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Gastbeitrag Social Entrepreneurship - ein Schatz, der gehoben werden sollte

Die Bedeutung sozialer Unternehmen für die Wirtschaft in Deutschland ist nicht zu überschätzen. Aber sie brauchen handfeste politische Unterstützung.
  • Dieter Janecek, Thomas Sattelberger
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Die beiden Gastautoren schreiben über die Bedeutung sozialer Unternehmen für Wirtschaft und Gesellschaft.
Thomas Sattelberger (l.) und Dieter Janecek

Die beiden Gastautoren schreiben über die Bedeutung sozialer Unternehmen für Wirtschaft und Gesellschaft.

Ob Klimakrise, digitale Transformation, Schwund von Biodiversität, Überalterung der Gesellschaft oder Fachkräftemangel und Pflegenotstand in Deutschland: Wir stehen vor vielen komplexen Herausforderungen. Auf der Suche nach Lösungen übersehen wir meist, dass Innovation oft in Nischen entsteht. Findige Unternehmerinnen und Unternehmer entwickeln hier Lösungen im Kleinen, die gewaltige Hebelwirkung entfalten können.

Und dazu gehören nicht zuletzt Sozialunternehmen oder Social Entrepreneurships, die wirtschaftliches Denken mit Gemeinnützigkeit verbinden. Anders als Vereine und NGOs können sie sich allerdings im Idealfall selber tragen, denn sie verdienen mit ihren innovativen sozialen Lösungen Geld.

Gewinnmaximierung steht dabei nicht an erster Stelle, sondern die möglichst weite Implementierung und Verbreitung der guten Idee, für die das Unternehmen steht. Wer profitiert davon? Eben nicht nur Managerinnen und Manager, AnteilseignerInnen sowie Angestellte. Sondern auch und vor allem die Gesellschaft.

Laut KfW machen Sozialunternehmen rund drei Prozent aller Unternehmen in Deutschland aus, Tendenz steigend. Der Anteil an allen Jungunternehmen (bis fünf Jahre) liegt bei neun Prozent. Die Ashoka-Stiftung und McKinsey legen in ihrer Studie „Wenn aus klein systemisch wird“ vom März 2019 dar, dass circa 1700 Sozialunternehmen in Deutschland besonders innovativ sind, sozusagen die Hidden Champions des German Social Entrepreneurship. Ihre milliardenschwere Bedeutung für unsere Volkswirtschaft kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Das muss auch die deutsche Politik verstehen lernen. Bislang ist die staatliche Unterstützung leider mau. In der renommierten Studie „The best country to be social entrepreneur“ aus dem Jahr 2016 belegt Deutschland in der Kategorie „Government Policy supports Social Entrepreneurs“ Rang 34.

Man muss nicht lange suchen, um soziale Innovationsunternehmen mit hohem Wirkungsgrad zu finden:


● Die Firma Discovering Hands etwa erleichtert die Früherkennung von Brustkrebs, indem sie blinde weibliche Fachkräfte mit besonderem Tastsinn beschäftigt. Diese fanden bei 1000 Untersuchungen im Schnitt 2,5 Tumore; Ärzte hingegen mit herkömmlichen Methoden nur 0,83. Flächendeckend eingesetzt, würde dies unser Gesundheitssystem um bis zu 160 Millionen Euro im Jahr entlasten.
● Das Berliner Start-up Diversicon vermittelt Absolventinnen und Absolventen mit Autismus. Sie können unter anderem besonders gut querdenken, verfügen über ein besonders ausgeprägtes analytisch-logisches Denken, sind ehrlich und klar. Seit 2017 kümmert sich das Unternehmen deshalb um die Begleitung und Vermittlung in Arbeit entlang autistischer Stärken.
● In Frankfurt am Main entwickeln die „Digitalen Helden“ Lösungen gegen Hate Speech oder Cybermobbing. Das Unternehmen bietet Mentoringprogramme, Workshops und Webinare an, um etwa Schülerinnen und Schülern zu befähigen, digitale Kommunikation bewusst und kompetent zu nutzen. Diese wiederum helfen dann als Mentorinnen und Mentoren jüngeren Schulkindern bei Fragen im Internet.
● Das Hamburger Sozialunternehmen Viva Con Agua arbeitet daran, weltweit Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitärer Grundversorgung herzustellen. Der Erfolg des Unternehmens belegt unter anderem die Skalierungsfähigkeit sozialer Geschäftsmodelle.
● In Berlin sammelt das Open-Source-Projekt Syrian Archive daran, hunderttausende von Online-Videos über den Krieg in Syrien zu sammeln, um Kriegsverbrechen aufzuklären.


