Gastkommentar Auf die Industrieländer wartet ein neues goldenes Zeitalter

Die Industrieländer sollten sich nicht nur auf Finanzgeschäfte verlassen, mahnt Justin Yifu Lin. Der Weltbank-Ökonom rät den Staaten, sich von Grund auf zu erneuern - sonst könnten sie ihren Lebensstandard nicht halten.
  • Justin Yifu Lin
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Justin Yifu Lin. Quelle: ap

Justin Yifu Lin.

(Foto: ap)

„Das goldene Zeitalter der Finanzwelt ist zu Ende“, sagt der Ökonom Barry Eichengreen. Wenn dies zutrifft – und hoffentlich ist das der Fall –, könnte nun ein „neues goldenes Zeitalter“ der Industrialisierung folgen. Mit Ausnahme einiger Ölexportländer ist in der Geschichte noch kein Land ohne Industrialisierung reich geworden. Alle Blicke sollten sich deshalb jetzt auf die realen Bereiche unserer Volkswirtschaften richten.

Angesichts der Finanzkrise in Europa sehen sich Politiker weltweit mit einer ungemütlichen Realität konfrontiert: Wenn die Industrieländer sich weiter vornehmlich auf Finanzgeschäfte verlassen und sich nicht von Grund auf erneuern, verlieren sie ihren bisherigen Lebensstandard. Die Weltgemeinschaft muss über die Euro-Zone und Staatsschuldenkrisen hinausblicken und die Gelegenheit zur strukturellen Transformation in den realen Sektoren der sich entwickelnden Welt wahrnehmen.

Unter struktureller Transformation verstehe ich den Prozess, durch den die Länder auf der industriellen Leiter aufsteigen: Im Zuge des Produktionsfortschritts bewegen sich die Arbeitskräfte hin zu Produktionssektoren mit höherer Wertschöpfung. Tatsächlich können wir, indem wir unsere Entwicklungsanstrengungen auf die relativen Vorteile ärmerer Länder richten, Vertrauen in den Unternehmenssektor wiederherstellen und Investitionen in die Schaffung von Arbeitsplätzen fördern – nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in fortgeschrittenen Volkswirtschaften.

In fortgeschrittenen Ländern sind die Kosten für Forschung und Entwicklung relativ hoch, da die dortigen Technologien und Industrien bereits führend sind. Die Entwicklungsländer hingegen, einschließlich der Sub-Sahara-Staaten in Afrika, können ihre Industrien schneller ausbauen, da sie ohne viel Risiko Technologie von den Industrieländern erhalten können. Entwicklungsländer können also über Jahrzehnte jährlich um ein Vielfaches stärker wachsen als Länder mit hohem Einkommen. Die Strategie für Entwicklungsländer liegt darin, dieselben Industrien aufzubauen, die seit Jahrzehnten für Wachstum in reichen Ländern gesorgt haben.

China könnte bald eine Führungsposition übernehmen
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10 Kommentare zu "Gastkommentar: Auf die Industrieländer wartet ein neues goldenes Zeitalter"

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  • "Gut, man kann sich alles mögliche zusammendenken"

    Danke, ich hatte gerade einen fast dreiminütigen Lachanfall bis fast zum Schluckauf.

    Ja, man kann sich "alles mögliche zusammendenken", wenn man es denn _überhaupt_ kann. Bei Ihnen scheint es ja schon an der Fähigkeit zu mangeln, einen Artikel zu lesen und seinen Inhalt zu verstehen.

    Hätten Sie den Artikel gelesen und - im optimalen Falle auch verstanden, hätten Sie vielleicht bemerkt, daß der Autor schon relativ zu Beginn darauf hinweist, daß es jetzt Zeit wäre, sich weniger auf den Finanzmarktaspekt als auf den der sog. "Realwirtschaft" zu konzentrieren. Lesen Sie noch mal Ihren eigenen Sermon und vielleicht fällt Ihnen auf, daß Sie gerade die Hose herunter gelassen und einen ziemlich mickrigen Schniepel präsentiert haben.

    Weil Sie sich, statt einfach nur zu lesen, was da steht, einiges "zurechtgedacht" haben. Auf welchen Artikel Sie auch immer glauben reagiert zu haben, es war sicher nicht _dieser_. Der, den Sie kommentierten, existiert nur in Ihrem Kopf.

