Gastbeitrag Deutschlands Alternativen zu Russlands Gas

Die Idee des polnischen Premiers Donald Tusk zu einer Energieunion in Europa taugt nicht, um unabhängiger von russischen Energieimporten zu werden. Nötig ist vielmehr der Rückgriff auf die heimischen Ressourcen.
  • Jürgen Trittin und Oliver Krischer
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In dem sächsischen Ort Sayda im Erzgebirge direkt an der deutsch-tschechischen Grenze kommt Erdgas aus Russland an. Quelle: ap

In dem sächsischen Ort Sayda im Erzgebirge direkt an der deutsch-tschechischen Grenze kommt Erdgas aus Russland an.

(Foto: ap)

Der Konflikt mit Russland in der Ukraine-Krise hat ein europäisches Dilemma ins Licht der Öffentlichkeit gebracht: Die Abhängigkeit von Energieimporten engt die Souveränität Europas massiv ein. Wiederholt drohte der Kreml mit dem Stopp von Erdgaslieferungen in die Ukraine und setzt damit auch die EU unter Druck.

Wer einen Beleg für dieses Dilemma braucht, muss nur die Debatten um Wirtschaftssanktionen gegenüber Russland verfolgen. Auch wenn immer wieder der Name „Gazprom“ fällt, wird es wohl dabei bleiben, dass Konzernchef Alexej Miller nicht auf europäischen Sanktionslisten auftauchen wird. So sehr möchte man sich dann doch nicht ins eigene Fleisch schneiden.

Als Reaktion auf dieses Dilemma hat der polnische Ministerpräsident Tusk eine „Europäische Energieunion“ vorgeschlagen. Europa solle seine Marktmacht stärken und in Zukunft als vereinter Großkunde russisches Gas kaufen. Und natürlich sollen  die Kohle- sowie Schiefergasvorräte in der EU voll genutzt werden. Bundeskanzlerin Merkel hat für diese Vorschläge bereits die Unterstützung der Bundesregierung signalisiert.

„Selbstmord aus der Angst vor dem Tod“ scheint die Devise zu sein. Statt die Herausforderung anzunehmen und die Unabhängigkeit von Energieimporten und Klimaschutz zum obersten europäischen Ziel zu erklären, soll das fossile Zeitalter krampfhaft fortgeschrieben werden. Und wenn es nach Akteuren wie Günther Oettinger ginge, dürfte sogar die Atomkraft eine Renaissance erleben. Ein Irrweg, der uns teuer zu stehen kommen wird. Diese Strategie ist rückwärtsgewandt und verhindert die angestrebte größere Unabhängigkeit bei der Energieversorgung. Was wir wirklich brauchen ist eine „Union für Klimaschutz, Importunabhängigkeit und Versorgungssicherheit“.

Der Rückgriff auf die Reste fossiler heimischer Energien widerspricht diametral den nationalen und europäischen Klima- und Energiezielen und zieht erhebliche Umweltschäden nach sich. Eine europäische Fracking-Union wäre ein Schritt zurück und nicht nach vorn. Fracking in Europa ist nicht nur wegen der öffentlichen Widerstände und der ökologischen Folgen kein Weg, sondern Aufwand und erwartbarer Nutzen stehen in keinem Verhältnis.

Es leistet damit keinen Beitrag zur Lösung des eigentlichen Problems. Was wir brauchen bei Debatten um eine Energieunion ist der Fokus auf die wahren heimischen Ressourcen: Erneuerbare, Energiesparen und Energieeffizienz. Und die Herausforderungen des Klimawandels verschwinden nicht im Pulverdampf und Kettengerassel. Nur wenn wir sie mutig angehen, können wir auch einen Ausweg aus einer gegenseitigen Abhängigkeit finden.

Deutschland verschwendet über vier Prozent seines Bruttosozialprodukts für Energieimporte. Wir kaufen für mehr Milliarden Euro Energie im Ausland ein, als wir pro Jahr in die viel gescholtene EEG-Umlage investieren. Ein Großteil der fossilen Energieimporte wird für das Beheizen von Gebäuden und für industriellen Prozesse verwendet – allein 85 Prozent des Erdgases. Das muss nicht sein.

Durch eine konsequente Effizienzstrategie im Wärmebereich könnte die Erdgasabhängigkeit von Russland in den kommenden zehn Jahren halbiert werden. Wir könnten zudem jährlich drei Prozent unseres Gebäudebestandes energetisch sanieren und damit wirklich nachhaltig unabhängig werden.

„Deutschland hat seine Abhängigkeit immer weiter erhöht“
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10 Kommentare zu "Gastbeitrag: Deutschlands Alternativen zu Russlands Gas"

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  • "Wiederholt drohte der Kreml mit dem Stopp von Erdgaslieferungen in die Ukraine (...)."

