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Gastbeitrag Ein funktionierender deutscher Exit-Plan muss auch Europa im Blick haben

Ein Exitplan darf nicht nur mit Blick auf Deutschland entworfen werden. Internationaler Warenfluss kann als Katalysator für die Erholung dienen.
08.04.2020 - 16:46 Uhr Kommentieren
Der Autor ist Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) und Professor an der Universität Kiel. Quelle: dpa
Gabriel Felbermayr

Der Autor ist Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) und Professor an der Universität Kiel.

(Foto: dpa)

Um aus dem Corona-Lockdown planvoll aussteigen zu können, gilt eine Voraussetzung: die schnelle Verfügbarkeit viel besserer Daten, als sie bislang vorliegen: Wo sind wie viele Menschen tatsächlich infiziert und immunisiert? In welchen Kontaktsituationen verbreitet sich das Virus vor allem?

Entsprechende Initiativen für die regelmäßige Erhebung und Auswertung breiter Stichprobentests sind angekündigt und müssen jetzt schnell vorankommen. Denn auf Basis dieser Erkenntnisse kann die Politik planen und entscheiden, wie schnell und in welcher Form sie Auflagen für das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben lockert.

Sie kann dann dem Gesundheitsschutz ebenso gerecht werden wie den Wirtschaftsinteressen. Die drastischen Auflagen derzeit sind auch eine Folge fehlenden Wissens; das Vorsichtsprinzip dominiert.

Einigkeit herrscht weitgehend, dass der Exit nur stufenweise erfolgen kann. Solange das Virus schlecht behandelbar ist, sind Lockerungen vor allem dort möglich, wo ein enger Kontakt in Menschengruppen vermeidbar ist. Das ist in vielen Industriebetrieben der Fall.

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    Für die deutsche Wirtschaft mit ihrem starken industriellen Kern und ihrer globalen Vernetzung ist es dringend notwendig, dass der internationale Verkehr von Waren und Arbeitskräften wieder in Schwung kommt. 2019 importierte Deutschland Vorleistungsgüter im Wert von 320 Milliarden Euro. Das ist fast die Hälfte der Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes.

    Voraussetzung für eine Erholung der deutschen Industrie ist, dass wichtige Zulieferregionen wieder hochfahren können, zum Beispiel in Norditalien oder im französischen Grand Est. Gabriel Felbermayr (Präsident des Instituts für Weltwirtschaft)

    Störungen im Warenverkehr bremsen die Erholung der Industrie also massiv – nicht nur im Absatz ihrer Produkte, sondern auch in der Produktion. Fehlt in einer Stufe auch nur ein Teil, das nicht ersetzt werden kann, fällt die komplette nachfolgende Produktion aus. Kleine Probleme haben große Folgen.

    Die europäischen Lieferketten müssen repariert werden

    Dabei kann die Industrie eine Stütze in der Krise sein und mit dem Zurückfahren der Auflagen einen Schnellstart hinlegen. Anders als auf Personen ausgerichtete Dienstleister produzieren viele Industriebetriebe unter den deutschen Quarantänemaßnahmen weiter, solange notwendige Vorprodukte und Rohstoffe vorhanden sind.

    Doch in etwa einem Viertel der Industrieunternehmen ist das nicht mehr der Fall, ergab eine aktuelle DIHK-Umfrage. Jedes fünfte Unternehmen berichtet von Produktionsausfällen, offenbar aber nicht aufgrund des Krankenstands. Überdurchschnittlich betroffen sind die Schlüsselbranchen Fahrzeugbau, Maschinenbau und Elektrotechnik.

    Fiele ein Viertel der Wertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe aus, kostete das die deutsche Volkswirtschaft etwa vier Milliarden Euro – pro Woche. Das sind nur die direkten Effekte; die Produktionsausfälle schlagen durch verringerte Einkommen auch auf andere Sektoren durch. Die zwischenzeitlichen Fabrikschließungen in der wichtigen chinesischen Provinz Hubei und die Stilllegung von Fabriken in Italien und anderswo werden ihre Wirkung erst noch mit Verzögerung entfalten.

    Um die Industrie wieder schnell in Gang zu bekommen, gehört zu einem Exitplan vordringlich eine internationale – in jedem Fall eine europäische – Strategie zum Wiederaufbau der Lieferketten. Europa hat Priorität, weil mit fast zwei Dritteln oder insgesamt 205 Milliarden Euro der Löwenanteil der deutschen Importe aus dem Europäischen Wirtschaftsraum kommen. China mit zehn Prozent und die USA mit sechs Prozent haben eine geringere Bedeutung.

    Voraussetzung für eine Erholung der deutschen Industrie ist, dass wichtige Zulieferregionen wieder hochfahren können, zum Beispiel in Norditalien oder im französischen Grand Est. Wie auch in Deutschland dürften in diesen Ländern Industriebetriebe zu den ersten gehören, die annähernd zum Normalbetrieb zurückkehren werden.

    Handelsblatt Morning Briefing - Corona Spezial

    Auf EU-Ebene muss nun koordiniert werden, dass Personenkontrollen an den Schengen-Grenzen schnell zurückgefahren werden, sobald die Verbreitung des Virus ausreichend unter Kontrolle ist. Denn diese Kontrollen behindern weiterhin auch den Warenverkehr.

    Es kommt zu Zeitverzögerungen an den Grenzen, Lkw-Fahrer aus Osteuropa sind nicht ausreichend verfügbar. Die Lage wird verschärft, weil durch das Wegbrechen der Passagierflüge auch die Frachtkapazitäten in den entsprechenden Flugzeugen fehlen.

    Bei allem Bemühen, die hiesige Produktion wieder hochzufahren, dürfen die Nachfrageseite und die politische Stabilität nicht vergessen werden. Deutschland wird die Krise nur schnell bewältigen, wenn nicht andere EU-Staaten Notstandsgebiete bleiben.

    Daher ist es im ureigenen Interesse Deutschlands und seiner Industrie, Italien, Spanien und womöglich manchem osteuropäischem Land finanziell und mit medizinischer Expertise beizustehen – nicht nur mit Krediten, sondern auch mit Transfers.

    Wer einen Exitplan nur mit Blick auf Deutschland entwirft, hat die Dimension der Krise nicht verstanden.

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