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Gastkommentar Corona verändert die Globalisierung, aber beendet sie nicht

Unternehmen und Staaten versuchen, Abhängigkeiten zu reduzieren. Dabei sollten sie nicht vergessen, dass die internationale Arbeitsteilung die Resilienz stärkt.
13.07.2020 - 20:07 Uhr Kommentieren
Clemens Fuest ist ifo-Präsident. Quelle: Imago, Handelsblatt Montage
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Clemens Fuest ist ifo-Präsident.

(Foto: Imago, Handelsblatt Montage)

Die Coronakrise hat Schwächen der Globalisierung ans Licht befördert. Das Virus hat sich durch Reisen von Geschäftsleuten und Touristen in kurzer Zeit weltweit verbreitet. Vielerorts fehlte dringend benötigte medizinische Ausrüstung wie Masken, Schutzanzüge, Atemgeräte und Medikamente, weil sie nicht mehr im eigenen Land produziert wurde. Während der Krise wurde die Industrieproduktion gestört, weil grenzüberschreitende Lieferungen von Zwischenprodukten ausfielen.

Außerdem hat die globale politische Zusammenarbeit schlecht funktioniert. Die US-Regierung beansprucht Impfstoffe allein für die eigenen Bürger. In der EU wurden nationale Grenzen geschlossen und Exportverbote für medizinische Güter verhängt, ohne Rücksicht auf den Geist des europäischen Binnenmarkts und die Interessen anderer Mitgliedstaaten.

Bringt die Coronakrise deshalb das Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen? Wohl kaum. Viele Länder haben zum Schutz vor Ansteckung die Grenzen geschlossen, aber das heißt nicht, dass sie diese Beschränkungen aufrechterhalten werden, wenn die Pandemie überwunden ist.

Während der Krise wurde der Welthandel unterbrochen, aber daraus folgt nicht, dass er auch künftig gestört sein wird oder dass es sinnvoll ist, ihn einzuschränken. Trotzdem wird die Coronakrise Veränderungen nach sich ziehen, sowohl in Unternehmen als auch in der Politik.

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    International agierende Unternehmen werden die Effizienzvorteile grenzüberschreitender Lieferbeziehungen nicht opfern, aber sie werden künftig mehr Vorkehrungen gegen krisenbedingte Produktionsstörungen treffen.

    Riskant sind weniger die internationalen Wertschöpfungsketten per se, sondern Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten, Kunden oder Standorten. Um sich besser gegen Störungen abzusichern, werden Unternehmen beispielsweise Zulieferer aus mehreren Ländern, deren Leistungen einander ersetzen können, in die Wertschöpfungsketten einbinden. Das würde die Globalisierung sogar vertiefen.

    Unternehmen werden aber auch absehbare politische Veränderungen berücksichtigen. Sollte die Neigung zu protektionistischer Politik, die sich in den vergangenen Jahren ausbreitete, nach der Coronakrise zurückkehren oder sich sogar verschärfen, werden internationale Wertschöpfungsketten an Bedeutung verlieren. Die Folge wären steigende Kosten und sinkender Wohlstand. Leider spricht einiges dafür, dass es so kommen könnte.

    Abhängigkeit vom Ausland kann problematisch sein

    Verschiedene Politiker haben in den vergangenen Monaten verkündet, dass sie Abhängigkeiten vom Ausland reduzieren wollen – beispielsweise EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton im Rahmen der EU-Industriestrategie.

    Bei der Versorgung mit medizinischen Gütern kann die Abhängigkeit vom Ausland, vor allem von einzelnen Lieferanten, in der Tat problematisch sein. Bei Masken und Schutzkleidung ist das in den vergangenen Monaten deutlich geworden, bei Medikamenten sind ähnliche Engpässe nicht auszuschließen.

    Um für künftige medizinische Notfälle besser vorbereitet zu sein, sollte man Vorratshaltung in gewissem Umfang gewährleisten. Es ist nicht zu erwarten, dass private Märkte allein dafür sorgen. Deshalb ist hier politisches Handeln erforderlich.

    Innerhalb der EU sind die einzelnen Mitgliedstaaten jedoch dafür nicht unbedingt die richtige Ebene. Es ist kostengünstiger für alle, wenn die medizinische Vorsorge europäisch koordiniert ist: Das gilt für das Bevorraten medizinischer Ausrüstung bis hin zum Vorhalten von Krankenhausbetten für Intensivbehandlungen. Es gab in Europa in der Coronakrise bislang stets genug freie Krankenhausbetten.

    Man hat nur zu spät damit begonnen, Patienten aus den am stärksten betroffenen Mitgliedstaaten dorthin auszufliegen, wo die freien Kapazitäten waren. Sich auf andere EU-Staaten zu verlassen erfordert freilich Vertrauen darauf, dass medizinische Ressourcen im Krisenfall tatsächlich geteilt werden.

    Um die Versorgung mit medizinischen Gütern sicherzustellen, kann es sinnvoll sein, Produktionskapazitäten im Inland oder in der EU anzusiedeln, ähnlich wie in militärischen und anderen sicherheitsrelevanten Bereichen. Man sollte sich allerdings nicht allein auf die inländische Produktion verlassen, denn bei Notfällen wie Naturkatastrophen kann diese auch leicht ausfallen. Eine internationale Diversifizierung der Bezugsquellen ist die beste Absicherung.

