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Gastkommentar Auf die Euphorie des Mauerfalls folgt die Ratlosigkeit

30 Jahre nach der Wende sucht die Welt nach neuer Ordnung. Dieser Prozess endet in einer neuen Pentarchie – und einem Verlust an Solidarität.
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Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität.
Herfried Münkler

Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität.

Die Euphorie des Mauerfalls vor 30 Jahren und der danach folgenden Wiedervereinigung ist dahin; die Stimmung ist schlecht, wiewohl sich die wirtschaftliche Lage in den neuen Bundesländern nach dem Tief der 1990er-Jahre kontinuierlich verbessert hat. In den aktuellen Diagnosen ist von einem gespaltenen Land die Rede, nicht nur bei den Wahlergebnissen, sondern auch im Hinblick auf die Wertschätzung der Demokratie.

Der Pessimismus des Ostens scheint inzwischen auch den Westen Deutschlands angesteckt zu haben. Man hatte geglaubt, der Osten werde sich verwestlichen. Inzwischen hat es den Anschein, als sei der Osten in manchen Bereichen die Zukunft des Westens. 30 Jahre nach dem Mauerfall hat sich ein Gemisch aus Ressentiment und Resignation wie eine Patina über das Land gelegt.

Die internationale Lage ist der deutschen Entwicklung nicht unähnlich: Das Ende der Ost-West-Konfrontation war als eine große Befreiung wahrgenommen worden – von der nuklearen Geiselnahme, vom Zwang des Nachrüstens, von der zwanghaften Fixierung aufeinander.

Die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs konnten in Europa jetzt auf friedlichem Wege revidiert werden. Mit einem Mal waren die Völker wieder die Herren ihrer Geschichte – zumindest empfanden sie sich als solche.

In diese Stimmung neu erworbener Geschichtsmächtigkeit passte die von dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler Francis Fukuyama gestellte Diagnose vom „Ende der Geschichte“ so ganz und gar nicht hinein, dementsprechend wurde sie zunächst mit demonstrativem Unverständnis quittiert.

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende

Fukuyama hatte jedoch nicht das Ende der Ereignisgeschichte, sondern das Verschwinden der großen weltpolitischen Alternativen gemeint. Geschichte, so seine These, würde hinfort nicht länger durch den Gegensatz konkurrierender Ordnungsvorstellungen geprägt sein, sondern im bestmöglichen Ausgestalten einer demokratisch-wirtschaftsliberalen Ordnung bestehen.

An die Stelle tödlicher Konkurrenz war die Möglichkeit optimierender Kooperation getreten. Die Frage, wie wir leben wollen, schien damit endgültig beantwortet: als Bürger, die an der Gestaltung der politischen Verhältnisse mitwirkten, und zwar in Frieden und Wohlstand.

In seiner Diagnose vom Ende der Geschichte knüpfte Fukuyama an eine Vorstellung Georg Wilhelm Friedrich Hegels aus den 1820er-Jahren an, der nach den napoleonischen Kriegen im reformierten Preußen die Prinzipien von Monarchie und Republik verschmolzen sah, sodass auch er vom Ende der Geschichte als einem Kampf der Gegensätze sprach. Das war die optimistische Variante.

Die von Fukuyama danebengestellte pessimistische Variante hatte ebenfalls einen deutschen Philosophen als Referenzautor: Friedrich Nietzsche und seine Beschreibung der „letzten Menschen“, die von sich behaupten, sie hätten „das Glück erfunden“.

Diese Diagnose hatte etwas Bedrohliches, denn die „letzten Menschen“ Nietzsches wollen nur Versorgung, Vergnügen und Unterhaltung und zeigen keinerlei Bestreben, sich auf die Mühen und Anstrengungen politischer Teilhabe und zivilen Engagements einzulassen.

Liberale Weltordnung ist gescheitert

Sie folgen dem, der ihnen am meisten verspricht. Sieht man genau hin, so stehen sie für das genaue Gegenteil der Hegel’schen Vorstellung vom Ende der Geschichte. Hätten die Kritiker Fukuyamas genau hingeschaut, hätten sie den Widerspruch zwischen Befriedung und Ermattung in der Diagnose vom Ende der Geschichte gesehen.

Die 1990er-Jahre waren geprägt von der Suche nach einer neuen Weltordnung. Das Strukturprinzip des Gegensatzes war verschwunden, und an seine Stelle trat die Leitidee einer liberalen Weltordnung, die auf demokratischen Normen und Regeln, weltweiter Wirtschaftsverflechtung („Globalisierung“) sowie einem starken Einfluss von Nichtregierungsorganisationen als Repräsentanten humanitärer und ökologischer Belange beruhte.

Konkret hieß das, dass Krieg und militärische Bedrohung der Vergangenheit angehörten, die nicht länger durch den Ost-West-Gegensatz blockierten Vereinten Nationen eine herausgehobene Rolle bei der Bearbeitung von Menschheitsproblemen spielen sollten und die deutlich reduzierten Streitkräfte, insbesondere die der USA, der Länder eine globale Polizeifunktion unter Aufsicht der Weltgemeinschaft haben sollten.

Man unternahm indes keine größeren Anstrengungen, diese Ordnung institutionell auszugestalten, sondern vertraute darauf, dass sie sich von selbst so entwickeln würde. Schon bald nach der Jahrtausendwende mehrten sich die Anzeichen, dass dieses Projekt scheitern würde.