  • Der Autor ist Experte für Entwicklungspolitik und so sehen auch seine Ratschläge aus. Da der Prozess der strukturellen Transformation seit Jahrzehnten bei uns andauert, sind die Ergebnisse bestens bekannt. Grundlage jeder Volkswirtschaft ist auf Dauer eine funktionierende Landwirtschaft. Dies gilt nicht nur für die Sahelzone, sondern auch für die Saudis und Chinesen. Nach der Rohstoffgewinnung folgt die verarbeitende Industrie und so ist es ratsam, die Grundstoffindustrie an den großen Lagerstätten anzusiedeln, zumal an bedeutenden Lagerstätten die Sonne oder Wasser ausreichende Energie zur Verfügung stellen. In diesem Zusammenhang ist Lebensmittelerzeugung unter Fotovoltaik Feldern vorstellbar. Frage ist, wie diesbezügliche Investitionen gesichert werden können. Die weiterverarbeitende Industrie und damit den entsprechende Diensleistungssektor (Produktentwicklung) in Entwicklungs- und Schwellenländer auszugliedern, ist ein Fehler, weil Produktentwicklung ohne Sekundärwirtschaft nicht funktioniert. Deshalb, und weil wir die Produktfaktoren Rohstoff-Arbeit-Kapital auch noch auseinanderzerren, entwickeln wir uns zurück.

    Aber auch China steht angesichts eines zu hohen Wirtschaftswachstums vor dem Abgrund, greift immer rigoroser in den Weltmarkt ein und untermauert dies mit dem Bau von Flugzeugträgern, die für eine Landesverteidigung völlig sinnlos sind.

    Wir müssen uns deutlich umorientieren, um das goldene Zeitalter nicht zu verpassen.

    http://www.bps-niedenstein.de/

  • china hat eine flugzeugträger gebaut! wofür braucht ein festland zur _verteidigung_ einen flugzeugträger? der westen darf niemals glauben er sei irgendwo geachtet! die rüsten alle schon kräftig auf mit dem white money! die arbeitsplätze nach china auszulagern war eine grosse dummheit! nun haben wir unbezwingbare konkurenz (z.b. solar) und auch noch den gegner gestärkt!

  • Auch wieder ein Weltbankökonom der von ewigem Wachstum träumt.

    Wenn nicht mehr in den Industrieländern, dann eben in den Entwicklungsländern.

    Was allein zur Zeit mit dem "Entwicklungsland" Griechenland passiert, zeigt wohl, dass es wohl auch in den sogenannten Industrieländern an Einigem hapert und auch die nächsten Jahrzehnte hapern wird.

    Und dass China in einigen Jahrzehnten ca. 85 Millionen Jobs auslagert, halte ich für einen schlechten Witz.

    Lin sagt gar nichts zu den politischen Situationen, z.B. in Afrika. Er geht davon aus, dass alle diese Entwicklungsländer ökonomisch sinnvoll geführt werden und ökonomisch leben werden. (Genau so, wie die letzten 50 Jahre??)

    Gut, dass er da von Jahrzehnten spricht, denn spatestens in einigen Jahrzehnten juckt ihn nicht mehr, was er heute verzapft.

  • Ohne eine erfolgreiche Industrie wird kein Staat zu Wohlstand kommen - es sei denn er ist reich an lokalen Quellen (Energie, Rohstoffe), die verkauft werden können. Die Wirtschaft dagegen auf flüchtige Finanzgeschäftsindustrie aufzubauen ist trügerisch und hochrisikobehaftet. "Ehrlichkeit" wird in diesem Geschäft nicht belohnt - "Hohe Gewinnmargen" folgen "hohe Verlustrisiken" mit dem Impuls, dass Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert werden (Steuerzahler). Keine aussichtsreiche Entwicklungen. Das Schlimmste ist jedoch, dass es keine gesellschaftliche Mehrwerte erbringt - Nichts was später einmal "anfassbar" werden wird. Auch schafft es keine Jobs für die vielen Bürger in der jeweiligen Volkswirtschaft. Die Gesellschaften, die es verstärkt in der EU spüren werden, sind die Briten und die Schweizer. Die Schweizer Industrie wird viel zu teuer und nicht mehr geschäftsfähig und die britische Industrie wurde über Jahrzehnte vernachlässigt und ist nur noch ein Abklatsch von den Möglichkeiten. Die blind geförderte Finanzindustrie in GB rieß erstmals mit der Finanzkrise das Land in eine ernste Schieflage - nun wurde man sich schmerzhaft bewußt, dass der freiwillige Aderlaß der Industrie eine schwachsinnige Handlung war.

