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Gastbeitrag Der amerikanische Staat muss jetzt aktiv gegensteuern

Corona befeuert Arbeitsplatzabbau, Ungleichheit und Wachstumsverlust. Investitionen in eine „grüne Wirtschaft“ könnten die Lösung sein, findet Joseph E. Stiglitz.
09.07.2020 - 19:21 Uhr Kommentieren
Die USA sind zerrissen. Quelle: dpa
Kundgebung von Präsident Donald Trump

Die USA sind zerrissen.

(Foto: dpa)

Auch wenn es scheint, als wäre es in grauer Vorzeit gewesen: Es ist noch nicht lange her, dass unsere Volkswirtschaften weltweit in Reaktion auf die Covid-19-Pandemie heruntergefahren wurden. Zu Beginn dieser Krise erwarteten die meisten eine rasche, V-förmige Erholung; sie gingen davon aus, dass die Wirtschaft lediglich eine kurze Erholungspause bräuchte. Nach zwei Monaten liebevoller Pflege und haufenweise finanzieller Unterstützung würde sie sich erholen und da weitermachen, wo sie vor der Krise stand.

Es war eine verlockende Vorstellung. Doch inzwischen ist es Juli, und eine V-förmige Erholung dürfte eine Wunschvorstellung bleiben. Die postpandemische Wirtschaftsentwicklung dürfte blutleer ausfallen, und das nicht nur in Ländern, die bei der Steuerung der Pandemie versagt haben (namentlich den USA), sondern selbst in solchen, die sich dabei bewährt haben.

Der Internationale Währungsfonds prognostiziert, dass die Weltwirtschaft Ende 2021 kaum größer sein dürfte als Ende 2019 und dass die Volkswirtschaften der USA und Europas bis dahin noch immer um rund vier Prozent kleiner sein werden.

Man kann die derzeitigen wirtschaftlichen Aussichten auf zwei Ebenen betrachten. Die Makroökonomie sagt uns, dass die Ausgaben fallen werden – aufgrund der geschwächten Bilanzen der privaten Haushalte und der Unternehmen, aufgrund einer Konkurswelle, die Organisations- und Informationskapital vernichtet, und aufgrund eines ausgeprägten Vorsorgeverhaltens, hervorgerufen durch den unsicheren Verlauf der Pandemie und der darauf folgenden politischen Reaktionen.

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    Aus der Sicht der Mikroökonomie wirkt das Virus wie eine Steuer auf Aktivitäten, die enge menschliche Interaktion erfordern. Insofern wird es große Änderungen bei den Konsum- und Produktionsmustern kontinuierlich vorantreiben, und das wiederum wird einen breit angelegten Strukturwandel herbeiführen.

    Ungleichheit steigt

    Joseph E. Stiglitz ist Wirtschaftsnobelpreisträger. Quelle: Fairfax Media/Getty Images
    Der Autor

    Joseph E. Stiglitz ist Wirtschaftsnobelpreisträger.

    (Foto: Fairfax Media/Getty Images)

    Wirtschaftstheorie und Geschichte lehren uns, dass die Märkte allein nicht gut in der Lage sind, einen derartigen Wandel zu bewältigen, insbesondere einen so abrupten wie diesen. Es ist nicht einfach, Fluglinienpersonal in „Zoom“-Techniker umzuschulen. Und selbst wenn wir das könnten: Die Branchen, die derzeit wachsen, erfordern viel weniger Arbeitskräfte und deutlich mehr Fachkönnen als die, die sie ersetzen.

    Breit angelegte strukturelle Veränderungen bringen tendenziell ein bekanntes keynesianisches Problem hervor, das Ökonomen als Einkommens- und Substitutionseffekt bezeichnen. Wenn Branchen wachsen, in denen es keine menschliche Interaktion gibt, spiegelt das eine Zunahme ihrer relativen Attraktivität wider; der damit verbundene Anstieg der Ausgaben wird mehr als übertroffen von der Ausgabenreduzierung, die aus den sinkenden Einnahmen in schrumpfenden Branchen hervorgerufen wird.

    Zudem wird es im Fall dieser Pandemie einen dritten Effekt geben: zunehmende Ungleichheit. Weil Maschinen nicht von dem Virus infiziert werden können, werden sie für die Arbeitgeber attraktiver. Dies gilt besonders für die schrumpfenden Sektoren, die relativ gesehen mehr ungelernte Arbeiter beschäftigen. Und weil einkommensschwache Gruppen einen größeren Teil ihrer Einnahmen für grundlegende Güter aufwenden müssen als einkommensstarke, hat jede automationsbedingte Erhöhung der Ungleichheit einen Wachstumsverlust zur Folge.

    Zusätzlich zu diesen Problemen gibt es zwei weitere Gründe für Pessimismus. Erstens kann die Geldpolitik zwar einigen Unternehmen mit vorübergehenden Liquiditätsengpässen helfen – wie sie das während der Großen Rezession der Jahre 2008/2009 getan hat –, aber Zahlungsfähigkeitsprobleme kann sie nicht lösen, und auch die Konjunktur kann sie angesichts von Zinsen um die null Prozent nicht ankurbeln.

