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Gastbeitrag So wird Deutschland wirklich zum Einwanderungsland

Das Zuwanderungsgesetz für Fachkräfte ist ein Signal: Ja, Deutschland ist ein Einwanderungsland. Diese Aufgabe dürfen wir aber nicht allein dem Staat überlassen.
  • Johann Harnoss
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Bislang zieht Deutschland nur wenige Hochqualifizierte an. Quelle: dpa
Bundesrepublik Deutschland

Bislang zieht Deutschland nur wenige Hochqualifizierte an.

(Foto: dpa)

Am Mittwoch hat die Bundesregierung ein neues Zuwanderungsgesetz beschlossen. Es ist zunächst ein Signal nach innen: Ja, Deutschland ist ein Einwanderungsland. Ja, Deutschland will einen weiteren stärkeren Zuzug von qualifizierten Menschen nicht nur aus der EU, sondern insbesondere aus Drittstaaten.

Doch erwächst daraus auch ein Signal nach außen, in die Welt? Die Hoffnung ist nicht unbegründet. Das Gesetz schafft klare Erleichterungen für Menschen ohne Hochschulabschluss, aber mit Berufsqualifikation. Das ist ein großer Schritt nach vorn. Zum anderen sind aber auch Zweifel angebracht, denn zwei wesentliche Hürden bleiben bewusst bestehen.

Erstens: Der Gesetzentwurf behält das Henne-Ei-Problem des deutschen Zuwanderungsrechts bewusst bei. Voraussetzung für die legale Einreise ist weiterhin ein existierender Arbeitsvertrag mit einem inländischen Unternehmen. Keine Einreise ohne gesicherte Arbeit, aber wie diese finden, wenn man sein Heimatland dafür nicht verlassen kann?

Zweitens: Die Einreise zur Arbeitssuche ohne gültigen Arbeitsvertrag bleibt weiterhin an strenge Kriterien geknüpft. Für Hochqualifizierte gibt es diese Möglichkeit bereits seit 2012. Sie wird aufgrund restriktiver Kriterien derzeit von weniger als 0,5 Prozent aller aus Drittstaaten Einreisenden angenommen.

Einen ähnlichen bewusst kontrollierten Liberalisierungsansatz hat Deutschland in der Vergangenheit bereits für Hochqualifizierte verfolgt. Auch damals stand die Frage im Raum: Kommen sie, die ersehnten Einwanderer? Sie kamen nicht.

Im vergangenen Jahr kamen weniger als 10.000 Menschen über die EU-Blue-Card für Hochqualifizierte nach Deutschland, so eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung. Das entspricht nicht einmal zwei Prozent aller einreisenden Nicht-Europäer. Die Zahlen steigen jährlich, sind aber weiter deutlich zu niedrig. In Kanada zum Beispiel, das weniger als halb so viele Einwohner wie Deutschland hat, wanderten 2016 fast 21.000 hochqualifizierte Menschen ein.

Johann Daniel Harnoss ist Initiator von Imagine Foundation e.V., einer Immigrationsinitiative für junge Hochschulabsolventen aus Afghanistan, Ägypten und Pakistan. Quelle: Pressefoto
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Johann Daniel Harnoss ist Initiator von Imagine Foundation e.V., einer Immigrationsinitiative für junge Hochschulabsolventen aus Afghanistan, Ägypten und Pakistan.

(Foto: Pressefoto)

Woran liegt das? Länder wie Kanada erlauben dank ihrer Punktesysteme die Einreise ohne gültigen Arbeitsvertrag. Deutschland ist im Vergleich – betriebswirtschaftlich gesprochen – ein „komplexes Produkt“. Wir alle kennen solche Produkte, zum Beispiel aus der Apotheke. Diese Angebote stellen höhere Anforderungen ans Marketing und brauchen im Verkaufsprozess mehr persönliche Beratung.

