Gastbeitrag zur Digitalisierung Innovation in Satelliteneinheiten – wie sich Unternehmen eine Start-up-Mentalität zulegen können

Wie können Firmen in Zeiten der Digitalisierung Innovationen fördern? Der Ansatz der Digital Innovation Units zeigt einen Weg auf.
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Marcel „Otto“ Yon ist Serienunternehmer und Leiter des Cyber Innovation Hub der Bundeswehr. Stephanie Khadjavi verantwortet die Marktforschung im CIH.
Marcel „Otto“ Yon und Stephanie Khadjavi

Marcel „Otto“ Yon ist Serienunternehmer und Leiter des Cyber Innovation Hub der Bundeswehr. Stephanie Khadjavi verantwortet die Marktforschung im CIH.

Seit Mitte der Neunzigerjahre sind mehr als 40 Prozent der Fortune-500-Unternehmen verschwunden. Das zeigt: Wer nicht innovativ ist, kommt immer schneller zu Fall. Denn mit der Digitalisierung der Gesellschaft haben sich viele Geschäftsmodelle grundlegend verändert.

Zu den sichtbaren Früchten dieser Entwicklung zählt die große, florierende Start-up-Szene – und auch etablierte Unternehmen und staatliche Institutionen versuchen, mit ihr Schritt zu halten. Doch obwohl die digitale Transformation in aller Munde ist, wird sie vielerorts noch nicht konsequent genug verfolgt. Zu häufig wird das Thema allein in der IT-Ecke verortet.

Dabei ist sie ein Veränderungsprozess, der die gesamte Organisation betrifft und in einer modernen Unternehmenskultur fest verankert werden muss. Gefragt sind deshalb eine neue Führungskultur, eine Stärkung der Eigenverantwortung der Mitarbeiter, agile Methoden der Zusammenarbeit und schlankere Entscheidungsprozesse.

Doch was in Großunternehmen hierzulande und in staatlichen Institutionen in den USA, Großbritannien, Skandinavien oder Australien bereits Einzug hält, ist in der deutschen Verwaltung noch wenig angekommen. Offensichtlich ist es schwierig, in großen Organisationen neue Ideen durchzusetzen. Clayton Christensen empfahl in seinem Bestseller „The Innovator´s Dilemma“ bereits 1997 die Einrichtung von separaten Digital Innovation Units (DIUs): Die Entwicklung disruptiver Produkte und Geschäftsmodelle gelinge am besten in kleinen, flexiblen, vom Kernunternehmen weitgehend unabhängigen Einheiten.

Mit DIUs sind institutionalisierte Innovationseinheiten mit Start-up-Mentalität in Großorganisationen gemeint, die auch unter Begriffen wie Innovation Lab, Hub, Incubator, Accelerator oder Corporate Venture Capital bekannt sind. Ihr Ziel ist, die digitale Transformation der Unternehmen voranzutreiben, indem sie die bestehenden Geschäftsmodelle hinterfragen und einen Kulturwandel erwirken.

Dabei setzen DIUs auf die Zusammenarbeit mit Start-ups aber auch auf Start-up Methoden und Talente. Es geht ihnen nicht darum, bestehende Produkte, Prozesse oder Geschäftsmodelle schrittweise zu verbessern. Vielmehr sollen sie dazu beitragen, kreative Zerstörung im Schumpeter’schen Sinne zuzulassen und etwas gänzlich Neues zu erschaffen. Erfolgreiche DIUs können ihre digitalen Geschäftsmodelle oder bewährte Arbeitsweisen später an die Mutterorganisation übergeben oder mit bestehenden Bereichen verschmelzen.

Das Konzept der dualen Transformation

Das darauf aufbauende Konzept der dualen Transformation – inkrementelle Innovation im Kernunternehmen, radikale Innovation in Satelliteneinheiten – ist in den vergangenen zehn Jahren bei deutschen Großunternehmen und zunehmend auch im Mittelstand angekommen. Alle Dax-30-Unternehmen betreiben inzwischen eine oder mehrere DIUs.

Auf staatlicher Ebene steht man hingegen noch relativ am Anfang. Anders in den USA: Allein das US-Verteidigungsministerium hat in den letzten drei Jahren vier DIUs aufgestellt: DIUx (Defence Innovation Unit), SOFwerx (US Special Operations Command), AFwerx („Connecting Innovators and Accelerating Results“, initiiert von der US Air Force) sowie den MD5 National Security Technology Accelerator.

Mit dem Ressort-übergreifenden F18 Accelerator zieht der Start-up-Gedanke in den USA auch in die zivile Verwaltung ein. Pionier in Deutschland ist der vom Bundesministerium für Verteidigung initiierte Cyber Innovation Hub (CIH). Der Hub dient der Bundeswehr als Schnittstelle zum Start-up-Ökosystem und hat zur Mission, digitale Innovationen schneller zur Truppe zu bringen und die Soldatinnen und Soldaten in den Mittelpunkt des Innovationgeschehens zu stellen.

Dabei gilt der Erfolg von DIUs alles andere als sicher. Die Innovationseinheiten scheitern oft, wenn sie nicht eigenständig handeln können, so die einhellige  Erfahrung aus der Wirtschaft. Denn disruptive Innovationen gedeihen am besten unabhängig von bestehenden Strukturen, Hierarchien und Prozessen. Gleichzeitig benötigen DIUs Rückendeckung der ersten Führungsebene. Denn nur diese kann dabei helfen, Widerstände innerhalb des Konzerns zu überwinden; Die digitale Transformation und die damit einhergehende kulturelle Veränderung bleibt Chefsache.

Der größte Nachholbedarf liegt beim Staat. Gerade dieser hat die digitale Transformation jedoch am nötigsten. DIUs sind ein bewährtes Instrument, um in großen, nur langsam veränderbaren Organisationen erste, mutige Schritte zu gehen. Denn sie bieten die Chance, abseits der Kernorganisation Erfahrungen zu sammeln, von denen bestenfalls die gesamte Organisation profitiert. Bei Misserfolg dagegen bleibt der Schaden auf die Innovationseinheit begrenzt.

Deutschland ist ohne Zweifel ein Erfinderland. Die Innovationsadoption fällt uns dagegen schwerer. Bei einer Staatsquote von 45 Prozent steht allerdings auch die Verwaltung in der Verantwortung, agiler zu werden und Wandel zu gestalten. In dem Erfolgsmodell Digital Innovation Unit liegt daher auch für staatliche Institutionen eine große Chance.  Nun sind mutige Entscheider gefragt. Denn eines ist klar: die Uhr tickt und die Welt steht nicht still.

Marcel „Otto“ Yon ist Serienunternehmer und Leiter des Cyber Innovation Hub der Bundeswehr. Dr. Stephanie Khadjavi verantwortet die Marktforschung im CIH. Die Autoren geben in diesem Artikel ihre persönliche Meinung wieder, nicht die des Bundesministeriums der Verteidigung.

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