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Gastbeitrag Deutschland braucht dringend ein vernetztes Gesundheitssystem

Die USA und China führen bereits viele Konzepte für die digitalisierte Medizinbranche vor. Europa muss nachziehen, mit Deutschland als Vorreiter.
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Der Autor ist Chef der Techniker Krankenkasse. Quelle: Dominik Butzmann
Jens Baas

Der Autor ist Chef der Techniker Krankenkasse.

(Foto: Dominik Butzmann)

Europa ist spät dran. Zumindest bei der digitalen Transformation im Gesundheitswesen. Es stapeln sich in vielen Ländern immer noch die Aktenberge in den Kliniken, es rattern Rezept-Drucker, und Faxgeräte versenden auf Hochtouren Befunde. Und das im Jahr 2019, während in den meisten Branchen die Digitalisierung längst nicht mehr wegzudenken ist. Wir buchen Reisen online, machen unsere Bankgeschäfte im Netz und chatten per Videokonferenz rund um die Welt. Aber unsere Gesundheit findet noch auf dem Papier statt.

Einige Länder in Europa sind weiter: Die digitale Vernetzung funktioniert in Dänemark; die Schweden haben das E-Rezept sowie die elektronische Patientenakte in ihren Alltag integriert; Estland glänzt als Vorzeigeland bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Deutschland liegt jedoch auf Platz 16 von 17 untersuchten Ländern beim Digitalisierungsgrad, so eine Studie der Bertelsmann Stiftung.

Es gilt, den Rückstand aufzuholen und ein patientenorientiertes, vernetztes Gesundheitssystem zu schaffen – in Deutschland wie in Europa insgesamt. Ein System, das alle Vorteile der Digitalisierung nutzt, um Ärzte zu entlasten, Patienten bessere Versorgung anzubieten, Transparenz zu schaffen und die steigenden Kosten zu dämpfen. Gleichzeitig gilt es, die Persönlichkeitsrechte nicht einzuschränken und ein Höchstmaß an Datensicherheit zu garantieren.

Chancen und Risiken müssen dabei kritisch abgewogen werden – wer über die Digitalisierung in Europa nachdenkt, der sollte einen Blick über den Tellerrand wagen:

USA: Mit Bits und Bytes gegen Krebs und Demenz

Silicon Valley, Kalifornien: Nicht Big Pharma, sondern Big Data forscht hier an der Medizin der Zukunft. Mithilfe von Algorithmen, Künstlicher Intelligenz und unfassbaren Datenmengen forschen Techgiganten wie Google, Microsoft und Apple, aber auch viele Start-ups an neuen Therapien und Diagnosemöglichkeiten. Wettbewerb und technologischer Fortschritt bestimmen hier die Regeln.

So experimentiert Apple mit Hochdruck, wie sich die Apple Watch zum umfassenden Gesundheitssensor entwickeln kann, um etwa Herzprobleme frühzeitig erkennen zu können. Alphabet, Googles Mutterkonzern, arbeitet mit namhaften Vertretern der Medizinforschung an neuen Biosensoren und Medizinrobotern.

Und Amazon tüftelt an seinem Einstieg ins Arzneimittelgeschäft sowie an virtuellen Arztbesuchen. Die Forscher nutzen Daten und das Internet, um ihre Vorhaben im Kampf gegen Krebs, Demenz und andere Krankheiten umzusetzen. Der Datenhunger hat aber seinen Preis: Es ist kaum abzuschätzen, wie viel Persönliches Kunden der Techriesen heute schon von sich preisgeben. Es ist nicht zu übersehen, wo die Unternehmen ihre Datenmassen herbekommen. Doch ist der gläserne Mensch als Preis für die Bekämpfung von Krankheiten kaum tolerierbar.

Beispiel China: Tencent ist eine der größten Social-Media-Firmen und eine der größten Investmentgesellschaften der Welt. Über 700 Millionen aktive Nutzer zählt allein das Unterhaltungsprogramm des Konzerns: Messenger-Dienste, Onlinespiele, soziale Netzwerke. Und Tencent hat das Thema „Digitalisierung im Gesundheitswesen“ als strategisch wichtiges, ökonomisch höchst interessantes Feld erkannt: So bündelt das Unternehmen über sein Ökosystem WeChat zahlreiche Services rund um Gesundheit und optimiert das chinesische Gesundheitssystem damit enorm. Es bietet Krankenversicherungen an, steuert Terminvergaben bei Ärzten und in Kliniken und kümmert sich um die Abrechnung mit diesen.

Europa muss einen eigenen Weg finden

Gleichzeitig ist in China zu beobachten, dass nicht nur Unternehmen, sondern auch die Gesellschaft die Digitalisierung auf eine neue Art nutzt: Das sogenannte Social-Credit-System hält Einzug in den Alltag Chinas. Das Programm sammelt Daten, zum Beispiel über Versicherungs-, Bank-, Gesundheits- und Social-Media-Aktivitäten.

Es vergibt Punkte für die Pflege von Angehörigen, Besuche bei den Eltern und wohltätige Arbeit – und zieht sie wieder ab bei politischen Protesten, Verkehrsdelikten oder Betrug bei Onlinespielen. Daraus errechnet sich für jeden Bürger und jede Bürgerin ein Social Score. Mit Folgen: Im positiven Fall gibt es schneller Kredite und Visa, im negativen Fall Reisebeschränkungen, Internetdrosselung und sogar höhere Steuern.

Forschung mit Big Data, die Bündelung von Diensten in digitalen Ökosystemen bis zu sozialer Kontrolle – dazwischen muss Europa seinen eigenen Weg finden. Überall geht es voran, nur in Europa scheint uns etwas in Sachen Digitalisierung auszubremsen. Der Grund ist banal: Das analoge System funktioniert, und vielen, die im Gesundheitswesen arbeiten, geht es sehr gut darin.

Da ist die Bereitschaft zur Veränderung gering. Doch die Frage, ob auch die Menschen gut damit leben, wird noch viel zu selten gestellt. Und nicht wenige Beteiligte im Gesundheitssystem haben meines Erachtens Angst vor der Transparenz, welche die Digitalisierung mit sich bringt. Gleichzeitig – und das sehe ich vor allem als ein typisch deutsches Phänomen – haben wir viel zu oft den Anspruch, direkt mit einer hundertprozentigen Lösung zu starten. Wir hemmen uns selbst mit unserem Anspruch an Perfektion. Gegenbeispiel Dänemark: Mit kleinen, aber schnellen und kontinuierlichen Schritten tastet sich das Gesundheitssystem dort an die Digitalisierung heran – „think big, start small, scale fast“.

Chancen des Wettbewerbs nutzen – nach unseren Spielregeln
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