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Gastbeitrag Drei Szenarien, wie sich der Handelskrieg bis Ende 2020 entwickeln könnte

Eine der spannendsten Fragen vor dem G20-Gipfel lautet: Wie geht der Konflikt zwischen USA und China weiter? Ein eskalierender Handels- und Technologiekrieg ist wahrscheinlicher als eine Einigung.
  • Nouriel Roubini
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Der Nationalökonom ist Professor an der Stern School of Business sowie Gründer und Vorsitzender von Roubini Global Economics LLC. Quelle: AP
Nouriel Roubini

Der Nationalökonom ist Professor an der Stern School of Business sowie Gründer und Vorsitzender von Roubini Global Economics LLC.

(Foto: AP)

New York Der heraufziehende Kalte Krieg zwischen den USA und China ist die zentrale Quelle der Unsicherheit in der heutigen Weltwirtschaft. Wie sich der Konflikt entwickelt, wird Verbraucher- und Vermögensmärkte jeden Typs sowie die Entwicklung der Inflation, Geldpolitik und des fiskalischen Umfeldes weltweit beeinflussen.

Eine Eskalation der Spannungen zwischen den beiden weltgrößten Volkswirtschaften könnte bis 2020 durchaus eine weltweite Rezession mit anschließender Finanzkrise hervorrufen, selbst wenn die US Federal Reserve und andere wichtige Notenbanken eine aggressive Lockerung der Geldpolitik verfolgen.

Viel hängt daher davon ab, ob der Streit tatsächlich in einen dauerhaften wirtschaftlichen und politischen Konfliktzustand mündet. Kurzfristig sollte man ein geplantes Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem chinesischen Amtskollegen Xi Jinping auf dem G20-Gipfel in Osaka am 28. und 29. Juni im Auge behalten, das diesbezüglich ein Schlüsselereignis ist.

Ein Waffenstillstand könnte bewirken, dass die Zölle auf ihrem gegenwärtigen Niveau eingefroren werden, und dem chinesischen Technologieriesen Huawei die von Trump vorgelegten lähmenden Sanktionen ersparen. Ohne eine Einigung könnte eine schrittweise Eskalation in Gang kommen, die letztlich zu einer Balkanisierung der gesamten Weltwirtschaft führt.

Allgemein betrachtet gibt es drei Szenarien, wie sich die Lage bis Ende 2020 – dem Zeitpunkt der nächsten US-Präsidentschaftswahl – entwickeln könnte. Eine Möglichkeit ist, dass Trump und Xi in Osaka zu einem Waffenstillstand oder Modus Vivendi finden, der den Weg für eine Verhandlungslösung zum Jahresende bereitet.

An der Handelsfront möchten die USA, dass China mehr amerikanische Waren kauft, tarifäre und nicht tarifäre Handelshemmnisse abbaut, weitere Finanz- und Dienstleistungssektoren für ausländische Investoren öffnet und sich verpflichtet, Währungsstabilität und Transparenz in Bezug auf Wechselkursdaten zu wahren.

Das Huawei-Veto

Was die Technologie angeht, verlangen die USA, dass China den Schutz geistigen Eigentums verstärkt, aufhört, Technologietransfers an chinesische Unternehmen zur Voraussetzung für den Markteintritt US-amerikanischer (und sonstiger) Unternehmen zu machen, und hart gegen Cyber-Wirtschaftsspionage und Cyber-Diebstahl vorgeht.

Eine vorläufige Einigung könnte beliebige der obigen Punkte umfassen; im Gegenzug würden die USA mittelfristige Ausnahmeregelungen (bis 2020 und möglicherweise länger) für chinesische Unternehmen anbieten, die US-Bauteile, -Halbleiter und -Software verwenden. Dies würde Huawei weiterhin schweren Beschränkungen aussetzen, aber es könnte damit leben.