Wer als Unternehmen nicht nur nach finanziellem Gewinn strebt, sondern zugleich nach sozialer Nachhaltigkeit, hat allerdings Startnachteile gegenüber konventionellen Start-ups. Laut dem Deutschen Social Entrepreneurship Monitor 2018 (DESM) sehen 62 Prozent der Start-ups in der Start- und 65 Prozent in der Anschlussfinanzierung eine wesentliche Hürde für ihr Unternehmen.

Für Kapitalgeber entsprechen Social Start-ups häufig nicht den gängigen Förderkriterien. Das gilt selbst für staatliche Fördermittel. Die KfW hat zwar mittlerweile ein entsprechendes Programm aufgelegt, aber äußerst mager. So bleibt das große Potenzial sozialer Innovationen vorerst weiter hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Die Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag vom März 2018 beschlossen, Social Entrepreneurship fördern und unterstützen zu wollen. Umgesetzt hat sie bislang nur wenige Einzelmaßnahmen. Eine schlüssige Strategie oder eine Bearbeitung der dringendsten Probleme bei der Gründung von Social Start-ups bleibt die Koalition weiter schuldig.

Was ließe sich tun? Kombiniert mit einer klugen Social-Innovation-Strategie könnte zum Beispiel ein Fonds für Social Impact Investing strukturelle Förderung bringen. Nachhaltig investieren wird zunehmend nachgefragt, bedarf aber politischer Unterstützung.Die Bertelsmann-Stiftung beklagt den mangelnden systematischen und strategischen Marktaufbau in Deutschland – anders als in etlichen weiterentwickelten Märkten.

Soziale Unternehmer verdienen Unterstützung

Denn die Initiativen und derzeit engagierten Akteure verfügten auf lange Sicht nicht über die nötigen finanziellen Mittel sowie die rechtlichen und politischen Gestaltungsräume. Laut der Stiftung wäre der Staat nicht nur ein geeigneter Förderer von Marktinfrastruktur, sondern eventuell auch ein passender Investor – etwa über Matching-Fonds für Social Impact Investing oder einen Social-Tech-Gründerfonds.

Und auch das Vergaberecht geriert sich bislang verständnislos gegenüber Social Entrepreneurship. Sozialunternehmen werden nicht ausreichend in die Auswahlverfahren für öffentliche Aufträge involviert. Neben mehr Anreizen für Sozialunternehmen, sich an öffentlichen Vergabeprozessen zu beteiligen, brauchen wir auch in der Ausschreibungspraxis mehr Wertschätzung für Sozialunternehmen – Ideen kann man sich holen bei der Bloomberg Mayors Challenge.

Deutschland steckt voller guter Ideen und motivierter Menschen, die anpacken wollen. Sie brauchen gerade in der empfindlichen Gründungsphase die nötige Luft zum Atmen. Bislang gehen wertvolle Beiträge zur sozialen und ökologischen Weiterentwicklung und Problemlösung verloren.

Social Entrepreneurs verdienen nicht nur unseren Respekt. Sie haben sich bewusst für den steinigen Weg entschieden, der Gewinn und Sinn kombiniert. Sie brauchen handfeste politische Unterstützung. Das ist nicht nur ökonomisch-individuell sinnvoll, sondern liegt im gesamtgesellschaftlichen Interesse.

Mehr: Wie die Digitalisierung die Chefrolle auf den Prüfstand stellt

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