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Gastkommentar Corona zeigt: Europa verliert in der medizinischen Forschung an Boden

Die Coronakrise hat den Wert von Forschung, Diagnostik und Digitalisierung im Gesundheitswesen deutlich gemacht. Welche Lehren Europa daraus ziehen sollte.
15.12.2020 - 21:34 Uhr Kommentieren
Der Autor ist Verwaltungsratspräsident des Schweizer Pharmakonzerns Roche.
Christoph Franz

Der Autor ist Verwaltungsratspräsident des Schweizer Pharmakonzerns Roche.

Das Coronavirus hält die Welt in Atem. Auch in Europa gehen die Zahlen wieder deutlich nach oben. Vor diesem Hintergrund legt die Europäische Kommission ihre Vorstellungen einer Pharmastrategie vor. Die Kommission will die Regeln für die Zulassung von Medikamenten, und damit für medizinische Forschung und Zugang zu Therapien in Europa, überarbeiten.

Gesundheitspolitik ist grundsätzlich Aufgabe der Mitgliedstaaten. Doch die EU setzt einen Rahmen. Zum Beispiel ist die Zulassung von Medikamenten eine EU-Angelegenheit.

Begrüßenswert dabei ist, dass auch die Kommission das Potenzial von Innovationen an der Schnittstelle von Arzneimitteln, Medizinprodukten und digitalen Daten schätzt. Es wird wichtig sein, dieses Potenzial in den kommenden Monaten und Jahren nicht aus den Augen zu verlieren. Denn die Pandemie hat den Wert von Forschung, Diagnostik und Digitalisierung im Gesundheitsbereich überdeutlich gemacht.

Umso dramatischer ist festzustellen: Europa verliert in der medizinischen Forschung an Boden. 1990 wurde in Europa mehr für pharmazeutische Forschung und Entwicklung ausgegeben als in den USA. Heute ist das Verhältnis umgekehrt, und der Graben wird tiefer: Gegenüber 2010 stiegen solche Ausgaben in der EU bis 2018 um rund 30 Prozent, aber um über 50 Prozent in den USA.

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    Die Gesundheitsbehörden in China und den USA geben das Tempo vor. Beide Länder treiben die Digitalisierung im Gesundheitswesen voran. Während dort die Investition in die Gesundheit von morgen im Fokus steht, diskutiert Europa oft einseitig über Kosten.

    Auf welche Branchen wollen wir in Europa setzen? Die Tech-Giganten sitzen in Kalifornien. Die Automobilbranche wird durchgeschüttelt. Forschende Gesundheitsunternehmen liefern innovative Arbeitsplätze, die nicht leicht verlagert werden können, und sie leisten hohe Investitionen.

    Vor allem geht es um das Wohl von Patientinnen und Patienten. Es ist belegt, dass in Europa Medikamente im Median deutlich später zugelassen werden als in den USA. Solche Verzögerungen können für schwerkranke Patienten über Leben oder Tod entscheiden.

    Noch hat Europa die Grundlagen für forschungsintensive Vorhaben: führende Forschungseinrichtungen und Unternehmen. Mit dabei ist Roche, das zu den wichtigsten Entwicklern von Covid-19-Tests gehört und allein in Deutschland mit fast 17.000 Mitarbeitenden an therapeutischen Lösungen forscht, entwickelt und produziert.

    Europa muss die richtigen Anreize setzen

    Wissenschaft und Technologie bieten eine Chance, Patienten besser und zielgerichteter zu behandeln und Gesundheitssysteme effizienter zu machen. Setzt Europa die richtigen Anreize, dann hat es die Chance Schrittmacher zu werden für ein Gesundheitswesen, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

    So können wir heute Tumore molekulargenetisch untersuchen und Verwandtschaften mit anderen Tumortypen feststellen. Dadurch können wir viele unwirksame, langwierige und möglicherweise nutzlose Therapien einsparen. Die Gesundheitssysteme müssen solche Kosten nicht mehr tragen, und Menschen haben sehr viel bessere Therapiechancen.

    Aus der Vielzahl verfügbarer anonymer Daten kann man Lehren für heutige und zukünftige Behandlungen ziehen. Für die individuellen Daten einzelner Patienten interessiert sich in Industrie und Forschung niemand. Datenschutz und Innovation können Hand in Hand gehen. Man muss die Digitalisierung der Gesundheit für europäische Patienten in Europa gestalten – und nicht nur woanders.

    Einzelne EU-Länder haben das erkannt. Estland ist Vorreiter, auch Deutschland treibt nun die Digitalisierung voran. Aber wahr ist auch, dass oft noch Covid-19-Infektionsnachweise gefaxt werden. Datenstandards und Daten sind fragmentiert.

    Staaten sollten voneinander lernen

    Innerhalb Europas und auch in den Mitgliedstaaten müssen Barrieren abgebaut werden, die der gemeinsamen Nutzung von Daten im Wege stehen. Was wäre es für eine Erleichterung gewesen, wenn es eine gemeinsame europäische Lösung für eine Corona-Warn-App gäbe.

    Auch seine Vielfalt kann Europa besser nutzen. Mitgliedstaaten können voneinander lernen und bewährte Verfahren übernehmen – zum Beispiel um festzustellen, wie man Therapieerfolge digital erfasst und vergütet. Die EU kann den Erfahrungsaustausch fordern und fördern.

    Paradigmenwechsel gelingen nur gemeinsam. Die Krise hat gezeigt, dass Kooperation funktioniert. Krankenhäuser in Deutschland haben Patienten aus Nachbarländern aufgenommen. Unternehmen haben rasch die Produktion von Tests hochgefahren. Behörden haben Studienprotokolle schneller als sonst genehmigt. Diesen Schwung gilt es mitzunehmen, im Einsatz gegen alle lebensbedrohlichen Krankheiten.

    Mehr: Biontech-Impfstoff soll am 21. Dezember in der EU zugelassen werden

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