    Gibt es Gründe dafür, in anderen Sektoren der Wirtschaft eine Verkürzung von Wertschöpfungsketten und verringerte Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten oder Kunden anzustreben? Gerade in Deutschland wird immer wieder gefordert, das Land müsse seine Exportorientierung verringern, weil Krisen in anderen Ländern sich dadurch auf die heimische Volkswirtschaft übertragen.

    Das Gegenargument ist: Der Außenhandel bildet eine wichtige Grundlage des Wohlstands. Er ermöglicht es, Spezialisierungsvorteile und damit verbundene Effizienzgewinne zu nutzen. Wenn diese Effizienzgewinne allerdings nur um den Preis höherer Unsicherheit und Anfälligkeit für Krisen erreichbar wären, könnte es sinnvoll sein, teilweise auf sie zu verzichten.

    Dann wären höhere Produktionskosten in Kauf zu nehmen, um mehr Resilienz der Volkswirtschaft zu erreichen. Diese Argumentation erscheint auf den ersten Blick plausibel. Tatsächlich trägt sie jedoch nicht, aus dem folgenden Grund.

    Mehr Globalisierung bringt über die Streuung von Risiken mehr Resilienz

    Ob die Einbindung einer Volkswirtschaft in den internationalen Handel und die damit verbundene Spezialisierung zu mehr oder weniger Risiken führt, hängt davon ab, ob Krisen eher länder- oder sektorspezifisch sind. Es liegt auf der Hand, dass die Risiken der Spezialisierung wachsen, wenn Schocks vor allem sektorspezifischer Natur sind.

    Wenn ein Land wie Deutschland sich zum Beispiel auf die Produktion von Kraftfahrzeugen spezialisiert und die Nachfrage nach Autos stark schwankt, erhöht diese Spezialisierung die Krisenanfälligkeit. Wenn die Schocks dagegen länderspezifisch sind, dann reduzieren internationaler Handel und Spezialisierung Risiken.

    Die europäische Verschuldungskrise der Jahre 2009 bis 2013 ist ein Beispiel für einen länderspezifischen Schock. Hier profitierte Deutschland davon, dass seine Autos nicht nur in Europa, sondern weltweit gefragt waren, vor allem in China und den USA. Bei einer stärkeren Konzentration auf die heimischen Märkte hätte der Abschwung der europäischen Märkte Deutschland stärker getroffen. Aktuelle Forschung zeigt, dass länderspezifische Schocks insgesamt deutlich häufiger vorkommen als sektorspezifische. Störungsanfälligkeit abzubauen erfordert demnach mehr Globalisierung, nicht weniger.

    Wird die Politik es unterstützen, die Vorteile der Globalisierung auch künftig zu nutzen? Leider spricht einiges dafür, dass die aggressive Handelspolitik der vergangenen Jahre sich fortsetzen könnte. Wirtschaftskrisen verstärken die Neigung zu Protektionismus.

    Weil sie die heimische Wirtschaft stützen und Arbeitsplätze sichern wollen, greifen Regierungen gerne zur Diskriminierung ausländischer Produzenten. Das ist freilich kurzsichtig, denn die Abschottung der eigenen Märkte löst bei den Handelspartnern Gegenreaktionen aus. Daraus entsteht leicht ein Handelskrieg, wie er in den vergangenen Jahren zwischen den USA und China zu beobachten war.

    Das Klima in der Außenpolitik hat sich verschlechtert

    Nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise am 15. November 2008 trafen sich die G20-Staaten in Washington und vereinbarten, für ein Jahr keine protektionistischen Maßnahmen zu ergreifen. Zwar haben die beteiligten Regierungen sich nur teilweise an diese Zusage gehalten. Ohne die gemeinsame Absichtserklärung hätte es aber vermutlich mehr Protektionismus gegeben.

    Bei dem wegen der Coronakrise einberufenen außerordentlichen G20-Gipfel am 26. März 2020 gab es keine derartige Vereinbarung. Dies verdeutlicht, dass das Klima der Außenhandelspolitik sich verschlechtert hat. Da die geopolitische Konkurrenz zwischen den USA und China sich in den kommenden Jahren wohl weiter verschärfen wird, ist eine Entspannung des Handelskonflikts zwischen diesen beiden Ländern eher unwahrscheinlich.

    Die EU ist und bleibt ein enger Verbündeter der USA, hat aber kein Interesse, sich in diesen Handelskonflikt hineinziehen zu lassen. Sie sollte sich dafür einsetzen, internationale Handelshemmnisse abzubauen. Dass globale politische Kooperation in der Coronakrise nicht überzeugend funktioniert hat, bedeutet nicht, dass sie nicht funktionieren kann, sondern dass sie verbessert werden muss.

    Mehr: Die Folgen der Krise sowie der Wirtschaftskrieg zwischen China und den USA stellen die deutsche Wirtschaft vor Probleme – aber es gibt einen Ausweg.

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