Die zweite Möglichkeit ist ein ausgewachsener Handels-, Technologie- und Kalter Krieg innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Monate. Bei diesem Szenario würden die USA und China, nachdem sie es nicht geschafft haben, (mit oder ohne einen Waffenstillstand) erfolgreich wieder Verhandlungen aufzunehmen, sich rasch auseinanderentwickelnde Positionen einnehmen.

Die USA würden von zunächst 10 auf später 25 Prozent ansteigende Einfuhrzölle auf die verbleibenden chinesischen Waren im Wert von 300 Milliarden Dollar verhängen, die bisher noch nicht betroffen sind. Und die Trump-Regierung würde in Bezug auf Huawei und andere chinesische Technologieunternehmen den roten Knopf drücken und ihnen den Kauf von Bauteilen und Software US-amerikanischer Unternehmen untersagen.

China seinerseits würde Schritte ergreifen, um seine Wirtschaft durch makroökonomische Impulse zu schützen und zugleich über Zölle hinausgehende Vergeltungsmaßnahmen (wie die Ausweisung amerikanischer Unternehmen) einleiten. Huawei würde dabei womöglich auf dem chinesischen Markt überleben, doch sein wachsendes globales Geschäft wäre zumindest bis auf Weiteres schwer beschädigt.

Abseits von Handel und Technologie impliziert dieses Szenario erhöhte geopolitische und militärische Spannungen. Die Möglichkeit eines wie auch immer gearteten Konflikts in Bezug auf das Ost- und Südchinesische Meer, Taiwan, Nordkorea, Xinjiang, den Iran oder Hongkong wäre nicht auszuschließen.

Im dritten Szenario schließlich würden China und die USA zwar keine Einigung in Handels- und Technologiefragen erzielen, aber von einer raschen Eskalation absehen. Statt sich in einen totalen Handels- und Technologiekrieg zu stürzen, würden beide ihren Konflikt allmählicher verschärfen.

Die USA würden neue Zölle verhängen, aber diese bei 10 Prozent belassen, und Ausnahmeregelungen, die es Huawei und anderen chinesischen Firmen gestatten würden, weiterhin wichtige in den USA hergestellte Zwischenprodukte zu kaufen, nur vorläufig verlängern, sich jedoch zugleich die Option offenhalten, Huawei nach Belieben den Teppich unter den Füßen wegzuziehen.

Die Verhandlungen könnten weitergehen, aber die USA hätten damit praktisch ein Veto in Bezug auf Huaweis Bemühen, 5G und andere Schlüsseltechnologien der Weltwirtschaft zu entwickeln. Da Trump dem Unternehmen ganz nach Belieben plötzlich den Strom abstellen könnte, würde die chinesische Regierung vermutlich von offenkundigen größeren Vergeltungsmaßnahmen absehen, aber sie würde trotzdem intervenieren, um den wirtschaftlichen Schaden möglichst gering zu halten.

Die Goldlöckchen-Option …

Das dritte Szenario ist im Moment das wahrscheinlichste, weil China bis November 2020 auf Zeit spielen wird, um zu sehen, ob die USA einen weniger unberechenbaren Präsidenten wählen werden. Doch selbst bei einem Waffenstillstand werden sich nach dem G20-Gipfel eventuell neu aufgenommene Verhandlungen endlos und ohne echte Anzeichen von Fortschritten hinziehen.

In der Zwischenzeit dürfte die Trump-Regierung danach streben, China zusätzlich unter Druck zu setzen und sich selbst alle Optionen offenzuhalten. Unter diesen Umständen wäre es daher besser, mit einem 10-prozentigen Zoll auf die verbleibenden Exporte im Volumen von 300 Milliarden Dollar zu beginnen. Die USA könnten den Zoll jederzeit auf 25 Prozent erhöhen, würden dabei jedoch riskieren, Waren zu verteuern, von denen viele einkommensschwache Trump-Wähler abhängig sind.

