Gastbeitrag Warum Saudi-Arabien vor der Revolution steht

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Saudi-Arabien strauchelt. Wenn das passiert, sind die Auswirkungen global. Auch Deutschland sollte sich vorbereiten. Eine politische Risikoanalyse.
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Der entsetzliche Mord am Regimekritiker Jamal Khashoggi ist gerade wegen seiner Perversität ein Zeichen torschlusspanikartiger Schwäche. Quelle: AP
Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman

Der entsetzliche Mord am Regimekritiker Jamal Khashoggi ist gerade wegen seiner Perversität ein Zeichen torschlusspanikartiger Schwäche.

(Foto: AP)

Saudi-Arabien ist ein Scheinriese. Er wankt heftig. Nicht erst seit heute, sondern grundsätzlich, strukturell. Die Frage ist nicht ob, sondern wann der Scheinriese strauchelt.

Der entsetzliche Mord an Regimekritiker Jamal Khashoggi ist gerade wegen seiner Perversität ein Zeichen torschlusspanikartiger Schwäche. Wenn der saudische Scheinriese strauchelt, sind die Auswirkungen global und, wie bei der Iranischen Revolution seit 1979, nicht nur national oder regional. Die Welt, wir nicht zuletzt, sollten uns darauf vorbereiten.

Jenseits der Perversität und Brutalität des Khashoggi-Mordes ist das politische Mörder-Motiv von größter Bedeutung. Es wird seltsamerweise kaum registriert und kommentiert.

Khashoggis Familie gehört seit Langem zur etablierten und erfolgreichen sunnitischen Bourgeoisie Saudi-Arabiens. Wirtschaftlich ist diese sunnitische Bourgeoisie höchst erfolgreich, politisch ist sie von der Monarchie und der Aristokratie (dem riesigen, verästelten und durchaus heterogenen Königshaus) zum Zwergendasein verurteilt.

Die politische Teilnahme und Teilhabe wird der sunnitisch-saudischen Bourgeosie von Monarchie und Aristokratie seit jeher verweigert. Sie darf die saudische Politik kommentieren, solange wie zunächst auch im Fall Khashoggi es genehm ist, doch weder attackieren noch gar an ihr partizipieren.

Prof. Dr. Michael Wolffsohn ist Hochschullehrer des Jahres 2017, Historiker, Publizist (u.a. „Zum Weltfrieden“, „Wem gehört das Heilige Land“) und Gründer der Walther-Rathenau-Akademie für politische Risikoanalysen.
Der Autor

Prof. Dr. Michael Wolffsohn ist Hochschullehrer des Jahres 2017, Historiker, Publizist (u.a. „Zum Weltfrieden“, „Wem gehört das Heilige Land“) und Gründer der Walther-Rathenau-Akademie für politische Risikoanalysen.

Der systematische Ausschluss der wirtschaftlich erfolgreichen und gebildeten Sunniten-Bourgeoisie von der politischen Partizipation (Teilhabe) ist geradezu klassisch die Ouvertüre zur Revolution. Man muss gar nicht weit in die Geschichte zurückgehen.

Beispielsweise zur Französischen Revolution von 1789. Die von der politischen Partizipation ausgeschlossene Bourgeoisie (der „Dritte Stand“) erklärte sich selbst zur Nation und entmachtete seit dem 14. Juli kontinuierlich Monarchie plus Aristokratie.

Viele wissen nichts von der Französischen Revolution, manche erinnern sich aber noch genau an die selbst erlebte iranische Mullah-Revolution gegen den Schah. 1977 kriselte es, 1978 kriselte es heftig, und im Februar 1979 brach der Sturm los.

Im Nu wurde der Schah regelrecht weggefegt. Im Westen, der ihn lange gestützt hatte, bot ihm keiner Asyl. Am wenigsten US-Präsident Jimmy Carter, der, zu Recht empört über die Politik seines Verbündeten, am Fall des brutal herrschenden Monarchen alles andere als unbeteiligt war.

