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Gastbeitrag Demografie kann man nicht aussitzen

Ökonomisch und politisch ist die fortschreitende Alterung der Gesellschaft eine riesige Herausforderung – trotzdem können wir das Problem bewältigen.
  • Rudolf Kast
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Rudolf Kast ist Vorstandsvorsitzender des Demographienetzwerks ddn.
Der Autor

Rudolf Kast ist Vorstandsvorsitzender des Demographienetzwerks ddn.

Generationen von Kindern durften in unseren Schulen lernen, wie sich die Bevölkerungspyramide im Laufe des letzten Jahrhunderts in eine Zwiebel verwandelt hat.

Aus einer Gesellschaft mit vielen Kindern und Jugendlichen wurde nach und nach eine Gesellschaft mit einer Masse mittelalter Menschen und schließlich eine Gesellschaft, in der die Alten immer mehr werden. Mitte der 1990er-Jahre erreichte die Geburtenrate einen Tiefstand, sodass Pessimisten damals ein „Aussterben der Deutschen“ vorhersehen wollten.

Kürzlich hat das Statistische Bundesamt die Zahlen der neuen Bevölkerungsvorausberechnung vorgelegt. Darin wird noch einmal bestätigt: Die Alterung unserer Gesellschaft schreitet voran.

Die Anzahl der Menschen ab 67 Jahren wird bis 2040 auf mindestens 21 Millionen steigen. Die Zahl der jungen Menschen wird weiter abnehmen. Im Vergleich dazu prognostiziert der Weltbevölkerungsbericht der UN einen Anstieg auf bis zu elf Milliarden Menschen im Jahr 2100.

Auf den ersten Blick erfüllen sich damit gleich zwei Schreckensszenarien, die mit dem Begriff Demografie verbunden sind: zum einen die Furcht vor der alternden Gesellschaft und dem „Aussterben“ der Deutschen. Zum anderen die Furcht vor einer „Übervölkerung“ des Planeten und damit verbundene Ängste hinsichtlich der Welternährung oder ökologischer Auswirkungen.

Doch beides sind Zerrbilder, die wichtige Faktoren und Effekte ausblenden oder gar nicht kennen.

Denn auch wenn der Anstieg der Weltbevölkerung im ersten Moment dramatisch wirkt, so ist doch eine andere Zahl viel relevanter: die Geburtenrate. Wenn Sie diese Zahl erraten müssten – Sie würden vermutlich weit danebenliegen. Die weltweite Geburtenrate liegt nämlich bei gerade einmal statistisch 2,5 Kindern pro Paar. Ein gleichbleibender Bevölkerungsstand wäre bei circa 2,1 Geburten pro Paar erreicht.

Der verstorbene schwedische Demografieforscher Hans Rosling sprach davon, dass wir gerade einen sogenannten „Child-Peak“ erleben. Damit meint er einen Höchststand der Kinderzahl weltweit, die dann in den folgenden Jahren wieder sinken wird.

Der weitere Anstieg der Weltbevölkerung kommt also in erster Linie dadurch zustande, dass die bislang und aktuell geborenen Kinder nicht nur eine sehr gute Überlebenschance haben, sondern auch – dank besserer Infrastruktur, medizinischer Versorgung und Bildung – eine deutlich höhere Lebenserwartung.

Wie mit einer schrumpfenden Gesellschaft fertigwerden?

Die Weltbevölkerung nimmt also in erster Linie deshalb noch ein paar Jahrzehnte deutlich zu, weil es der Menschheit gelungen ist, eine Vielzahl von Lebens- und Überlebensrisken erfolgreich einzudämmen. Und das ist eine gute Nachricht. Doch schon heute lässt sich prognostizieren, dass das globale Bevölkerungswachstum sich jenseits dieser berechenbaren Spitzenwerte einpendeln und langfristig dann auch wieder sinken wird.

Wenn wir heute über Demografie reden, dann müssen wir uns also zwischen zwei Zahlen bewegen: der stagnierenden Geburtenrate in Deutschland mit derzeit rund 1,6 Kindern und der weiter sinkenden weltweiten Geburtenrate von 2,5 Kindern.

Zur Erinnerung: Die uns bekannte Bevölkerungspyramide für Deutschland – ganz viele Junge, ganz wenige Alte – repräsentiert einen Stand zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals bekam eine Frau in Deutschland durchschnittlich mindestens vier Kinder.

Heutzutage ist das eine Zahl, die wir in Madagaskar oder Äthiopien sehen. Und die auch dort weiter sinkt. Mit anderen Worten: Die Pyramide war eine wesentlich stärkere Sondersituation als unsere heutige Bevölkerungsstruktur. Es wird die vielen Jungen – und damit diese Pyramide – nie mehr geben.

Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch: Unsere derzeitige demografische Struktur ist kein „Ausrutscher“ oder vorübergehender Effekt, sondern eine neue Normalität. Wir werden über die nächsten rund fünf Jahrzehnte eine etwas schrumpfende Gesellschaft sein, deren Altersdurchschnitt parallel ansteigt.

Finanzierung des Sozialsystems ist die zentrale Frage

Drei Fragen werden uns deshalb besonders zu schaffen machen.
Erstens: die Finanzierung unserer Sozialsysteme. Die Einführung des Nachhaltigkeitsfaktors und die Heraufsetzung des Rentenalters haben die Finanzierung für künftige Generationen unterstützt. Die Rente mit 63 war wieder ein großer Schritt zurück.

Die Politik sollte die längere potenzielle Arbeitsfähigkeit der Menschen mit attraktiven freiwilligen Angeboten für ein tatsächlich längeres Arbeiten über aktuelle Altersgrenzen hinaus stärker fördern. Unabhängig davon muss mit Blick auf die demografischen Zahlen endlich eine Grundsatzdiskussion über das umlagebasierte Finanzierungssystem geführt werden.

Zweitens: öffentliche Infrastruktur. Sie ist kostspielig und muss deshalb möglichst vielen zugutekommen. Zugleich sind unsere Systeme auf „eine Masse Gleicher“ und nicht auf die divergierenden Bedürfnisse einer natürlicherweise immer heterogeneren Gesellschaft ausgelegt.

Im Zusammenhang mit der Urbanisierung driften zudem Stadt und Land weiter auseinander. Hier brauchen wir ein abgestimmtes Zukunftsbild von öffentlicher Infrastruktur, das eine nachhaltige Mittelverwendung fördert und moderne Technologien von Beginn an mitdenkt.

Drittens: ein gutes Zusammenleben. Das klingt einfacher, als es ist. Denn es gibt Interessengegensätze, Wettbewerb um Ressourcen, Ungleichheiten und oftmals fehlende Verständigung.

Die Welten des Siebzigjährigen und des Siebzehnjährigen, sie waren noch nie so unterschiedlich. Wir brauchen hier eine neue Kompetenz für das Altern, bei Alten und Jungen gleichermaßen. Und wir brauchen eine erweiterte Kompetenz für Vielfalt, Toleranz und Rücksichtnahme im Alltag.

Große Herausforderungen für die Unternehmen

Alle drei Fragen hängen zusammen und lassen sich nur in Zusammenarbeit lösen. Mehr noch als die Politik unterschätzen Unternehmen die sich daraus ergebenden Herausforderungen. Das ist verständlich, denn kein Unternehmen plant ernsthaft über einen Horizont von 50 Jahren, während zugleich erhebliche Umbrüche und Transformationsprozesse die Märkte prägen.

Altersbedingt werden nach klassischen Rentengrenzen in den nächsten zehn Jahren die Babyboomer in den Ruhestand gehen. Es ist also höchste Zeit für Unternehmen, sich stärker mit der Demografie auseinanderzusetzen, denn diese ist – so verwunderlich es klingt – relativ stabil und damit eine gute Planungsgrundlage.

Demografie kann man nicht „aussitzen“. Vom Fachkräftemangel über die Zusammenarbeit heterogener Belegschaften im Unternehmen bis zum strategischen „Workforce-Design“, der Gestaltung einer tragfähigen Belegschaft, sind Unternehmen noch nicht ausreichend auf die neue Normalität vorbereitet.

Viele Länder, die wir derzeit noch „Entwicklungsländer“ nennen, werden in den nächsten Jahren deutlich aufholen und eine „demografische Dividende“ einstreichen. Sie profitieren von einer hohen Anzahl arbeitsfähiger Menschen bei sinkender Geburtenrate. Wir müssen ihnen das nicht neiden, denn wir hatten diese Situation auch schon.

Es ist ein weiteres Stück Normalisierung in Sachen globale Demografie, in der wir der Welt eben ein paar Jahre voraus sind. Was wir den allermeisten Ländern deshalb aus demografischen Gründen voraushaben können, ist ein funktionierendes Gesellschaftsmodell, in dem die verschiedensten Lebensmodelle und Konzepte eingebunden sind und zur Wertschöpfung beitragen. Das könnte dann in einigen Jahren ein neuer Exportschlager sein.

Mehr: Infografik – So altern unsere Gesellschaften. Die Japaner werden statistisch gesehen am ältesten, auch die Deutschen leben immer länger. Mit Problemen kämpfen die Menschen südlich der Sahara.

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