Ohne ein Handelsabkommen ist die gleiche modulierte Eskalation auch an der Technologiefront wahrscheinlich. Angesichts der Tatsache, dass die chinesischen Unternehmen bereits an der kurzen Leine geführt werden, könnten die USA die europäischen Länder und andere Verbündete überzeugen, Huawei die Beteiligung an Ausschreibungen oder Lizenzen in Bezug auf 5G und auf Konsumprodukte wie Smartphones zu verweigern und so Huaweis derzeitigen Vorteil auf diesem Markt untergraben.

Dies könnte den USA einige Jahre an Zeit erkaufen, um eigene nationale Champions im Bereich von 5G und den verbundenen Technologien aufzubauen und sich einen Startvorsprung bei 6G zu verschaffen.

Zudem hat eine gesteuerte Eskalation potenzielle politische Vorteile für Trump, und sogar für Xi. Trump setzt sich damit nicht dem potenziellen Vorwurf der Demokraten aus, er habe sich vorführen lassen oder sei gegenüber China weichgeworden. Zugleich dürfte die anhaltende Unsicherheit über den nicht beigelegten Konflikt die Fed veranlassen, im Juli oder spätestens September die Leitzinsen zu senken.

Diese Senkungen könnten, wenn die langsame Zunahme der Spannungen das Vertrauen der Unternehmen in Mitleidenschaft zu ziehen beginnt, 150 Basispunkte erreichen. Tatsächlich könnten die USA, wenn der Konflikt gut gehandhabt wird, eine Rezession komplett vermeiden, obgleich sich das Jahreswachstum von 2 in Richtung 1 bis 1,5 Prozent abschwächen dürfte.

Ob der Aktienmarkt im dritten Szenario eine Korrektur (einen Kursrückgang um 10 Prozentoder mehr) erleiden oder lediglich stagnieren würde, hängt von einer Anzahl unterschiedlicher Faktoren wie etwa dem Vertrauen der Anleger, Wachstumstrends und geldpolitischen Maßnahmen ab. Zudem sind gewisse fiskalische Impulse in den USA und anderen hoch entwickelten Ländern nicht auszuschließen.

So könnte Trump versuchen, mit den Demokraten im Kongress eine Teileinigung über die Infrastrukturausgaben herbeizuführen oder Zolleinnahmen an politisch sensible Wählergruppen wie die Landwirte und die Haushalte mit niedrigem und mittlerem Einkommen im Rostgürtel auszuschütten. Auch wenn die Demokraten Trump derartige Gefälligkeiten nur ungern erweisen würden, wäre es für sie riskant, Zahlungen an die „Verlierer“ des Handelskrieges zu blockieren.

Auch für Xi hat das Szenario einer „gesteuerten Kriegsführung“ Vorteile. Schließlich lässt sich die chinesische Wirtschaft durch geld-, fiskal- und kreditpolitische Impulse stützen, von einer Abwertung des Renminbi (auf über 7 CN¥ im Verhältnis zum Dollar) gar nicht zu reden.

Die Regierung könnte zudem ostentativ moderate Vergeltungsmaßnahmen umsetzen, etwa indem sie mit der Beschränkung (aber nicht dem Verbot) des Exports seltener Erden droht, die in einem breiten Spektrum von Hightech-Produkten zum Einsatz kommen. Zugleich könnten die Behörden hunderten von US-Firmen mit Niederlassungen und Investitionen in China – nicht mit einem kompletten Boykott, aber mit tausenden von Nadelstichen – das Leben schwer machen.

… ist keine echte Option

Weil China und die USA beide wissen, dass sie auf eine jahrzehntelange Rivalität zusteuern, könnten sie durchaus zu dem Schluss kommen, kurzfristig besser keinen umfassenden Konflikt mit globaler Rezession auszulösen. Beide können einen langfristigen Kalten Krieg und die zum Schutz ihrer jeweiligen Lieferketten erforderliche De-Globalisierung nur mit angemessener mittelfristiger Vorbereitung bewältigen.

