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Gastkommentar Demokratien müssen um die freiheitliche Ordnung kämpfen

Zwanzig Jahre nach seiner Erfindung ist das Internet weder dezentral, noch politisch neutral. Demokratien dürfen es nicht sich selbst überlassen.
  • Thomas Strerath
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Der Autor war bis 2018 Partner der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt.
Thomas Strerath

Der Autor war bis 2018 Partner der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt.

Es begann alles so romantisch. Tim Berners-Lee wollte am Cern (Europäische Organisation für Kernforschung) in der Schweiz ein Informationsnetzwerk für Wissenschaftler aufziehen, es entsprach seinem Menschenbild und funktionierte nach seiner Vorstellung einer modernen Gesellschaft: flache Hierarchien, harmonische Kooperationen, Toleranz und Offenheit für Vielfalt, Zuversicht in seine Mitstreiter – und das alles bei Vernunftgebrauch. So entstand 1992 das World Wide Web als eine Liste von Hyperlinks, die Basis des Internets, wie wir es heute kennen.

Dieser romantische Ansatz wurde bald kämpferisch, im Cluetrain Manifest wurde 1999 das Ende des bisherigen großkapitalistischen Ansatzes gefeiert. In 95 Thesen wurde die Kraft der dezentralen Struktur des Internets gefeiert, die jeden zu einem Produzenten, zu einem Medium und zu einem unabhängigen Wirtschaftsakteur werden lassen sollte.

Jeder mit jedem vernetzt, keine Flaschenhälse, keine Knotenpunkte, keine Machtzentralen. Die Übertragung von Information geschieht unabhängig ihres Inhalts, ihres Absenders und ihres Empfängers; der Begriff der Netzneutralität war geboren.

Nun, 20 Jahre später, sind unglaubliche 3,8 Milliarden Menschen online, unzählige Webseiten stehen dem gegenüber, das Bild einer sehr feinmaschigen Netzstruktur ist Realität geworden. 44 Zettabyte fließen durch diese Struktur, eine kaum noch zu erfassende Zahl. Pro Kopf ist das pro Monat eine leistungsfähige Festplatte, vielleicht hilft das.

Doch dieser Datentsunami findet weder dezentral unter den knapp vier Milliarden Nutzern statt, noch kommt er neutral daher. 70 Prozent aller Daten laufen auf und über Google und Facebook, in ihren Konglomeraten und Applikationen.

Dies findet nun vor allem auf den Smartphones statt. Während Apple sich mit nur 15 Prozent des globalen Marktanteils fast den gesamten Profit des Marktes sichert, liefern die Koreaner (Samsung) und Chinesen (Huawei, OPPO, Xiaomi) die Hardware, auf denen Google mit Android die anderen 85 Prozent Marktanteil installiert. Die installierten Apps werden von Google und Facebook dominiert, beispielsweise belegen sie acht Plätze unter den Top-Ten-Downloads in den Vereinigten Staaten.

Zentraler Datentsunami

Wenige dominieren auch den Streamingmarkt; bei Video in Deutschland kommt Sky noch auf knapp 16 Prozent, während Netflix schon bei 34 und Amazon bei knapp 39 Prozent liegen. Bei Musik ist es ähnlich, neben Spotify mit 40 Prozent Marktanteil können nur noch Apple und Amazon signifikant mitspielen.

 Man ahnt schon, dass Amazon kein reiner Händler mehr ist, seine durch den Aktienmarkt gepushte Kraft genehmigt ihm Produktionsbudgets für diese Content-Arten, bei denen selbst die Giganten der Branche wie Disney oder Time Warner nicht mehr mithalten können.

Das Prinzip Größe um jeden Preis und vor allem Profit zeigt sich auch in anderen Bereichen. Bei Suchmaschinen gibt es eigentlich nur noch Google, selbst die Chinesen kommen da nur langsam in Fahrt. Bei digitaler Werbung allgemein sieht es ähnlich konzentriert aus; Google sammelt 44 Cent von jedem Werbe-Dollar auf diesem Internetplaneten ein, Facebook nimmt noch einmal 24 Cent. Von jedem zusätzlichen Werbe-Dollar lassen sie sogar nur zehn Cent für die Konkurrenten übrig. Aber auch diese zehn Prozent sind nicht mehr für alle, Amazon nimmt hiervon schon die Hälfte für sich in Anspruch.

In den USA ist jeder fünfte Haushalt mit Spracherkennung ausgestattet. Es gibt nur zwei Anbieter: Amazon und Google – selbst Nischenanbieter nutzen die Technologie der Giganten. Thomas Strerath

Um ein Gefühl für diese Dimensionen zu bekommen, ein Vergleich: WPP als weltgrößter Dienstleister für Marketing erwirtschaftet mit 200.000 Mitarbeitern 17 Milliarden Euro, Facebook schafft das Doppelte – mit 28.000 Kräften.

 Aus ehemals hochfragmentierten und komplexen Märkten werden derart Oligopole auf globaler Basis mit einer sehr einfachen Struktur. Dies steht im krassen Widerspruch zu der Aussage vieler Marketingverantwortlicher, die über die zunehmende Komplexität des Marketings lamentieren.

Ähnlich sieht es mit dem Thema E-Commerce aus. Jeder zweite Dollar im Netz in den USA wird bei Amazon ausgegeben. In Deutschland sind es über 60 Prozent Marktanteil, Tendenz steigend. Wesentlicher Treiber dieser Dominanz ist das Kundenbindungstool Prime.

