Gastbeitrag Man kann viel an Algorithmen delegieren – nicht aber die Verantwortung

Big Data und künstliche Intelligenz beeinflussen zunehmend die Entscheidungen in Unternehmen. Die Verantwortung trägt am Ende aber immer noch das Management.
  • Felix Hufeld
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Die Führungskraft von morgen? Noch ist es lange nicht so weit. Quelle: dpa
Roboter auf der Cebit

Die Führungskraft von morgen? Noch ist es lange nicht so weit.

(Foto: dpa)

„Big Data“ (BD) und „künstliche Intelligenz“ (Artificial Intelligence – AI) – so lauten zwei Schlagworte unserer digitalisierten Zeit. Dank ständig wachsender Datenmengen und der immer besseren Möglichkeiten, diese zu nutzen, können Unternehmen nicht nur ihre Arbeitsprozesse effizienter gestalten.

Die neuen Technologien machen völlig neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle möglich. Das gilt selbstverständlich auch für die Finanzindustrie, die in besonderem Maß von Datenverarbeitung lebt. Nur drei Beispiele sollen dies verdeutlichen.

Versicherer nutzen BDAI-Anwendungen (Big Data und künstliche Intelligenz), um Kosten bei der Schadenregulierung, der Betrugserkennung und der Schadenprävention zu sparen. Den Versicherungsnehmern dürfte zugutekommen, dass die Kommunikation mit den Unternehmen im Falle einer Schadenregulierung dank stärker automatisierter Prozesse schneller wird.

Felix Hufeld ist Präsident der deutschen Finanzaufsicht Bafin. Quelle: Bloomberg
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Felix Hufeld ist Präsident der deutschen Finanzaufsicht Bafin.

(Foto: Bloomberg)

Bei Banken ist unter anderem die Geldwäscheprüfung ein vielversprechendes Einsatzgebiet. BDAI kann hierbei unter anderem helfen, trennschärfere Profilanalysen zu erstellen und bisher unerkannte Muster zu erkennen – und das zu signifikant geringeren Kosten. Außerdem werden BDAI-Anwendungen dazu beitragen, Wertschöpfungsketten aufzubrechen und auch am Kapitalmarkt neue Geschäftsmodelle entstehen zu lassen. Dazu könnte etwa das Crowdsourcing von Investment-Algorithmen zählen.

All das sind nur Facetten eines immer größer werdenden Marktes digitaler Anwendungsmöglichkeiten. Es versteht sich daher von selbst, dass BDAI auch Implikationen für Aufsicht und Regulierung hat. Wichtige Impulse dazu versprechen wir uns von unserem Bericht „Big Data trifft auf künstliche Intelligenz“, den wir mit Unterstützung von Partnerschaft Deutschland, dem Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme und der Boston Consulting Group erstellt haben.

An dieser Stelle nur drei Thesen dazu:

Erstens: Man kann viel automatisieren und an Algorithmen delegieren, aber nicht die Verantwortung. Alles, was hilft, regulatorische Anforderungen besser zu erfüllen, ist natürlich grundsätzlich zu begrüßen, auch die Nutzung von Big Data und künstlicher Intelligenz. Was Regulierung und Aufsicht aber auf keinen Fall zulassen können, sind Versuche, die Methoden des maschinellen Lernens, die Grundlage vieler automatisierter Analyse- und Entscheidungsprozesse sind, zu einer undurchschaubaren Blackbox zu erklären.

Die rechtliche Letztverantwortung trägt immer das Management. Sollte jemand in der Finanzbranche das anders sehen und sich mit Ausflüchten à la „Ich war’s nicht, die Maschine war’s“ herausreden wollen, dann wird die Aufsicht das nicht akzeptieren können.

Zweitens: Die Art, wie Finanzdienstleistungen erbracht werden, verändert sich grundlegend, auch das Konzept des Outsourcings muss regulatorisch überdacht werden. Die traditionelle Art, Finanzdienstleistungen zu erbringen, beruht nach wie vor auf einer vergleichsweise hohen Wertschöpfungstiefe. Mit anderen Worten: Ziemlich viel wird selbst gemacht, und gelegentlich werden Prozesse an Drittanbieter ausgelagert.

Diese Auslagerungen müssen aufsichtlich genehmigt werden. In Zukunft werden Wertschöpfungsketten auch in der Finanzindustrie durch das Zusammenwirken einer Vielzahl einzelner Akteure gekennzeichnet sein. Das traditionelle Verständnis einer nur gelegentlichen Auslagerung ist damit nur schwer vereinbar. Hierfür muss auch die Finanzregulierung zu neuen aufsichtlichen Konzepten finden.

Drittens: Die dritte These ist eine Frage: Wen beaufsichtigen wir künftig? Finanzaufsicht ist Verwaltungshandeln, das, um Wirkung zu entfalten, an die Unternehmen beziehungsweise deren Organe Briefe verschickt. An wen verschickt die Aufsicht in Zukunft Briefe, wenn Geschäftsmodelle inhärent auf anonyme und hierarchiebefreite Akteure ausgelagert werden und nicht ohne Weiteres klar ist, wer Hersteller und wer Leitungsorgan ist, das aufsichtsrechtlich zur Verantwortung gezogen werden könnte?

Werden sich staatsferne, gewissermaßen aufsichtsfreie Strukturen herausbilden, die per se einer Aufsicht nicht zugänglich sind? Müssen die Finanzinstitute gegebenenfalls dazu verpflichtet werden, verantwortliche Empfänger zu benennen, die dem Staat und damit auch der Finanzaufsicht gegenüber rechenschaftspflichtig sind? Abschließende Antworten auf diese Fragen können heute noch nicht gegeben werden. Regulatorisch und aufsichtlich wird der Zug aber wohl in die zuletzt genannte Richtung fahren müssen.

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