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Gastkommentar Das flexible Inflationsziel ist eine Modeerscheinung

Das größte Risiko für eine Inflation ist nicht die Überhitzung der Wirtschaft, sondern sind übereifrige Zentralbanker, meint Wolfgang Münchau.
21.05.2021 - 18:56 Uhr Kommentieren
Wolfgang Münchau ist Direktor von eurointelligence.com. Quelle: Klawe Rzeczy
Der Autor

Wolfgang Münchau ist Direktor von eurointelligence.com.

(Foto: Klawe Rzeczy )

Inflation ist eindeutig noch keine unmittelbare Bedrohung im Euro-Raum – vor allem nicht nach einem Jahrzehnt mit sehr niedriger Inflation. Es wäre unehrlich zu behaupten, dass eine hohe Inflation unvermeidlich ist. Aber es wäre auch unehrlich, dieses Risiko rundweg abzustreiten.

Als mögliche Ursachen kommen infrage: die massiven fiskalischen Stimuli in den USA; Schäden an den globalen Lieferketten; pandemiebedingte Preissteigerungen in den Bereichen Tourismus, Sport, Kunst und Unterhaltung.

Aber das größte Einzelrisiko ist nicht die übereifrige Wirtschaft, sondern der übers Ziel hinausschießende Zentralbanker. Wie die Musikgruppe „The Kinks“ 1973 sang: „Und wenn er seine kleinen Runden durch die Boutiquen der Londoner Stadt dreht, verfolgt er eifrig die neuesten Moden und Trends, denn er ist ein engagierter Anhänger der Mode.“

Die aktuelle Mode unter den „chattering classes“, also den Angehörigen der gebildeten linksliberalen Mittelschicht, in London und Washington ist das flexible Inflationsziel. Es gibt ein oder zwei Möglichkeiten, dieses richtig umzusetzen, und viele weitere, es falsch zu machen. Die Zentralbanker, die es am wahrscheinlichsten falsch umsetzen, sind die engagierten Modeanhänger – diejenigen, die das noch nie gemacht haben.

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    Das könnte passieren: Die Zentralbanker sagen jetzt voraus, dass die Inflation nicht steigen wird. Wenn sie ansteigt, tun sie es als vorübergehende Übertreibung ab. Wenn sie anhält, wird sie als eine notwendige Korrektur abgetan, die die Zentralbanker die ganze Zeit vorhergesagt hatten. Irgendwann sagen Banker uns, dass zehn Prozent Inflation besser sind als zehn Prozent Arbeitslosigkeit. Dann folgt die brillante Idee, Amazon für die Preissteigerungen verantwortlich zu machen.

    Oder die Banker sind einfach langweilig und wählen ein einfaches, symmetrisches Inflationsziel, also eines, was in einigen Jahren unter-, in anderen dann überschritten werden kann. Das Schöne an der Symmetrie ist, dass sie selbsterklärend ist. Sie hat jenen Zentralbanken gut gedient, die sie gewählt haben.

    Die EZB formuliert das Inflationsziel bewusst uneindeutig

    Die Europäische Zentralbank (EZB) gehörte nicht dazu. Die aktuelle Formulierung „nahe an, aber darunter“ stammt aus dem Jahr 2003 und war bewusst asymmetrisch. Es wurde nicht klar, ob damit ein Prozent – die technische Arbeitsannahme in einigen EZB-Modellen – oder 1,5 Prozent gemeint waren. Ist ein Prozent nahe dran? Wenn man es aus einer ausreichend großen Entfernung betrachtet, könnte das sein.

    Grafik

    Die Asymmetrie wurde gewählt, um den Deutschen zu signalisieren, dass die EZB in der Tradition der Bundesbank steht. Doch die Bundesbank ist in den Jahren zuvor ihrem Bauchgefühl gefolgt. Sie gab vor, ein geldpolitisches Ziel zu verfolgen, aber letztlich entschied sie, was sie tun wollte.

    Wenn die Zentralbanker übereifrig sind, sollten sie sicherstellen, dass sie damit transparent umgehen. Sie sollten ihre obere Toleranzgrenze angeben. Auch sollte klar werden, wie lange die Inflation übers Ziel hinausschießen kann. Und die Banker sollten darauf vorbereitet sein, eine Menge hypothetischer Fragen zu beantworten. Die Leute haben ein Recht darauf zu wissen, an welchem Punkt die Banker versagt haben.

    So könnte eine Überschreitungsfunktion aufgebaut sein:

    Die Zentralbanker könnten eine Überschreitungsfunktion in ein symmetrisches Ziel einbauen, bei dem die Überschreitungen in den Rahmen eingebaut sind. Ich würde dies folgendermaßen tun:

    1. Den harmonisierten Verbraucherpreisindex durch die Kerninflationsrate ersetzen, die Energie und Nahrungsmittel ausschließt. Das ist eine bessere Metrik, und sie ist weniger volatil.
    2. Ein symmetrisches Ziel von zwei Prozent und ein Toleranzband um diese Zahl, sagen wir ein bis drei Prozent, innerhalb dessen die Inflation als konsistent mit dem Inflationsziel betrachtet würde.
    3. Wenn die Prognose sich außerhalb dieses Bereichs bewegt, handeln oder erklären, warum man nicht handelt. Wenn sich die tatsächliche Inflation aus diesem Bereich herausbewegt, tun, was immer nötig ist.

    Ich bezweifle sehr, dass die EZB bei ihrer stark verspäteten Überprüfung ihrer Politik diesen Weg einschlagen wird. Wahrscheinlich werden wir am Ende ein symmetrisches Inflationsziel von zwei Prozent haben und eine Formulierung über das Überschießen, die viel der Fantasie überlässt.

    Es war eine der großen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts, dass man die Ära der Diskretion und der Maestros mit ihren Zauberkugeln hinter sich gelassen hat. Vorbei sind auch die zickigen Zentralbankbeobachter, die ihren Lebensunterhalt damit verdienten, den Unterschied zwischen einem Zentralbanker, der „sehr besorgt“ war, und einem, der lediglich „besorgt“ war, zu erklären.

    Eine diskretionäre, flexible Inflationssteuerung, die schlecht gemacht ist, ist der schnellste Weg zurück in das dunkle Zeitalter des Zentralbankwesens.

    Leider hat die EZB nicht viele Leute mit institutionellem Gedächtnis in ihrem Führungsgremium. Viele, einschließlich EZB-Präsidentin Christine Lagarde selbst, sind schon sehr lange keine Zentralbanker mehr.

    Sie sind diejenigen, die am anfälligsten für die Verlockungen intellektueller Marotten sind. Mein Rat an sie lautet: Bitten Sie diejenigen, die dies vorschlagen, das theoretische Modell hinter dem flexiblen Inflationsziel zu zeigen. Sie werden vielleicht überrascht sein zu entdecken, dass die engagierten Anhänger der Mode diese Frage nur schwer beantworten können.
    Der Autor: Wolfgang Münchau ist Direktor von eurointelligence.com

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