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Gastkommentar Beim neuen Wettlauf ins All müssen wir raus aus der Wasserträgerrolle

Deutschland hinkt beim Milliardenmarkt New Space hinterher. Unternehmen brauchen mehr Unterstützung, davon profitiert die gesamte Wirtschaft, sagt Harald Christ.
24.06.2021 - 11:59 Uhr Kommentieren
Harald Christ ist ein deutscher Unternehmer und Politiker. Früher war Christ in der SPD, seit September 2020 ist er Bundesschatzmeister der FDP. Quelle: Wikipedia
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Harald Christ ist ein deutscher Unternehmer und Politiker. Früher war Christ in der SPD, seit September 2020 ist er Bundesschatzmeister der FDP.

(Foto: Wikipedia)

Die Corona-Pandemie hat auf unzähligen Ebenen für eine weitere Erhöhung des internationalen Wettbewerbsdrucks und die Verschärfung internationaler Spannungen gesorgt. Dafür gibt es ein Dutzend Beispiele. Eine Branche wird dabei aber oft vergessen: die Raumfahrt-Industrie. Zu Unrecht, denn der neue Wettlauf ins All und der Kampf um den Milliardenmarkt New Space hat längst begonnen. Die Bruttowertschöpfung dieses Markts wird schon jetzt auf über 100 Milliarden Dollar geschätzt und kann bis 2040 einen Umsatz von schätzungsweise mehreren Billionen Dollar erreichen.

Neben den alten Größen der Weltraumforschung, USA und Russland, greift auch die neue Supermacht China nach den Sternen. Nach mehreren erfolgreichen Flügen zum Mond begann die Volksrepublik im April mit dem Bau einer eigenen Weltraumstation, die 2022 fertiggestellt werden soll. Auch gelang China unlängst erstmalig die Landung eines Rovers auf dem Mars – damit ist es nach den US-Amerikanern erst die zweite Nation, die ein unbemanntes Fahrzeug unbeschädigt auf dem Roten Planeten landen konnte.

Doch wer jetzt denkt, für europäische oder gar deutsche Player wäre auf dem Spielfeld der Großmächte kein Platz, der irrt. Besonders im Satellitenmarkt ist deutsches Know-how seit Jahren gefragt. Von Sensorik und Steuerung über Kommunikationsinstrumente bis hin zu Linsen und Schrauben, in den meisten der über 2000 die Erde umkreisenden Satelliten steckt Technik „made in Germany“. Deutsche New-Space-Firmen haben im vergangenen Jahr bei Investoren über 300 Millionen Euro eingesammelt und damit trotz Corona fast doppelt so viel wie im Vorjahr.

Die Mynaric AG in Gilching bei München ist Weltmarktführer in der lasergestützten Breitbandkommunikation zwischen Satelliten und Bodenstationen. Dies ist eine Schlüsseltechnologie für fast alle zukünftigen Raumfahrtanwendungen, insbesondere das Internet aus dem Weltall, an der weltweit gleich mehrere Konstellationen im Wettbewerb um die immer noch fast drei Milliarden Menschen ohne Internetanschluss arbeiten. Ein weiteres spannendes Beispiel ist das junge Münchener Unternehmen Isar Aerospace, das für die vielen neuen Satellitenkonstellationen kostengünstige Launchkapazitäten bereitstellt. Dabei wurden für die Entwicklung ihrer Raketen für deutsche Verhältnisse bereits hohe Summen Venture-Capital eingesammelt.

Europa hinkt hinterher – Investorengeld fließt in den USA üppiger

Aber auch wenn deutsche und europäische Unternehmen gefragte Zulieferer sind, der „große Wurf“ blieb bislang aus. Während sich die asiatischen Großmächte und die USA mit ambitionierten Plänen gegenseitig zu überbieten versuchen, scheinen wir Europäer uns mit der Wasserträgerrolle zufrieden zu geben. Das liegt mitunter daran, dass Investorengeld beispielsweise in den USA noch immer wesentlich üppiger fließt. Das macht es für junge europäische Unternehmen schwierig, in diesem neuen Markt mitzuhalten.

