Gastbeitrag Trump offenbart in Singapur seine Verhandlungsschwäche – das sollte die EU ausnutzen

Kim Jong Un hat Donald Trump beim Treffen lediglich Brosamen angeboten, aber damit viel erreicht. Daraus sollte Europa im Handelsstreit lernen.
  • Peter Zolling
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Nordkoreas Diktator hat dem US-Präsidenten nur unverbindliche Absichtserklärungen angeboten. Quelle: AP
Donald Trump und Kim Jong Un

Nordkoreas Diktator hat dem US-Präsidenten nur unverbindliche Absichtserklärungen angeboten.

(Foto: AP)

„Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen!“ Mit dieser Durchhalteparole wollten die DDR-Machthaber Anfang der 1950er Jahre ihren Untertanen Beine machen. Sie beriefen sich dabei auf die Großtaten des Moskauer Despoten und „geliebten Führers“ Josef Stalin. Lernen konnte und kann man daraus bis heute nur, ob und wie Propaganda funktioniert oder auch nicht.

Der Volksmund verballhornte die ideologische Phrase nämlich schon bald zu: „Von der Sowjetunion lernen heißt siechen lernen!“ „Führer“ und „Anführer“ machen auch in der Gegenwart wieder viel Tamtam, der Personenkult als massenwirksam inszenierte Vortäuschung von Politik, verkörpert durch mehr oder minder charismatische Autokraten, kehrt in postdemokratischen Zeiten auf die öffentliche Bühne zurück.

Jüngstes Beispiel: Der bildtrunkene Medienrausch rund um das Treffen von US-Präsident Donald Trump, dem Caligula aus Washington, und dem nordkoreanischen Westentaschen-Diktator Kim Jong Un, einem ausgefuchsten Spät-Stalinisten und Hedonisten.

Die meisten Beobachter mit Sachverstand sind sich darüber einig, dass die Singapur-Show substanziell ein ziemlicher Fehlschlag war. Jedenfalls für den selbsternannten Deal-Maker Trump. Der verscherbelte sein Tafelsilber – Sicherheitsgarantien für das sklerotische Regime in Pjöngjang und die Aufkündigung gemeinsamer Militärmanöver der USA mit Südkorea – gegen unverbindliche Absichtserklärungen des, so Trump, „klugen, talentierten und würdigen Verhandlungspartners“ Kim-Jong Un zur Denuklearisierung Nordkoreas.

So bizarr dieses Spektakel anmutet – Kim Jong Un selbst sprach von einem „Science-Fiction-Film“ – lässt sich von Stalins modernem Schüler einiges lernen: Nämlich wie man den selbstherrlichen und prestigesüchtigen Egomanen Trump über den Tisch ziehen kann. Biete ihm Brosamen, die er als gekonnter Blender und Gaukler vor den Augen des Weltpublikums für sich in glänzenden Talmi-Schmuck verwandelt.

Diese Entzauberung birgt auch für die Europäer eine wichtige Lehre. Statt schier darüber zu verzweifeln, wie resistent sich der amerikanische Präsident gegenüber Vernunftargumenten und rationalem Interessenausgleich erweist, sollte die EU bei den laufenden transatlantischen Konflikten über Handels- und Militärfragen klassische Verhandlungsstrategien durch den Griff in die Kiste psychologischer Kriegsführung anreichern.

Was wäre denn etwa ökonomisch so schlimm daran, die völlige Streichung von Zöllen auf den Import von US-Fahrzeugen ohne Gegenleistung anzubieten? Die hiesige Automobilindustrie hätte davon wenig zu befürchten, denn die europäischen Konsumenten würden die technisch weitaus besseren heimischen Marken gewiss weiter bevorzugen. Der Schein-Riese Trump aber könnte auftrumpfen und ein kleines Zugeständnis als großen Erfolg verkaufen. Who cares? Trumps Wähler.

Den Nutzen aber hätte die europäische Industrie, zumal die deutsche, die ihre qualitativ hochwertigen Produkte unbehelligt weiter exportieren oder in den USA für den dortigen Markt herstellen lassen könnte. Unabdingbar dafür ist aber, dass Europa mit einer Zunge spricht und der verstörenden und zerstörerischen Divide-et-impera-Taktik des Washingtoner Gernegroß mit der einigenden Formel entgegentritt: Gebt dem Affen Zucker!

Der Autor ist Kommunikationsberater und Historiker. Zuletzt erschien von ihm „Deutsche Geschichte von 1848 bis zur Gegenwart – Macht in der Mitte Europas“ (Carl Hanser Verlag). 

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