeswehr in einer hochkomplexen Welt mit modernen, selbstbewussten Soldaten ein Instrument der Friedenssicherung sein?“ Ganz einfach: Dort, wo sie es seit ihrer Gründung schon immer war: Im Heimatland und in Europa. Und zwar defensiv, durch Abschreckung und im Notfall durch Verteidigung.

In diesem Sinne wäre die durch vorgebliche nationale Interessen geleitete Parole des gescheiterten Amtsvorgängers Thomas de Maizière „Wir. Dienen. Deutschland.“ schleunigst auf dem Schutthaufen der Geschichte zu entsorgen. Der neuen Verteidigungsministerin dagegen stünde die Rolle einer „Pallas Athene“ zu Berlin ganz gut zu Gesicht, auf deren Schild als neu-alte Maxime einzugravieren wäre: „Wir. Dienen. Dem Frieden!“

Jürgen Rose war Oberstleutnant der Bundeswehr und ist Mitglied im Vorstand des „Darmstädter Signals“, dem Forum für kritische Staatsbürger in Uniform.

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4 Kommentare zu "Gastbeitrag: Armee-Mutter mit Sinn für die Realität"

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  • HERR ROSE - SIE VERTRETEN DIE MEHRHEIT

    "Bleibt abschließend noch die selbigenorts gestellte Frage zu beantworten: „Wo kann die neue Bundeswehr in einer hochkomplexen Welt mit modernen, selbstbewussten Soldaten ein Instrument der Friedenssicherung sein?“ Ganz einfach: Dort, wo sie es seit ihrer Gründung schon immer war: Im Heimatland und in Europa. Und zwar defensiv, durch Abschreckung und im Notfall durch Verteidigung."

    Dies ist die Meinung der breiten Bevölkerungsmehrheit - quer über die politischen Fronten hinweg.
    Die Deutschen wollen eine Verteidigungsarmee -und mehr nicht.

    Aber die etablierten Parteien ignorieren - ganz undemokratisch- wie so oft die Meinung des Volkes wohl wissend dass es ohnehin keine funktionierende Demokratie in der BRD gibt und sie für ihre Politik ohnehin nicht bestraft werden und bauen die Bundeswehr zu einer internationalen Eingriffstruppe um, die dann im Dienste der US-Regierung und Nato überall auf der Welt Kriegsdienste verrichten darf.

  • HERR ROSE SIE VERTRETEN DIE MEHRHEIT

    "Bleibt abschließend noch die selbigenorts gestellte Frage zu beantworten: „Wo kann die neue Bundeswehr in einer hochkomplexen Welt mit modernen, selbstbewussten Soldaten ein Instrument der Friedenssicherung sein?“ Ganz einfach: Dort, wo sie es seit ihrer Gründung schon immer war: Im Heimatland und in Europa. Und zwar defensiv, durch Abschreckung und im Notfall durch Verteidigung."

    Dies ist die Meinung der breiten Bevölkerungsmehrheit - quer über die politischen Fronten hinweg.
    Die Deutschen wollen eine Verteidigungsarmee -und mehr nicht.

    Aber die etablierten Parteien ignorieren - ganz undemokratisch- wie so oft die Meinung des Volkes wohl wissend dass es ohnehin keine funktionierende Demokratie in der BRD gibt und sie für ihre Politik ohnehin nicht bestraft werden und bauen die Bundeswehr zu einer internationalen Eingriffstruppe um, die dann im Dienste der US-Regierung und Nato überall auf der Welt Kriegsdienste verrichten darf.

  • Na ja, wenn Naivität eine Tugend ist, hat der Autor hier seine Tugenhaftigkeit maximiert.
    Obwohl Vieles richtig ist, ist die Annahme eine deutsche Armee könne sich auf das eigene Territorium beschränken wohl reine opportunistische Nostalgie.
    Als die Bundeswehrdoktrin entwickelt wurde, da waren moderne Konflikte schlicht noch gar nicht vorstellbar.
    Heute ist es, durch die weltweite Vernetzung und das Transportwesen möglich jederzeit den Krieg irgendwo in der Welt zu uns zu tragen, wobei die Drahtzieher nicht mal die Kriegsregion verlassen müssen.
    Auch der saloppe Vorwurf, dann müsse die Bundeswehr keine Frauen und Kinder mehr töten ist an unverschämter Ignoranz wohl kaum noch zu überbieten.
    Sicher ist es wichtig zu vermeiden, das die Armee nicht zum bloßen Machtinstrument degeneriert, aber ebenso wichtig ist der Degeneration im Hirn vorzubeugen, die meint, dass Kampfeinsätze keine schmerzlichen Kollateralschäden verursachen oder gar ganz verzichtbar wären. Kommt es erst dazu, sind sie über kurz oder lang unvermeidbar, alles andere ist Selbsttäuschung!
    Die Amerikaner haben uns zwar mit dem Irakkrieg vorexerziert das es für Missbrauch keine Garantien gibt, aber das ändert nichts daran, dass wir es uns gar nicht leisten können wegzusehen, wenn sich irgendwo archaische Regierungen wie die Taliban etablieren oder das Risiko einzugehen, dass sie zum Flächenbrand werden.
    Die meisten Auseinandersetzungen nach dem kalten Krieg, gerade der Amerikaner, dienen der Begrenzung der Konflikte auf regionaler Ebene, damit die Aggressionen (egal ob berechtigte oder unberechtigte) und Machtkämpfe nicht durch weiteren Export gelöst werden können.
    Unser gesamter Wohlstand würde gefährdet, würde die Kontrolle der Weltsicherheit verloren gehen und mir ihr die behaglich ignorante deutsche Sicherheit.

  • Warum ist die Truppe Familienunfreundlich? Weil die Soldaten auf Geheiß unseres Bundestages in der ganzen Welt Angriffskriege begehen müssen. Weil die armen Schweine Interessen von Politikern mit Waffengewalt in fremden Ländern durchsetzen müssen.

    "Kein Krieg darf ohne Deutschland mehr ausgehen" - oder so ähnlich (frei nach Volker Pispers). Die Schweizer machen es richtig. Halten sich aus allem ideologischen Blödsinn raus (Kampfeinsätze, EU, Euro, Bündnisse,...) und trotzdem gehts den Alpenbewohnern hervorragend. Was wäre wenn Frau Merkel - angelhnt an die patriotischen Filme - vorne voraus in den Krieg ziehen müsste, gleich dahinter Frau von der Leyen? Ich glaube dann würde es ab morgen nie wieder Krieg geben! Das hätte ins Grundgesetz gehört: Wer Angriffskriege will, der soll ganz vorne in erster Reihe mit dabei stehen. Gebt Merkel ein (zielungenaues) G36.