Gastbeitrag Lehman bleibt ein Trauma

Die Finanzkrise hat vor zehn Jahren das Vertrauen in Amerikas Fähigkeit, seine Versprechungen zu halten, untergraben. Das wirkt bis heute nach.
  • Harold James
Kommentieren
James Harold ist Professor für Geschichte an der Universität Princeton.
James Harold

James Harold ist Professor für Geschichte an der Universität Princeton.

Das Scheitern von Lehman Brothers vor zehn Jahren war ein transformativer Moment, denn es veränderte die Wahrnehmung der Menschen von der Welt um sie herum grundlegend. Nach dem 15. September 2008 bewirkte die Angst vor einer tiefer gehenden Finanzkatastrophe, dass die USA einen Kurs hin zu weitreichenden Reformen einschlugen.

Auch wurde Lehman Brothers während der europäischen Schuldenkrise oft beschworen, was die Ängste vor einer durch Staatskonkurse und Zahlungsausfälle bedingten „Todesspirale“ deutlich machte. Inzwischen scheint die Schauergeschichte ihre Wirksamkeit eingebüßt zu haben. In den USA werden Bankenreformen rückgängig gemacht, und in der EU liegen die staatlichen Schuldenquoten heute deutlich höher als 2008.

Trotzdem brachte die Finanzkrise für politische Entscheidungsträger und Meinungsbildner drei neue große Narrative hervor. Erstens erlangte nach Lehman Brothers das meisterhafte Werk des amerikanischen Ökonomen Charles Kindleberger, „Manias, Panics, and Crashes“, aus dem Jahre 1978 neuerliche Popularität. Kindleberger bezog sich ausdrücklich auf Arbeiten des US-Ökonomen Hyman Minsky über Finanzzyklen, und seine Argumente wurden als eine Warnung vor dem „Marktfundamentalismus“ verstanden.

Das zweite Narrativ war, dass der Zusammenbruch von Lehman Brothers dem Crash an der Wall Street von 1929 und der Großen Depression neuerliche Relevanz verliehen hätte. Und das dritte Narrativ besagt, dass der Zusammenbruch von Lehman Brothers das Ende des amerikanischen Kapitalismus einläutete.

Diese Schmetterlingseffekt-Geschichte war in allen Ländern populär, die es leid waren, von den USA herumkommandiert zu werden. Der damalige deutsche Finanzminister Peer Steinbrück erklärte im September 2008: „Die USA werden ihren Status als die Supermacht des globalen Finanzsystems verlieren. Nicht abrupt, aber er wird erodieren.

Zunächst wurde die Krise von 2008 weithin als eine durch und durch amerikanische Katastrophe betrachtet. Erst allmählich erkannte man, dass es sich um eine echte transatlantische Angelegenheit handelte, bei der schlecht regulierte, übergroße europäische Banken eine Schlüsselrolle beim Aufbau von Risiken innerhalb des gesamten Finanzsystems spielten.

Die Krise war kein Marktversagen

Keines der beiden ersten populären Narrative ist wirklich korrekt. Die Krise war kein Marktversagen, sondern vielmehr das Produkt undurchsichtiger, dysfunktionaler marktfremder Institutionen, die in unnatürlicher Weise miteinander verknüpft waren. Sie deckte das Problem der Komplexität auf – nicht der Märkte an sich.

Lehman Brothers umfasste rund 7000 Gesellschaften in über 40 Ländern, die alle ein komplexes Bewertungs- und Konkursverfahren durchlaufen mussten. Diese Undurchsichtigkeit, die durchaus nicht auf die USA beschränkt war, schuf ein Gefühl, dass die Welt am Rande einer neuerlichen Großen Depression stand.

Die Krise war das Produkt eines eskalierenden kurzfristigen Denkens an den Finanzmärkten. Während die Banken besicherte Produkte loswerden wollten, bevor sie toxisch wurden, versuchten andere Marktteilnehmer, von kurzfristigen Wetten zu profitieren, und achteten kaum auf die längerfristige Tragfähigkeit der Investition.

Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers hatten die Zwillingsnarrative „Marktversagen“ und „neuerliche Große Depression“ eine massive Auswirkung auf die öffentliche Wahrnehmung und befeuerten das dritte Narrativ, das tatsächlich zutreffend ist. Amerikas finanzielle und politische Dominanz hat sich verringert.

Das globale Primat der USA beruhte auf wirtschaftlicher und politischer Macht, aber auch auf etwas Grundlegenderem: Vertrauen in Amerikas Fähigkeit, seine Versprechungen langfristig zu halten. Die Krise untergrub dieses Vertrauen, obwohl die wirtschaftliche und politische Macht des Landes nur geringfügig geschrumpft war. Der tiefer gehende Ausstrahlungseffekt war geistiger und nicht finanzieller Art.

Ein großer Teil der heutigen politischen Volatilität ist eine Folge der neuen Arten des Denkens und Kommunizierens. Technologie und Finanzwesen übernahmen dasselbe Ethos der Zerstörung von Kontinuität und der Glorifizierung von Destabilisierung.

Der Zusammenbruch von Lehman Brothers zeigte einen Fehler nicht nur innerhalb des Finanzsystems, sondern in der Politik und Gesellschaft auf. Die Ironie ist dabei, dass die dadurch ausgelöste Krise, statt eine Ära technologisch bedingten kurzfristigen Denkens zu verhindern, diese beschleunigt zu haben scheint.

Startseite

Mehr zu: Gastbeitrag - Lehman bleibt ein Trauma

0 Kommentare zu "Gastbeitrag: Lehman bleibt ein Trauma"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%