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Gastbeitrag zum Weltfrauentag Der moderne Mann kann nicht mehr den Patriarchen spielen

Der scheinbare Gegensatz von Männlichkeit und Weiblichkeit wird besonders in der Wirtschaft reproduziert. Vieles davon könnte verbessert werden. Männer wie Frauen müssen bereit sein, sich gemeinsam auf die Diskussion über Gleichberechtigung einzulassen.
  • Christoph Bornschein
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Der Mitgründer der Agentur Torben, Lucie und die gelbe Gefahr (TLGG) berät zusammen mit Fränzi Kühne (Deutschlands jüngste Aufsichtsrätin) die Hälfte aller Dax-Unternehmen zur Digitalisierung. Quelle: TLGG
TLGG-Chef Christoph Bornschein

Der Mitgründer der Agentur Torben, Lucie und die gelbe Gefahr (TLGG) berät zusammen mit Fränzi Kühne (Deutschlands jüngste Aufsichtsrätin) die Hälfte aller Dax-Unternehmen zur Digitalisierung.

(Foto: TLGG)

BerlinIch dachte immer, ich sei ein aufgeklärter, progressiver Mann. Vielleicht hätte ich mir nicht sofort das Wort „Feminist“ an die Stirn geklebt, mitunter fremdle ich mit Kategorien und Etiketten, aber grundsätzlich finde ich die Bezeichnung richtig.

Ich dachte mir immer, wenn es um Gleichberechtigung ging: na klar, eh klar. Es ist 2019, Leute. Worüber reden wir noch, warum machen wir nicht einfach? Dann wurde meine Kollegin und TLGG-Mitgründerin Fränzi Kühne schwanger. Und als sie uns diese Nachricht überbrachte, teilten wir ihre Freude nicht sofort. Tatsächlich rief sogar jemand laut: „Willst du uns ruinieren?!“

Eine Genderklischee-Schubladendenken-Urzeitarbeitgeber-Reaktion, die ich bei uns überhaupt nicht erwartet hatte. Dass dieser Jemand nun ausgerechnet ich selbst war, ist mir heute sehr unangenehm. Und es gibt mir zu denken: Welche Rolle kann ich als männlicher Arbeitgeber, Führungskraft und Kollege einnehmen, wenn ich Gleichberechtigung fördern möchte? Und wie viel Platz darf ich in dieser Diskussion beanspruchen, wenn ich den Habitus des stolzen männlichen Alliierten, der der Welt den Feminismus erklärt, unbedingt vermeiden will?

Unzählige Studien bestätigen, dass unsere jetzige Wirtschaft an einer Ordnung festhält, in der „männlich“ die Norm und „weiblich“ die Abweichung darstellt. Bis auf einige Ausnahmen bleiben Frauen auch im Jahr 2019 systematisch aus den Kreisen ausgeschlossen, die die Zukunft unserer Gesellschaft gestalten.

Mehrere Großkonzerne haben sich die Zielgröße „Null“ für ihre Frauenquote im Vorstand gegeben, dabei gibt es in Deutschland zwei Millionen mehr Frauen als Männer. Das ist nicht nur ein Verlust für die Frauen, die um Karrieremöglichkeiten gebracht werden, in die sie jahrzehntelang investierten. Sondern auch für Unternehmen und unsere Gesellschaft als Ganzes in einem volkswirtschaftlichen Sinne, da wir uns die Hälfte des vorhandenen Potenzials entgehen lassen.

Der moderne Mann kann nicht mehr den Patriarchen spielen

Vor allem in der Wirtschaft wird von Männern noch immer erwartet, dominant, autoritär, stark und selbstbewusst zu sein – ein Spiel, das viele auch allzu gern mitspielen. Männliches Selbstverständnis ist mit Blick in die Geschichte karrierezentriert und statusorientiert – und andersherum: Karriere und Status sind vor allem Männersache. Wo Gesetz oder schlicht gesellschaftlicher Wandel an diesem Dogma rühren, ist alsbald von einer „Krise der Männlichkeit“ die Rede. Der moderne Mann kann nicht mehr den Patriarchen spielen, hat aber noch kein neues Rollenverständnis gefunden.

Natürlich: Dort, wo Frauen auf dem Vormarsch sind, müssen Privilegien aufgegeben werden. Dort, wo Exklusivität Identität prägt, wird ungern geteilt. Gleichberechtigung heißt aber eben nicht, die Machtverhältnisse um 180 Grad umzukehren. Gleichberechtigung heißt, dass wir alle den gemeinsamen Feind erkennen, der Männer wie Frauen unfrei macht: die uneinlösbaren und schädlichen Erwartungen an beide Geschlechter, die gnadenlose Kraft der Stereotypen.

In der Erziehung, im täglichen Miteinander, in jeder kommunikativen Situation: Jeder kann seinen Beitrag zur Bekämpfung dieser Stereotypen und ihrer Folgen leisten. Jeder kann sein Tun in seiner Rolle reflektieren.

Als Kollege ist es mir ein Anliegen in Meetings ein Klima zu schaffen, in welchem Frauen genauso ermuntert werden, ihr Rederecht in Anspruch zu nehmen wie Männer. Als Führungskraft achte ich im Recruiting auf Ausgewogenheit. Bewerben sich auf eine Stelle nur Männer, muss man die Stellenbeschreibung eben umschreiben.

Als Arbeitgeber sehe ich mich in der Pflicht, strukturelle Barrieren zu vermeiden, die ein Geschlecht benachteiligen. Zum Beispiel, indem sie Männer davon abhalten, in Elternzeit zu gehen oder in Teilzeit zu arbeiten. Unternehmen sind dafür verantwortlich, ein gleichberechtigtes Familienmodell zu fördern. Politik kann das nicht alleine leisten.

Ein weiterer positiver Effekt würde sich einstellen, würden sich mehr Männer Elternzeit nehmen: Viele Unternehmen machen sich bei jungen Bewerberinnen durchaus Gedanken, ob sie bald schwanger und damit aus der Arbeitswelt „raus“ sind. Bei Männern gibt es diesen Generalverdacht eher nicht.

Rein wirtschaftlich und mittelfristig betrachtet ist das vielleicht sinnvoll, doch gerecht ist es nicht. Vom überholten Rollenverständnis und dem antiquierten Familienbild, die hier perpetuiert werden, ganz zu schweigen. Dass Bewerber und Bewerberin für Unternehmen das gleiche Risiko – kurz und knapp: ein von Ihrem Unternehmen weitgehend unabhängiges Privatleben – mitbringen, sollte selbstverständlich sein.

Dafür brauchen wir mehr Gleichberechtigung – also das, worauf Feminismus wirklich zielt. Gleichberechtigung funktioniert aber nur, wenn Männer und Frauen gemeinsam ihre Rollen neu verhandeln. Schließlich haben wir alle ein Recht darauf, in einer Gesellschaft zu leben, die von weiblicher wie männlicher Kompetenz profitiert.

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