Übertragen auf die Zuwanderung bedeutet das: Reine Information über öffentliches Standortmarketing, Onlineportale (make-it-in-Germany.com) oder Messepräsenzen im Ausland reicht nicht. Stattdessen können wir auch hier neugierig den Blick nach Kanada richten.

Kanada hat ein diverses Ökosystem von kommerziellen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, die es sich zur Aufgabe machen, Menschen individuell zu beraten und ihnen so die Einreise und das Ankommen zu erleichtern.

Deutschland wird nur zum Einwanderungsland, wenn wir diese Transformation als zivilgesellschaftliche Aufgabe angehen und nicht nur dem Staat überlassen. Wie könnten wir es angehen?

Wir haben in Deutschland nicht erst seit 2015 eine diverse, junge und aktive zivilgesellschaftliche Szene, die vielfältige Angebote für Neuankömmlinge bietet. So erleichtern Organisationen wie GoVolunteer die Suche nach einem Ehrenamt, ReDi School und andere bieten kostenlose Trainingscurricula, und Joblinge, Jobs4Refugees und andere helfen bei der Suche nach Arbeit.

Die Willkommenskultur aus dem Jahr 2015 lebt in diesen und anderen Organisationen fort. All diese Projekte haben eins gemeinsam: Sie fördern gesellschaftliche Integration derer, die schon hier sind. Das ist und bleibt eine wichtige Aufgabe. Ergänzend sollten diese Projekte und Organisationen sich auch des Themas Einwanderung annehmen.

Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigen in Ansätzen die Anbieter von Onlinekursen (MOOCs) sowie die Personaldienstleister. Erstere vermitteln relevantes Wissen, zum Beispiel zu erfolgreichen Bewerbungsstrategien. Was sie jedoch nicht leisten können, ist die individuelle Betreuung von Zuwanderungswilligen.

Personaldienstleister hingegen vermitteln schon heute Menschen aus dem Ausland in Arbeit. Sie betreiben jedoch primär Personalauswahl, nicht Weiterbildung, und haben deswegen weder die Zeit noch die Mittel, mit Zuwanderungswilligen zu arbeiten, die noch nicht alle Voraussetzungen mitbringen. Infolgedessen schaffen es zu wenige Menschen, in Eigeninitiative aus dem Ausland einen Job in Deutschland zu finden.

Wäre es möglich, hier zivilgesellschaftlich eine Brücke zu schlagen? Selbstverständlich. Aus dem Umfeld der etablierten Integrationsprojekte gründen sich bereits heute die ersten Immigrationsinitiativen, die Weiterbildung, Mentorenmodelle samt persönlichem Feedback und Jobvermittlung online zusammenführen. Diese Projekte arbeiten dabei Hand in Hand mit lokalen Netzwerken von bereits Zugewanderten. Aus Immigrationsarbeit wird so gelebte Integration.

Dieser Ansatz zeigt erste Erfolge, so sind bereits die ersten Hochschulabsolventen aus dem Ausland unterwegs auf dem Weg in Richtung Arbeit in Deutschland. Die kreative Kraft des zivilgesellschaftlichen Sektors in Deutschland ist nicht zu unterschätzen.

Daneben sind Staat und Privatwirtschaft eingeladen, sich einzubringen. Organisationen wie Berlin Partner machen es vor. Finanziert von Unternehmen in der Hauptstadt, aber eng in den öffentlichen Sektor eingebunden, hilft Berlin Partner Firmen und ihren zukünftigen Angestellten, bürokratische Hürden im Visumsprozess zu meistern. Solche Modelle sind regional begrenzt und noch zu selten. Eine Ausweitung wäre daher auch in anderen Städten und Landkreisen wünschenswert.

Das Gesetz ist eine Chance. Nutzen wir sie alle gemeinsam. Wir als Zivilgesellschaft. Vereine Hand in Hand mit privaten und öffentlichen Spielern. Machen wir Deutschland noch stärker zu einem Magneten für junge, einsatzfreudige Menschen aus aller Welt und dadurch zu einem Kristallisationspunkt für Innovation sowie wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt. Es lohnt sich.

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