Erst seit 2015 kann man in Deutschland von einer relevanten Auftragslage für Unternehmen im New-Space-Bereich sprechen. Ein Großteil der Weltraumwirtschaft ist daher noch immer von Förderungen und Aufträgen öffentlicher Institutionen abhängig. Aber auch hier stellen die USA ein fünfmal höheres Budget zur Verfügung als Deutschland.
Zuständig dafür ist in erster Linie die europäische Raumfahrtagentur Esa. Die kämpft aber nicht nur mit einem niedrigen Budget, sondern auch mit seit Jahren verkrusteten Strukturen und einer bürokratischen Überlastung und bringt so keine Geschwindigkeit auf die Turbine.

Auch die Begeisterung der EU-Bürger für eine Verstärkung der eigenen Raumfahrtambitionen ist noch immer verhalten. Dafür fehlen entsprechende Kommunikationsbudgets in den Agenturen. Sicherlich ist es aber auch nicht hilfreich, dass ein übermäßig großer Teil der Ressourcen in vermeintlich repräsentative Vorzeigeprojekte wie das immer teurer werdende Ariane-Raketenprogramm fließen. Noch nicht einmal abgehoben, wird die Rentabilität der Ariane-6-Rakete schon jetzt durch immer günstigere und verlässlichere Trägersysteme wie die Falcon-Raketen des Privatunternehmens SpaceX infrage gestellt.

Doch auch der mangelhafte Zugang von New-Space-Unternehmen und Start-ups zu Förderungen und Aufträgen ist ein Grund für unser Schwächeln im internationalen Vergleich. Ein Zustand, der sich allerdings bald ändern könnte – zumindest, wenn es nach Josef Aschbacher geht, dem seit März neuen Generaldirektor der Esa. Aschbacher will Europa mit der „Agenda 2025“ wieder auf Augenhöhe mit China und den USA bringen. Ein zentraler Baustein seiner Strategie soll die effektivere Einbindung von innovationsstarken Newcomern und Privatunternehmen sein.

Vom Landwirt bis zur Deutschen Bahn: New Space liefert Lösungen für die gesamte Wirtschaft

Flankiert werden diese Pläne endlich auch von der deutschen Politik. Im März beauftragte die Bundesregierung die KfW mit der Umsetzung und Verwaltung eines zehn Milliarden Euro umfassenden Beteiligungsfonds, der sich vor allem an Jungfirmen mit ihrem schnellen Wachstum und hohen Kapitalbedarf richtet. Gemeinsam mit weiteren privaten und öffentlichen Partnern will der Bund insgesamt mindestens 30 Milliarden Euro an Wagniskapital für Start-ups in Deutschland mobilisieren. Laut dem Start-up-Beauftragten der Bundesregierung, Thomas Jarzombek, der sich auch für den deutschen New-Space- und Space-KMU-Sektor starkmacht, wäre dieser Zukunftsfonds das mit „Abstand größte Paket für Start-ups in Europa, sechsmal größer als die französische Initiative“.

Gute Zeichen also auch für die rund 125 deutschen New-Space-Unternehmen und die gesamte deutsche Wirtschaft. Denn diese Innovatoren können als Bindeglied zwischen Raumfahrt und digitaler Wirtschaft dabei helfen, wichtige Wachstumsfelder wie autonomes Fahren, Industrie 4.0 und andere datengetriebene Geschäftsmodelle voranzubringen.

Insgesamt ist in der Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt, wie breit die Anwendungsfelder im Bereich der Weltraumindustrie und wie traditionell die Kunden der deutschen Newcomer sein können. Laut einer Studie des BDI berichten ganze 76 Prozent von 92 intensiver analysierten New-Space-Firmen von Geschäften mit Kunden, die auf den ersten Blick im Grunde nichts mit dem Weltraumsektor zu tun haben. So überwacht beispielsweise das Berliner Start-up LiveEO mittels Satellitendaten und Künstlicher Intelligenz Bodenabsenkungen und Umweltveränderungen im Umfeld von Schienen im Auftrag der Deutschen Bahn.

