Gastbeitrag Wir, die digitalen Leibeigenen

In mancher Hinsicht hat uns das Internet ins Daten-Mittelalter zurückgeworfen. Manch einer zieht dort sogar Algorithmen der eigenen Freiheit vor.
  • Gaspard Koenig
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Der Autor unterrichtet Philosophie an der Skema Business School (School of Knowledge Economy and Management), ist Gründer und Präsident des unabhängigen Thinktanks GenerationLibre.
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Der Autor unterrichtet Philosophie an der Skema Business School (School of Knowledge Economy and Management), ist Gründer und Präsident des unabhängigen Thinktanks GenerationLibre.

Während des Hochmittelalters vom 11. bis zum 13. Jahrhundert hatten die Leibeigenen in Frankreich und in anderen Staaten Europas keinerlei Eigentumsrechte. Stattdessen mussten die Landbesitzer den größten Teil ihrer Ernte an den örtlichen Seigneur (Gutsherrn) abgeben, der auch nach ihrem Tod ihr Land konfiszieren konnte.

Im Gegenzug bekamen sie Vergünstigungen wie Schutz vor Konflikten oder Zugang zu Mühlen und Öfen. Sie hatten kaum eine Wahl: Diesen Vertrag zu brechen und beispielsweise ihre eigene Mühle zu bauen, war streng verboten.

Heute sind wir von mittelalterlichen Zuständen in unseren Gesellschaften viel weniger weit entfernt, als wir alle denken. Dieses dynamische Arrangement – das bis zur Französischen Revolution andauerte, als die Landarbeiter vollständige Eigentumsrechte erhielten – ähnelt sehr dem heutigen Verhältnis der Konsumenten zu den Internetfirmen.

Es ist Zeit für eine Revolution

In unserem Zeitalter des digitalen Feudalismus haben wir kaum noch eine andere Wahl, als uns per Mausklick mit übermäßig langen und verworrenen Nutzungsbedingungen einverstanden zu erklären, die von den meisten Konsumenten ungelesen dafür sorgen, dass wir von den von uns verwendeten Plattformen ständig überwacht werden.

Denn diese Plattformen sammeln unsere persönlichen Daten und verkaufen sie an andere Akteure, darunter auch Werbeunternehmen, die uns dann gezielt Anzeigen unterbreiten können.

Für die global agierenden Internetkonzerne ist dies ein höchst lukratives Geschäft: Bis zum Jahr 2020 wird der Wert der persönlichen Nutzerdaten voraussichtlich acht Prozent des europäischen BIP erreichen. Im Gegenzug bieten die Unternehmen ihren digitalen Leibeigenen, die die Daten liefern, „Gratisleistungen“ an, beispielsweise in Form von sozialen Medien oder Kurzmitteilungsdiensten.

Dies ist beileibe keine „Sharing Economy“, sondern eine Art optimierte Extraktionswirtschaft auf der Grundlage der fast unbegrenzten Verfügbarkeit von Rohmaterialien (unserer aller persönlichen Daten) – an der sich ein paar Unternehmen auf Kosten der Konsumenten bereichern. Und genau so wie schon vor 700 Jahren ist es jetzt an der Zeit, dass diese Wirtschaftsform durch völlig neue Eigentumsrechte revolutioniert wird.

Eigentumsrechte, die sich im Einklang mit Technologien entwickeln, schützen und stärken die Menschen bereits seit Jahrhunderten. Beispielsweise führte die Revolution des Druckwesens zu intellektuellen Rechten, und die industrielle Revolution hatte die Verbreitung des Patentsystems zur Folge.

Was die digitale Revolution mit sich bringen muss, ist das Recht auf das Eigentum an digitalen Daten, das an den klassischen Elementen der Eigentumsrechte ausgerichtet sein muss: Usus (Ich verwende meine Daten, wie ich es will), Abusus (Ich zerstöre meine Daten, wie ich es will, aber ohne ein extravagantes „Recht auf Vergessen“) und Fructus (Ich verkaufe meine Daten gegen Gewinn, wenn ich es will).

Das Recht auf Eigentum an den persönlichen Daten würde die Gründung eines Datenmarktes fördern, auf dem die weltweit rund 3,5 Milliarden Internetnutzer für das Teilen ihrer Daten einen realen Gegenwert einfordern können, der den von ihnen geschaffenen Werten auch entspricht.

Daten wie Kapital behandeln

Andere Nutzer, die ihre Privatsphäre gegenüber dem Profit vorziehen, können dann einen fairen Marktpreis dafür zahlen, Dienste anonym nutzen zu dürfen. Darauf spielte beispielsweise die US-amerikanische Technologiemanagerin Sheryl Sandberg an, als sie kürzlich meinte, wenn Facebook völlig mit dem Sammeln von Daten aufhören würde, wäre die Folge ein „bezahltes Produkt“.

