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Gastbeitrag Gedenken an den 20. Juli nicht der AfD überlassen

Am 20. Juli 1944 schlug das Attentat auf Adolf Hitler fehl. Die Deutschen finden immer noch keinen Weg, mit diesem Erbe richtig umzugehen.
  • Tobias Korenke
20.07.2018 - 11:32 Uhr Kommentieren
Benito Mussolini besichtigt wenige Stunden nach dem gescheiterten Attentat zusammen mit Adolf Hitler und Offizieren den zerstörten Konferenzraum im Führerhauptquartier Wolfsschanze. Quelle: picture alliance / IMAGNO/Votava
Hitler-Attentat

Benito Mussolini besichtigt wenige Stunden nach dem gescheiterten Attentat zusammen mit Adolf Hitler und Offizieren den zerstörten Konferenzraum im Führerhauptquartier Wolfsschanze.

(Foto: picture alliance / IMAGNO/Votava)

Berlin Der 20. Juli 1944 ist den Deutschen immer fremd geblieben. Das Attentat gegen Hitler fand keinen Eingang in das kollektive Gedächtnis der Deutschen. Es wurde geplant von politisch ganz unterschiedlich geprägten Persönlichkeiten wie den Sozialdemokraten Julius Leber und Adolf Reichwein, den Konservativen Carl Friedrich Goerdeler und Ulrich von Hassell, liberalen Köpfen wie Hans von Dohnanyi und Helmuth James von Moltke und schließlich von Claus Schenk Graf von Stauffenberg ausgeführt.

In der DDR ehrte man fast ausschließlich den kommunistischen Widerstand aus durchsichtigen Gründen: Instrumentalisierung zur Identitätsbildung. In der jungen Bundesrepublik kursierte in nationalen Kreisen noch lange der Verratsvorwurf, während der sich fortschrittlich verstehende Teil der Bevölkerung die (vermeintlich) anti-demokratische Gesinnung der Widerständler geißelte.

Zwar besingen Politiker jeder Couleur bei den alljährlich wiederkehrenden Feierstunden im Bendlerblock oder an der Hinrichtungsstätte Plötzensee in meist routiniert hohem Ton das Vermächtnis der Attentäter für Rechtsstaat und freiheitliche Gesellschaft – wenn man Beispiele dafür braucht, wie Pathos inhaltliche Verlegenheit kaschiert, hier fänden sich unzählige.

Aber auch im wiedervereinigten Deutschland ist der Tag nie wirklich zum Kristallisationspunkt eines gemeinsamen Gedenkens oder eines Nachdenkens über die Bedeutung von Zivilcourage oder des entschlossenen Einsatzes für die Grund- und Menschenrechte geworden. Den 20. Juli als nationalen Gedenk- oder Feiertag einzuführen, ist nie ernsthaft erwogen worden, auch in der jüngst geführten Diskussion um einen weiteren Feiertag für die norddeutschen Länder nicht. 

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    Sicher, die politischen Haltungen der Protagonisten des 20. Juli waren zu vielschichtig und heterogen, als dass sich nur ein politisches Lager vollständig mit den Zielen des 20. Juli hätte identifizieren können. Aber noch heute, in der Republik der Blockwartenkel, kann man spüren, wie schwer es fällt, das Verhalten von Menschen zu preisen, die anders handelten als die übergroße Mehrheit.

    Der Autor ist Historiker, Kommunikations-Chef der Funke Mediengruppe und Vorstand der Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus in Berlin.
    Tobias Korenke

    Der Autor ist Historiker, Kommunikations-Chef der Funke Mediengruppe und Vorstand der Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus in Berlin.

    Wie wenig verankert der 20. Juli in der politischen Kultur der Bundesrepublik ist, zeigt sich in diesen Tagen: Ohne nennenswerte Proteste, von einem Aufschrei der Empörung ganz zu schweigen, lassen wir zu, dass sich nun die neue Rechte im Umfeld der Afd als die eigentlichen Erben des 20. Juli inszeniert.

    Warnsignale gab es schon lange. So hatte sich die Zeitung „ Junge Freiheit“, das intellektuelle Sprachrohr der Neuen Rechten, immer wieder mit dem 20. Juli beschäftigt und ihn als „Aufstand des Deutschtums gegen Hitler“ so gedeutet, dass er auch eine fremdenfeindliche Stoßrichtung bekam.

    Nun nehmen wir hin, dass auf Pegida-Demonstrationen die sogenannte Wirmer-Fahne mit dem schwarz-goldenen Kreuz in skandinavischer Form geschwungen wird – das Symbol, das der überzeugte Katholik Josef Wirmer, ein früher Gegner der Nazis und wichtiger Vermittler zwischen Gewerkschaften, Sozialdemokraten, kirchlichen Gruppen und Konservativen im Widerstand, als Zeichen der Erhebung gegen das Unrechtsregime entworfen hatte.

    Wir schauen zu, wie auch an diesem 20. Juli wieder AfD-Politiker Kränze an Gedenkorten ablegen. Und wir wundern uns schon kaum noch darüber, dass die hessische AfD ihren Landtagswahlkampf am 20. Juli startet mit einem Abend zum Thema: „Widerstand heute? Von Graf Stauffenberg zum Grundgesetz Artikel 20 IV“, an dem unter anderem Beatrix von Storch sprechen wird.  

    Das Kalkül der AfD und ihres Umfeldes ist klar: Mit der Aneignung des 20. Juli-Erbes wollen sie sich als Widerstandskämpfer in einem unfreien Staat, der von einer „Kanzler-Diktatorin“ (so Björn Höcke und Alexander Gauland) regiert wird, stilisieren und dabei gleichzeitig eine Distanz zum Nationalsozialismus zum Ausdruck bringen.

    Es liegt an uns, ob diese Rechnung aufgeht. Die überzeugten Demokraten dieses Landes sollten das Erbe des 20. Juli nicht länger ausschlagen. Es gilt lautstark aufzuzeigen, wofür der Widerstand gegen den Nationalsozialismus stand: Für die Würde des Menschen und die Herrschaft des Rechts.

    Die Männer und Frauen des 20. Juli verkörperten Handlungsalternativen, die Menschen in Diktaturen (und natürlich nicht nur dort) besitzen. Sie machen sichtbar, dass es eben nicht nur Anpassung, Mitmachen, Folgen und Retten der eigenen Haut gibt.

    Nun ist es an uns, daraus etwas zu machen: Die Möglichkeit zur Alternative als Ansporn zu nehmen. Hier liegt wohl die bleibende Bedeutung dieses Kapitels deutscher Geschichte. Einer Geschichte, die so arm ist an Beispielen der Selbstbehauptung und die sich so schwer tut mit dem Respekt vor jenen, die couragiert einen Geist vorleben, der das Recht des Menschen gegenüber der Diktatur betont und zugleich den Einzelnen in der Verantwortung für die gesamte Nation sieht.

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