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Gastkommentar Das BIP kann die wahren Probleme einer Volkswirtschaft nicht abbilden

Meist wird der Wohlstand eines Landes nur anhand des BIP gemessen. Doch es gibt noch wichtigere Größen: Risiko und Chancengleichheit, zum Beispiel.
  • Joseph Stiglitz
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Der Autor ist Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 2001. Sein jüngst erschienenes Buch heißt „Globalization and its Discontents Revisited: Anti-Globalization in the Era of Trump“. Sie erreichen ihn unter:gastautor@handelsblatt.com
Jospeh Stiglitz

Der Autor ist Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 2001. Sein jüngst erschienenes Buch heißt „Globalization and its Discontents Revisited: Anti-Globalization in the Era of Trump“. Sie erreichen ihn unter:[email protected]

Die politischen Entwicklungen der letzten Jahre in den Vereinigten Staaten von Amerika und in vielen anderen Ländern sind Ausdruck der stark zugenommenen Unsicherheit, in der viele gewöhnliche Bürger leben und der man mit dem BIP (Bruttoinlandsprodukt) kaum Beachtung schenkt. Geschürt wurde diese Unsicherheit durch eine breite Palette politischer Strategien, die rein auf das BIP und haushaltspolitische Vorsicht abzielten.

Man bedenke etwa die Auswirkungen der Renten-„Reformen“, die den Einzelnen zwingen, immer mehr Risiko zu übernehmen, oder jene der Arbeitsmarkt-„Reformen“, die im Namen einer Stärkung der „Flexibilität“ die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer schwächen, weil sie Arbeitgebern mehr Freiheiten einräumen, Mitarbeiter zu entlassen, was wiederum zu niedrigeren Löhnen und noch mehr Unsicherheit führt.

Mit verbesserten Messgrößen würde man diese Kosten zumindest gegen den entstehenden Nutzen aufrechnen können und die politischen Entscheidungsträger vielleicht davon überzeugen, bei derartigen Veränderungen begleitende Maßnahmen zu ergreifen, die Sicherheit und Gleichheit fördern.

Angespornt durch Schottland hat eine kleine Gruppe von Ländern nun die Wellbeing Economy Alliance ins Leben gerufen. Man hofft, dass Regierungen, die das Wohlergehen der Menschen in den Mittelpunkt ihrer Agenda stellen, ihre Haushalte entsprechend umgestalten. Beispielsweise würde eine auf Wohlergehen konzentrierte neuseeländische Regierung der Kinderarmut mehr Aufmerksamkeit und Ressourcen widmen.

Bessere Messgrößen wären zudem aber auch ein wichtiges Diagnoseinstrument, um Ländern bei der Ermittlung von Problemen zu helfen, bevor die Dinge außer Kontrolle geraten. Außerdem wären sie hilfreich bei der Wahl der für die Problemlösung geeigneten Methoden.

Hätten sich die USA beispielsweise statt nur auf das BIP mehr auf das Gesundheitswesen konzentriert, wäre die rückläufige Lebenserwartung bei Menschen ohne Hochschulausbildung und vor allem bei Menschen in den entindustrialisierten Regionen Amerikas schon vor Jahren offensichtlich gewesen.

Ebenso hat man erst kürzlich mit Methoden zur Messung der Chancengleichheit die Heuchelei des amerikanischen Anspruchs offengelegt, ein Land der Chancen zu sein: Ja, in diesem Land kann jeder Mensch vorankommen – das stimmt aber nur, solange er das Kind reicher weißer Eltern ist.

In den USA wimmelt es vor Ungleichheitsfallen

Aus den Daten geht nämlich auf drastische Weise hervor, dass es in den USA vor sogenannten Ungleichheitsfallen nur so wimmelt: Wer unten geboren wird, bleibt in aller Regel auch dort – ohne Aufstiegschancen. Wollten wir diese Ungleichheitsfallen tatsächlich beseitigen, müssten wir zunächst einmal wissen, dass es sie gibt – und im Anschluss daran feststellen, wodurch sie entstehen und erhalten bleiben.

Vor etwas mehr als 25 Jahren lautete US-Präsident Bill Clintons Wahlkampfslogan „Die Menschen zuerst“. Bemerkenswert ist, wie schwierig die Durchsetzung dieses Anspruchs sogar in einer Demokratie ist. Großunternehmen und andere Sonderinteressen sind stets darauf erpicht sicherzustellen, dass ihre Interessen vor denen aller anderen gereiht werden.

Die von der Trump-Regierung vor rund einem Jahr verabschiedeten massiven Steuersenkungen sind dafür das Musterbeispiel par excellence: Sie machen die Superreichen und Reichen noch reicher. Die gewöhnlichen Menschen – also die zwar bereits auch rückläufige, aber immer noch große Mittelschicht – müssen eine Steuererhöhung verkraften, und Millionen Menschen werden ihre Krankenversicherung verlieren, damit diese Trump’sche Steuersenkung für Milliardäre und Unternehmen sowie Konzerne finanziert werden kann.

Wenn die Menschen zuerst kommen sollen, wie es diese Regierung der Republikaner so großspurig angekündigt hatte, müssen wir erst einmal wissen, was ihnen wichtig ist, was ihr Wohlergehen fördert und wie es uns gelingen kann, mehr davon – worum es sich auch immer handelt – zur Verfügung zu stellen.

Die Agenda zur Wohlstandsmessung jenseits des BIP wird deshalb weiterhin eine entscheidende Rolle spielen, wenn es darum geht, diese wichtigen Ziele zu erreichen.

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