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Gastbeitrag Von Nord Stream 2 profitiert vor allem Deutschland

Die USA ruinieren die Regeln des fairen Handels. Hinter Washingtons Druck steht nicht die Fürsorge für Europa, sondern das Ziel, Konkurrenten wie Russland auszuschalten.
  • Sergej Netschajew
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Sergej Netschajew ist der Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland. Quelle: dpa
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Sergej Netschajew ist der Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland.

(Foto: dpa)

Objektive Voraussetzungen für eine verstärkte deutsch-russische Energiekooperation im Rahmen des Pipelineprojekts Nord Stream 2 liegen auf der Hand: Der Gasverbrauch in Europa wird weiter wachsen, während eigene Gasvorräte zur Neige gehen.

Mittelfristig erwarten Experten, dass die Gasproduktion in den Niederlanden eingestellt wird und Fördermengen in Norwegen gedrosselt werden. Mit Blick auf die Ankündigung, aus Kohle- und Atomkraft auszusteigen, bleibt Deutschland von dieser Entwicklung nicht unberührt.

Nord Stream 2 ist die kürzeste Gaslieferroute aus dem hohen Norden Russlands nach Deutschland. Sie ist um knapp 2000 Kilometer kürzer als der Weg durch die Ukraine. Nicht nur der Endpreis für Verbraucher wird dadurch sinken, sondern auch jegliche Transitrisiken werden verhindert. Die Fertigstellung der Pipeline wird dazu beitragen, dass neue Arbeitsplätze in Deutschland entstehen und der Energiebedarf zu vorteilhaften, marktkonformen Preisen gedeckt wird.

Selbst als sich der Kalte Krieg zuspitzte, wurden Gaslieferungen nach Europa weder von Russland noch der Sowjetunion als politisches Druckmittel eingesetzt. Wer das Gegenteil behauptet und dabei auf die sogenannten Krisen von 2005 – 2006 und 2008 – 2009 verweist, verschweigt bewusst die Ursachen dieser Meinungsverschiedenheiten mit Kiew. Der wirtschaftliche Streit war allein der Tatsache geschuldet, dass die Ukraine illegal Gas anzapfte.

Wer über Europas zunehmende Abhängigkeit vom russischen Gas spekuliert, muss Folgendes zugeben: Zum einen ist eine solche Abhängigkeit immer beidseitig. Zum anderen ist eine tatsächliche Abhängigkeit nur bei fehlender Alternative möglich.

In Europa gibt es ein funktionsfähiges Netz von Gasleitungen und LNG-Terminals, das den europäischen Bedarf deckt. Man beabsichtigt, weitere Lieferrouten zu verlegen. Bei welchem Lieferanten Gas abgenommen wird, legen marktwirtschaftliche Mechanismen fest. Gegenwärtig ist russisches Erdgas vom Preis her am günstigsten, von Lieferungen her am sichersten und von der Infrastruktur her am unproblematischsten zu beziehen.

Manchmal kommen zu den Vorwürfen gegen Nord Stream 2 auch Umweltaspekte hinzu: Die Verlegung der Rohrleitung störe das ökologische Gleichgewicht in der Ostsee. Es muss darauf verwiesen werden, dass für die Gasleitung, die unter Einsatz modernster Technologien gebaut wird, infolge einer Umweltverträglichkeitsprüfung alle erforderlichen Genehmigungen eingeholt wurden.

Das Projekt ist absolut umweltsicher. Diese Schlussfolgerung trifft übrigens auf Schiefergas nicht zu, das durch Hydraulic Fracturing (Fracking) gefördert wird. Das Verfahren bedeutet, dass große Mengen an speziellen Chemikalien in die Erde gepumpt werden. Dabei gibt es keine Garantie dafür, dass diese Substanzen nicht ins Grundwasser gelangen.

Der Bau von Nord Stream 2 setzt keinen zwingenden Verzicht auf bestehende Lieferwege des Erdgases nach Europa unter anderem durch das ukrainische Staatsgebiet voraus. Dabei muss man natürlich auch den maroden Zustand des ukrainischen Gasleitungsnetzes beachten.

Unsere Haltung ist absolut eindeutig. Der Transit russischen Gases durch die Ukraine kann aufrechterhalten werden, wenn diese Lieferungen rentabel und wirtschaftlich attraktiv sind, die Beziehungen zwischen interessierten Unternehmen geregelt werden und man auf gegenseitige Gerichtsklagen verzichtet. Die Versuche, Russland unter Druck zu setzen, seine Interessen zu ignorieren und Ultimaten zu stellen, waren und bleiben erfolglos.

Wir registrieren Erklärungen amerikanischer Kollegen, die der Umsetzung von Nord Stream 2 entschlossen entgegentreten. In Washington ist man darüber besorgt, dass Russland „Energiewaffen“ gegen Europa einsetzen und so dessen Souveränität unterminieren könnte.

Es ist schwer zu glauben, dass ein Land, das die Regeln freien und fairen Handels ruiniert, seine Konkurrenten mit Einfuhrzöllen belegt, das Prinzip „America first“ auf seine Fahnen schreibt und den größten europäischen Konzernen mit rechtswidrigen Sanktionen droht, sich nun wirklich um europäische Interessen sorgt.

Hinter diesem Druck, der von Washington ausgeübt wird, sehen wir nicht die Fürsorge für Europa, sondern die Bestrebung, seine Konkurrenten zur Seite zu schieben und den europäischen Verbrauchern teures LNG aus Amerika aufzudrängen. Die fehlende Bereitschaft zum fairen Wettbewerb wird durch unsinnige russlandfeindliche Parolen und offenkundige Erpressung verschleiert.

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