Doch ist dieses Szenario nicht besonders stabil und könnte sich nach ein paar Monaten ohne Weiteres in das erste oder zweite Szenario umkippen. Wenn China und die USA durch Sorgen über das Wachstum und die Stabilität der Finanzmärkte motiviert sind, könnten sie ihre unmittelbaren Differenzen überwinden. Dies würde ihnen eine vorläufige Einigung ermöglichen, die die Beantwortung der Frage, wie sich eine größere, durch einen Kalten Krieg geprägte Rivalität bewältigen lässt, hinausschiebt.

Im Prinzip ginge es beiden Ländern mit einer Einigung besser, was auch der Grund ist, warum die Märkte das erste Szenario bis zum Platzen der Verhandlungen im vergangenen Mai eingepreist hatten. Für die USA würde eine freundschaftliche Einigung das Vertrauen der Verbraucher und Unternehmen und damit auch das Wachstum steigern und zugleich die zollbedingten Inflationsrisiken mindern.

Der Ablauf einer potenziellen Einigung ist ebenfalls von Bedeutung. Wie es aussieht, wird die Fed ihre Geldpolitik aufgrund der anhaltenden Unsicherheit auf die eine oder andere Weise lockern. Angenommen, Trump und Xi nähmen die Verhandlungen wieder auf und diese zögen sich dann bis Ende Herbst oder Anfang Winter dieses Jahres hin, so müsste die Fed, bevor die Trump-Regierung einer Einigung möglicherweise zustimmt, ihren Leitzins um mindestens 50 Basispunkte senken.

Da sich eine Lockerung der Geldpolitik erst nach gewisser Zeit auswirkt, müsste die Fed die Zinsen bis November 2020 niedrig halten. (Selbst wenn sich Konjunktur und Inflationsentwicklung verbessern sollten, würden die geldpolitischen Entscheidungsträger zögern, vor den Wahlen Kurs zu wechseln, damit es nicht aussieht, als wäre ihr Handeln politisch motiviert.)

Bei einem derartigen Ablauf würden Trumps Aussichten auf eine Wiederwahl gleich doppelt verbessert. Die Fed hätte zur Absicherung die Zinsen auf längere Zeit gesenkt, und ein neues Abkommen würde das Vertrauen der Anleger und den Aktienmarkt stärken. Das freilich könnte nur durch Zufall passieren; schließlich hat ein derart vielstufiges, multidimensionales Denken in Trumps „Kunst des Erfolges“ keinen Platz.

Was China angeht, so würde ein Abkommen zumindest weitere Schäden an der Wirtschaft des Landes und insbesondere seines Technologiesektors verhindern. Die Regierung hätte ein paar weitere Jahre gewonnen, in denen sie sich auf einen längerfristigen Konflikt über den Handel, Investitionen, künstliche Intelligenz, 5G und die geopolitische Vorherrschaft in Asien und darüber hinaus vorbereiten könnte.

Die Chinesen denken tendenziell langfristig, und sie sind sich der „Thukydides-Falle“ – einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, bei der Hegemon und aufstrebende Macht letztlich Krieg gegeneinander führen – nur zu bewusst. Trotzdem brauchen sie eindeutig mehr Zeit zur Vorbereitung. Eine große kurzfristige Erschütterung zum jetzigen Zeitpunkt wäre für China schwer zu bewältigen, insbesondere wenn sie die nationalen Champions des Landes mittel- bis langfristig aus dem Spiel nimmt.

Und tatsächlich sieht es derzeit aus, als ob Trump die Tür für einen Waffenstillstand auf dem G20-Gipfel öffnet; er hat getweetet, dass nun wichtige Vorbereitungen für ein umfassendes Treffen mit Xi beginnen würden.

