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Gastkommentar Altmaier muss sich zu grünem Wasserstoff bekennen

Die Bundesregierung muss mit ihrer Wasserstoff-Strategie klare Prioritäten setzen. Mit einem Sammelsurium von Maßnahmen ist niemandem geholfen.
07.05.2020 - 18:37 Uhr Kommentieren
Vor allem für grünen Wasserstoff sollte es Förderungen geben. Quelle: dpa
Wasserstofftankstelle

Vor allem für grünen Wasserstoff sollte es Förderungen geben.

(Foto: dpa)

Der wirtschaftliche Schaden dieser Krise ist gewaltig. Die unmittelbare Herausforderung nach dem Stillstand besteht darin, das Wirtschaftsleben unter Beachtung des Infektionsschutzes überhaupt erst wieder zum Laufen zu bringen. Doch wäre es ein Fehler, bei Konjunkturpaketen nur auf kurzfristige Effekte zu setzen. Wenn uns diese Krise etwas lehrt, dann den Wert einer vorausschauenden Politik.

Für einige mag der massiv abgestürzte Ölpreis verlockend sein, bloß alte Märkte zu reparieren. So verlangt der CDU-Wirtschaftsrat eine „zeitliche Streckung der klimapolitischen Zielvorgaben“. Dabei wäre es ein Bärendienst an der Wettbewerbsfähigkeit unseres Industriestandorts, die ökologische Modernisierung auf die lange Bank zu schieben. Ganz im Gegenteil, die Konjunkturpakete und damit verbundene Investitionen sind eine große Chance, jetzt Schlüsseltechnologien zu fördern, die die Märkte von morgen prägen werden. Wir wissen heute schon, dass Wasserstoff eine solche Schlüsseltechnologie sein wird.

Strom aus Wind- und Solarkraft kann als Wasserstoff gespeichert, transportiert und als stofflicher Energieträger wieder genutzt werden. Das macht Wasserstoff so wertvoll für den Klimaschutz, für die Energieversorgung und die Wettbewerbsfähigkeit unseres Industriestandortes, wie beispielhaft zuletzt eine Studie der Beratungsgesellschaft Roland Berger für das Umweltministerium in Baden-Württemberg gezeigt hat. Eine boomende Wasserstoffwirtschaft ist eine große Chance für unsere Unternehmen und neue Arbeitsplätze.

Es ist daher zu begrüßen, dass Wirtschaftsminister Peter Altmaier auf Bundesebene eine Wasserstoff-Strategie erarbeitet. Eine Strategie gibt Orientierung. Sie trennt das Wesentliche vom Unwesentlichen. Voraussetzung dafür ist der Mut, Prioritäten zu setzen. Von allem ein bisschen, dann schauen wir mal, wird schon klappen – das ist keine Strategie. Ob der Wirtschaftsminister das beherzigt? Bisher jedenfalls nicht.

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    Es ist an der Bundesregierung, die richtigen Rahmenbedingungen für einen Wasserstoff-Markt zu setzen. Quelle: dpa
    Franz Untersteller (Bündnis 90/Die Grünen)

    Es ist an der Bundesregierung, die richtigen Rahmenbedingungen für einen Wasserstoff-Markt zu setzen.

    (Foto: dpa)

    Im vergangenen Jahr hat Altmaier eine Industriestrategie vorgelegt, die zu Recht heftig kritisiert wurde. Darin verknüpfte er das Wohl der deutschen Wirtschaft mit dem Schutz von schwächelnden „nationalen Champions“ wie der Deutschen Bank. Die final überarbeitete Industriestrategie enthält zwar keine Bestandsgarantie für Konzerne mehr. Aber das größte Manko ist geblieben: Wo Strategie draufsteht, ist gar keine drin. Es ist vielmehr ein Sammelsurium von Einzelmaßnahmen, die nicht aufeinander abgestimmt sind. Eine gemeinsame Logik ist nicht erkennbar.

    Bei der Wasserstoffstrategie scheint Altmaier denselben Fehler zu machen. Er setzt wieder keine Prioritäten, bleibt vage und widersprüchlich. Davon zeugen diesmal sechsunddreißig Maßnahmen, manche davon eher Absichtserklärungen und Prüfaufträge. Man möchte den bisher bekannten Entwurf weit weglegen und die Autoren bitten, das Wesentliche der vermeintlichen Strategie einmal auf wenigen Seiten auf den Punkt zu bringen. Was müssten sie enthalten?

    Erstens: Wir fördern ausschließlich grünen Wasserstoff, der mit erneuerbarem Strom hergestellt wird!

    Grauer Wasserstoff, bei dessen Herstellung CO2 verursacht wird, oder blauer Wasserstoff, bei dem CO2 mittels CCS-Technologie im Untergrund verpresst wird, haben – nicht zuletzt aus Kostengründen – keine Zukunft, wenn man Klimaschutz und entsprechend auch die Wirtschaftlichkeit von Investitionen ernst nimmt. Dieses klare Bekenntnis fehlt der Wasserstoffstrategie der Bundesregierung bislang.

    Es mag sein, dass blauer Wasserstoff für eine Übergangszeit genutzt wird, aber das bedeutet nicht, dass der Staat ein solches Provisorium auch fördern sollte. Förderung sollte es für grünen Wasserstoff geben. Das schafft Planungssicherheit für Unternehmen, Forschung und Verwaltung. Denn nur wer jetzt in Innovationen bei der Herstellung von grünem Wasserstoffs investiert, etwa bei der Elektrolyse, wird auf den künftigen Märkten Technologieführer sein. China steht schon in den Startlöchern, um uns technologisch zu überholen. Daher sollten wir uns auf das Wesentliche konzentrieren.

