Gastkommentar Das Target-System ist für Deutschland und Europa ein Anker der Stabilität

Die Target-Salden stehen oft in der Kritik. Die dahinter stehende Kampagne ist stumpfe Panikmache – und spielt antieuropäischen Kräften in die Hände.
  • Marcel Fratzscher
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Marcel Fratzscher leitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie erreichen ihn unter gastautor@handelsblatt.com. Quelle: dpa [M]
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Marcel Fratzscher leitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie erreichen ihn unter gastautor@handelsblatt.com.

(Foto: dpa [M])

Einige Ökonomen versuchen wieder einmal, Ängste über die ominösen Target-Salden zu schüren. Deutschland habe fast eine Billion Euro an Forderungen gegenüber anderen Ländern des Euro-Raums, die verloren gehen könnten oder sogar schon verloren sind. Diese Kampagne ist eine verantwortungslose und falsche Panikmache, die Europa spaltet und antieuropäischen und populistischen Kräften in die Hände spielt.

Das Target-System ist ein wichtiger Teil der europäischen Währungsunion, von dem Deutschland genauso wie Südeuropa profitiert. Denn dieses System hat es deutschen Banken und Sparern seit 2008 ermöglicht, mehr als 490 Milliarden Euro aus anderen Ländern des Euro-Raums abzuziehen und dort angelegte Vermögen im Wert von 2 900 Milliarden Euro zu sichern.

Die von den Kritikern geforderte Begrenzung des Target-Systems könnte letztlich den Euro zerstören und Deutschland einen massiven Schaden zufügen. Die Lösung der europäischen Krise wäre hingegen, die europäische Kapitalmarkt- und Bankenunion zu vollenden, damit die Fragmentierung der Kapitalmärkte beseitigt werden kann.

Seit der globalen Finanzkrise im Jahr 2008 sind die Kapitalmärkte zunehmend national fragmentiert. Viele Banken und Investoren haben sich aus dem internationalen Geschäft zurückgezogen und auf ihren Heimatmarkt konzentriert. Sie leihen sich auf dem Interbankenmarkt gegenseitig weniger Geld über Ländergrenzen hinweg.

Dies zwingt vor allem Banken in Ländern, die stärker auf private Kapitalzuströme angewiesen sind, dazu, sich vermehrt Kredite über die Zentralbank zu besorgen – durch Zentralbankkredite der EZB, die EZB-Ankaufprogramme oder im Extremfall durch sogenannte ELA-Notfallkredite.

Die stärkere Inanspruchnahme solcher Finanzierungsmöglichkeiten von Banken in Südeuropa und die Kapitalflüsse von Südeuropa nach Nordeuropa haben zwischen 2008 und 2012 dazu geführt, dass Länder wie Italien oder Spanien hohe negative und Deutschland hohe positive Target-Salden erzielten.

Fragmentierung der Kapitalmärkte

Seit 2015 war es dann das große Anleihekaufprogramm der EZB, das für den Anstieg der Target-Salden in erster Linie verantwortlich ist. So hat die EZB durch ihr Anleihekaufprogramm bewusst und absichtlich zusätzliche Liquidität geschaffen, um die Zinsen zu senken und die Kreditvergabe der Banken zu erhöhen. Viele Investoren „parken“ ihre durch den Verkauf der Anleihen erzielten Gelder jedoch häufig in Finanzzentren in Deutschland, Luxemburg oder den Niederlanden.

Der dadurch entstandene Anstieg der Target-Salden in den vergangenen Jahren hat somit nur sehr wenig mit einer Kapitalflucht aus dem Süden zu tun. Vielmehr ist er das mechanische Resultat der stark gestiegenen Liquidität als auch der gegebenen Geografie der Konten- und Marktinfrastruktur im Euro-Raum.

Trotzdem schreien einige deutsche Euro-Kritiker „Foul!“ und fordern, dass den südeuropäischen Banken Zentralbankkredite wieder entzogen werden sollten – mit dem Argument, diese Kredite würden zu Risiken und Verlusten für Deutschland führen. Diese kühne Behauptung wird seit vielen Jahren stetig widerlegt, denn die EZB macht durch ihre Geldpolitik Gewinne, die an die nationalen Finanzminister ausgezahlt werden und damit auch den deutschen Steuerzahlern zugutekommen.

