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Gastbeitrag Chancengleichheit braucht länger als 100 Jahre

Noch ein Jahrhundert nach Einführung des Frauenwahlrechts vernachlässigt die Wirtschaft die Gleichberechtigung. Klare Vorgaben sind nötig.
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Christiane Benner ist stellvertretende IG-Metall-Vorsitzende.
Die Autorin

Christiane Benner ist stellvertretende IG-Metall-Vorsitzende.

Sprengkraft hat der Kampf um gleiche Rechte für Frauen seit jeher. Zahlreiche Polizeimannschaften“ mussten Berlin am 8. März 1911 „revolvergerüstet“ vor einem „Umsturz der Frauen beschützen“, berichten historische Quellen. Noch acht Jahre sollte es dauern, bis Frauen in Deutschland das aktive und passive Wahlrecht erfolgreich durchgesetzt hatten.

Am 19. Januar 1919, also vor 100 Jahren, konnten Frauen erstmals bei der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung abstimmen. Heute feiern wir – von Union bis Linkspartei – dieses historische Ereignis. Wir schütteln einhellig die Köpfe angesichts der Widerstände, die die Frauen damals überwinden mussten.

Gleichzeitig lassen wir die Frauen ungerührt im Regen stehen. Und zwar dann, wenn es um die gleichstellungspolitischen Widerstände von heute geht, zum Beispiel beim Gender Pay Gap. Der Global Gender Gap Report 2018 des Weltwirtschaftsforums hält uns den Spiegel vor. Deutschland ist aktuell auf Rang 14 abgerutscht, nachdem es 2006 auf Platz fünf gestartet war.

Die Entgeltlücke zwischen Männern und Frauen bleibt seit Jahren konstant groß. Obwohl inzwischen mehr junge Frauen als junge Männer die Schule mit dem Abitur abschließen, machen vor allem junge Männer Karriere. Es reicht einfach nicht aus, einmal im Jahr einen „Girls‘ Day“ zu veranstalten.

Wir müssen endlich echte Chancengleichheit herstellen: durch Entgeltgerechtigkeit, mehr Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben und gerechte Entwicklungsmöglichkeiten. Das Weltwirtschaftsforum sieht in der Digitalisierung einen weiteren Grund für die anhaltende Ungleichheit. Demnach wirkt die Automatisierung unverhältnismäßig stark auf die traditionell von Frauen besetzten Arbeitsplätze.

Das sehen wir im Ansatz auch in den hiesigen Unternehmen: Chatbots, Robotic Process Automation in den Büros, Kollege KI bei der Endkontrolle am Band. In der Industrie werden viele typische, gut bezahlte Frauentätigkeiten wegfallen. Deshalb setzt sich die IG Metall vehement für Qualifizierung ein. Technische Beschäftigungsfelder werden weiterwachsen, dort sind Frauen aber noch stark unterrepräsentiert.

In der gesamten Digitalbranche arbeiten weniger als 30 Prozent Frauen. Noch gravierender sieht es in Schlüsseldisziplinen wie Informatik oder Künstlicher Intelligenz aus. Hier gibt es dringenden Nachholbedarf! Es wird Potenzial verschleudert. Das ist grob fahrlässig.

Studien belegen: Gleichstellung und gleiche Teilhabe bringt den Unternehmen Fortschritt. „The Mix That Matters – Innovationskraft durch Vielfalt“ heißt eine Befragung, die The Boston Consulting Group (BCG) und die Technische Universität München (TUM) veröffentlicht haben.

Sie zeigt: Frauen in Führungspositionen erhöhen die Innovationskraft in Unternehmen fühlbar, sofern ihr Anteil im Management bei mindestens 15 bis 20 Prozent liegt. Ein Grund mehr also, sich für die Ausweitung einer gesetzlichen Frauenquote zu engagieren. Denn Deutschland steckt diesbezüglich noch in der Steinzeit: Zu Silvester 2018 gab es in Deutschland lediglich 61 weibliche Vorstandsmitglieder.

Summa summarum erlauben es sich noch 76 Prozent der Unternehmen, Frauen aus ihren Vorständen herauszuhalten. Dabei würde jedes Unternehmen, das sich verbindlich um Chancengleichheit bemüht, im Ranking bei weiblichen Fachkräften ganz weit oben stehen.

Für gute Neujahrsvorsätze ist es noch nicht zu spät: Die Entgeltlücke kann durch verbindliche Prüfverfahren schrumpfen. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ist kein Hexenwerk. Wird der gemeinsame Tarifabschluss für die Metall- und Elektroindustrie aus dem letzten Jahr von den Sozialpartnern konstruktiv gelebt, erhalten Zehntausende Beschäftigte für die Pflege von Angehörigen oder die Kindererziehung jährlich zwei zusätzliche Urlaubstage. Auch die neue gesetzliche Brückenteilzeit bietet viel gleichstellungspolitischen Spielraum.

Damit wir im internationalen Vergleich nicht noch weiter abrutschen, brauchen wir auch die Quote. Wie sie wirkt, merken auch wir bei der IG Metall. Der Frauenanteil in Führungspositionen steigt erst dank klarer Vorgaben. Vor einigen Wochen sind in den Geschäftsstellen Stuttgart und Berlin zwei weitere Frauen an die Spitze gewählt worden.

Fürchten sich meine Kollegen deshalb? Mitnichten. Wir brauchen mehr Vorbilder – auch Männer, die für eine neue, vielfältigere Unternehmenskultur stehen. Ich bin überzeugt: Mit klaren Zielen und gutem Willen bleiben wir wirtschaftlich erfolgreich und kommen wieder unter die Top 5 im Global Gender Report!

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