Ziel: Politische Teilhabe und Teilnahme

Dem persischen Schah half sein grausiges Regiment so wenig, wie es dem saudischen Königshaus helfen wird, seine Macht zu erhalten. Ob das saudische Königshaus auf Asylsuche erfolgreicher sein wird als der im ägyptischen Exil verstorbene Schah, darf bezweifelt werden. Jedenfalls wird keine deutsche Bundesregierung „willkommen“ rufen, sondern, wie die deutsche Öffentlichkeit (mit Friedrich Schiller) sagen: „Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen.“

Jamal Khashoggi ist die eine Spitze des bürgerlich-saudischen „Eisberges“, der Oberterrorist Osama bin Laden die andere. Auch er stammt aus einer wohlhabenden, ja, geradezu superreichen Familie des sunnitisch-saudischen Bürgertums. So unterschiedlich die von bin Laden und Khashoggi gewählten Mittel – hier Reform und Partizipation, dort Terror und Revolution –, so ähnlich ihr Ziel: politische Teilhabe und Teilnahme.

Ergänzt sei in diesem Zusammenhang, dass 19 von 22 der 9/11-Terroristen aus Saudi-Arabiens Bourgeoisie stammten. Ihre und Osamas Herkunfts-Geografie und Biografie dokumentiert Entscheidendes über ihre gegen die heimische Monarchie gerichtete Ideologie.

Das saudische Regime meint offenbar, außer Mord keine Mittel mehr zu haben, um sich vor dem bevorstehenden bürgerlichen Umsturz zu „schützen“. Es hätte eine theoretische Chance: Machtteilung mit der sunnitischen Bourgeoisie.

Allerdings wäre damit das zweite Fundamentalproblem Saudi-Arabiens nicht gelöst: die friedliche Einbeziehung der im Osten des Landes lebenden schiitischen Saudis, die sich immer mehr am Iran orientieren und auf ihre Weise, keineswegs nur gewaltfrei und mit Teherans Hilfe, gegen das sunnitische Establishment rebellieren. Ihr Erfolg wäre sowohl für ein monarchisch-aristokratisches als auch bürgerliches Saudi-Arabien der staatliche Todesstoß. Warum? Nur unter dem Boden des östlichen Landesteils gibt es Erdöl und Erdgas.

Ist es fünf vor oder nach zwölf für Saudi-Arabien? So oder so ist es höchste Zeit, dass Deutschland, Europa und die Welt sich auf Fundamentalveränderungen in Saudi-Arabien vorbereiten. Einstweilen fehlen besonders hierzulande Wille und Fähigkeit zur strategischen Risikoanalyse.

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2 Kommentare zu "Gastbeitrag: Warum Saudi-Arabien vor der Revolution steht"

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  • Der Mord an Kashoggi war entsetzlich.
    Der Mord an Kashoggi ist nichts Besonderes. Besonders war vermutlich alleine die Tatsache, dass er öffentlich wurde. China, Russland und auch die USA haben Erfahrung darin, sich ebenfalls missbeliebiger Personen zu entledigen. Giftmorde, Geheimgefängnisse, Drohnenangriffe etc etc etc.
    Erdogan löst mit der scheibchenweisen Veröffentlichung seine außenpolitischen Probleme. Er möchte auch gerne iranisches Öl kaufen und seine Interessen in Syrien wahren. Schließlich will er auch mal wieder 4 Millionen Flüchtlinge loswerden können.
    Gott sei Dank fehlt uns einfach die Phantasie, dass solche Dinge tatsächlich jederzeit und auch anderswo denkbar sind. Frau Merkel ist ja viel zuzutrauen, das jedenfalls nicht.

  • Das Bürgertum soll REvolution in Saudi-Arabien machen? Niemals - die haben viel zu viel Geld zu verlieren. Wer's zu Hause nicht aushält geht eben ins Ausland, Kashoggi und Osama bin Laden taten dies auch. Und das Bürgertum in Frankreich und im Iran hatten für die Revolution etwas, was die in Saudi-Arabien nicht, vielleicht noch nicht, hat: die Unterstützung durch den Klerus. Solange diese durch das Königshaus zufrieden gestellt wird, kann nichts passieren.

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