Zudem sind Behauptungen, Target-Salden seien „Überziehungskredite“, Unsinn. Banken überziehen nicht ihre Kredite bei der Zentralbank, denn sie müssen für ihre Kredite immer Sicherheiten hinterlegen. Mehr noch, die hohe Kreditvergabe war explizit von der EZB gewünscht, damit Banken mehr Kredite an die einheimische Wirtschaft vergeben. Auch haben die Target-Salden überhaupt nichts mit einer „Druckerpresse nationaler Notenbanken“ zu tun, denn allein die EZB entscheidet über die Kreditvergabe, mit gleichwertigen Bedingungen für alle Banken in allen Ländern.

Verluste aus den Target-Salden könnten für Deutschland einzig und allein im Falle des Austritts einzelner Länder entstehen. Die Target-Salden sind im Austrittsfall natürlich zu begleichen. Herbeizureden, dass dies nicht durchsetzbar sei und dadurch auch nicht stattfinden würde, ist wenig hilfreich. Wie die Staatsinsolvenz Griechenlands im Jahr 2012 zeigt, so hat die EZB eine so große Bedeutung, dass selbst im Falle eines Euro-Austritts die Risiken von Verlusten durch die Target-Salden begrenzt und eher eine der geringsten Sorgen Deutschlands wären.

Verantwortungslose Kampagne

Kurzum, die Kampagne zu den Target-Salden ist eine unbegründete Panikmache. Schlimmer noch: Die von den Kritikern geforderte Beschränkung des Target-Systems würde massiven Schaden vor allem auch für Deutschland anrichten. Nehmen wir das Beispiel einer deutschen Bank, die eine verbriefte Kreditforderung gegenüber spanischen Unternehmen verkaufen möchte, um dieses Geld nach Deutschland zu bringen.

 In einem funktionierenden Target-System kann eine spanische Bank diese Kreditforderung kaufen, indem sie einen Zentralbankkredit der EZB über die Summe aufnimmt und dafür Sicherheiten hinterlegt. Durch diese Transaktion entstehen eine Target-Forderung Deutschlands und eine Target-Verbindlichkeit Spaniens.

Alle profitieren von dieser Transaktion: die spanischen Unternehmen, deren Kreditzugang fortgeführt wird, die spanische Bank, der nun diese Kreditforderung gehört, und auch die deutsche Bank, die diese Transaktion realisieren und ihr Geld ohne Verluste nach Deutschland zurückbringen kann.

Im Fall einer Beschränkung der Target-Salden könnte die spanische Bank diese Transaktion möglicherweise nicht mehr finanzieren, wenn sie die dafür notwendigen Gelder nicht privat aufbringen kann und auf EZB-Kredite angewiesen ist. Dies würde jedoch vor allem die deutsche Bank vor Probleme stellen und könnte signifikante Verluste für sie verursachen, denn ihre verbriefte Kreditforderung würde an Wert verlieren, da viele Käufer nicht mehr in der Lage sind, einen solchen Kauf zu finanzieren.

 Es würde dann auch viele spanische Unternehmen in Schieflage bringen, da ihr Zugang zu Krediten beschränkt und teurer würde. Dies würde den Wert der Kreditforderungen für Investoren noch stärker reduzieren und die Verluste der Gläubiger erhöhen. Das Resultat wäre eine Abwärtsspirale, bei der ein Liquiditätsproblem letztlich die spanische und auch die deutsche Wirtschaft in eine Rezession oder Krise treiben könnte.

Die potenziellen Risiken und Verluste einer Beschränkung des Target-Systems für deutsche Banken und Investoren sind enorm. Denn diese halten rund 2 900 Milliarden Euro an Vermögenswerten und Forderungen in anderen Ländern des Euro-Raums. Das entspricht fast der gesamten jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands. Allein deutsche Banken haben 490 Milliarden Euro an Bankkrediten seit 2008 aus anderen Ländern des Euro-Raums abgezogen. Das Target-System war daher keine „Target-Falle“, sondern bis 2012 eine Fluchthilfe vor allem für deutsche Banken, die dadurch Verluste vermeiden konnten.