In den USA bezahlt mittlerweile jeder zweite Haushalt monatlich in dieses CRM-Programm. Amazon lässt sich dafür bezahlen, dass diese Kunden ungefähr das Fünffache eines durchschnittlichen Amazon-Kunden ausgeben, aber was ist hier eigentlich der Durchschnitt?

Immense Dominanzansprüche

Bezahlen lässt Amazon sich auch die Suchergebnisse: Immer weniger der angezeigten Produkte entsprechen der besten Passung, sondern sind Ergebnis des Sponsoringgeldes. Amazon muss also keine Produkte verkaufen, um Geld zu verdienen, die Darstellung reicht schon aus.

Aber das ist Amazon nicht genug, Amazon möchte mehr und mehr der Produkte auch selbst herstellen. Der geneigte Leser mache den Selbstversuch mit einem Alltagsprodukt wie Bettwäsche.

Diese Dominanzansprüche zeigen sich nun besonders bei der aktuellen Revolution durch Spracherkennung. In den USA ist schon jeder fünfte Haushalt mit Spracherkennung ausgestattet. Es gibt schlicht nur zwei Anbieter: Amazon und Google – selbst Nischenanbieter wie Sonos oder Harman verwenden die Technologie der beiden Giganten.

Beide haben diesen September und Oktober ihre neuen Produktranges vorgestellt, dazu gehören nun auch Mikrowellen. Wer dieses Jahr auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin war, musste eh leider feststellen, dass es anscheinend unmöglich sein wird, in Zukunft Geräte zu erstehen, die nicht mit der Spracherkennung der beiden ausgestattet sind.

Dabei geht es nicht um die Funktionalität, sondern um die anfallenden Daten. Die landen eben nicht bei Sonos oder Loewe oder Samsung, sondern bei den beiden Datenkraken.

Angeblich verstehen alle, dass Daten das Öl der neuen Wirtschaft seien, tatsächlich aber überlassen die meisten Händler, Dienstleister, Hersteller die Daten ganz wenigen Playern, um nicht zu sagen: Amazon. Fast alle Netzdienstleistungen werden mittlerweile aus der sogenannten Cloud angeboten, Amazon stellt hier 40 Prozent der weltweiten Kapazitäten. Die nächsten drei Anbieter sind wahrlich keine Zwerge, Microsoft, Google und IBM, kommen aber zusammen nur auf 23 Prozent. Netflix und Spotify durften 2017 schon mal kurz erfahren, was es bedeutet, wenn ein Amazon-Techniker sie vom Netz nimmt, stundenlang waren ihre Dienste offline.

Wenn diese Giganten miteinander kämpfen, sind alle anderen außen vor. Und diese anderen sind keine Romantiker aus der Zeit des Cluetrain-Manifests, es sind keine Ahnungslosen, sondern sie haben mit Gegnern zu tun, die ein anderes Spiel spielen. Amazon, Google und Co. suchen vorerst keinen Profit, sie suchen Wachstum und Dominanz. Und solange die Börse diese Geschichte stärker belohnt als die traditionelle Orientierung am Hier und Jetzt, so lange werden diese Player auch die Mittel haben, alles in den Grund zu skalieren.

Dabei ist es nur ein Treppenwitz der Geschichte, dass Amazon sich nun auch noch sein zweites Headquarter von Steuergeldern subventionieren lassen will. In den letzten zehn Jahren hat Walmart knapp 64 Milliarden Dollar an Steuern in den USA gezahlt, dem gegenüber steht eine Milliarde seitens Amazon. Trotzdem lässt sich Jeff Bezos von Senatoren aus den verschiedensten Staaten Konzepte über steuerfinanzierte Incentives präsentieren, nach denen er seine Entscheidung für den Standort treffen will.

Mangelnde Innovationskraft

Dieser Dreistigkeit steht noch eine mangelnde Innovationskraft gegenüber. Entgegen der von vielen Nerds, Berufshipstern und Silicon-Valley-Enthusiasten verklärten Darstellung nehmen die angesprochenen Konzerne gern existierende Ideen auf und bringen sie erst mittels ihrer Skalierung zum Erfolg.

Das kann man freilich anders sehen, aber in jedem Fall hat sich das Internet vom Ideal Tim Berners-Lees weit entfernt, sich sogar in das Gegenteil entwickelt. Dies stellte er zuletzt selbst öffentlich fest und sprach sich erstmalig für eine Regulierung aus. Natürlich nicht wegen der wirtschaftlichen Dominanz, sondern wegen der tatsächlichen und möglichen Manipulationen seitens der Datenkraken vor allem im politischen Bereich.

Hier kämpfen nicht mehr Otto mit Amazon, Burda mit Google oder Pro Sieben Sat 1 mit Netflix, hier kämpfen die Demokratien um ihre freiheitliche und marktwirtschaftliche Ordnung. Und deswegen ist ein Tim Berners-Lee nicht allein, der New Yorker Professor Scott Galloway, der Sozialdemokrat Sigmar Gabriel, Tommaso Valetti, Chefökonom der Europäischen Kommission, oder Gary Reback, US-amerikanischer Kartellrechtsanwalt, und viele andere stimmen in den Chor derjenigen ein, die eine Zerschlagung dieser Datenkraken fordern.

Das Internet hat den wirtschaftlichen, medialen und sozialen Kontext derart intensiv verändert, dass konventionelle Maßnahmen der gesellschaftspolitischen Ordnung darauf nicht vorbereitet waren. Das ist neu, das muss aber nicht so bleiben.

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