    Zweitens: Wir schaffen einen Markt für eine grüne Wasserstoffwirtschaft, damit sich Investitionen lohnen!

    Wenn Unternehmen in grünen Wasserstoff investieren sollen, dann muss es sich für sie auch rechnen. Es muss für sie einen Grund geben, in grünen statt in „schmutzigen“ Wasserstoff zu investieren. Daher ist es an der Bundesregierung, die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen, damit ein Markt entstehen kann. Soviel ist klar: Ohne die ordnende Hand des Staates wird es nicht gehen.

    Zu dieser Ordnung gehört vor allem ein ehrlicher CO2-Preis für fossile Energien, um neben den Beschaffungs- auch die Schadenskosten fossiler Energieträger berücksichtigen zu können. Mittelfristig wird hier der Kompromiss von Bundestag und Bundesrat nicht ausreichend sein. Außerdem muss der Ausbau der Erneuerbaren Energien – vor allem Wind- und Solarenergie – wieder angetrieben werden, denn ohne Erneuerbare gibt es nun mal auch keinen grünen Wasserstoff.

    Klar ist, dass dies zusätzliche Kapazitäten außerhalb des EEG sein müssen. Überdies sollte erneuerbarer Strom, der zur Elektrolyse genutzt wird, im Rahmen einer generellen Reform von Abgaben, Umlagen und Gebühren im Energiesektor vergünstigt werden.

    Die Bundesregierung sollte ihre zukünftige EU-Ratspräsidentschaft für eine gemeinsame Wasserstoffwirtschaft nutzen. Quelle: Bundestag
    Danyal Bayaz, Abgeordneter Bündnis 90 / Die Grünen.

    Die Bundesregierung sollte ihre zukünftige EU-Ratspräsidentschaft für eine gemeinsame Wasserstoffwirtschaft nutzen.

    (Foto: Bundestag)

    Ferner könnte man Investitionen in CO2-neutrale Industrieprozesse (z.B. Stahl, Aluminium, Zement) dadurch fördern, dass man Unternehmen die Differenz zwischen dem aktuellen CO2-Preis (der noch keinen ausreichenden Anreiz setzt) und den tatsächlichen CO2-Vermeidungskosten erstattet. Nicht zuletzt braucht es ein verlässliches, binnenmarktkompatibles Zertifizierungssystem, um grünen Wasserstoff von anderem, nicht mit erneuerbaren Energien hergestelltem, Wasserstoff zu unterscheiden.

    Dass alle diese Schritte zusammengehören und sich gegenseitig unterstützen, ist offenkundig. Im Entwurf der Wasserstoffstrategie der Bundesregierung sucht man diese Konsistenz leider vergeblich.

    Drittens: Wir konzentrieren uns auf Bereiche, die eine effiziente Nutzung von grünem Wasserstoff versprechen und deren künftiger Erfolg davon abhängt!

    Grüner Wasserstoff sollte dort verwendet und gefördert werden, wo er den größten Nutzen verspricht. Allein schon deshalb, weil er auch bei steigender Menge immer ein knappes Gut bleiben wird.

    Großes Potenzial hat grüner Wasserstoff beispielsweise bei der energieintensiven Herstellung von Stahl, als strombasierter Kraftstoff im Luft- und Schiffsverkehr oder zur Speicherung von Strom, der später zur Stabilisierung des Stromsystems wieder rückverstromt werden kann. Auch bei größeren Fahrzeugen, bei denen eine Batterie aufgrund begrenzter Reichweite keine Lösung darstellt, kann Wasserstoff und die dazugehörige Infrastruktur eine Alternative sein.

    Für einfache PKWs mit durchschnittlicher Laufleistung gilt hingegen, dass Elektromotoren erneuerbaren Strom direkt nutzen und die Batterie nach aktuellem Stand wesentlich effizienter ist als eine wasserstoffbasierte Brennstoffzelle. Die Bundesregierung ignoriert das leider und scheut hier eine vernünftige Priorisierung.

    Bereits diese drei strategischen Leitlinien und ihre konsequente Umsetzung würden mehr Orientierung und Planungssicherheit bieten, als der bisherige Entwurf der Bundesregierung. Daraus lassen sich Maßnahmen ableiten, um die Forschung zu fördern, um ein großes Demonstrationsprojekt auf die Beine zu stellen und um neue Geschäftsmodelle zu unterstützen.

    Hinzu kommt die Frage des Imports, denn Deutschland wird seinen voraussichtlichen Bedarf an grünem Wasserstoff nicht annähernd selbst decken können. Immerhin hat Bundesregierung das Ziel gesetzt, den Anteil der Erneuerbaren der Stromproduktion bis 2030 auf 65 Prozent zu steigern – grüner Storm für den grünen Wasserstoff müsste konsequenterweise zusätzlich hergestellt werden. Deshalb könnte grüner Wasserstoff auch eine Chance für Länder im Süden mit hoher Sonneneinstrahlung und erheblichen Flächenreserven für große PV-Anlagen sein.

    Das gilt aber nur dann, wenn wir uns jetzt auf das Wesentliche hierzulande konzentrieren. Lassen wir uns nicht von den verführerischen Signalen des aktuell billigen Öls locken und gehen schlauer aus der Corona-Krise heraus als wir hineingegangen sind.

    Die Bundesregierung wird im zweiten Halbjahr die EU-Ratspräsidentschaft innehaben. Sie sollte sie nutzen, um die europäische Zusammenarbeit für eine gemeinsame Wasserstoffwirtschaft, in der die Länder ihre unterschiedlichen Potenziale einbringen können, voranzutreiben.

    Mehr: Es braucht eine Offensive für eine moderne Infrastruktur.

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