    Erkenntnisse, die nicht neu sind. Schon vor vielen Jahrhunderten gewannen die kulturen mit Bodenschätzen oder erfolgreichen industrien (mit Wissen) und verloren mit einem Innovationswissensverlust.

    Herrn Lin´s Einschätzung ist daher nachvollziehbar. Das Leben ist halt keine verträumter Ponyhof; Lebensstandard kann nicht mit Staatsschulden als Ersatz aufgebaut werden. Lebensstandard benötigt langfristig wirkliche Werte.






  • Wer ist in Ihrem Denken "Wir".
    Wir Deutsche (?) erwirtschaften (wenn wir unseren jahrzehntelangen Aussenhandelsbilanzüberschuß betrachten) seit Jahrzehnten weit mehr als 100.- € pro Monat Überschuß pro Einwohner. Wir leben also seit jahrzehnten weit UNTER unseren Verhältnissen. Aufgrund des derzeitigen politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Systems kommt jedoch dieser Überschuß weder beim Staat noch bei den s.g. 99% an, sondern bei einer verschwindend kleinen Anzahl von Abzockern. Und nicht nur das, sondern auch noch die riesigen aufgehäuften Staatsschulden, sind jetzt irgendwie bei den 1% als Vermögen angekommen. Gleichzeitig steigt die Zahl der Armen, und die Mittelschicht (und die wirklichen Leistungserbringer) werden immer mehr ausgesaugt.
    Ich sehe, und ich wünsche mir keine dauerhafte Zukunft für dieses System, obwohl ich selbst schon ein kleines "Schäffchen" im trockenen habe.

  • Die ökonomischen Fundierungen von Aussagen wie die des Weltbankökonomen sind erbärmlich. Das entspricht dem Stand der Ökonomie. Umso weniger verwundert die Politik dieser Institution. Unser Industrialismus hat keine Zukunft. Nicht in den Industrieländern und auch nicht in den Noch-Nicht-Industrieländern.

  • Vor dem Bankrott stehen wir doch, weil wir permanent mehr ausgeben als wir einnehmen - und das bei jedem Niveau des Spitzensteuersatzes. Außerdem sollte man zwischen bestimmten Angestellten (!) von bestimmten Banken, die in der Tat einiges zum Schuldenstand beigetragen haben, und den echten Unternehmern unterscheiden. Ohne letztere gäbe es gar keine Arbeitsplätze.

  • Wir müssen endlich mit der Verhätschelung und durchsubventionierung der Finanzindustrie und der Reichen aufhören. Wir müssen die gutverdiener und Reichen verstärkt zur Kasse holen. Das ist unabdingbar, die Forderungen der SPD nach Steuererhöhung für Unternehmer und Vermögende ist richtig ! wir müssen weg von diesem elenden Shareholder-Value-Kapitalismus. Was hat uns das gebracht ?? Es hat uns gebracht, daß wir nunmehr vor dem Bankrott stehen !! Alles wachstum der letzen Jahre bringt letzlich nur den Kapitalbesitzern neue reichtümer, und das muß beendet werden. Wachstumsfantasien können wir in der nächsten Zeit abschreiben.

  • Gut, man kann sich alles mögliche zusammendenken. Meiner Meinung nach ist es aber völlig unbrauchbar. wir müssen nicht bei einer Forcierung der Industrie ansetzen, sondern wir müssen unbedingt den Geburtenanstieg unter kontrolle bekommen. wenn wir das nicht tun, wird es zu Hungersnöten, kriegen kommen. Ich weiß auch nicht ob es für diese Länder der richtige Ratschlag ist, zu industrialisieren. Es wird keine neuen wachstumsschübe geben, und das hochgelobte china wird in die rezession kommen- mitsamt der Weltwirtschaft. das sollte der autor erstmal bedenken. ein Industriewachstum wird es in den nächsten Jahren bestimmt nicht geben, allenfalls in einzelnen Ländern. Die Probleme nach alter Schule mit Wachstum kurieren zu wollen, das wird nie und nimmer funktionieren. Richtig ist allerdings, daß wir im westen weg müssen von dem "Investmentbank"- Unwesen. Es war ein riesiger fehler, das wir dies auch noch unterstützt haben.

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