    Zudem wird es in den USA und einigen anderen Ländern „konservativen“ Widerstand gegen steigende Defizite und Schuldenniveaus und damit gegen notwendige fiskalische Impulse geben. Natürlich waren dieselben Leute gern bereit, 2017 die Steuern für Milliardäre und Konzerne zu senken, 2008 die Wall Street zu retten und in diesem Jahr Großkonzernen eine helfende Hand zu reichen. Doch Arbeitslosenunterstützung, Krankenversicherung und zusätzliche Hilfen für die Schwächsten der Gesellschaft zu bewilligen ist etwas ganz anderes.

    Die kurzfristigen Prioritäten sind seit Beginn der Krise klar. Am offensichtlichsten ist, dass etwas gegen den Gesundheitsnotstand getan werden muss (etwa durch Bereitstellung von ausreichend persönlicher Schutzausrüstung und Krankenhausbetten), weil es ohne Eindämmung des Virus keine wirtschaftliche Erholung geben kann.

    Weiterhin sind Maßnahmen unverzichtbar, die Bedürftigsten zu schützen, Liquidität zur Verhinderung unnötiger Konkurse bereitzustellen und die Verbindung zwischen Arbeitnehmern und ihren Firmen aufrechtzuerhalten, um ein schnelles Wiederhochfahren der Wirtschaft zu gewährleisten – wenn es so weit ist.

    Keine Zombie-Unternehmen retten

    Doch selbst mit diesen offensichtlichen notwendigen Schritten müssen harte Entscheidungen getroffen werden. Wir sollten keine Unternehmen – wie traditionelle Einzelhändler – retten, die sich bereits vor der Krise im Niedergang befanden; dies würde lediglich „Zombie-Unternehmen“ schaffen und letztlich Dynamik und Wachstum beschränken.

    Auch sollten wir keine Unternehmen retten, die bereits zu verschuldet waren, um einer Erschütterung zu widerstehen. Die Entscheidung der amerikanischen Notenbank, mit ihrem Programm zum Ankauf von Wertpapieren den Markt für Schrottanleihen zu stützen, ist fast mit Sicherheit ein Fehler. Das ist ein Beispiel für das Schaffen von Anreizen zu systemischem Fehlverhalten (Moral Hazard); Regierungen sollten Unternehmen nicht vor ihrer eigenen Torheit schützen.

    Corona wirbelt die Welt durcheinander. Von einem Tag auf den anderen kam die Weltwirtschaft zum Stillstand. Jetzt versuchen die Volkswirtschaften wieder zur Normalität zurückzukehren, doch so einfach ist das nicht mit der ökonomischen Analyse: Was richtete das Virus mit der Weltwirtschaft an? Sechs bekannte Ökonominnen und Ökonomen aus allen Regionen der Welt haben sich aus ihrer Perspektive für das Handelsblatt dieser Frage angenommen und analysieren mit ihrem Sachverstand die Situation. Quelle: Smetek
    Handelsblatt-Thema: Weltwirtschaft nach Corona

    Corona wirbelt die Welt durcheinander. Von einem Tag auf den anderen kam die Weltwirtschaft zum Stillstand. Jetzt versuchen die Volkswirtschaften wieder zur Normalität zurückzukehren, doch so einfach ist das nicht mit der ökonomischen Analyse: Was richtete das Virus mit der Weltwirtschaft an? Sechs bekannte Ökonominnen und Ökonomen aus allen Regionen der Welt haben sich aus ihrer Perspektive für das Handelsblatt dieser Frage angenommen und analysieren mit ihrem Sachverstand die Situation.

    (Foto: Smetek)

    Lesen Sie hier, wie die anderen Top-Ökonomen die Zukunft einschätzen:

    Es sieht so aus, als würde uns Covid-19 noch lange erhalten bleiben. Daher haben wir Zeit, bei den Ausgaben unsere Prioritäten zu überdenken. Zu Beginn der Pandemie war die amerikanische Gesellschaft zerrissen von ethnischer und wirtschaftlicher Ungerechtigkeit, sinkenden Gesundheitsstandards und einer zerstörerischen Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen.

    Angesichts der derzeitigen massiven staatlichen Ausgaben kann die Bevölkerung zu Recht verlangen, dass Unternehmen zu sozialer und ethnischer Gerechtigkeit, gesundheitlichen Verbesserungen und einem Wandel hin zu einer grüneren, stärker wissensgestützten Wirtschaft beitragen, damit ihnen geholfen wird. Diese Werte sollten nicht nur entscheiden, wie wir öffentliche Gelder verteilen, sondern sich auch in den Bedingungen spiegeln, die wir den Empfängern auferlegen.

    Wie meine Mitautoren und ich in einer aktuellen Studie zeigen, können zielgerechte öffentliche Ausgaben, insbesondere Investitionen in eine grüne Wirtschaft, zeitnah, arbeitsintensiv (was zur Lösung des Problems steil steigender Arbeitslosigkeit beiträgt) und stark konjunkturfördernd sein – sie haben pro verwendetem Dollar eine deutlich größere Wirkung als etwa Steuersenkungen.

    Es gibt keinen wirtschaftlichen Grund, warum Länder, einschließlich der USA, keine großen, nachhaltigen Wiederaufbauprogramme auflegen können, die eine Bekräftigung oder zumindest eine Annäherung an die Gesellschaft sind, die sie zu sein behaupten.

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