    Glaub doch keiner, dass Russland einfach aus Lust und Laune den Gastransport in die Ukraine stoppen würde! Putin braucht den Rubel ...
    aber wer sein bestelltes Gas nicht bezahlt (trotz Rabatt, wie die Ukraine), hat irgendwann ein Problem!

  • Ein Weltrekord wird volljährig – Multi-Frac-Projekt Söhlingen Z 10 produziert bis heute Erdgas.
    Nach mehrjähriger Planung war hier zunächst die Bohrung Söhlingen Z10 in rund 4.800 Meter gebohrt und horizontal über eine Strecke von 630 Metern abgelenkt worden. Anschließend wurden in der Horizontalstrecke vier Frac-Maßnahmen durchgeführt, um dem Erdgas den Weg zum Bohrloch zu bahnen. Denn das Gestein, in dessen Poren das Erdgas enthalten war, ist so dicht, dass es an natürlichen Fließwegen fehlt.

    Bis heute wurden aus der Bohrung Söhlingen Z 10 bereits etwa 130 Millionen m3 Erdgas gefördert. Damit könnte allein die bisherige Förderung aus dieser Bohrung den Erdgasbedarf des Landkreises Rotenburg fast ein Jahr lang decken.

    https://maps.google.de/maps/ms?ie=UTF8&t=h&oe=UTF8&msa=0&msid=215471204599158552957.00049220bfb230bc03484&dg=feature

    Hier eine kleine Karte zu den Gasbohrungen auf der Welt. Interessant ist Deutschland.

    Warum leben wir noch?

  • Schade, dass immer noch viele Kommentatoren die Welt durch die alte Grünenhasser-Brille betrachten. Sogar die Atomkraft wollen sie wieder, wo sich Vattenfall gerade klammheimlich aus der Verantwortung stiehlt vor dem, was auch dazu gehört: den Abfall entsorgen, Schrottmeiler zurück bauen etc. Die Kosten wollen sie uns allen hinterlassen. Bin gespannt, wie sich Eon, RWE und EnBW aus der Schlinge ziehen werden. Aber nun zum Thema: tatsächlich sind die Erneuerbaren und Energiesparen das einzige, was wir wirkungsvoll tun können. Die Erderärmung ist real und lässt sich auch nicht durch Hasstiraden auf die Grünen wegreden. Wenn Bangladesh unter Wasser steht (und zig Millionen Bangladeshis deshalb bei uns auf der Matte stehen) und Hamburg dreimal im Jahr überschwemmt ist, werden auch diese Leute (nein, deren Kinder) merken, dass sich die Realität nicht ignorieren lässt, und wenn man die Grünen noch so hasst.

  • Sorry!
    aber ich bin auf diese Humanoide nicht gut zu sprechen.

  • Pferde und Kutschen wären doch nicht schlecht.

    Bei Kälte im Winter könnten wir bei den Pferden im Stall schlafen.

    Und wenn es hart kommt, kann man die Pferde auch essen.

  • "Eine Energieunion muss auf Energieeinsparung, Energieeffizienz, Erneuerbare Energien und auf Energieunabhängigkeit setzen. Nur so können wir uns von Energierohstoffabhängigkeiten lösen und die Europäische Souveränität stärken".

    Und wie soll das in der Praxis dann ausschauen?

    Dazu passend könnte man noch gleich den allseits kompatiblen Wahlslogan "Es muss wieder mehr Gerechtigkeit herrschen in diesem Land" hinterherwerfen.

    Windrädchen bauen. Das ist eine wichtige Lösung. Wir retten die Natur, indem wir sie verschandeln. Das nennt man dann wohl grüne Logik.

  • Es ist seitens der Redaktion erfrischend ausgerechnet die Meinung von Herrn Trittin zur Energieversorgung zu veröffentlichen.

    Abseits dieser Ansichten erfolgt die Einspeisung "Erneuerbarer Energien" entsprechend den rasch schwankenden Launen des Wetters und erfordert einen höheren Erdgaseinsatz für einen Lastfolgebetrieb der notwendigen Back-up Kraftwerke.

    Eine Unabhängigkeit von russischem Erdgas lässt sich real zu vernünftigen Kosten mittels heimischer Braunkohle und Kernenergie realisieren.

    Analog Frankreichs, Koreas könnte man auch Strom zur Beheizung der Gebäude und Prozesse nutzen und dadurch Erdgas aus vielen Anwendungen substituieren.

    Fracking kann abseits ökoreligiöser Sagen einen wertvollen, ergänzenden Beitrag zur Energieversorgung leisten.

  • Tritt-ihn!!! Mehr nicht!

  • Mit den Russen konstruktive Lösungen finden, heißt die Devise.

  • Die Alternative heißt mehr Kernkraftwerke!

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