Doch kann das Treffen trotzdem ein Misserfolg werden, selbst wenn beide Seiten vorspiegeln mögen, dass ein Waffenstillstand erreicht wurde. Wenn die Bedingungen einer Einigung auf dem G20-Gipfel keine Substanz haben – wenn sie nur von einem aufgemalten Lächeln und steifen Handschlägen gekennzeichnet sind –, könnten die sich anschließenden Verhandlungen rasch scheitern und zur allmählichen Eskalation des Handels- und Technologiekrieges führen.

Thukydides’ Rückkehr

Unglücklicherweise ist eine sogar noch wahrscheinlichere Ereignisfolge, dass das dritte Szenario – ein gesteuerter Handels- und Technologiekrieg, der mein Ausgangspunkt dafür ist, wie sich die Rivalität im Laufe der kommenden Monate entwickeln wird – dann ins zweite Szenario (eine umfassende Konfrontation) abgleitet. Ein chinesisch-amerikanisches Handels- und Technologieabkommen in den kommenden Monaten ist alles andere als sicher.

Das Platzen der Verhandlungen im Mai war durch beträchtliche Differenzen zwischen beiden Seiten bedingt. Und jetzt werden die komplexen Vorbereitungen, die für die Ausrichtung eines erfolgreichen Gipfeltreffens zwischen Trump und Xi in Osaka erforderlich sind, im letzten Moment forciert, nachdem sechs Wochen ohne Kontakt verschwendet wurden.

Selbst wenn Amerikaner und Chinesen die Unterschiede bei ihrem Verhandlungsstil überwinden können, werden die USA trotzdem darauf beharren, dass China gesetzliche Verpflichtungen eingeht, und China wird derartige Forderungen als Verletzung seiner nationalen Souveränität betrachten. Die Chinesen reagieren hochgradig sensibel auf alles, was jener imperialen Einmischung nahekommt, die China im 19. Jahrhundert schwächte. Und wie Trump kann sich Xi keinen Gesichtsverlust leisten.

Angesichts der Eskalation des Kriegs der Worte während des vergangenen Monats hat sich die Ausstrahlung der Handelsspannungen in den Technologiebereich verschärft. Diese beiden vormals formell getrennt betrachteten Fragen sind inzwischen untrennbar miteinander verwoben, was es noch schwieriger machen wird, eine Lösung herbeizuführen.

Die Chinesen können keiner Einigung zustimmen, die keine Rettung Huaweis vorsieht. Doch da sich Huawei nun zu einem Faustpfand entwickelt hat, werden die Falken im Bereich der nationalen Sicherheit in der Trump-Regierung und im US-Kongress Trump zwingen, diesbezüglich eine harte Linie zu verfolgen.

Jede Seite scheint zu denken, dass die andere zuerst einknicken wird. Die USA etwa gehen davon aus, dass sie China wirtschaftlich härter treffen können, als China zurückschlagen kann, weil die US-Exporte nach China (im Volumen von 130 Milliarden Dollar) nur einen Bruchteil der chinesischen Exporte in die USA (560 Milliarden Dollar) ausmachen. Was die Zölle angeht, scheint China also mehr zu verlieren zu haben.

Doch wie wir gesehen haben, geht es bei dem Konflikt um viel mehr als um Zölle, und China hat eine Reihe von Möglichkeiten für Vergeltungsmaßnahmen. Neben der Verhängung neuer nicht tarifärer Handelshindernisse kann es einen Schlag gegen wichtige US-Unternehmen führen, die auf chinesische Lieferketten und Verbrauchermärkte angewiesen sind, und zugleich eine Abwertung des Renminbi zulassen. Und wenn die Spannungen zu stark eskalieren, könnte China sogar auf die nukleare Option zurückgreifen, seine enormen Bestände an US-Schatzanleihen auf den Markt zu werfen; es hat bereits damit begonnen, seine Bestände an diesen US-Vermögenswerten zu verringern.

