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Gastkommentar Chinas Aufstieg zur Weltmacht ist eine historische Chance

Die Furcht vor dem Reich der Mitte ist im Westen weit verbreitet. Die Rede ist von einem „Angriff auf Europa“ – doch das ist völlig unbegründet.
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Die neue macht Chinas ist eine Chance für Europa Quelle: picture alliance / ZB [M]
Stefan Baron

Der Autor ist Mitherausgeber des Buchs „Die Chinesen – Psychogramm einer Weltmacht“, das als „Wirtschaftsbuch des Jahres 2018“ ausgezeichnet wurde. Sie erreichen ihn unter: [email protected]

(Foto: picture alliance / ZB [M])

Ein Gespenst geht um in Deutschland – die „gelbe Gefahr“. Die „Bild“-Zeitung, das Zentralorgan für die Stammtische zwischen Flensburg und Konstanz, warnt vor dem „gefräßigen chinesischen Drachen“ und titelt en suite: „Darum müssen wir Angst vor China haben“, „Chinas Angriff auf Europa“ und „Wie viel China steckt schon in Deutschland?“.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) maßt sich an, die italienische Regierung dafür zu tadeln, dass sie sich, ohne zu fragen, erlaubte, mit China eine engere wirtschaftliche Kooperation zu verabreden. Diese könne, so Maas, „schneller als gedacht einen bitteren Beigeschmack bekommen“.

Der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU), bekannt für seine besondere interkulturelle Kompetenz im Umgang mit Chinesen („Schlitzaugen“), verlangt sogar, derartige nationale Abkommen von EU-Mitgliedern mit China ganz zu verbieten.

Über ein Jahrhundert nach der „Hunnenrede“ von Kaiser Wilhelm II. haben die Möchtegern-Drachentöter erneut Hochkonjunktur. Doch sie kämpfen den falschen Kampf. Bewusst oder unbewusst, besorgen sie nicht das Geschäft Deutschlands und Europas, sondern das der USA. Und das ist zu einem großen Teil (leider) schon länger nicht mehr dasselbe. Spätestens seit der America-first-Politik der Trump-Regierung gibt es den „Westen“ von einst nicht mehr. Die geostrategischen Interessen von Europa und den USA sind weit auseinandergedriftet.

Die Chinafrage stellt sich für uns daher anders als für die USA. Für diese mag der Wiederaufstieg des Riesenreichs eine Gefahr sein, für Europa dagegen stellt er ökonomisch wie systemisch und geopolitisch zwar ebenfalls eine große Herausforderung dar, bietet zugleich aber auch eine einmalige historische Chance.

China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, am Wohlstand gemessen aber rangiert es, was meist vergessen wird, erst auf Platz 80. Das entspricht etwa einem Viertel des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens der OECD-Staaten.

Damit will sich das Land, das über die längste Zeit der Geschichte die führende Volkswirtschaft der Welt war, ebenso wenig zufriedengeben wie mit Position 26 in der Rangliste der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des World Economic Forum (WEF).

Um seine einstige Führungsposition wiederzuerlangen, kann China nicht länger auf quantitatives Wachstum als Massenproduzent von Billigwaren setzen, sondern muss auf qualitatives Wachstum als Produzent von innovativen Gütern mit hoher Wertschöpfung umschalten. Dies bringt zwangsläufig das Ende einer Arbeitsteilung mit sich, die für Europa und speziell Deutschland ebenso bequem wie lukrativ war. China wird immer mehr zu einem direkten Wettbewerber für unsere Produkte.

Ausbremsen statt herausfordern

Ist das ein Angriff auf Europa? Mitnichten! Wettbewerb belebt bekanntlich das Geschäft und ist eine wesentliche Quelle des Fortschritts. Muss uns die Entwicklung ängstigen? Es kommt drauf an!

In der genannten Untersuchung des WEF zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit rangiert Deutschland auf Platz drei. China hat uns gegenüber also noch reichlich Boden gutzumachen. Und die letzten Meter bis zur absoluten Spitze sind bekanntlich immer die schwersten.

Angst müssen wir daher nur haben, wenn Deutschland sich weiter auf dem Vorsprung ausruht, den es gegenüber China immer noch hat, und seine Wettbewerbskraft insbesondere im Hinblick auf Zukunftstechnologien vernachlässigt. Statt die eigene Innovations- und Wettbewerbskraft zu steigern, hat sich Europa (wie die USA) jedoch offenbar darauf verlegt, den Herausforderer China durch allerlei Restriktionen abzubremsen und auszugrenzen.

So fordert es Peking zu „reziprokem“ Marktverhalten und dazu auf, sein Modell eines staatlich gelenkten Kapitalismus mitsamt der damit verbundenen Industriepolitik aufzugeben, da dies den Wettbewerb verzerre und unfair sei, macht sich andererseits das Kritisierte zunehmend selbst zu eigen.

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Überzeugen kann das jedoch nicht. Zum einen ist Reziprozität nur im Wettbewerb unter Gleichen wirklich fair. Zwischen China und den westlichen Industriestaaten aber besteht für weite Teile der Wirtschaft noch längst keine Waffengleichheit – wie die WEF-Studie zeigt. Zum anderen sind bei näherem Hinsehen die westlichen Industriestaaten selbst in Sachen Hilfen für die Wirtschaft nie die Abstinenzler gewesen, als die sie sich gerne gerieren.

So verdankt etwa US-Amerikas Paradeindustrie im Silicon Valley ihre Existenz letztlich den gigantischen Rüstungsausgaben des Landes. Und die Problematik des „too big to fail“ in der Bankenbranche zeigt, dass der westliche Kapitalismus, wenn nicht staatlich gelenkt, so doch staatlich versichert ist. Und jetzt soll diese Police offenbar deutlich erweitert werden.