Das Target-System sichert aber nicht nur deutsche Vermögen im Euro-Raum, sondern hilft auch Deutschlands Exporteuren, ihre Produkte dort zu verkaufen. Seit 2009 haben deutsche Unternehmen Güter und Dienstleistungen im Wert von 3,7 Billionen Euro in andere Euro-Länder geliefert und auch nach Abzug der Importe aus diesen Ländern einen erheblichen Handelsüberschuss von über 700 Milliarden Euro erzielt. Eine Beschränkung des Target-Systems könnte deutsche Exporte in andere Länder des Euro-Raums reduzieren und die deutsche Wirtschaft schwächen.

Die Kritiker sehen in den Target-Salden Probleme, die es nicht gibt, und fordern Lösungen, die faktisch das Ende des Euros bedeuten und Europa und auch Deutschland in eine tiefe Krise treiben könnten.

 Der Zynismus der Kritiker

Der Zynismus der deutschen Target-Kritiker liegt darin, dass sie die Target-Salden beschneiden, aber gleichzeitig deren Ursachen nicht adressieren wollen. Den Banken in schwächeren Ländern des Euro-Raums soll also sowohl der Zugang zu Zentralbankkrediten versperrt als auch zu privaten Krediten erschwert werden, da eine Vollendung der Bankenunion von den vielen Target-Kritikern vehement abgelehnt wird.

Die einzig logische Konsequenz dieser Forderungen ist daher die Abschaffung des Euros. Denn keine Währungsunion kann ohne eine funktionsfähige Zentralbank funktionieren, die solventen Banken Liquidität gegen Sicherheiten zur Verfügung stellt.

Die Debatte um die Target-Salden sollte endlich beendet werden. Sie ist nichts anderes als ein fehlgeleiteter Versuch, Deutschland als Opfer des Euros und der EZB-Geldpolitik darzustellen. Deutschland profitiert genauso wie alle anderen Länder vom Euro und der europäischen Integration. Wir brauchen keine Debatte über das Ende des Euros, sondern darüber, wie Europa und der Euro reformiert und gestärkt aus der Krise hervorgehen können.

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5 Kommentare zu "Gastkommentar: Das Target-System ist für Deutschland und Europa ein Anker der Stabilität"

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  • Es unglaublich, was Herr Fratzscher für links-populistischen Thesen vertritt. Als Professor und DIW-Präsident verfügt er vermutlich über einen "natürlichen" Vertrauensvorschuss beim Bürger, der sich mit Geldpolitik und den relativ komplizierten Konstruktionen des Euro nicht auskennt und missbraucht diesen, um einer verantwortungslosen, ideologie-lastigen Politik das Wort zu reden. Zusammengefasst lautet diese "Wer mehr besitzt (weil er erfolgreicher, sparsamer etc. ist), soll ruhig den anderen, die weniger besitzen (warum auch immer), soviel abgeben, bis alle gleich (verschuldet) sind". Das ist für mich Sozialismus. Die detaillierte Gegenrede von Prof. Sinn kann man auf seiner Webseite nachlesen und sich dann ein eigenes Urteil bilden.

  • @Herr Hubert Anderl

    bitte nicht das Abo kündigen, sondern weiter gegen die Falschen Propheten ankämpfen.
    Nicht resignieren sondern kämpfen.

    Es ist wie bei Wahlen, Politiker laasen sich auch noch bei 10% Wahlbeteiligung feiern und regieren weiter.

    Deshalb bei der Stange bleiben und wie der Stachel im Fleich sein, unaufhörlich.

