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Gastkommentar Das Wirtschaftsklima ändert sich und das heißt: mehr Frauen an die Spitze

In deutschen Unternehmen hat jahrelang Selbstzufriedenheit regiert. Die Konjunkturabkühlung stellt Prozesse auf den Prüfstand – und Personalien.
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Die Autoren sind Geschäftsführer der AllBright Stiftung.
Christian Berg (links) und Wiebke Andersen

Die Autoren sind Geschäftsführer der AllBright Stiftung.

Seit Kurzem steht Jennifer Morgan an der Spitze von SAP, sie ist die lang erwartete erste Vorstandsvorsitzende im Dax. Im nächsten Mai übernimmt Petra von Strombeck den Vorsitz im bislang frauenlosen Xing-Vorstand, und Zalando will bis 2023 mindestens 40 Prozent Frauen in Vorstand und Aufsichtsrat holen.

Diese drei schnell aufeinanderfolgenden Nachrichten aus Dax, SDax und MDax markieren eine Klimaveränderung in Deutschland, die schon bald zu einer weiblicheren Unternehmenslandschaft führen wird: Ambitionierte Großunternehmen wie SAP setzen aus gutem Grund immer selbstverständlicher auf Frauen; gleichzeitig werden Chancengleichheit und Vielfalt in der Führung eingefordert wie nie zuvor – mit Erfolg.

„Nein, das kann doch nicht stimmen“, lachen Unternehmer in Schweden oder den USA ungläubig, wenn sie hören, dass es in Deutschland Unternehmen gibt, die als Ziel für den Frauenanteil im Vorstand „null Prozent“ in den Geschäftsbericht schreiben. Viel zu etabliert ist dort bereits die Erfahrung, dass Vielfalt in der Führung gut ist fürs Geschäft.

Aber was in anderen Ländern undenkbar erscheint, war hierzulande nicht einmal unüblich: Am 1. September gab es 58 Börsenunternehmen mit der „Zielgröße null“. Nun sind es zwei weniger, und andere werden ihnen folgen: Xing und Zalando haben gerade eine radikale strategische Kehrtwende eingeleitet. Es war die einzig richtige Entscheidung, und sie hat Signalwirkung.

Jahrelang hatten beide als Ziel für den Frauenanteil im Vorstand „null Prozent“ gesetzt. Das war immer schon ziemlich unverständlich, denn beide verstehen sich als moderne Vorreiter und beide haben einen hohen Anteil an weiblichen Mitarbeitern. Warum sollte es ausgerechnet dort keine einzige Frau bis nach ganz oben schaffen?

Nun hat sich gezeigt, dass dieses Ziel nicht nur unverständlich ist, sondern auch unhaltbar; denn weder die junge Belegschaft noch die überwiegend weibliche Zalando-Kundschaft konnte sich mit dem rückständigen Führungsverständnis identifizieren, das auf viele wie eine Provokation wirkte.

Es gab Boykottaufrufe, Kundinnen löschten ihre Accounts, auch intern regte sich Widerspruch: „Zalando ohne Frauen – vielleicht sollten Frauen dann auch mal ohne Zalando?“, hieß es beispielsweise. Und über Xing: „Die ‚Zukunft der Arbeit‘ ohne Frauen? Ernsthaft?“

Diversität ist ein Talentmagnet

Die öffentliche Wahrnehmung in Deutschland hat sich verändert. Vor allem die junge Generation erwartet heute, dass Unternehmen für Chancengleichheit und Diversität ebenso Sorge tragen wie für Nachhaltigkeit. Frauen im Topmanagement gelten als gute Indikatoren für die Veränderungsfähigkeit von Unternehmen und für eine gesunde Unternehmenskultur. Das zieht junge Talente an, Männer wie Frauen.

An Führungsteams festzuhalten, die nur aus mittelalten männlichen Wirtschaftswissenschaftlern aus Westdeutschland bestehen, ist keine zukunftsfähige Strategie. Die aktuellen Veränderungsprozesse erfordern eine vielfältigere Perspektive und ein inklusiveres Führungsverständnis.

Es geht darum, wie Xing und Zalando der Wahrheit ins Auge zu sehen und zu konstatieren: Wir sind für die Zukunft noch nicht richtig aufgestellt, auch wenn wir das geglaubt hatten.

Wie es aussieht, gehen die Jahre der satten Selbstzufriedenheit auch für die deutsche Wirtschaft gerade dem Ende zu, und Strategien und Führungsmannschaften werden zunehmend auf den Prüfstand gehoben – auch von Unternehmen, die die Veränderung bisher gescheut haben, weil es doch noch ganz gut lief.

Diese Tendenz zeichnete sich schon im vergangenen Jahr ab, in dem es ungewöhnlich viel Bewegung in den Führungsmannschaften gab: 129 Neuzugänge kamen in die Vorstände der 160 Börsenunternehmen, fast jedes fünfte Vorstandsmitglied wurde ausgetauscht.

Veränderung kommt spät, ist aber unaufhaltsam

Dabei wuchs auch der Frauenanteil stärker als in den Jahren zuvor, und so gab es am 1. September erstmals mehr Frauen in den Vorständen als Thomasse und Michaels: ein kleiner, feiner Etappenerfolg. Doch noch ist der Frauenanteil mit nur 9,3 Prozent im internationalen Vergleich extrem niedrig.

Die Veränderung kommt spät in Deutschland, aber sie kommt unaufhaltsam, und sie wird nun Fahrt aufnehmen: Die hervorragend ausgebildeten Frauen sind da, Gelegenheit für Neubesetzungen gibt es reichlich. Mit einer einfachen Alibi-Frau im Vorstand wird es bald nicht mehr getan sein.

Xing, Zalando, allen voran aber SAP, wo schon sehr viel länger mit Erfolg daran gearbeitet wird, mehr Frauen in Führung zu bringen, haben nun die Latte höher gelegt. Es war höchste Zeit dafür.

Mehr: Bundesfrauenministerin Giffey will börsennotierte Unternehmen zu Frauen im Vorstand verpflichten – auch wenn das so nicht im Koalitionsvertrag steht.

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