Ein weiteres Beispiel hierfür ist die unabhängige deutsche Marktplattform für Geo- und Satellitendaten, Cloudeo AG. Bei ihr finden Großunternehmen wie Start-up-Entwickler gleichermaßen alles, was man für die Entwicklung von neuen Anwendungen benötigt – ohne die bisher notwendigen hohen Anfangsinvestitionen. Die Esa nutzt die Plattform ebenfalls, um die Anwendungsentwicklung für Geoapplikationen in vielen klassischen Industrien anzukurbeln. Dabei entsteht eine digitale europäische Marktplattform, die das Potenzial hat, zumindest in einem Sektor den üblichen amerikanischen und chinesischen Platzhirschen Paroli zu bieten.

Aber auch im neuen Bereich „Clean Green Space“ liefert das deutsche Unternehmen HPS aus München bereits Deorbiting-Systeme, die ausrangierte oder defekte Satelliten mit automatischen Bremssegeln aus dem Erdorbit verschwinden lassen, damit diese nicht jahrzehntelang als Weltraumschrott um die Erde kreisen. Angesichts Tausender Satelliten, die in den nächsten Jahren an den Start gehen, ein großer potenzieller Markt.

Deutschland muss Unternehmen und Start-ups unbürokratisch unterstützen

Die deutsche Start-up- und KMU-Szene im Raumfahrtgeschäft hat hervorragende Teams und weltweit durchaus einen guten Ruf, aber das sollte noch massiv ausgebaut werden. Wichtig wäre, dass das Geld aus den diversen Förderprogrammen auch wirklich dort ankommt, wo es die deutsche und die europäische Kommerzialisierung des Alls voranbringt – und nicht nur ein Papiertiger bleibt oder in den teuren und langsamen Mühlen der großen Raumfahrtkonzerne versandet.

Mit strukturellen Reformen auf europäischer Ebene und Geld allein ist es allerdings nicht getan. Gepaart werden müssen diese Maßnahmen auch mit politischer Rückendeckung für deutsche Unternehmen, die besonders bei der Vergabe von Esa-Aufträgen bislang oft den Kürzeren gezogen haben. Denn französische Unternehmen profitieren von dem großen Einfluss der CNES in der Esa. Auch beim Abbau Seltener Erden außerhalb unseres Planeten zögert die Bundesregierung: Erst müsse ein internationales Abkommen her, bevor die betreffenden Ambitionen forciert werden können.

Weiteres Verbesserungspotenzial besteht auch in der nicht zu unterschätzenden Absicherung von Weltraumschäden. Frankreich beispielsweise sichert Weltraumschäden oberhalb von 60 Millionen Euro ab – und plant, diesen Selbstbehalt weiter zu senken. Noch großzügiger sind die Vereinigten Staaten, die das Risiko der Unternehmen fast komplett tragen. Schon 2018 schlug Matthias Wachter vom BDI daher klare Haftungsgrenzen vor, beispielsweise über eine Versicherung nach dem Muster der staatlichen Hermes-Exportkreditversicherung.

Deutschland steht also vor einer doppelten Herausforderung. Zum einen muss es seinen Einfluss bei der Esa, aber auch in der immer mehr Einfluss nehmenden europäische Kommission sowie natürlich im europäischen Markt ausbauen und gleichzeitig gemeinsam mit seinen Partnern im internationalen Wettbewerb bestehen. Dafür muss Deutschland noch ambitionierter denken und entsprechend handeln. Denn nur wenn es gelingt, Innovatoren zu stärken und junge Unternehmen, Start-ups und KMUs unbürokratisch zu unterstützen, werden wir sie in Deutschland halten können und damit im europäischen Verbund nachhaltig an die internationale Konkurrenz aufschließen können.

Wollen wir ein Umfeld schaffen, in dem noch mehr Unternehmen entstehen, die Platzhirschen wie SpaceX Konkurrenz machen könnten, kommen wir nicht darum herum, jetzt die Weichen zu stellen, um die europäische Raumfahrtindustrie auf den Wandel hin zur Kommerzialisierung vorzubereiten. Eine Entwicklung, welche die USA bereits seit Jahrzehnten hinter sich haben – und deren Früchte sie nun ernten können.

Mehr: Wie der britische Underdog mit Virgin Galactic das Raketen-Rennen ins All gewinnen will

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