  • Es ist doch auch für das HB langweilig immer nur die Meinung von Marcel Fratzscher, dem Schoßhündchen von Fr. Merkel zum Target-System zu Wort kommen zu lassen. Was er sagt ist wie eine Drehorgel, immer monoton das Gleiche und Falsche.
    Sein Institut bekommt sicherlich die meisten seiner Aufträge aus der Politik und deshalb handelt er nach dem Motto, "wes Brot ich ess des Lied ich sing", also Fr. Merkels Lied.
    Er verbreitet seine Unwahrheiten wie ein Dampfplauderer. Wenn er behauptet, die deutschen Banken und Sparern seit 2008 ermöglicht, mehr als 490 Milliarden Euro aus anderen Ländern des Euro-Raums abzuziehen so ist das falsch. Wir haben keinen EURO bekommen, sondern nur Forderungen mit einem Rückzahlungstermin am Sakt Nimmerleinstag zu Null Prozent Zinsen. Wenn das so ein tolles Geschäft ist, warum bieten dann die deutschen Banken das nicht auch ihren Kunden an, also Kredite mit einer nach oben offenen Kreditlinie zu Null Prozent Zinsen, Rückzahlung irgend wann, wenn überhaupt???
    Da glaube ich eher Herrn Prof. Sinn, der meines erachtens mehr Sachverstand hat.
    Übrigens wir Deutsche sollen immer profitieren, nur z.B. wegen der EZB Minuszinspolitik zahlt die deutsche RV-Anstalt seit Jahren jährlich 50 Millionen Euro an Strafzinsen an die EZB, das sind Rentenversicherungsbeiträge der Arbeitnehmer und die fehlen dann langfristig bei der Rentenzahlung bzw. Erhöhung oder Steigerung der Mindestrentenhöhe. Normale Sparer verlieren real jedes Jahr 2% ihres Vermögens, das sind in 10 Jahren 22%. Ja, das sind wirkliche Gewinner wenn von 10.000€ noch 7.800€ kaufkraftmäßig übrig bleiben.
    Die Lügen, dass Deutschland profitiert sind schon lange widerlegt, nur werden sie immer von den gleichen EURO-Befürwortern, die den Euro retten wollen koste es was es wolle, aber nur auf Steuerzahlerskosten, wiederholt.
    Wenn das Euro-Systen zusammen bricht werden die Tränen groß und die Lügner über alle Berge sein.

  • Die Argumente von Herrn Fratscher sind nicht überzeugend. Natürlich handelt es sich bei der Inanspruchnahme der Target2-Konten um Kredite. Natürlich sind diese defacto ungesichert, weil die EZB wertlose Anleihen als Sicherheit akzeptiert. Natürlich sind die hohen Verbindlichkeiten von Ländern wie Spanien, Italien, Griechenland und Portugal ein Zeichen, dass die EURO-Zone wirtschaftlich nicht funktioniert, es sei denn, man würde den kollektiven Schuldenaufbau als Ziel ausgeben. Herr Fratscher mag sich in der Ökonomie grundlegende Kenntnisse angeeignet haben. Diese ordnet er aber seinen politischen Zielen unter. Deshalb ist er kein Ökonom sondern entweder ein Opportunist oder Politiker oder eben beides.

  • Die Debatte sollte endlich beendet werden ...
    Deutschland profitiert...

    Wir brauchen keine Debatte über das Ende des Euros, sondern darüber, wie Europa und der Euro reformiert und gestärkt aus der Krise hervorgehen können.

    Herr Fratzscher Ihre unsachliche auf Manipulation setzende Meinungsäußerung ist Gesinnungsethik und nicht Verantwortungsethik. Verantwortung für die Nebenfolgen Ihrer Publikation lehnen Sie ab. Ihre Meinung ist repräsentativ für den linken Handelsblatt-Journalismus. Ich werde mein Abo für das Handelsblatt beenden und lese viel lieber ein Buch von Hans-Werner Sinn, er stellt Zusammenhänge anschaulich dar, auch er zielt auf Reformation, er verbietet nicht die Debatte. Wie reformfähig ist die EU, wenn der Fisch vom Kopfe her stinkt und Journalisten keine Ahnung haben von den Dingen über die sie berichten, damit keine Aufklärer sind.

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