Was die frischgebackenen Verfechter von Protektionismus und Industriepolitik gerne als „Ende der Naivität“ verklären, erinnert eher an Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Galt ihnen eine von staatlichem Einfluss freie, private Wettbewerbswirtschaft und demokratische politische Verfassung bisher nicht stets als allen anderen Systemen überlegen?

Chinesische Herausforderung

Angst und Bange macht einem hier weniger China als die Art und Weise, wie Europa mit der chinesischen Herausforderung umgeht.

So können wir schon von Glück sagen, dass die Chinesen ihrerseits weder die Absicht haben, uns ihr staatskapitalistisches ökonomisches noch ihr autoritäres politisches System aufzudrängen. Dazu fehlt es ihnen – anders als den Amerikanern – schon an dem nötigen Missionarsgeist.

Dasselbe gilt auch im Hinblick auf Pekings geopolitische Ambitionen und deren Kernstück, die Initiative „Neue Seidenstraße“. Mit dem größten Entwicklungsvorhaben der Menschheitsgeschichte verfolgt die chinesische Führung letztlich das Ziel, den Schwerpunkt der Weltwirtschaft (und damit auch Weltpolitik) vom Atlantik wieder nach Eurasien zurückzuverlagern, wo er die längste Zeit der Geschichte gelegen hat.

Die USA sehen in der Initiative eine Bedrohung ihrer Hegemonialstellung, worauf sie anscheinend ein gottgegebenes Recht zu haben glauben. Europa bietet die Neue Seidenstraße dagegen eine historische Chance.

Der Initiative haben sich in den zurückliegenden fünf Jahren über 80 Staaten angeschlossen, zuletzt als erstes G7-Land Italien. Dennoch steht ihr die EU mehrheitlich nach wie vor distanziert bis ablehnend gegenüber.

Dabei liegen die Vorteile für Europa auf der Hand: Die beschleunigte Entwicklung des Nahen und Mittleren Ostens sowie Afrikas, wie sie China mit der Initiative anstrebt, verspricht unserem Kontinent und vor allem Deutschlands starker Investitionsgüterindustrie erhebliches neues Wachstumspotenzial. Gleichzeitig kann dadurch auch der Migrationsdruck auf die EU deutlich abgebaut werden, der vor allem aus diesen (nicht zuletzt von den USA destabilisierten) Regionen herrührt.

Ein Engagement bei der Neuen Seidenstraße bietet Europa zudem die historische Chance, wieder eine Schlüsselstellung in der Weltpolitik einnehmen, mit einer Fernostpolitik nach dem Vorbild der Ostpolitik des einstigen deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt eine friedenstiftende Aufgabe in der Welt erfüllen, den sich anbahnenden Kalten Krieg zwischen den USA und China entschärfen, einen möglichen heißen Krieg verhindern und ein führender Akteur bei der Herausbildung einer multipolaren Weltordnung werden zu können.

Die Geschichte und das Beispiel der Vereinigten Staaten – gerade in der jüngeren Zeit – lehren, dass Monopolmacht schädlich ist. In der Politik gilt dies genauso wie in der Wirtschaft. Den besten Schutz dagegen bietet auf der Ebene der Weltpolitik eine multipolare und multilaterale Ordnung, die international für mehr Wettbewerb und Mitbestimmung sorgt.

Die USA entthronen

Aber was ist, mag mancher hier einwenden, wenn die sogenannte Pax Americana damit am Ende doch nur durch eine Pax Sinica ersetzt wird? Die Frage ist verständlich, die Angst, die sich dahinter verbirgt, gleichwohl unbegründet.

Die Chinesen wollen die USA als Welthegemon zwar entthronen, aber nicht ersetzen. Die Seidenstraßeninitiative ist weder ein Angriff auf die USA noch auf Europa, sondern im Kern defensiven Charakters. Sie soll vor allem die Verwundbarkeit von Chinas lebenswichtigen Versorgungslinien reduzieren und ein stabiles politisches Umfeld für das Riesenreich schaffen.

Im Übrigen kann die EU durch eine Kooperation die Initiative in seinem Sinne auch maßgeblich beeinflussen. Denn je mehr Druck die USA auf China ausüben, desto mehr ist dieses auf Europa angewiesen. Und ohne Europa kann es keine eurasische Wirtschaftsunion geben.

Kein Grund also zur Angst vor einer „gelben Gefahr“. Aber reichlich Grund zur Sorge, dass Europa Chinas Absichten missversteht, falsch auf die chinesische Herausforderung reagiert und/oder aus falsch verstandener Solidarität mit dem langjährigen Verbündeten USA nicht den Mut aufbringt, konsequent seine eigenen strategischen Interessen zu verfolgen. Und so die wohl letzte Chance verpasst, in der Welt von morgen noch eine wichtige Rolle zu spielen.

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  • Eine Einschätzung und Positionierung, die es wert ist geprüft und politisch geschickt umgesetzt zu werden. Die derzeitig überwiegend negativ tendierenden Ansichten diverser politischer Amtsträger sind mutlos, arm an konstruktiv gestalterischen Ideen, ohne Kraft zu eigenständiger Selbstbehauptung. Mit einer nur defensiven Reaktion auf eine unvermeidbare Herausforderung gibt man sich ohne Kraftanstrengung seines Intellektes und seiner eigenen Fähigkeiten bereits unterlegen. Wenn Europa weiterhin so mutlos und kleinkariert agiert verspielt es die eigenen Chancen und sein verbliebenes Potential auf der wirtschaftlichen und politischen Weltbühne.