Die Lage würde sich grundlegend ändern, und für die Lösung der praktischen Probleme stehen bereits heute technische Lösungen zur Verfügung. Für die Verwaltung der Daten könnte beispielsweise jeder Nutzer ein „intelligentes Konto“ haben, auf dem die Informationen und die vereinbarten Nutzungsbedingungen gespeichert sind.

Was die Preisfindung betrifft, würden wahrscheinlich Vermittler entstehen, die stellvertretend für Millionen von Nutzern direkt mit den großen Plattformen verhandeln können, was mit der Zeit einen funktionierenden Marktplatz ergeben würde.

Eine effektive rechtliche Umsetzung der Eigentumsrechte für persönliche Daten würde sicherlich Mühe kosten. Aber dies ist immer noch eine rationalere und realistischere Lösung als andere bereits entwickelte Ansätze – wie das Recht auf „informationelle Selbstbestimmung“, das 1983 vom deutschen Verfassungsgericht eingeführt wurde.

Kein Rechtssystem erkennt das Recht auf Eigentum an persönlichen Daten an

Die Tatsache, dass Personen dann mehr Kontrolle über ihr gesamtes digitales Leben bekommen, könnte Vorteile haben, die weit über wirtschaftliche Fairness hinausreichen. So könnte ein solches System die berüchtigten „Filterblasen“ zum Platzen bringen, die durch Algorithmen in den sozialen Medien entstanden sind und den Nutzern Inhalte anzeigen, die ihre bestehenden Neigungen und Vorurteile bestätigen.

In diesem Sinne könnte das Recht auf Dateneigentum dazu beitragen, die gefährliche politische Polarisierung zu mildern, die heute bereits viele Länder befallen hat. Noch aber gibt es weltweit kein einziges Rechtssystem, das das Recht auf Eigentum an persönlichen Daten anerkennt.

Aber die Idee gewinnt überall an Boden. Brittany Kaiser, eine Whistleblowerin und ehemalige Mitarbeiterin bei Cambridge Analytica – der Politikdatenfirma, die beschuldigt wird, Nutzerdaten von Facebook und anderen Plattformen zur Beeinflussung politischer Kampagnen verwendet zu haben –, setzt sich nun ebenfalls dafür ein, dass Nutzer ihre Daten als ihr Eigentum behandeln, ganz so, wie sie es auch mit ihren Häusern tun.

Denn besitzt man ein Haus, wird man dadurch noch nicht automatisch zu einem gierigen Immobilienspekulanten, sondern bekommt eher die Möglichkeit, an etwas teilzunehmen, was der Philosoph John Rawls eine „Eigentum besitzende Demokratie“ nannte. Dasselbe gilt auch für Daten.

In Frankreich veröffentlichte der von mir gegründete Thinktank GenerationLibre einen 150-seitigen Bericht über das Eigentum an persönlichen Daten, der eine heftige öffentliche Debatte auslöste. Und auf europäischer Ebene bietet die gerade in Kraft getretene Datenschutzgrundverordnung die Grundlage für neue Eigentumsrechte, indem sie die Übertragbarkeit persönlicher Daten gewährleistet.

In den Vereinigten Staaten argumentiert beispielsweise auch der Autor und Forscher E. Glen Weyl gemeinsam mit dem legendären Virtual-Reality-Pionier Jaron Lanier und anderen, Daten sollten als Arbeit betrachtet (und deshalb auch entlohnt) werden.

Ich selber würde eher dafür plädieren, Daten als Kapital zu betrachten, da sie von unserer eigenen Persönlichkeit stammen, aber der Unterschied zwischen den beiden Konzepten ist letztlich semantischer Natur. Und auf rein praktischer Ebene entwickeln immer mehr neue Unternehmen Dienstleistungen zur Monetarisierung von Daten.

Auf dem Altar des Algorithmus wird der freie Wille geopfert

In seinem Bestsellerbuch „Homo Deus“ sagt der israelische Historiker Yuval Noah Harari von der Hebräischen Universität in Jerusalem die Entstehung eines „Dataismus“ voraus, innerhalb dessen der persönliche freie Wille auf dem Altar des Algorithmus geopfert wird.

Doch die Menschen müssen sich diesen globalen Datenkraken nicht wehrlos ergeben. Das Recht auf das Eigentum an persönlichen Daten könnte die Wahrnehmung von Individualität stärken und das liberale Wertesystem fördern, das den Erfolg unserer Zivilisation erst möglich gemacht hat.

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