Auch unterschätzt die US-Regierung womöglich die Kosten des Konflikts. Laut dem vorherrschenden Narrativ hatten die bisher verhängten Zölle nur bescheidene Auswirkungen auf die Wachstums- und Inflationsentwicklung in den USA.

Doch legen jüngste Wirtschaftsdaten etwas anderes nahe, denn die US-Wirtschaft und die Weltwirtschaft verlieren an Schwung. Ein Grund, warum die Fed inzwischen zur Absicherung präventive Zinssenkungen in Betracht zieht – die voraussichtlich schon im Juli wirksam werden –, könnte in ihrer Sorge begründet liegen, dass die Zölle die US-Wirtschaft härter treffen als ursprünglich erwartet.

Verschlimmert wird die Lage noch dadurch, dass die USA über nicht annähernd so viele Instrumente verfügen wie China, um auf gesamtwirtschaftliche Erschütterungen zu reagieren. Zusätzlich zu massiven Konjunkturimpulsen und einer Währungsabwertung kann die chinesische Regierung private und staatseigene Unternehmen beliebig retten. Die USA dagegen müssen sich auf traditionelle geld- und fiskalpolitische Instrumente verlassen, und bei beiden ist ihr Spielraum bereits erheblich eingeschränkt.

Und während sich Trump Sorgen um seine Wiederwahl machen muss, hat Xi die Amtszeitbeschränkungen für den Präsidenten abgeschafft, unterliegt kaum Einschränkungen seiner Macht und steht einem ausgedehnten Apparat gesellschaftlicher Kontrolle vor, der unter anderem die „große Firewall“ der Online-Zensur umfasst.

Die Kunst des Misserfolgs

Politisch ist es daher für China viel einfacher, eine langfristige Perspektive zu verfolgen. Xi hat das getan, indem er einen „neuen Langen Marsch“ angekündigt hat – ein Verweis auf den langen, schmerzhaften Rückzug der Volksbefreiungsarmee in den 1930er Jahren in eine neue Hochburg in der Provinz Shaanxi, von wo sie dann 1949 unter Mao Zedong ausbrach und ganz China überrollte.

Indem er sich in die chinesische Fahne hüllt und den Nationalismus im eigenen Lande anheizt, bereitet Xi die chinesische Gesellschaft auf einen langen Kampf vor. Falls es zu einem umfassenden Kalten Krieg kommt, kann er die Chinesen an die Notwendigkeit erinnern, heute zu leiden, um morgen zu triumphieren.

Es ist sogar möglich, dass Xi tatsächlich einen ausgewachsenen Wirtschaftskrieg will, um Trumps Chancen auf eine Wiederwahl zu verringern. Ein neuer demokratischer Präsident wäre – selbst wenn er die Realität einer stärker streitgeprägten chinesisch-amerikanischen Rivalität akzeptiert – fast mit Sicherheit ein konstruktiverer und ehrlicherer Ansprechpartner für China.

Um es im Sprachgebrauch des außenpolitischen Establishments zu beschreiben: Xi könnte eine faktische Eskalation als schnellsten Weg hin zu einem Regimewechsel in den USA ansehen.

Zudem ist Xi kein absoluter Herrscher. Obwohl er die meisten Schalthebel der Macht kontrolliert, gibt es innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) immer noch Gruppen, die sich gegen ihn wenden könnten, wenn er gegenüber den USA nicht ausreichend aggressiv reagiert. Er ist nicht in einer Position, in der er eine Einigung akzeptieren könnte, bei der er – oder China – das Gesicht oder Macht verliert.

Wenn Amerikas mittel- bis langfristiges Ziel in einem Containment Chinas besteht (wie die Nationale Sicherheitsstrategie der Trump-Regierung eindeutig nahelegt), kann Xi kurzfristig nichts zustimmen, das diese Agenda fördert. Im großen Gesamtzusammenhang könnte es besser sein, jetzt einen ausgewachsenen Konflikt zu beginnen, als den USA für die nächsten zwei Jahre einen taktischen Vorteil einzuräumen.