Im Nachhinein lässt sich kaum entscheiden, ob diese liberale Weltordnung vom Ansatz her zum Scheitern verurteilt war oder ob die Nachlässigkeit bei ihrer Entstehung dafür verantwortlich war, dass aus ihr nichts geworden ist.

Aus heutiger Sicht lässt sich jedoch festhalten, dass es ein Fehler war, den USA allein die Rolle des Weltpolizisten zu überlassen, den Europäern die Position eines Zuschauers zu konzedieren, die Russen nicht in eine Teilhabeposition einzubinden und von China nicht größeres Engagement für diese Ordnung zu fordern, sondern es in der komfortablen Rolle eines Ordnungskonsumenten zu belassen.

Welt ohne Ordnungsmacht

Die USA haben, schwankend zwischen Allmachtsfantasien und dem Gefühl, allein gelassen zu sein, das große Projekt aus den Augen verloren und sich im Nahen Osten und Zentralasien in deprimierende Abnutzungskriege verstrickt, die Europäer haben sie dabei selektiv unterstützt, sich für die neue Weltordnung außer im Modus der Kritik aber nur beiläufig engagiert.

Die militärisch wiedererstarkten Russen haben zu der sich abzeichnenden Ordnung keine Interessenbindung entwickelt, und die Chinesen haben von der wachsenden globalen Wirtschaftsverflechtung kräftig profitiert.

Unter der Präsidentschaft Barack Obamas kamen die Vereinigten Staaten dann zu dem Schluss, dass die globale Verantwortung sie überfordere, weswegen sie sich auf den pazifischen Raum konzentrieren wollten, und unter Donald Trump verabschiedeten sie sich ganz aus dem Projekt.

Trump und seine Anhänger zumindest sind der Auffassung, dass die liberale Weltordnung den USA mehr schade als nutze, und deswegen sind sie seit einiger Zeit damit beschäftigt, das, was von dieser Ordnung existiert, nach Kräften zu demolieren.

Währenddessen betreiben die Russen regionale Interessenpolitik unter Einbezug militärischer Mittel, China baut Einflussräume in Afrika und Zentralasien auf und hat inzwischen bis nach Südosteuropa an Einfluss gewonnen; die Nato ist an ihrer Südostflanke in Auflösung begriffen, und die Europäer haben sich auf die Rolle des Mahners und Warners verlegt. Sie reden viel und tun wenig.

Diffuse Angst vor Überforderung

Währenddessen gewinnen die Herausforderungen, die nur global anzugehen sind, dramatisch an Gewicht: Die Folgen des Klimawandels und transnationale Kriege an den Rändern der Wohlstandszonen setzen Flüchtlingsbewegungen in Gang, die angrenzende Länder sozioökonomisch überfordern und noch in weit entfernten Räumen das politische Klima grundlegend verwandeln.

An die Stelle von Zuversicht in die eigene Handlungsfähigkeit ist eine diffuse Angst vor Überforderung getreten. Allenthalben ist der Ruf nach Mauern und Zäunen, die man vor 30 Jahren niedergerissen hat, laut geworden, und an die Stelle einer globalen Verflechtung ist die Sehnsucht nach kleinräumlichem Schutz getreten.

Fasst man diese globale Gemengelage zusammen, kann man sagen, dass die USA und China damit beschäftigt sind, ihre wirtschaftlichen Interessen gegeneinander zur Geltung zu bringen, dass Russland sich als geopolitischer Akteur in Position gebracht hat und die Europäer so tun, als sei die liberale Weltordnung zu retten, indem man alle anderen ermahnt, sich nach deren Regeln zu verhalten.

Da kann es nicht überraschen, dass die Europäische Union in der gegenwärtigen Unordnung die schwächste Rolle spielt, während die Vereinigten Staaten und Russland um die destruktivste Rolle wetteifern. China, das eine langfristig angelegte Interessenpolitik betreibt, ist der eigentliche Gewinner im Spiel mit der Unordnung.

Machtkampf um Einflusssphären

Inzwischen hat die Suche nach strukturbildenden Entwicklungen in der augenblicklichen Unordnung begonnen: Einige haben dafür den amerikanisch-chinesischen Handelskrieg ausgemacht, der jedoch ein bloßer Kampf der Zölle ist und in dem sich keine weiter reichenden Ideen identifizieren lassen.

Andere setzen auf die Konkurrenz zwischen einem chinesischen und einem westlichen Entwicklungsmodell, also einer autoritären Ordnung mit zunehmend nationalistischen Tönen und einer auf Freiheit und Recht begründeten Ordnung. Freilich ist das Verständnis von Recht und Freiheit im „Westen“ inzwischen so heterogen, dass es schwerfällt, darin ein gemeinsames Norm- und Handlungsmodell zu sehen.

Vermutlich wird es gar nicht auf eine antagonistische Struktur hinauslaufen, sondern auf Einflusssphären, mit denen sich fünf große Akteure voneinander abgrenzen, also auf eine neue Pentarchie. Der könnten die USA, China, die EU, Russland und Indien angehören, und die werden damit beschäftigt sein, ihre jeweilige Peripherie „in Ordnung“ zu halten.

Mehr: Das Auswärtige Amt warnt vor dem Aufstieg von Hightech-Autokratien und der wachsenden Macht der IT-Industrie. Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit sei bedroht.

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