Die Gefahr ist, dass auch Trump einen partiellen oder totalen Handels- und Technologiekrieg einer schwachen Einigung vorziehen würde. Falls Trump signifikante Zugeständnisse macht, werden ihm sowohl die Demokraten als auch rechte Kommentatoren vorwerfen, er betreibe ein Appeasement Chinas und verrate die amerikanischen Arbeiter. Wenn er keine günstige Einigung erreicht, kann er zumindest sagen, er sei hart geblieben.

Zu denen, auf die Trump hört, gehören eine Reihe von Falken im Bereich der nationalen Sicherheit – darunter einige heutige Dr. Strangeloves –, die glauben, dass China auf so unsicheren Füßen steht, dass eine wirtschaftliche Erschütterung einen politischen Zusammenbruch und sogar einen Regimewechsel auslösen könnte.

Dies ist ein gefährliches Spiel, denn es könnte zu Maßnahmen führen, die einen Kalten Krieg in einen heißen Krieg verwandeln. Die bloße Präsenz derart extremer Stimmen in Trumps Umfeld legt nahe, dass die Regierung ein Containment Chinas um jeden Preis beabsichtigt.

Schlimmer noch ist, dass diese Falken nun, da die „Erwachsenen im Raum“ lange verschwunden sind, die Oberhand haben. Außenminister Mike Pompeo, der Nationale Sicherheitsberater John Bolton, der amtierende Verteidigungsminister Patrick Shanahan und Vizepräsident Mike Pence scheinen sämtlich China-Falken zu sein.

Und die Situation in Bezug auf die Handels- und Wirtschaftsberater ist nicht besser; hier haben Handelsminister Wilbur Ross, der Handelsvertreter des Weißen Hauses Robert Lighthizer und der Direktor für Handels- und Industriepolitik Peter Navarro gemäßigte Politiker wie Finanzminister Steve Mnuchin (der sowieso nicht bereit ist, sich dem Präsidenten zu widersetzen) an den Rand gedrängt.

Gipfelsignale

Was bedeutet das letztlich für uns? Wenn sowohl Xi als auch Trump das dritte Szenario attraktiv finden, wird keiner von beiden bereit sein, dem anderen bei einer Einigung auf halbem Wege entgegenzukommen. Das macht, da eine kontrollierte Eskalation per se instabil ist, das zweite Szenario zum wahrscheinlichsten Ergebnis.

Beim gegenwärtigen Stand der Dinge ist die Wahrscheinlichkeit einer letztlichen Einigung gering (meine Kollegen und ich schätzen sie auf lediglich 25% ein). Trotzdem werden wir nach dem G20-Gipfel Ende des Monats klüger sein.

Sollten Trump und Xi keinen Waffenstillstand oder eine vorübergehende Übereinkunft in Bezug auf Huawei erreichen, dürften die USA mit einem 10%igen Zoll auf die verbleibenden chinesischen Exporte im Volumen von 300 Milliarden Dollar Ernst machen. Wir werden uns dann in einem frühen Stadium des dritten Szenarios befinden.

Falls Trump und Xi andererseits ein freundschaftliches Treffen abhalten und einen Waffenstillstand vereinbaren, werden die USA vermutlich von neuen Zöllen absehen, und dann befinden wir uns in einem frühen Stadium des ersten Szenarios. Dies würde die Wahrscheinlichkeit, dass beide Seiten eine Einigung erreichen, leicht erhöhen.

Doch wäre ein Schlingern hin zum dritten Szenario – eine überstürzte Eskalation der derzeitigen Konfrontation –, gefolgt von einem Abstieg in einen ausgewachsenen Konflikt, nach wie vor wahrscheinlicher. Man kann nur raten, wo das Ganze enden wird. Doch ist aus meiner Sicht ein eskalierender Handels- und Technologiekrieg wahrscheinlicher als eine letztliche Einigung.

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